Magere Zeiten für Papageitaucher

Rund um den Nordatlantik brüten immer weniger der Seevögel. Forscher suchen nach den Ursachen dafür. Doch von einer Insel gibt es gute Nachrichten.

Anne Preger Papageitaucher im Portrait, mit geöffnetem Schnabel

Nach Monaten auf hoher See kehren die Papageitaucher im Frühjahr zu ihren Brutgebieten zurück. Vor ihnen liegt eine Mammutaufgabe: Den Partner finden, sich paaren, die alte Nisthöhle in Beschlag nehmen und herrichten für das eine Ei, aus dem nach rund 40 Tagen das Küken schlüpft. Auf Skomer in Südwales passiert das Anfang Juni. Auch für Ornithologen gibt es dann viel zu tun. Ros Green liegt tief im Gras. Ihr linker Arm ist komplett in einem Loch im Boden verschwunden. Daraus holt die rothaarige Seevogel-Feldforscherin ein Papageitaucher-Küken hervor. Der Nestling ist dunkelgrau und flauschig. Seinen Eltern sieht er noch nicht sehr ähnlich. „Jetzt ist er etwa anderthalb Wochen alt,“ sagt Green. „Als ich ihn das erste Mal aus dem Nest geholt habe, war er noch halb so groß. Er ist viel gewachsen, offensichtlich ist er gut gefüttert worden. Man fühlt unter dem Flaum richtig das Fett.“ Doch so fühlen sich die Küken längst nicht in allen Brutkolonien an.

Papageitaucher sitzen auf einem Felsen im Sonnenschein.
Sommerliches Begrüßungskomitee auf Skomer.
Anne Preger

Die Insel gehört den Seevögeln

Wer Papageitaucher auf Skomer erleben will, braucht Geduld und muss früh aufstehen. Im Frühjahr und Sommer ist die Schlange für einen Platz auf dem Boot zur Insel lang. Um die Seevögel so wenig wie möglich zu stören, lässt der Wildlife Trust of South and West Wales höchstens 250 Tagesbesucher auf die Insel, vorausgesetzt Wind und Wellengang erlauben das. Vom Schiffsanleger führt eine Steintreppe zur Hochebene von Skomer. Beim Hinaufsteigen kommt man zuerst an Trottellummen und Tordalken vorbei. Weiter oben sitzen dann die Papageitaucher.

Die meisten Besucher wollen direkt los, um in den wenigen Stunden so viel wie möglich von der Insel und ihren Bewohnern zu sehen. Doch vorher müssen sie sich von der Inselwartin ausführlich erklären lassen, was auf Skomer erlaubt ist und was nicht. Wichtig: Papageitaucher haben Vorfahrt. Die Fußwege führen mitten durch die Brutkolonien, direkt an Höhleneingängen vorbei. Die dürfen nicht blockiert werden – weder von Rucksäcken noch von abgelenkten Papageitaucherfans und -fotografen. Verboten ist außerdem, die Wege zu verlassen, denn die Insel ist durchlöchert wie ein Schweizer Käse. Überall sind unzählige Höhlen von Kaninchen, Papagei- und Atlantiksturmtauchern. 

Über die Bucht von North Haven erheben sich grüne Hügel mit einem Haus.
Vogel-Forschungsstation an North Haven – in dieser Bucht legt das Boot auf Skomer an.
Anne Preger

Papageitaucher zählen ist eine Mammutaufgabe

„Mitte April, am Anfang der Saison, zählen wir alle Papageitaucher,“ erklärt Ros Green. Dafür wird die Insel in sieben Bereiche aufgeteilt. In jedem zählen gleichzeitig zwei oder drei Personen die Vögel an Land, auf dem Wasser und in der Luft. Danach gleichen sie ihre Ergebnisse ab. „Am Ende kommt dabei eine Schätzung heraus. Aber weil jedes Jahr die gleiche Methode angewendet wird, lässt sich daraus immerhin ein Trend ableiten.“ Und der geht auf Skomer seit Jahrzehnten spürbar aufwärts: Von knapp 7000 im Jahr 1988 auf rund 18.000 bis 22.500 in den Jahren 2014 bis 2016, in denen Ros Green als Feldforscherin der Universität Gloucestershire auf Skomer gearbeitet hat, bis auf knapp 31.000 Vögel im Frühjahr 2018.

