„Wir brauchen eine große Mobilisierung für die EU–Pläne“

Birdlife-Naturschützer Ariel Brunner im Gespräch über die Pläne der EU-Kommission gegen das Artensterben

Von Thomas Krumenacker

Thomas Krumenacker Blick über das Achterwasser auf Usedom

Ein Beitrag von „Die Flugbegleiter – das Online-Magazin für Natur und Vogelwelt

Nach mehrmonatiger Verschiebung hat die EU-Kommission in der vergangenen Woche ihre Pläne für die Rettung der Artenvielfalt und die künftige Ausrichtung der Lebensmittelproduktion vorgestellt. Beide Konzepte sind wichtige Wegmarken für die ökologische Zukunft Europas. Ob und wie sie in den kommenden Jahren von den Mitgliedsstaaten umgesetzt werden, wird maßgeblich darüber entscheiden, ob die ökologische Krise überwunden werden kann oder ob sich das Artensterben fortsetzt. Wir haben mit Ariel Brunner von Birdlife International über die Kommissionspläne gesprochen – und ihn gefragt, ob die Erfahrungen aus der Corona-Pandemie bei einem ökologischen Umsteuern in der EU helfen können. Brunner ist als Head of Policy bei Birdlife, dem Dachverband der nationalen Vogelschutzorganisationen mit Sitz in Brüssel, für die EU-Politik zuständig. Die Fragen stellte Thomas Krumenacker.

Ariel Brunner mit einem Fernglas in der Hand auf einer Wiese in Ecuador
Ariel Brunner ist bei BirdLife International für die EU-Politik zuständig.
Ariel Brunner

Sowohl die Biodiversitätsstrategie als auch der Plan für eine nachhaltigere Agrarproduktion sind im Umweltlager weitgehend positiv aufgenommen worden. Schließen Sie sich dem Lob an?

Ariel Brunner: Ja. Beides sind die mit Abstand fortschrittlichsten Dokumente, die die Kommission in den letzten 20 Jahren vorgelegt hat. Besonders die Biodiversitätsstrategie ist sehr gut. Nicht perfekt natürlich, aber sie ist in sich stimmig, sie identifiziert die richtigen Punkte, sie fußt auf dem Stand des Wissens und setzt ambitionierte Ziele in einer nachprüfbaren Art. „Farm to fork“, die Lebensmittelstrategie, ist schwächer und eindeutig durch mehr Kompromisse gekennzeichnet. So wird bei Problemen, wie dem zu hohen Konsum von Fleisch, Molkereiprodukten und Fisch herumlaviert. Trotzdem werden auch hier zum erstenmal die Themen menschliche Gesundheit, Umweltschutz und Agrarproduktion zusammengebracht. Das unterscheidet sich stark von allem, was wir bisher in der Landwirtschaftspolitik sehen. Zusammen bieten beide Strategien einen Hoffnungsschimmer. 


„Die Versprechen, in der konventionellen Landwirtschaft auf zehn Prozent der Fläche natürliche Landschaftselemente wiederherzustellen und die bestehenden Schutzgebiete wirklich im Sinne des Naturschutzes zu managen, sind potenzielle „game-changer“


Für den Schutz der Artenvielfalt bleibt uns nicht mehr viel Zeit, und wir brauchen einige radikale Kehrtwenden. Gibt es in der Biodiversitätsstrategie solche „game-changer“?

Echte Meilensteine sind das Versprechen, die bestehenden Natura–2000–Gebiete – ein europäisches Netz von Schutzgebieten – wirklich im Sinne des Naturschutzes zu managen und die Verpflichtung auf einen strikten Schutz von zehn Prozent der Fläche an Land und im Meer. Auch das Versprechen, in der konventionellen Landwirtschaft auf zehn Prozent der Fläche natürliche Landschaftselemente wie Hecken und Tümpel wiederherzustellen, ist ein potenzieller „game-changer“. 

Also alles in Ordnung?

Wir hätten uns harte in Zahlen gegossene Ziele für die Renaturierung gewünscht. Die Straegie sagt nur, dass es ein Gesetz zu Zielen geben wird, quantifiziert diese aber nicht. Auch die Aussagen zu Bioenergie lassen Raum für Interpretationen, das Richtige zu tun oder eben auch das Falsche. (In der Biodiversitätsstrategie heißt es dazu: „Um die potenziellen Risiken für das Klima und die biologische Vielfalt besser zu verstehen und zu überwachen, bewertet die Kommission das Angebot an und die Nachfrage nach Biomasse in der EU und weltweit sowie deren Nachhaltigkeit.“) Einige Teile hätten sicher härter gefasst werden können. Hier hat der wütende Protest einiger Lobbygruppen im Vorfeld Spuren hinterlassen. 

