„Ich wünsche mir einen europäischen Kolibri“

Die Virologin Isabella Eckerle von der Universität Genf

privat/Isabella Eckerle Blick von schräg oben auf eine blonde Frau mit Brille, Rucksack und Kamera, die auf großen mossbewachsenen Felsbrocken an einem Wasserlauf steht und sich mit der rechten Hand an einem Seil festhält, das diagonal durchs Bild reicht.

„Ich freue mich, mal eine Anfrage zu bekommen, die nichts mit Viren zu tun hat.“ Die Antwort von Isabella Eckerle auf unsere Einladung, den Flugbegleiter-Vogelfragebogen auszufüllen, zeigt: Auch Virologen brauchen hin und wieder etwas Abwechslung. Eckerle, Professorin für Virologie, leitet das Zentrum für Emerging Viral Diseases an der Universität im Schweizerischen Genf. Sie untersuchte schon vor der Coronakrise, wie – zum Beispiel – der Verlust von Biodiversität die Verbreitung neuartiger Viren fördert. Die Zusammenhänge sind zum Teil erschreckend direkt: Wenn Krankheitserreger ihre ursprünglichen Wirte verlieren, weil der Mensch ihre Lebensräume zerstört, dann suchen sie sich neue Lebewesen, in denen sie sich vermehren können. Immer häufiger sind das Menschen, die etwa in Regenwälder eindringen und diese abholzen. Beispiele für diese sogenannten Zoonosen gibt es schon seit Jahrhunderten.

Wann, wie und wo haben Sie den Zugang zur Vogelwelt gefunden?

Das Interesse an Natur war schon früh als Kind bei mir da, da ich in einer dörflichen Umgebung aufgewachsen bin – zum richtigen Birden bin ich allerdings erst als Erwachsene gekommen.

Was bedeutet Ihnen Vogelbeobachten in Ihrem Alltag – und was hält Sie vom Beobachten ab?  

Im Alltag: Ein Moment, in dem ich den Alltag komplett vergesse, eine kleine Freude, die das Leben einfach schöner macht. Vom Beobachten hält mich ab: im Moment die Coronavirus-Pandemie und die damit verbundene Arbeitsbelastung als Virologin. Davor: mein zweijähriger Sohn.

Besonderes Erlebnis: Auge in Auge mit dem Turako

Teilen Sie ein besonders schönes Beobachtungserlebnis mit uns? 

Ich war früher beruflich oft in Westafrika unterwegs und habe dort viele schöne Beobachtungen erlebt. Eine, die mir ganz besonders in Erinnerung geblieben ist, war die Begegnung mit einem Guineaturako (Tauraco persa) bei einem früh morgendlichen Spaziergang den Rand eines Feldes in der Nähe von Kumasi in Ghana entlang. Er saß ganz still vor mir und hat mich direkt angeschaut.

Ein Vogel mit grüner Brust und hoher grüner Haube, einem leuchtend roten Rand um die Augen und einem weißen Tränenfleck, mit schwarzen Flügeln und Schwanzfedern, sitzt auf einem Ast.
Einen Guineaturako (Tauraco persa) hat die Virologieprofessorin vor Jahren am Rande eines Ackers in der Nähe von Kumasi in Ghana beobachten können.

Bei welchen Vögeln tun Sie sich bei der Bestimmung schwer?

Möwen

Welchen Gesang hören Sie am liebsten?

Den des Zilpzalps, weil er für mich der erste Frühlingsbote ist.

Gibt es eine Vogelart, die Sie nicht ausstehen können?

Höckerschwäne

Wenn Sie sich CO2-frei an einen beliebigen Ort der Erde zum Vogelbeobachten beamen könnten, wohin?

Papua Neuguinea

Portraitfoto einer blonden Frau, die in die Kamera lächelt.
Im Moment ist die Virologie-Professorin Isabella Eckerle von der Univerisät in Genf zu sehr von der Coronakrise eingespannt, als dass sie ihrem Hobby Vogelbeobachtung soviel Zeit schenken könnte wie sie möchte.
privat/Isabella Eckerle

Was machen Sie mit Ihren Beobachtungen?

Bei einheimischen Arten: nur den Moment genießen. Auf Reisen bei neuen Arten: mit Datum und Ort im Bestimmungsbuch vermerken als Erinnerung.

Wenn Sie sich in einen Vogel verwandeln dürften, welcher wäre das?

Ein Mauersegler – die Leichtigkeit, an einem klaren Sommerhimmel zu schweben …

Schweben wie ein Mauersegler

Wenn Vögel unsere Sprache verstehen könnten, was würden Sie ihnen gerne sagen?

Dass wir ihnen so oft aus Unbedachtheit und Unüberlegtheit schaden, dies aber nicht absichtlich tun. Und dass es so viele Menschen gibt, die es gerne besser machen würden, aber es nicht schaffen.

