Oberster Schweizer Ornithologe: „Es braucht eine weniger intensive Landwirtschaft“

Ein Spaziergang mit dem Chef der Schweizerischen Vogelwarte durch eine Landschaft, aus der die Vögel verschwinden.

Von Markus Hofmann

Philip Frowein Lukas Jenni, Vorsitzender der Institutsleitung und Wissenschaftlicher Leiter an der Vogelwarte Sempach, sucht mit dem Fernglas den Himmel oberhalb von Sempach ab.

Die schlechten Nachrichten zuerst: Die Elite der Schweizer Vogelkundler arbeitet in einer ornithologisch ziemlich verarmten Landschaft. Das wird rasch klar, wenn man Lukas Jenni, den Chef der Schweizerischen Vogelwarte Sempach, auf einem Spaziergang begleitet. Von seinem Büro, das nur einen Steinwurf vom Sempachersee in der Zentralschweiz entfernt in einem knallroten Holzbau liegt, geht es mit dem Auto zur Schlachtkapelle, also dorthin, wo Winkelried 1386 den Eidgenossen zum Sieg gegen die Habsburger verholfen haben soll.

Der bald 65-Jährige geht voran, um den Hals trägt er einen Feldstecher. Hinter dunstigem Licht guckt das Alpenpanorama hervor. Es ist warm. Und still. Die Vögel halten Siesta. Außer ein paar Rabenkrähen, die die Felder schwarz betupfen, ist nichts zu sehen. Während wir uns auf den Weg machen, erzählt Jenni, wie er zum obersten Ornithologen der Schweiz wurde. Selbstironisch schickt er voraus: „Ich habe einen furchtbar langweiligen Lebenslauf.“ Man könnte auch sagen: Er machte eine Bilderbuchkarriere.

Als Kind alle Vögel aus dem Vogelbuch abgezeichnet

1955 geboren, wächst Jenni in der Stadt Basel auf. Mit dem Großvater besuchte er jede Woche den dortigen Zoologischen Garten. Seine Faszination galt aber weder den Elefanten noch den Antilopen oder den Krokodilen, sondern den Vögeln. „Anders als bei andern Tiergruppen ist der Zugang zu den Vögeln einfach. Sie sind überall. Und es gibt viele Arten. Als Kind habe ich alle Vögel aus den Silva-Vogelbüchern abgezeichnet.“

Bald kam der Knabe in Kontakt mit erfahrenen Vogelkundlern der Ornithologischen Gesellschaft Basel, und als 15-jähriger Gymnasiast stand er erstmals für die Vogelwarte als „Beringer-Helfer“ im Einsatz, auf dem Chasseral, einer Bergkette im Berner Jura: „Übernachtet haben wir im Militärzelt“, erzählt Jenni.

Beim Beringen werden die Vögel gefangen und mit einem Aluminiumring am Bein versehen. Darauf steht eine Nummer, die den Vogel, wenn er später eingefangen oder gefunden wird, eindeutig identifiziert. So lassen sich Informationen zu seinen Zugrouten, Aufenthaltsorten, seiner Lebenserwartung oder Todesursachen gewinnen. Der Einsatz im Jura sollte den Grundstein für Jennis Karriere und seinen wissenschaftlichen Ruf legen.

Nach der Matur folgte, logisch, das Biologiestudium an der Universität Basel. Neben der Ornithologie fing er auch Feuer für die Botanik. Seine Diplomarbeit widmete er dann aber doch den Spechten, und weiterhin arbeitete er als Beringer. Nun auf dem Col de Bretolet in den Walliser Alpen, wo jeden Herbst große Netze aufgespannt und bis zu 20.000 Vögel abgefangen, beringt und wieder freigelassen werden.

Die Doktorarbeit schrieb er nachts

Jennis Talent fiel auf. Eines Tages erhielt er einen Anruf aus Sempach. Die Vogelwarte bot dem 24-Jährigen die Leitung der nationalen Beringungszentrale an. Doch er lehnte ab: „Ich wollte lieber eine Doktorarbeit schreiben.“ Die Sempacher ließen nicht locker: Er könne sich zur Hälfte der Arbeitszeit seiner Forschung widmen, boten sie ihm an. Jenni bleibt stehen und schmunzelt: „De facto arbeitete ich dann 100 Prozent für die Beringungszentrale, meine ornithologische Diss über den Bergfink schrieb ich in der Nacht.“

Lukas Jenni, Vorsitzender der Institutsleitung und Wissenschaftlicher Leiter an der Vogelwarte Sempach, im Innenhof des Bürogebäudes der Schweizerischen Vogelwarte.
Lukas Jenni, hier im Innenhof der Schweizerischen Vogelwarte, hat sich vor allem mit der Erforschung des Vogelzugs einen Namen gemacht.
Philip Frowein

Die Vogelwarte blieb für 41 Jahre seine Arbeitgeberin. Während dieser Zeit wuchs die Institution stetig. „Als ich 1979 angefangen habe, waren wir weniger als 20 Leute. Die Sitzungen fanden an einem Kaffeetisch statt“, sagt er. Heute zählt die bald hundertjährige Vogelwarte, die als gemeinnützige Stiftung organisiert ist, über 140 Mitarbeiter und kann sich auf die Spendierfreudigkeit ihrer 200.000 Gönnerinnen und Gönner verlassen. 2018 kamen 15 Millionen Franken zusammen.