Thomas Krumenacker
Ein Traktor versprüht Chemikalien auf einem Acker
Eine Reduzierung des Pestizideinsatzes in der Landwirtschaft um 50 Prozent und eine Ausweitung der Ökolandwirtschaft auf mindestens 25 Prozent sind zwei der wichtigsten Ziele der EU-Biodiversitätsstrategie
Thomas Krumenacker
Ein Schreiadler sitzt auf einem Pfahl, an dem ein Schild mit der Aufschrift Naturschutzgebiet hängt
30 Prozent der Landfläche und ebensogroße Teile der Meeresfläche in der EU sollen unter Naturschutz gestellt werden, zehn Prozent davon unter „strikten“ Schutz.
Thomas Krumenacker
Ein absichtlich unscharfes Foto eines Waldes im Abendlicht.
Alle Primär- und Urwälder in Europa sollen besonders streng geschützt werden. Zudem sollen drei Milliarden Bäume gepflanzt werden.
Thomas Krumenacker
Der intakte Flusslauf der Schellen Havel in Brandenburg
Geschädigte Ökosysteme sollen renaturiert werden. Insgesamt sollen 20 Milliarden Euro pro Jahr für Schutzgebiete aufgewendet werden. Flüsse sollen auf einer Länge von 25.000 Kilometer renaturiert werden.
Thomas Krumenacker

„Die Kommission erkennt erstmals die Tatsache an, dass wir nicht den ganzen Planeten nutzen können, selbst dann nicht, wenn dies nachhaltig geschehen würde“


Es ist nicht das erste Mal, dass auf europäischer Ebene epochale Versprechen abgegeben werden, die dann nicht eingelöst werden. Die Vogelschutz- und FFH-Richtlinien sind solche Beispiele. Nun heißt es, 30 Prozent der Land- und Meeresfläche sollen unter Schutz gestellt werden und zehn Prozent davon unter strikten Schutz. Ist mit dieser Unterteilung nicht ein Schutz minderer Güte für einen Großteil der Gebiete vorprogrammiert?

Mit dieser Befürchtung stehen Sie nicht allein. Der Wortlaut ist aber ziemlich klar und vielversprechend. Die Strategie spricht von einem angemessenen Management in allen Natura–2000–Gebieten und einer verbesserten Umsetzung. Sie verlangt von den Regierungen konkrete Pläne zur Verbesserung der Situation für Arten und Lebensräume. Nimmt man das ernst, dann kann es nicht so sein, dass 20 Prozent auf dem Papier geschützt sind und nur zehn Prozent in der Realität. 

Was macht dann den Unterschied zwischen den Schutzkategorien?

Es bedeutet, dass 30 Prozent wirklich strikt nach den Regeln der Vogelschutz- und FFH-Richtlinie im Sinne der Arten gemanagt werden, für die sie geschaffen wurden. Hinzu kommt jetzt eine zweite Kategorie von sehr striktem Schutz, das ist sehr wichtig. Die Kommission erkennt erstmals die Tatsache an, dass wir nicht den ganzen Planeten nutzen können, selbst dann nicht, wenn dies nachhaltig geschehen würde. Wir brauchen Gebiete ohne Nutzung. Wir brauchen Wälder, in denen kein Holzeinschlag stattfindet, wir brauchen Meereszonen, die nicht befischt werden, nicht einmal in geringem Umfang und mit nachhaltigen Methoden. Das hat es bislang nie gegeben in der EU-Politik. 

„Das ist eine Vision, die der Natur ein Comeback erlaubt“ 


Die Vorgabe, dass zehn Prozent der Fläche „streng“ geschützt werden müssen, lässt aber viel Spielraum für Interpretationen…

Wir hoffen, dass diese Interpretationen nicht zu kreativ ausfallen. Mit den Kategorien der Internationalen Naturschutzunion IUCN existieren klare Kriterien, die angewendet werden müssen. Ernstgenommen bedeutet der neue Ansatz Schutz auf unterschiedlichen Ebenen. In Wildnis-Gebieten völlig ohne menschliche Ausbeutung und als Ergänzung des bestehenden Schutzgebietskonzepts, das Vorrang für die Natur bei gleichzeitiger menschlicher Nutzung vorsieht. Das ist eine Philosophie, die der modernen Ökologie entspricht. 

Wir brauchen eben Waldschutzgebiete, die ganz in Ruhe gelassen werden und wir brauchen größere Waldschutzgebiete mit reduzierter Nutzung und Schutz der darin lebenden bedrohten Arten. Und dann müssen wir auch erreichen, dass die konventionelle Forst- und Landwirtschaft viel nachhaltiger wird. Mit viel weniger Dünger, Pestiziden, Landverbrauch. So schaffen wir eine Kaskade aus Wildnisgebieten, gemanagten Schutzgebieten und Natur-Nischen von Natur selbst in intensiv genutztem Agrarland. Das ist eine Vision, die der Natur ein Comeback erlaubt. 

„Die Verhandlungen über die Gemeinsame Agrarpolitik werden eine der wichtigsten Bewährungsproben für die neuen Pläne. Die halbe Miete für den Erfolg der Biodiversitätsstrategie hängt davon ab, wie das Geld in der Gemeinsamen Agrarpolitik verteilt wird“


Reicht das Ziel einer 50-prozentigen Pestizidreduktion aus, um das Artensterben umzukehren? 

