Watvögel sehen doch nicht alle gleich aus

Flugbegleiter-Buchspecial: Lars Gejl geht bei einer spannenden Tiergruppe ins Detail. Von Markus Hofmann

Es war die totale Überforderung. Alleine – und zum ersten Mal ohne sachkundige Hilfe – stand ich am Ufer des Wattenmeers. Das auflaufende Wasser drängte Dutzende, nein, Hunderte von Vögeln auf einer immer kleiner werdenden Fläche zusammen. Mit ihren Schnäbeln stocherten die Vögel hektisch im noch nicht vom Wasser bedeckten Sand nach Nahrung. Ich zielte mit dem Fernglas mitten in das Gewühl und versuchte zu erkennen, um welche Arten es sich handelte. Dort leuchtete etwas Rotbraunes auf, hier war ein schwarzer Bauch zu erkennen, hier identifizierte ich einen langen, dort einen kurzen Schnabel. Alpenstrandläufer? Knutts? Pfuhlschnepfen? Uferschnepfen?

Es bereitete mir Mühe, einen Vogel über längere Zeit genauer zu betrachten. Dauernd schob sich ein anderer ins Bild. Vor lauter Vögeln sah ich den einzelnen Vogel nicht mehr. Plötzlich erhob sich eine Vogel-Wolke in die Luft, ein Schwarm bildete sich, der eine elegante Kurve über der herannahenden Flut drehte – und weg war er. Für mich ging alles viel zu schnell. Ich hatte keine Ahnung, welche Arten sich gerade meinem Blick entzogen hatten. Frustriert machte ich mich auf den Rückweg, auf dem meine Enttäuschung von einigen schwarz-weissen Gesellen, die sich lauthals bemerkbar machten, etwas gemildert wurden. Diese nun waren unverkennbar: Austernfischer.

Es gibt zwei Gruppen von Vögeln, die Anfängern der Vogelbeobachtung oft Kopfzerbrechen bereiten: „little brown birds“ und Watvögel. Zu den ersteren gehören etwa Zilpzalp und Fitis oder Mönchs- und Gartengrasmücke: Zum Verwechseln ähnliche Wesen, die sich im Gebüsch verstecken, sobald man ihrer gewahr wird, und von denen oft nicht viel mehr als der Eindruck „kleiner, brauner Vogel“ im Gedächtnis haften bleibt.

Die zweite Gruppe ist etwas ambivalenter. Denn zu den Watvögeln, auch Regenpfeifenartige oder Limikolen genannt, gehören einerseits Arten, die wie der Austernfischer sehr einprägsame Gestalten aufweisen. Auch der Kiebitz mit seinen breiten, runden Flügeln und der sehr auffälligen Federholle auf dem Kopf ist unverwechselbar. Oder der Stelzenläufer, der, wie es sein Name andeutet, über lange Beine verfügt. Auch der Säbelschnäbler ist ein vergleichsweise einfacher Fall mit seinem dünnen und aufwärts gebogenem Schnabel.

Einer der unverkennbaren Watvögel: ein Stelzenläufer, hier ein adultes Männchen im Prachtkleid.
Nis Lundmark Jensen

Doch hat man sich einmal mit diesen wenigen Stars unter den Limikolen bekannt gemacht, wird es bald kompliziert. Etliche Watvogelarten ähneln sich wie ein Ei dem anderen. Und als würden sie sich über den verzweifelten Beobachter lustig machen wollen, belieben sie auch noch, ihr Gefieder scheinbar dauernd zu verändern. Es gibt nicht nur Brut- und Winterkleider, sondern auch zahlreiche Übergangsgefieder. Dass diese Watvögel zudem oft nur auf grosse Entfernung mit dem Spektiv zu beobachten sind, macht die Sache auch nicht einfacher. Denn durch die Linse kann es schwierig sein,  Grössen einzuschätzen. Und selbst wenn doch: War der Kleine dort nun ein Zwergstrandläufer, ein Sanderling oder ein Temminckstrandläufer? Oder man zerbricht sich den Kopf darüber, ob der Vogel mit dem rötlichen Bauch ein Knutt oder ein Sichelstrandläufer sein könnte.  Und ist das, was da im Moor stolziert, nun ein Waldwasserläufer oder ein Bruchwasserläufer?

Hinzu kommt, dass Watvögel im Flug nochmals ganz neue Anforderungen an den Beobachter stellen als Watvögel, die sich am Boden befinden. Um eine gewisse Sicherheit in der Identifikation zu erlangen, sind viele Stunden im Freiland nötig, ausgerüstet mit einem einschlägigen Feldführer oder der entsprechenden App auf dem Handy.

Waldwasserläufer brüten gerne in bewaldeten Mooren.
Lars Gejl

Für Unerschrockene, die sich zuhause in aller Ruhe auf die Watvogel-Suche vorbereiten oder das Beobachtete am Abend verarbeiten möchten, bietet sich nun der fast 400 Seiten dicke Bildband des dänischen Naturfotografen und Autors Lars Gejl an, der 44 regelmässig in Europa brütende Watvögel sowie 38 Irrgäste aus Amerika und Asien porträtiert hat. Das Auffälligste an Gejls Buch sind die ausnahmslos hervorragenden, weit über 700 Fotografien, die nicht nur von Gejl, sondern auch von weiteren Vogelfotografen stammen. Seien es Bilder von Watvögeln im Schwarm oder Porträts einzelner Arten: Jedes Bild illustriert arttypische Merkmale. Jede Art wird zudem kurz umschrieben, Brutbiologie und der Verlauf des Jahreszuges, der bei vielen Watvögeln besonders ausgeprägt ist, werden erläutert. Mithilfe von QR-Codes kann man mit dem Smartphone die Rufe einzelner Arten ertönen lassen. Einziger Wermutstropfen: Es fehlen Verbreitungskarten. 

Ein Schwerpunkt des Buches ist der Krux der Watvogel-Beobachtung gewidmet: der Verwechslungsgefahr. Auf über 40 Seiten stellt Gejl die sich ähnelnden Arten gegenüber, und zwar in verschiedenen Kleidern (juvenil, Schlicht- und Prachtkleid), in der Silhouette sowie im Flug. Allerdings: So hilfreich dieses Kapitel ist, es könnte gerade den Anfänger abschrecken. Doppelseiten mit je 12 verschiedenen Watvogelarten, die auf den ersten Blick alle genau gleich aussehen und auf deren feine Unterschiede mit genauso feinen Pfeilen sowie kleingedruckter Beschreibung hingewiesen wird, könnten eher frustrieren und bieten jedenfalls keinen einfachen Einstieg ins Studium dieser sehr vielfältigen, aber eben auch sehr faszinierenden Artengruppe. 

 Da empfiehlt es sich, dieses Kapitel fürs Erste zu überspringen und sich mit den häufigen Arten bekannt zu machen. Am besten geht man ohnehin schrittweise vor und versucht, sich ohne Hast eine Limikolenart nach der anderen einzuprägen. Die Befriedigung, später im Freiland einen Rotschenkel, einen Kiebitzregenpfeifer oder einen Schwarm Alpenstrandläufer einwandfrei zu erkennen, wird gross sein.

 Fazit: Kein Buch für Anfänger, aber eines für jene, die es endlich einmal wissen wollen mit den Watvögeln.

Lars Gejl: Die Watvögel Europas. Haupt Verlag, Bern 2017. 376 Seiten. CHF 58.00, EUR 49.00.

 

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