85.000 Dollar für einen toten Kranich

Früher wurden Schreikraniche hemmungslos bejagt, heute müssen Jäger mit harten Strafen rechnen. Von Carl-Albrecht von Treuenfels

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In seinem aktuellen Beitrag gibt Cord Riechelmann einen Überblick über Bemühungen zum Schutz der Schreikraniche. Für Flugbegleiter-Autor Carl-Albrecht von Treuenfels ist der Kranichschutz ein Lebensthema. Deshalb gibt es begleitend zum Artikel von Cord Riechelmann einen Artikel aus der naturjournalistischen Schatztruhe von Carl-Albrect von Treuenfels. 2013 hat er über ein Urteil gegen einen illegalen Jäger geschrieben – die Verminderung illegaler Abschüsse ist ein wichtiges Element beim Schutz dieser und vieler anderer Vogelarten.

Das Urteil schlug bei Naturschützern und Jägern in Amerika wie eine Bombe ein: Richter Mark Moreno verurteilte im Bundesstaat South Dakota einen 26 Jahre alten Jäger, der im April in der Nähe der Stadt Miller einen streng geschützten freilebenden Schreikranich geschossen hatte, zu einer Wiedergutmachungszahlung von 85.000 Dollar. Der Mann erhielt zudem zwei Jahre Jagdverbot auf Bewährung in den Vereinigten Staaten, sein Gewehr wurde eingezogen.

Das Gericht folgte mit dem Urteil den Anträgen der Staatsanwaltschaft und des für den amerikanischen Naturschutz zuständigen Fish and Wildlife Service. Der Dienst hatte gemeinsam mit dem South Dakota Department of Game, Fish and Parks den Fall ins Rollen gebracht. In der Urteilsbegründung wird dem Schützen vorgehalten, dass er einen schweren Verstoß gegen den seit 40 Jahren geltenden Federal Endangered Species Act begangen habe. Der Schreikranich (Grus americana), die seltenste der fünfzehn Kranich-Arten auf der Welt, steht auf dessen Liste der gefährdeten Tier- und Pflanzenarten an vorderer Stelle.

Der Vogel kommt nur in Nordamerika vor, mit weniger als 500 freilebenden Vögeln. Der weiße „amerikanische Kranich“ – neben ihm leben in Nordamerika mehr als eine halbe Million kleinere graubraune Kanadakraniche – ist mit fast eineinhalb Metern Körperhöhe der größte Vogel der Vereinigten Staaten und damit eine Ausnahmeerscheinung.

Der zweite Nationalvogel der USA

Eine intensive Berichterstattung in jedem Frühjahr und Herbst, wenn die Schreikraniche in kleinen Familiengruppen die mehr als 3000 Kilometer zwischen Brut- und Winterquartier zurücklegen und dabei viele Bundesstaaten, so auch North und South Dakota, überfliegen, hat ihnen zum Status eines zweiten Nationalvogels neben dem Weißkopfseeadler verholfen. Nicht zuletzt deshalb reagieren Behörden und Gerichte streng, wenn den Vögeln Schaden zugefügt wird. Die Schadensersatzsumme, so Richter Moreno, mache den Vogel zwar nicht wieder lebendig, trage aber dazu bei, das Wiederansiedlungsprogramm von Schreikranichen im Osten der Vereinigten Staaten voranzubringen.

Die Summe entspricht nach Berechnung des Fish and Wildlife Service in etwa den Kosten der Aufzucht und Auswilderung eines Vogels. Sie wird der Internationalen Kranichstiftung ICF (International Crane Foundation) in Baraboo, Wisconsin, zugutekommen, die seit Jahrzehnten federführend am Aufbau dreier weiterer freilebender Schreikranichpopulationen in Wisconsin, in Florida und in Louisiana beteiligt ist.

Zu Beginn der vierziger Jahre war der Bestand des Schreikranichs in freier Wildbahn auf weniger als 20 Vögel geschrumpft. Die Trockenlegung von Feuchtgebieten und besonders die unkontrollierte Jagd waren die Ursachen dafür. Ornithologen und Naturschützer rechneten damals mit dem Aussterben der Art, unternahmen aber dennoch mit dem Mut der Verzweiflung vieles zu ihrem Schutz.

Langsame Stabilisierung des Bestands

Aufklärung der Jäger, Ausweisung von Rastgebieten sowie die Suche und Sicherung der entlegenen Brutgebiete im kanadischen Wood Buffalo Nationalpark und der Überwinterungsgebiete in Texas am Golf von Mexiko führten zur langsamen Stabilisierung des Bestandes. Aber erst seitdem vor gut 30 Jahren ein millionenschweres Rettungsprogramm zwischen Kanada und den Vereinigten Staaten auf staatlicher und privater Basis in Gang gekommen ist, ging es mit den Zahlen stetig aufwärts.

Kaum eine andere Vogelart wird so intensiv überwacht und von ständigem Monitoring begleitet wie die „Whoopers“. In diesem Winter wurden bislang 279 der stattlichen weißen Vögel mit den nur im Flug sichtbaren schwarzen Handschwingen im texanischen Schutzgebiet Aransas bei Corpus Christi gezählt. Darunter sind auch viele der 34 im vergangenen Sommer im Norden Kanadas geschlüpften Jungvögel. Zusammen 158 Vögel leben in den drei Wiederansiedlungsgruppen. In zwei von ihnen gab es auch schon Nachwuchs.

Doch werde es noch Jahrzehnte dauern, bis der Schreikranich wieder ungefährdet und sich selbst erhaltend in den Vereinigten Staaten leben könne, sagte anlässlich der Verurteilung des Kranich-Wilderers der Präsident der Internationalen Kranichstiftung, Richard Beilfuss. Das Urteil leiste einen wichtigen Beitrag zum Naturschutz, lauteten die Kommentare mehrerer Vogel- und Naturschutzorganisationen.

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