Wenn Sie sich einen Begleiter zum Vogelbeobachten aussuchen dürften, wer wäre das?

Pierre Rollin – ein geschätzter amerikanischer Kollege, eine Koryphäe der Virologie, und ein unglaublich wissensreicher Birder.

Wer ist Ihr Held oder Ihre Heldin in Biologie und Naturschutz?

Meine Mutter

Auf welche ornithologische Frage hätten Sie gerne eine Antwort?

Keine wirkliche Frage, aber ich würde gerne einmal die vom Menschen ausgerotteten Arten noch einmal in echt sehen.

Was tun Sie zum Schutz der Vogelwelt? Würden Sie gerne mehr tun?

Ich versuche generell nachhaltig zu leben (kein Fleisch, Fahrrad statt Auto, regional einkaufen). Ich würde gerne ganz auf das Auto verzichten und am besten gar nicht mehr fliegen. Außerdem würde ich gerne viel weniger Plastik und Verpackungen verbrauchen. Leider gibt es gar nicht so viele Geschäfte, in denen man unverpackte Waren bekommt. 

Wie macht Umwelt- und Naturschutz Ihnen am meisten Freude?

Wenn man die positiven Effekte sieht – aus meiner Kindheit kenne ich z. B. keine Weißstörche aus meiner Heimat, in den letzten Jahren sind es viel mehr geworden.

Rund zwei Dutzend große weiße Vögel mit schwarzen Flügel- und Schwanzspitzen und leuchtend roten Schnäbeln und Beinen stehen auf einer grauen Sandfläche herum. Zwei picken in einer Pfütze, in der sich Wasser gesammelt hat.
Früher konnte Isabella Eckerle Weißstörche viel seltener beobachten als heute. Diese hier legen auf dem Zug in Israel eine Pause ein.
Thomas Krumenacker

Was ist Ihre größte Umweltsünde? Unter welchen Umständen würden Sie darauf verzichten?

Ich liebe es zu reisen, ich bin sowohl privat als auch beruflich für Forschungsprojekte viel unterwegs. Seit der Coronakrise finden viele Meetings online statt, was ich einen super Ansatz finde und hoffentlich unnötige Reisetätigkeit vermindert. Auch, Reiseziele in der Umgebung zu entdecken, ist ein positiver Effekt. Seit ich in der Schweiz wohne und so viele tolle Freizeitmöglichkeiten um mich herum habe (und durch meinen kleinen Sohn), ist auch der Wunsch nach Fernreisen nicht mehr so groß.

Ein Tag Kanzlerin: Weniger Pestizide, weniger illegale Vogeljagd

Wenn Sie für einen Tag Regierungschefin wären und eine Maßnahme zum Schutz der Vogelwelt umsetzen könnten, was wäre das? 

Reduktion von Pestiziden in der Landwirtschaft, mehr Maßnahmen gegen illegale Vogeljagd.

Was beunruhigt Sie für die Zukunft der Artenvielfalt am meisten und warum?

Zerstörung von Ökosystemen wie z. B. Wäldern – nicht nur wegen der negativen Auswirkungen auf die Artenvielfalt und den unwiederbringlichen Verlust von Spezies, sondern auch wegen der damit verbundenen Zunahme an Infektionsrisiken. Unberührte Ökosysteme weisen ein Gleichgewicht auf, sodass neue Krankheitserreger nicht auf den Menschen überspringen können. Wenn wir dieses Gleichgewicht zerstören, öffnen wir die Büchse der Pandora. Mit dem Verlust von Artenvielfalt steigt das Risiko für neuartige Krankheitserreger.

Woher nehmen Sie Hoffnung?

Aus der Generation an jungen Leuten, die auf die Straße gehen, die Ungleichheit und Umweltzerstörung & Klimawandel nicht hinnehmen wollen.

Wenn Sie sich von der Evolution eine neue Vogelart wünschen dürften, wie würde sie heißen?

Den europäischen Kolibri – ich liebe es, Kolibris an eine Futterspender zu beobachten, es wäre wunderschön, wenn wir dies hier auch tun könnten.

Ein Vogel mit langem Schnabel, dunkelblau glänzendem Kopf, schwarz-blauen Flügeln und weißem Bauch und Schwanzgefieder im Flug.
Kolibris wie dieser Weißnackenkolibri gibt es in Europa nicht. Wenn Isabella Eckerle eine neue Art erschaffen dürfte, würde sie das ändern.
Anne Preger
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Lisa Pannek im Þingvellir-Nationalpark in Südwestisland. Sie trägt einen großen Wanderrucksack und steht mit einem Fernglas in der Hand vor einer felsigen Landschaft. Im Hintergrund sieht man Wasser und Berge.
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Heute mit Daniel Lingenhöhl, designierter Chefredakteur von „Spektrum der Wissenschaft“.

Daniel Lingenöhl, ein Mann mit Brille und kurzem Haar in schwarz/weiß.
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