Einer breiten Öffentlichkeit bekannt ist das Besuchszentrum; dazu kommt der Brutvogelatlas, der die Vogelbestände in der Schweiz seit 60 Jahren regelmäßig inventarisiert. In der interaktiven Ausstellung, am See gelegen, wird der Besucher zu einem Vogel. Er wird beringt und lässt sich auf einem Rundgang die wichtigsten Stationen eines Vogellebens näherbringen. Vom Schlüpfen über die Nahrungssuche bis hin zum Vogelzug. Im vergangenen Jahr lockte das Museum über 35.000 Besucher an.

Während die Vogelwarte in den vergangenen Jahrzehnten ständig wuchs, schrumpfte die Schweizer Vogelwelt besorgniserregend: Fast 40 Prozent der Brutvogelarten in der Schweiz gelten als gefährdet, weitere 16 Prozent als potenziell gefährdet. Das zeigt die Rote Liste, die zuletzt 2010 erstellt wurde.

Eine der Ursachen sehen wir gerade vor uns: eine Landschaft. Gelbe Rapsfelder grenzen an kahle Äcker, nirgends eine Hecke, kaum Bäume zwischen den Feldern; eine ausgeräumte Landschaft. „In welchem Zustand das Schweizer Mittelland ist, habe ich so richtig empfunden, als ich von Basel nach Sempach zog“, sagt Jenni. Rund um seine Heimatstadt ist die Landschaft vergleichsweise abwechslungsreich, hier bei Sempach in der Nähe von Luzern hat er eine Gegend vorgefunden, in der die intensive Landwirtschaft dominiert.  

Die Vogelwarte macht keine Politik

Neben der starken Besiedlung und den damit einhergehenden Überbauungen ist die industrielle Landwirtschaft einer der Hauptgründe, wieso es vielen Vögeln derart schlecht geht. Die Bestände der Arten, die eigentlich in dieser Kulturlandschaft leben sollten, brachen in den vergangenen 20 Jahren um rund die Hälfte ein. „Um diesen Trend zu kehren, muss die Bewirtschaftungsintensität verringert werden“, sagt Jenni. „Wir benötigen wieder mehr naturnahe Strukturen wie zum Beispiel Hecken. Und der Dünger- und Pestizideinsatz muss markant reduziert werden.“

Zwei eidgenössische Volksinitiativen, über welche die Schweizer vielleicht noch in diesem Jahr befinden werden, fordern genau dies. Doch die Vogelwarte würde dazu nie eine Parole herausgeben. „Wir politisieren nicht. Unsere Rolle ist es, zu informieren und fachlich zu argumentieren“, sagt Jenni. „Die Politik überlassen wir den Umweltverbänden.“

Trotz des besorgniserregenden Trends im Kulturland gibt es auch Erfreuliches aus der heimischen Vogelwelt zu berichten. Zum Beispiel aus dem Wald: Dort geht es vielen Vögeln besser, nicht nur weil die Waldfläche insgesamt zugenommen hat, sondern auch weil die Wälder seit einiger Zeit naturnaher bewirtschaftet werden.

Auf unserem Spaziergang sieht man allerdings nicht viel davon. Als wir uns einem Waldstück nähern, meint Jenni: „Typisch, ein Fichtenforst und darum herum ein paar Eichen." Das ist nicht das, was man unter einem vogelfreundlichen Wald versteht. Immerhin singen Amseln um die Wette, über den Bäumen ruft ein Rotmilan, und als wir den Waldweg entlanggehen, rattert etwas warnend aus dem Busch: „Eine Misteldrossel“, sagt Jenni.

In der ausgeräumten Landschaft ist der Golfplatz ein Lichtblick

Die Freude währt kurz. Nach dem kahlen Kulturland und dem eintönigen Waldstück folgen die knutschgrünen, aber sterilen Rasenflächen eines Golfplatzes. Dem Naturliebhaber scheint kein Schrecken erspart zu bleiben.