Ehrlich gesagt, wir wissen das nicht. Es gibt so wenige unbelastete Gebiete, dass selbst wissenschaftliche Forschung dazu schwierig ist. Aber eine 50–prozentige Reduktion der Menge und spezifisch bei den giftigsten Stoffen innerhalb von zehn Jahren, kombiniert mit dem Ausbau der Fläche für Ökolandwirtschaft auf 25 oder 30 Prozent bringt uns sicher sehr viel weiter. Das zu erreichen, wird nicht einfach. Ob es reicht, eine massive Erholung der Insekten zu sehen, wer kann das schon sagen?

Bisher sind die Strategien nicht mehr als Papiere der Kommission. Sie müssen von den Mitgliedstaaten im Rat angenommen werden, auch das Europaparlament muss gehört werden. Und bei den laufenden Verhandlungen über die Verwendung der Milliardensummen für die Gemeinsame Agrarpolitik wird sich zeigen, wie ernst es den Regierungen mit einem Umsteuern ist. 

Das ist eine der wichtigsten Bewährungsproben. Die halbe Miete für den Erfolg der Biodiversitätsstrategie hängt davon ab, wie das Geld in der Gemeinsamen Agrarpolitik verteilt wird. Ein weiterer Test steht sogar schon an diesem Mittwoch an, wenn die Kommission ihren überarbeiteten Budgetentwurf vorlegt, inklusive der Mittel für den Post-Corona-Aufbau. Das wird nächsten Monat von den Staats- und Regierungschefs entschieden, und wir werden sehen, ob sie Geld für Naturschutz und Biodiversität einplanen oder ob wir wieder damit enden, dass es Beihilfen für Energiepflanzen und andere Dinge gibt, mit denen die Strategie der Kommission sofort wieder untergraben wird. Wir werden sehen, ob die Regierungen die Lektionen aus der Pandemie gelernt haben.


„Die Corona-Krise zeigt, dass die Wirtschaft dahinschmilzt, wenn die Natur auf Abwege gerät. Die Vorstellung, Natur sei Nebensache, solange man eine starke Wirtschaft hat, ist komplett falsch.“


Welche Lektionen meinen Sie?

Ich glaube die Pandemie markiert eine Weggabelung. Wir sehen, wohin die Reise geht, wenn wir die Augen vor der Realität verschließen. Die Krise hat gezeigt, was passiert, wenn man nicht auf die Wissenschaft hört, die seit langem vor Wildtiermärkten und einer Pandemie warnte und riet, sich darauf vorzubereiten. Viele Regierungen haben es bevorzugt, nicht zuzuhören und jetzt sehen wir, was passiert. Die Pandemie hat auch gezeigt, was passiert, wenn man in einer Krise nicht handelt, sondern abwartet. Oder, wenn man behauptet, alles sei noch zu ungewiss und unbewiesen. Wir sehen den Unterschied zwischen Ländern, die früh und entschieden gehandelt haben zu solchen, die das nicht getan haben. Und wir sehen, was in Ländern passiert, in denen die Regierung ein offenkundiges Problem bestreitet. Menschen sterben in industriellem Ausmaß. Und nicht zuletzt zeigt uns die Corona-Krise, dass die Wirtschaft dahinschmilzt, wenn die Natur auf Abwege gerät. Das heißt, die Vorstellung, Natur sei Nebensache, solange man eine starke Wirtschaft hat, ist komplett falsch. Es ist andersherum: Nur, wenn die Natur stark ist, können wir eine funktionierende Wirtschaft haben.

„Die politischen Kräfte, die sich gegen den Wandel in Stellung bringen, sind riesig. Aber es gibt mit den Plänen Hoffnung, es lohnt sich zu kämpfen.“


Wie kann die Zivilgesellschaft dazu beitragen, dass die ehrgeizigen Pläne in ehrgeizige Politik übersetzt werden?

Wir brauchen rasch eine große Mobilisierung aller Menschen, denen der Umgang mit der Natur nicht egal ist. Wir brauchen Druck auf Abgeordnete und Regierungen, damit sie die Kommission unterstützen. Aus der Kommissionsstrategie muss eine europäische Strategie werden. Vizepräsident Timmermans, Umweltkommissar Sinkevicius und Kommissionschefin von der Leyen haben einen anständigen Job gemacht. Aber die wirklichen Entscheidungen fallen in Berlin, Paris und den anderen Hauptstädten.

Wie zuversichtlich sind Sie, dass wir in zehn Jahren von diesen Plänen nicht ebenso ernüchtert sind, wie wir es heute angesichts des anhaltenden Artensterbens mit Blick auf frühere Naturschutzversprechungen sind? 

Ich würde nicht sagen, dass ich zuversichtlich bin. Die politischen Kräfte, die sich gegen den Wandel in Stellung bringen, sind riesig. Aber es gibt mit den Plänen Hoffnung, es lohnt sich zu kämpfen. Wissenschaftlich ist alles glasklar. Und es gibt mittlerweile viele Leute auch in den konservativen Parteien und in der Wirtschaft, die sehen, welche Katastrophe auf uns zukommt und die wissen, dass sie mit untergehen, wenn die Ökosysteme kollabieren, ganz egal, wieviel Geld sie damit verdient haben. Ob das reicht, werden wir sehen. 


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