Konflikte zwischen Krähen und Menschen: Es braucht eine „Paartherapie"

Im Umgang mit „Problemtieren“ zeigt sich unser gespaltenes Verhältnis zur Natur

Von Markus Hofmann

Markus Hofmann „Der Schuss geht nach hinten los": Mit humoristischen Plakaten macht in Bern eine Ausstellung auf die Konflikte zwischen Mensch und Saatkrähen aufmerksam. Das Plakat zeigt einen Jäger, auf dessen Waffe eine Saatkrähe sitzt.

Der Fall liegt zwei Jahre zurück. Ein Anwohner eines Berner Stadtquartiers, wo Saatkrähen jeden Frühling ihre Kolonien bauen, ärgerte sich über deren Lärm und den Dreck, den sie hinterliessen. So holte er mit einer Hebebühne Krähennester von einer Platane herunter, die vor seinem Haus steht. Die Nester seien alt und unbenutzt gewesen, verteidigte er sein Tun. Der Wildhüter sah dies anders. Es folgte eine Anzeige sowie eine Strafe in der Höhe von 2000 Franken. Der Anwohner habe das Brutgeschäft der Saatkrähen während der Schonzeit gestört und damit gegen das Gesetz verstossen, meinte der Staatsanwalt.

Mittlerweile hat sich bereits die zweite Instanz über den Fall gebeugt, denn der Berner Anwohner hatte die Strafe angefochten. Auch das Berner Obergericht kam diesen Frühling zum Schluss, dass es nicht rechtens gewesen sei, die Nester zu zerstören. Allerdings reduzierte es die Strafe auf 1000 Franken. Zugunsten des Beschuldigten ging es davon aus, dass dieser nur unbenutzte Nester entfernt habe. Und das Obergericht anerkannte, dass Saatkrähen in der Tat viel Ärger machen könnten.

Saatkrähen fühlen sich in der Stadt wohl

In Bern sorgen Saatkrähen seit Jahren für Konflikte. In der baumreichen Stadt finden die Rabenvögel ideale Bedingungen, um zu brüten. 5800 bis 7300 Saatkrähen-Paare leben in der Schweiz, mehr als die Hälfte davon in städtischen Gebieten. Tagsüber ziehen die sehr geselligen Vögel zusammen aufs umliegende Land, um dort nach Nahrung zu suchen. Abends kehren sie wieder zurück, gehen ruffreudig ihrem Brutgeschäft nach, bis sie am kommenden Morgen genauso lautstark den neuen Tag und ihre Artgenossen in der Kolonie begrüssen. Gleichzeitig lassen sie ihren Kot hemmungslos auf blankgeputzte Autos fallen.

Wie andere Städte in Europa versuchen auch die Berner Behörden, die Saatkrähen mit den verschiedensten Mitteln zu vergrämen, etwa in dem man Plexiglashauben auf die Nester setzte oder die Bäume so schnitt, dass es den Krähen schwerer fallen sollte, Nester zu bauen. Doch die klugen Vögel sind äusserst anpassungsfähig und durschauen die menschlichen Bemühungen, sie zu vertreiben, meist rasch.

Derzeit setzt die Stadt Bern auf Uhu-Attrappen, deren Flügel immer wieder zum Flattern gebracht werden. Das soll den Saatkrähen Angst und Schrecken einjagen, gehört doch der Uhu zu deren grössten natürlichen Feinden. Ebenso fürchten sich Saatkrähen vor Wanderfalken, weshalb die Stadt erwägt, Nisthilfen für die schnellen Greifvögel zu installieren.

Gespanntes Mensch-Krähen-Verhältnis entkrampfen

Vor allem aber setzt Bern auf Deeskalation. So ruft die Stadt ihre Bewohnerinnen und Bewohner dazu auf, sich mit der Situation zu arrangieren. Die Behörden hoffen, dass der gegenwärtige Bestand von rund 1050 Brutpaaren in der Stadt stabil bleibe und dass sich mit der Zeit ein gutes Miteinander von Krähenvögeln und Menschen einstelle.

Genau darauf setzt auch der Künstler und Krähenfreund Dino Rigoli. Er initiierte in einer Vorortsgemeinde von Bern das Projekt „Corvo“. Mitten in einem gut besuchten Naherholungsgebiet gibt es nun eine Ausstellung zu sehen. Themen sind etwa die Biologie der intelligenten Rabenvögel sowie deren wechselvolle gemeinsame Geschichte mit den Menschen. Zudem haben die Ausstellungsmacher humoristische Tafeln mit Krähen-Motiven entlang vielgenutzter Wege aufgestellt, die das gespannte Verhältnis gegenüber der Saatkrähen etwas entkrampfen sollen.

Da die Ausstellung wegen der Corona-Pandemie nicht wie geplant im Frühling, sondern erst im Sommer Besucher empfangen konnte, lag die Aufmerksamkeit zunächst vor allem auf einer ebenfalls installierten Webcam, die das Brutverhalten einer Saatkrähenfamilie vom Nestbau bis zum Ausflug der Jungvögel live übertrug. Das Schicksal der jungen Familie schaffte es gar in die Medien, als eine Saatkrähe eine Attacke auf das Nest verübte, ein Krähenküken mit Schnabelhieben auf den Kopf töte und es auffrass.

Mit grossem Interesse verfolgt Uta Maria Jürgens das Projekt „Corvo“. Jürgens initiierte 2009 in ihrer Heimatstadt Ascheberg in Holstein den wohl ersten „Krähenpfad“ im deutschsprachigen Raum. Auch da ging es darum, zwischen Menschen und Saatkrähen zu vermitteln. Inzwischen erforscht die Psychologin und Ethologin an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich und der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft in Birmensdorf die besondere Beziehung zwischen Menschen und Wildtieren. Dabei spielen nicht nur Rabenvögel, sondern auch Wölfe und Spinnen eine Rolle.

Wir haben uns darüber unterhalten, was hinter dem Mensch-Saatkrähen-Konflikt steckt und wie dieser gelöst werden könnte.

Die Psychologin Uta Maria Jürgens erforscht in Zürich das schwierige Verhältnis von Menschen und sogenannten Problemtieren wie Rabenvögeln, Wölfen und Spinnen.
Die Psychologin Uta Maria Jürgens erforscht in Zürich das schwierige Verhältnis von Menschen und sogenannten Problemtieren wie Rabenvögeln, Wölfen und Spinnen.
David Rosenthal
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