Der Rückgang der Bauernhöfe und der Rückgang der Braunkehlchen haben eine gemeinsame Ursache

Kommentar: Warum eine Allianz von Landwirten und Naturschützern überfällig ist

Von Christian Schwägerl

Christian Schwägerl Bauernprotest in Münster. 23.10.2019

Ein Beitrag von „Die Flugbegleiter – das Online-Magazin für Natur und Vogelwelt“

Die deutschen Landwirte haben allen Grund, besorgt zu sein. Vor 30 Jahren gab es in Deutschland 629.000 Bauernhöfe, heute sind es nur noch 266.000. Im selben Zeitraum ist der Preisdruck auf die, die weitermachen, stark gestiegen. Sie sollen Lebensmittel nach hohen Standards erzeugen, aber kosten dürfen sie fast nichts. Zudem stehen Bauern im Kreuzfeuer pauschaler öffentlicher Kritik, so als ob es jedem Landwirte eine Freude wäre, die Böden zu überdüngen und dem letzten Rebhuhn den Garaus zu machen. Viele Bauernfamilien fürchten, dass auch wegen dieses schlechten Image keines der Kinder bereit sein wird, den Hof zu übernehmen und fortzuführen.

Das sind legitime Sorgen, die nicht nur die Bauern selbst, sondern die breite Bevölkerung umtreiben sollten. Landwirte erzeugen unsere Lebensmittel und prägen unsere Landschaft – damit sind sie einer der wichtigsten Berufsstände überhaupt.

Doch so legitim die Sorgen sind, so falsch sind Forderungen, die am Dienstag bei der vielbeachteten Traktordemonstration in Berlin erhoben wurden. Auch dort wurde ein pauschales Feindbild gepflegt: Nixblickende „links-grüne“ Großstädter mit einem vernebelt-romantisiertem Bild vom Land wollen den Bauern mit mehr Auflagen beim Natur- und Klimaschutz den Garaus machen.

Eine neue Vertrauensbasis ist nötig

Dieses Feindbild geht an das Sache vorbei. Dass es jetzt Insekten- und Naturschutz, strengere Düngeregeln und neue Akzente bei den Agrarsubventionen sein sollen, die das Wirtschaften der Landwirte gefährden, stellt eine fahrlässige Fehldeutung der Lage dar.

Freiwilligkeit statt neuer Gesetze haben die Demonstranten gefordert. Ehrlicher wäre es gewesen anzuerkennen, dass genau diese Strategie seit Jahrzehnten nicht funktioniert. Zwar gibt es sehr viele Landwirte, die guten Willens sind und nur wenige, denen der Umweltschutz rundum egal wäre. Aber inmitten von Marktkräften, die danach verlangen, auch noch aus dem letzten Quadratmeter das letzte Quäntchen Produkt herauszuholen, ist ein freiwilliges „Weiter so“ nur eines: Ein Rezept für die fortgesetzte Verarmung der Natur auf dem Land und für fortgesetzten Emissionen von Treibhausgasen und Nitrat in die Umwelt in einem nicht verträglichen Ausmaß.

Das bisherige Vertrauen darauf, eine vage beschworene „gute fachliche Praxis“ werde dazu führen, dass die Landschaft vielfältig bleibt und die riesigen Überschüsse an Düngemitteln, die in Gewässern und im Grundwasser landen, weniger werden, hat sich schlichtweg als illusorisch erwiesen.

Natürlich ist die Frage berechtigt, welche Auflagen und Kontrollen der richtige Weg sind. Landwirte sind bereits jetzt mit intensiven Protokoll- und Kontrollpflichten konfrontiert, die vor allem kleinere Betrieb überfordern. Wenn dann die Anlage eines Blühstreifens mit Dutzenden Formularen, Kontrollbesuchen von Beamten und Satellitenüberwachung aus der Luft einhergeht, fördert das nicht unbedingt, dass man sich mit dem Biotop als eigenem Werk identifiziert. Doch leider haben es die Landwirte und vor allem ihre Interessenvertretungen so weit kommen lassen, dass die Gesellschaft – also die Kunden – misstrauisch geworden ist und alles ganz genau wissen will.

Es ist keine Lösung, rechtspopulistischen Seelenfängern zu folgen

Wer dann aber, wie es nicht wenige der Lautstarken unter den Demonstranten taten und wie es manche Bauerngruppierung in ihrer wütenden Facebookblase praktiziert, leugnet oder relativiert, dass es reale Probleme wie die Klimakrise, den Insektenschwund oder den Rückgang von Rebhuhn, Kiebitz und Braunkehlchen sowie Nitratbelastungen des Grundwassers überhaupt gibt und wer in den Chor einstimmt, dass „naive links-grüne urbane Eliten“ gegen die Interessen des (ländlichen) Volks agierten, der verstärkt dieses Misstrauen noch. Er bedient damit nur die Interessen wissenschaftsfeindlicher Rechtspopulisten, deren Seelenfänger nun vor allem auf dem Land unterwegs sind, um von Angst und Unmut zu profitieren. Er bedient aber sicherlich nicht die Interessen seines Berufsstands (und erst recht nicht die Interessen seiner Kunden, die mit solchen Vorwürfen schlichtweg beleidigt werden).

