Wie sich die Corona-Krise auf eine der renommiertesten Forschungseinrichtungen in den USA auswirkt

Ein Interview mit William Pitt vom Smithsonian Conservation Biology Institute. Von Thomas Krumenacker

Thomas Krumenacker

Ein Beitrag von „Die Flugbegleiter – das Online-Magazin für Natur und Vogelwelt“

Die Corona-Krise trifft auch die naturwissenschaftliche Forschung hart. Besonders internationale Projekte zum Arten- und Naturschutz sind durch Reisebeschränkungen, Lock-downs und eine ungewisse Finanzierung in der Zukunft gefährdet. Dabei sind solche Projekte für das Überleben vieler Arten besonders wichtig. Die Smithsonian Institution ist eine der renommiertesten Forschungs- und Bildungseinrichtungen in den USA. Einer breiten Öffentlichkeit durch ihre zahlreichen Museen sowie den Nationalzoo in Washington bekannt, beschäftigt sie unter dem Dach ihres Smithsonian Conservation Biology Institutes (SCBI) viele Wissenschaftszentren und Forschungsprogramme.

Wir sprachen mit Dr. William Pitt, dem stellvertretenden Direktor des SCBI über die Folgen der Corona-Krise für die Arbeit seines Instituts. Pitt koordiniert die Arbeit von mehr als 220 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, Postdoktoranden und Studierenden von Universitäten aus aller Welt. Als Forscher hat er sich einen Namen auf dem Gebiet der Auswirkungen invasiver Wirbeltiere auf einheimische Arten gemacht. 

Porträtfoto von William Pitt
William Pitt ist stellvertretender Direktor des Smithsonian Conservation Biology Institutes.
Smithsonian Institution, All Rights Reserved

„Wir werden weiterhin Forschungs- und Naturschutzaktivitäten durchführen und gleichzeitig unsere Arbeitsschwerpunkte verlagern, um die soziale Distanz zu wahren“


Thomas Krumenacker: Wie wirkt sich die Corona-Krise schon jetzt auf Ihre wissenschaftliche Arbeit oder Ihre Naturschutzarbeit aus?

William Pitt: Alle unsere Feldforschungsprojekte in Afrika, Asien und Südamerika werden für die nächsten Wochen zunächst ausgesetzt, und mehrere neue Projekte, deren Beginn unmittelbar bevorstand, ebenso. Mit der Ausweitung der Reisebeschränkungen und der lock-downs wird es sicher noch schwieriger werden. Es ist unmöglich, jetzt schon vorherzusagen, wie es längerfristig weitergehen wird.

Wie passen Sie die Arbeit ihrer zahlreichen wissenschaftlichen Einrichtungen und Programme an die aktuelle Situation an?

Im Moment ist es meine Priorität, die Forschungs- und Naturschutzaktivitäten so zu verlagern, dass alle sicher sind, während wir gleichzeitig versuchen, die Aktivitäten so gut wie möglich aufrechtzuerhalten. Dazu gehört auch, das Personal zu schützen und sicherzustellen, dass es den Tieren in unserer Obhut gut geht.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftleraus Ihrem Haus sind in aller Welt forschend tätig. Was passiert mit ihnen und ihrer Arbeit? 

Wir ergreifen eine Fülle von Vorsichtsmaßnahmen für die Gesundheit unserer Mitarbeiter, die sich im Ausland befinden, und haben ihnen empfohlen, nach Hause zurückzukehren. Anstehende Reisen unserer in den USA ansässigen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen haben wir abgesagt. Dies wirkt sich natürlich auf unsere Wissenschafts- und Ausbildungsaktivitäten aus. Viele unserer Partnerinstitutionen ergreifen ähnliche Maßnahmen. Das bedeutet: Ein Großteil unserer Arbeit liegt auf Eis. Wir sind stark auf digitale Kommunikation angewiesen, um mit unseren Leuten und Kollegen im Ausland zu kommunizieren, um ihnen Rückhalt zu geben und um Notfallpläne für die laufende Arbeit zu erstellen, die davon betroffen sein wird. Wir werden weiterhin Forschungs- und Naturschutzaktivitäten durchführen und gleichzeitig unsere Arbeitsschwerpunkte verlagern, um die soziale Distanz zu wahren. In den kommenden Monaten werden wir gezwungen sein, uns auf abgeschiedenere Aktivitäten zu konzentrieren – das Schreiben von Anträgen, die Analyse von Daten und die Vorbereitung von Manuskripten.


