Der leuchtende Vegetarier

Erst im 19. Jahrhundert kam der Girlitz in unsere Breiten. Ein Portrait von Carl-Albrecht von Treuenfels.

Thomas Krumenacker Girlitz

Umweltjournalismus von „Flugbegleiter – die Korrespondenten aus Natur und Vogelwelt

Tief in die Nestmulde gekuschelt, braucht sich das brütende Girlitzweibchen keine Sorgen um seine Ernährung zu machen. In regelmäßigen Abständen kommt das zu dieser Jahreszeit leuchtend gelbe Männchen zur versteckt in einer Fichte angelegten Brutstätte, um seiner Ehepartnerin eine Portion grüner Pflanzensamen und kleiner Körner anzubieten.

Das Weibchen, das während der knapp zweiwöchigen Brutdauer die meistens vier oder fünf leicht gesprenkelten Eier alleine wärmt, bedient sich dabei unmittelbar aus dem kurzen gedrungenen Schnabel seines Mannes. Auch wenn die Jungen geschlüpft sind, ist während der ersten Tage noch alleine der Familienvater für den Nachschub verantwortlich: In seinem ausdehnungsfähigen Hals bringt er etwa jede halbe Stunde eine – gelegentlich mit Wasser versetzte – Mahlzeit, die er zunächst dem Weibchen in den Schnabel würgt.

Dieses füttert dann sehr behutsam und sorgfältig die anfangs blinden und nackten Jungen der Reihe nach, während das Männchen sich sogleich wieder auf Futtersuche begibt. Dabei pickt es den Großteil der Pflanzenkost vom Boden auf. In der zweiten Hälfte ihrer vierzehntägigen Nestlingszeit werden die Jungen auch vom Weibchen versorgt. Dann brauchen sie mehr Futter und sind nicht mehr auf die ständige Wärmung angewiesen.

Der singende Draht

Die mit einer Körperlänge von gut elf Zentimetern und einem Gewicht von 12 bis 14 Gramm kleinsten Finkenvögel, die ihren Namen ihrem Ruf („girlitt"“ verdanken, führen auch nach dem Ausfliegen der Jungen noch für einige Zeit ein inniges Familienleben. Wenn allerdings das Elternpaar im Juli noch mit einer zweiten Brut beginnt, müssen die Kinder aus dem Mai- oder Junigelege sich selbst zu versorgen lernen.

Für den zweiten Nachwuchs baut das Weibchen ein neues Nest aus Grashalmen und Moos; auch hierbei herrscht Arbeitsteilung, denn das Männchen begleitet und sichert seine Frau. Zwischendurch setzt es sich gerne in der Nähe des Nistplatzes auf einen freihängenden Ast oder auch auf eine elektrische Leitung und singt zur Revierabgrenzung sein sirrendes feines Lied.

Girlitze, von denen es rund dreißig Arten auf der Erde gibt, gehören zu den Pionieren der jüngeren Zeit unter den Vögeln. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren sie in Deutschland noch keine regelmäßigen Brutvögel, doch dehnten sie seit etwa dem Jahre 1800 ihr Verbreitungsgebiet vom Mittelmeerraum her ständig nach Norden aus. Um 1912 wurde der Girlitz in Hamburg festgestellt, fünfzehn Jahre später bei Flensburg, im Jahre 1942 haben ihn Ornithologen erstmals als Brutvogel in Südschweden beobachtet, und dann ist er auch in Finnland aufgetaucht. Den Kanal haben ebenfalls einige Paare überflogen und in England gebrütet. Zwar zieht ein Teil der in Mittel- und Nordeuropa brütenden Girlitze im Winter südwärts, doch bleiben mehr und mehr von ihnen auch während der kalten Jahreszeit hier.

Was vor allem die Insektenvertilger unter den Kleinvögeln vor Probleme stellt, kommt dem Girlitz (wie auch den meisten seiner Verwandten: Finken, Zeisigen, Hänflingen und Gimpeln) zustatten. Nadelhölzer bringen Insektenfressern wenig, aber den Vegetariern unter den Gefiederten bieten sie das. ganze Jahr hindurch einen gedeckten Tisch. So findet man den Girlitz auch besonders häufig dort, wo Fichten, Tannen, Kiefern und Lebensbäume stehen – auf Friedhöfen, in Parkanlagen und in sogenannten pflegeleichten Gärten.

Bekannte Verwandte

Lange bevor der Girlitz (Serinus serinus) sich hierzulande ausbreitete, war ein enger Verwandter von ihm bereits bestens bekannt: Der Kanarienvogel (Serinus canaria) hatte in Käfigen seit dem 16. Jahrhundert unfreiwillig seinen Weg von den Kanarischen Inseln nach Europa genommen. Durch Nachzüchtung in der Gefangenschaft und durch Einkreuzung anderer Arten haben sich bis heute nicht nur viele, sondern auch Dutzende von verschiedenen .Rassen als singende Zimmergenossen gehalten.

Der echte Kanarienvogel sieht unserem Girlitz recht ähnlich: das Gefieder zeigt auf gelbem Untergrund eine Reihe unterschiedlich starker brauner Streifen, von denen das Weibchen mehr hat und dadurch schlichter wirkt. Durch die vielen Kreuzungen allerdings gibt es nicht wenige Kanarienvögel, die mit der Stammform weder vom Aussehen noch vom Gesang her viel gemeinsam haben.

Ein weiterer Verwandter, der Zitronengirlitz (auch Zitronenzeisig oder Zitronenfink genannt), kommt in Deutschland in Bergwäldern etwa in den Alpen und im Schwarzwald als Brutvogel vor. Er ist etwas größer als der Girlitz und hat mehr Grün im Gefieder – er wird daher gelegentlich mit dem größeren und gedrungen wirkenden Grünling verwechselt Außerhalb der Brutzeit, die er meistens nicht unter 1000 Meter Höhe verbringt, streift der Zitronengirlitz umher. Er wurde schon auf Helgoland und in England beobachtet.

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Dieser Artikel stammt aus der vogeljournalistischen Schatzkiste von Carl-Albrecht von Treuenfels.

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