Eine ehrliche Diagnose müsste ganz anders lauten: Der Rückgang der Bauernhöfe und der Rückgang der Braunkehlchen und Rebhühner haben eine gemeinsame Ursache. Und deshalb haben Naturschützer und Landwirte auch gemeinsame Gegenspieler, denen beide Gruppen eigentlich gemeinsam entgegentreten sollten.

Der Gegner ist die Doktrin, die der ökonomischen Misere der Landwirtschaft ebenso wie der ökologischen Misere der Landschaft zugrunde liegt, und die über Jahrzehnte unsere Agrarpolitik bestimmt hat: „Wachse oder weiche“ lautet sie, und auch der Deutsche Bauernverband hat das verinnerlicht und gepredigt. Die Doktrin besagt, dass die Natur nur eine ausbeutbare Ressource ist, dass ungenutzte Flächen wertlos sind und dass überlebensfähig nur immer größere Höfe mit immer mehr Tieren und immer mehr Umsatz sind, die durch Rationalisierung immer perfekter nach jenen Regeln funktionieren, mit denen Industriebetriebe durch wachsende Stückzahlen ihre Kosten senken und ihre Profite maximieren. Das sind Regeln, die nicht zu einer lebendigen Landschaft und einer nachhaltigen Praxis passen.

Nachhaltige Betriebe bleiben auf der Strecke

Derselben Logik bedienen sich die großen Lebensmittelketten, um einen brutalen Preiswettbewerb nach unten fortzusetzen, der dazu führt, dass Bauern viel weniger für ihre Ware bekommen, als sie bekommen sollten, um nachhaltig wirtschaften zu können. Um das auszugleichen, wird dann der Output vergrößert. Als zum Beispiel der Fleischkonsum in Deutschland zu stagnieren anfing, hat man deshalb damit begonnen, den Export von Milcherzeugnissen und Schweinefleisch nach China massiv auszubauen. Die Umwidmung der Landwirtschaft zur Energieerzeugung – Stichwort „Biogas“ aus Mais – hat diesen Prozess noch verschärft. Es wird auch deshalb auf dem letzten Zentimeter bis zum Wegrand gepflügt.

Auf der Strecke bleiben Betriebe – ob „Bio“ oder konventionell –, die bewusst nicht darauf setzen, immer größere Flächen mit immer größeren Fuhrparks zu bewirtschaften, oder die das dafür nötige wachsende Kapital nicht als Bankkredite aufnehmen können oder wollen. Auf der Strecke bleibt auch die Artenvielfalt. Der Überschuss an Dünger ist gewaltig, und er landet nicht nur im Grundwasser, sondern auch auf Flächen, auf denen früher Wildblumen gewachsen sind. Nach einigen Jahren Überdüngung wird man auf solchen Flächen nur noch Gras und vielleicht noch ein bisschen Löwenzahn finden, denn Butterblumen, Orchideen und Flockenblumen können sich nicht gegen deren Konkurrenz behaupten.

Soweit ist es gekommen: Während es früher als Verlust empfunden wurde, wenn aus artenreichen Blumenwiesen monotone Löwenzahnwiesen wurden, ist man heute schon froh, wenn es überhaupt noch Löwenzahn gibt. Parallel kann man das für die Betriebe sagen: Vor 30 Jahren gab es noch ein buntes Mosaik von Bauernhöfen aller Größen. Inzwischen freut man sich über Höfe, die so resistent sind wie der Löwenzahn. Und bald gibt es dann nur noch eine Monokultur von Betrieben, die durchrationalisiert sind und dasselbe mit der Landschaft tun?

Moore und Hecken werden für die Landwirtschaft überlebenswichtig

Die Lösung für die doppelte Misere von Landwirten und Landschaft kann eigentlich nur in einem Kurswechsel aller Beteiligten bestehen: Zuallererst sollten die Landwirte den Naturschutz und die Naturschützer die Landwirtschaft nicht als Feind betrachten, sondern das Bündnis suchen. Niemals war die Zeit besser als jetzt, um die lange bestehende Forderung durchzusetzen, dass Landwirte dafür entlohnt werden, wenn sie sich um die Landschaft und die Artenvielfalt kümmern. Biodiversität als Betriebszweig und als Dienstleistung, für die die Gesellschaft bezahlt – das ist der einzige vielversprechende Weg nach vorne.

Natur- und Klimaschutz nicht als exotisches Zusatzprojekt, sondern als Säule des betriebswirtschaftlichen Kalküls, die substanziell, also zu einem Viertel bis zur Hälfte, zum Einkommen beiträgt – dahin muss die Reise gehen. Die Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU im kommenden Jahr bietet dafür eine hervorragende Gelegenheit.

Bauern, die meinen, dass damit ihr Berufsstand dazu degradiert würde, in der Art von Parkwächtern eine Museumslandschaft zu konservieren, sind auf dem Holzweg: Auch unter ihren Vorfahren gab es schon viele, die den Wert von Hecken, Feldrainen und Feuchtgebieten für die Landwirtschaft zu schätzen wussten.

Dünger und Pflanzenschutzmittel haben es erlaubt, die Produktion massiv auszuweiten und die Ernährung zu sichern. Wer sie nur verteufelt, verkennt, dass seine eigene individuelle Existenz mit hoher Wahrscheinlichkeit maßgeblich ihnen zu verdanken ist.

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