Zwei Papageitaucher im Gras, einer guckt nach oben.
Auf den Shetland-Inseln im Norden Schottlands brüten immer weniger Papageitaucher.
Anne Preger

Noch gibt es Millionen von Vögeln

Damit ist Skomer eine Ausnahme, und Seevogel-Forscher wollen wissen, was die Bedingungen für die Vögel hier besser macht. In vielen Brutgebieten rund um den Nordatlantik geht der Trend seit Jahren abwärts: So nimmt die norwegische Population seit 1979 im Schnitt jährlich um rund zwei Prozent ab. Besonders extrem ist die Situation in der größten norwegischen Kolonie auf der Insel Røst. Dort ist die Zahl der Brutpaare seit 1980 um mehr als 70 Prozent zurückgegangen, von 1,5 Millionen auf unter 400.000 Paare. In Island sind es laut Erpur Snær Hansen vom ökologischen Forschungsinstitut in Südisland rund 25 Prozent weniger Vögel als noch 2002. Deswegen stehen Papageitaucher seit 2015 als gefährdet auf der Roten Liste. BirdLife International rechnet damit, dass die Papageitaucher-Bestände in Europa von 2000 bis 2065 um 50 bis 79 Prozent zurückgehen werden, für die Bestände außerhalb Europas sind zu wenig Daten verfügbar. Im Moment gibt es weltweit geschätzt noch 12 bis 14 Millionen der Seevögel. 

Papageitaucher lugt aus seiner Höhle.
Auf Skomer zeigen Papageitaucher zwar wenig Scheu vor Menschen, aber in der Bruthöhle oder auf hoher See schätzen sie ihre Privatsphäre.
Anne Preger

Die Ursachen für ihren Rückgang sind wahrscheinlich vielfältig. „Obwohl sie ziemlich bekannt sind und viele Menschen wissen, wie Papageitaucher aussehen, ist immer noch so viel über ihre Lebensweise ungeklärt,“ sagt die Biologin Annette Fayet. Sie will das ändern. Die Französin arbeitet an der Universität Oxford im Bereich Seevogel-Ökologie. Sie interessiert sich nicht nur für den Showteil des Papageitaucher-Jahres – wenn die Vögel im Sommer als putzige Clownvögel mit ihrem Watschelgang und dem auffälligen Make-up gefilmt, fotografiert und gepostet werden – sondern auch für das, was davor und danach passiert. Am Ende des Sommers verlieren die Vögel ihre bunten Hornplatten an den Augen und am Schnabel. Den Winter verbringen sie inkognito auf hoher See. Wo genau, war lange unklar.

Papageitaucher sind auch im Winter Gewohnheitsvögel

Um mehr darüber zu erfahren, untersucht Annette Fayet mit Kollegen verschiedene Papageitaucherbestände auf Skomer in Wales, auf Røst in Norwegen und auf Heimaey und Grímsey in Island. Fayet geht davon aus, dass der Winter mit über den Fortpflanzungserfolg entscheidet: „Es ist wichtig, was das ganze Jahr über passiert.“ Um das Geheimnis zu lüften, nutzen Fayet und ihr Team Geolokatoren. Die Miniatur-Datensammler werden auf dem Rücken der Vögel befestigt und erfassen unter anderem die Tageslänge. Darüber lassen sich grob die Aufenthaltsorte und Wanderrouten der Seevögel erfassen.

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Seevogelforscherin Annette Fayet hält einen Papageitaucher.
Annette Fayet will wissen, wo auf See die Vögel unterwegs sind, wenn sie nicht brüten.
David Silverman - mit freundlicher Genehmigung von Annette Fayet
Reporterin Anne Preger mit einem Küken auf dem Arm und einem Mikrophon in der Hand
Papageitaucher-Küken sind noch puscheliger als der Windschutz eines Radiomikrophons.
Sven Preger
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