„Es mag überraschen, aber in einer so intensiv genutzten Landschaft kann ein Golfplatz durchaus attraktiv für Brutvögel sein“, sagt Jenni. „Einer unserer Mitarbeiter hat dies untersucht. Allerdings muss ein Golfplatz einen genügend großen Anteil an ökologischen Ausgleichsflächen aufweisen, um Tieren und Pflanzen den nötigen Platz zu bieten.“ Beim Golfplatz hier in Sempach ist dies der Fall, es wurden Hecken und hochstämmige Obstbäume gepflanzt, Teiche angelegt und eingedolte Bäche ausgegraben.

Während wir die Greens hinter uns lassen, kommt Jenni auf seine wissenschaftliche Arbeit zu sprechen. Der Biologe hat sich vor allem in der Vogelzug-Forschung einen Namen gemacht. Die Frage, wie es die kleinen gefiederten Wesen jedes Jahr schaffen, Tausende Kilometer hinter sich zu bringen, treibt ihn bis heute um. Die Deutsche Ornithologen-Gesellschaft zeichnete ihn für seine Leistungen aus, die Universität Zürich verlieh ihm den Professorentitel.

Pionerarbeit in der Erforschung der Mauser

Ornithologie ist Teamarbeit. Sowohl im Feld, als auch im Büro. Einer von Jennis wichtigsten Kollegen ist Raffael Winkler, der vor ein paar Jahren als Kurator am Naturhistorischen Museum in Basel pensioniert worden ist. Die beiden beugten sich schon als Jugendliche gemeinsam über die eingefangenen Vögel und untersuchten deren Gefieder. Denn dieses kann nicht nur Aufschluss über das Geschlecht, sondern auch über das Alter der Tiere geben. Da sich die Federn mit der Zeit abnutzen, müssen Vögel ihr Gefieder regelmäßig auswechseln. Auch haben Jungvögel ein anderes Gefieder als erwachsene Vögel. Und während der Brutzeit sehen viele prächtiger aus als im Rest des Jahres, wenn sie ihr Schlichtkleid tragen. Dieser Federwechsel, die Mauser, ist ein komplexer Vorgang und läuft bei den verschiedenen Arten unterschiedlich ab.

In den 1970er-Jahren, als Jenni und Winkler unzählige Vögel beringten, vermissten sie gute Bestimmungshilfen. „Mit Tusche zeichnete ich die Gefieder und beschrieb sie", erinnert Jenni sich. Doch das war unbefriedigend: „Die Farbe einer Feder sprachlich zu fassen ist schwierig und führt zu Missverständnissen. Farbfotos sind da viel besser."

Die Not machte die beiden kreativ – und zu Pionieren. Sie fotografierten die Flügel lebender Vögel in den verschiedenen Stadien des Gefieders, publizierten ein Buch und schufen ein Standardwerk. 1994 kam ihr großformatiges Buch Moult and Ageing of European Passerines über die Mauser und das Altern der europäischen Singvögel heraus – mit gestochen scharfen Farbfotos. So etwas hatte man in der Ornithologie noch nicht gesehen.

„Das Buch war rasch ausverkauft“, sagt Jenni. „Secondhand wurde es für bis zu 800 Dollar gehandelt. Meine fünfseitige Einleitung zur Mauser wird bis heute zitiert.“ Soeben ist die zweite und überarbeitete Auflage erschienen, mit qualitativ noch besseren Fotografien. Und aus dem kurzen Einleitungstext von Jenni ist ein eigenes Buch geworden; The Biology of Moult in Birds wird diesen Sommer erscheinen.

„Ich bin kein Birder"

Die beiden Bücher markieren das Ende einer erfolgreichen Ornithologen-Karriere. Und was kommt nun, nach der Pensionierung? Jenni verrät nicht viel, während wir nach dem Spaziergang zur Vogelwarte zurückkehren. Der Botanik möchte er sich wieder vermehrt annehmen, auch reisen, zusammen mit seiner Frau Susi Jenni-Eiermann, die als Laborleiterin ebenfalls an der Vogelwarte arbeitet und nun auch in Pension geht.

Und Vögel beobachten? „Ich bin kein Birder“, sagt der Professor lachend und spielt auf den Hobbyornithologie-Boom an, der auch die Schweiz erfasst hat. „Ich führe nicht einmal eine life list." Auf solchen Listen protokollieren die ehrgeizigen Birder alle Vögel, die sie zeit ihres Lebens identifizieren konnten. Und klar: Es geht darum, eine möglichst lange Liste zu haben.

Aber diese Art von Wettbewerb entspricht nicht dem Gusto des Wissenschaftlers. Allerdings gilt auch Jennis Aufmerksamkeit stets den Vögeln rundherum. Bei der Vogelwarte schaut er plötzlich in den Himmel. Kleine Vögel mit langen Schwanzspießen schwirren ums rote Gebäude: „Die Rauchschwalben sind wieder da“, sagt Jenni. Zurück aus Afrika, beginnen sie nun ihr Brutgeschäft.

Eine erste Fassung dieses Artikels erschien in der „Zeit“ vom 7. Mai 2020.

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