„Alle unsere Feldforschungsprojekte in Afrika, Asien und Südamerika werden für die nächsten Wochen auf Eis gelegt.“


Haben Sie konkrete Beispiele für Projekte, die nun – zumindest vorerst – gestoppt sind? 

Unsere Veterinär-Stipendiaten in Kenia bieten klinische Betreuung für mehrere äußerst stark gefährdete Arten afrikanischer Wildtiere an. Es müssen Notfallpläne aufgestellt werden, um sicherzustellen, dass diesen Tieren tierärztliche Versorgung zur Verfügung steht, falls sie diese in den kommenden Monaten benötigen sollten. Wir vermuten jedoch, dass die zügige Versorgung von Wildtieren durchaus beeinträchtigt werden könnte.

Auch unser internationales Ausbildungsprogramm, das sich darauf konzentriert, Tierärzten, die in ihren Ländern oft unter schwierigen und von Mangel geprägten Bedingungen tätig sind, im Rahmen eines Austauschs eine klinische und wissenschaftliche Ausbildung zu bieten, wurde vorerst gestoppt. Und ausgerechnet eine Reihe von Konferenzen und internationalen Tagungen, auf denen wir Fragen im Zusammenhang mit Wildtieren und der öffentlichen Gesundheit diskutieren und unsere Arbeit dazu der Öffentlichkeit vorstellen wollten, wurden abgesagt. 



Schutzprojekte für die vom Aussterben bedrohten Spitzmaulnashörner in Kenia und die Großen Pandas in China stehen auf der Kippe


Was ist eines der dringendsten Projekte, das nun gestoppt werden muss?

Wir sind gerade im achten Monat einer einjährigen Studie in Kenia zum Fortpflanzungserfolg des fast ausgestorbenen Spitzmaulnashorns. Dabei wird im Laufe eines Jahres mehrmals wöchentlich der Kot von 17 weiblichen Nashörnern gesammelt, um zu bewerten, wie der Reproduktionserfolg in der Population variiert. Die Analyse für dieses Projekt ist unterbrochen, aber wir hoffen, dass die Ranger vor Ort weiterhin Daten erheben, da sonst die für diese Studie erforderlichen Langzeitdaten fehlten. Auch unsere Arbeit über die Großen Pandas in China wurde ausgesetzt, da unser Teammitglied, das Forschung und Kapazitätsaufbau betreibt, in die USA zurückgekehrt ist.

Welche langfristigen Folgen oder Auswirkungen befürchten Sie? 

Ich mache mir Sorgen um die Sicherheit und Gesundheit unseres Planeten. Die Krise ist ja durch eine Übertragungen von Wildtieren ausgelöst worden. Deshalb hoffe ich, dass wir künftig mehr vorbeugende Schritte unternehmen, um das Risiko von Krankheitsausbrüchen zu minimieren und gesunde Wildpopulationen zu erhalten. Das ist vielleicht ein positiver Aspekt der Krise, dass sie die Weltgemeinschaft für die Risiken des Handels mit wildlebenden Tieren wachrütteln könnte und hoffentlich längerfristig zu Verboten führen wird, die wirksam sind und auch konsequent durchgesetzt werden. 


„Wir machen uns Sorgen über die künftige Finanzierung“


Befürchten Sie auch den Verlust finanzieller Ressourcen?

Da der Großteil unserer Arbeit durch Zuschüsse und Spenden finanziert wird, machen wir uns Sorgen, wie sich diese Situation auf die künftige Finanzierung auswirken könnte. Die Förderung durch die Regierung ist in diesem Jahr bereits beschnitten worden, und aufgrund der Pandemie könnten weitere Kürzungen erforderlich sein. Auch Verzögerungen bei derzeit laufenden Anträgen und Gesprächen mit Geldgebern sind zu erwarten. Wir sind auch auf Mittel angewiesen, die durch den Besuch des Zoos generiert werden [Anmerkung: Der Smithsonian’s National Zoo und das Conservation Biology Institute sind eine Organisation]. Die durch Parkplätze, Konzessionen, Einzelhandel und Sonderveranstaltungen generierten Mittel stellen eine wichtige Unterstützung für unsere Naturschutzwissenschaft dar. Die Verluste durch jeden Tag, an dem der Zoo oder das Smithsonian geschlossen sind, können wir nicht kompensieren.

Kann Ihre Arbeit in dieser Krise vielleicht sogar einen positiven Beitrag leisten?

Unser globales Gesundheitsprogramm untersucht neu auftretende pandemische Bedrohungen an der Quelle und hat als solches in den letzten zehn Jahren das Übergreifen und die Verbreitung von Viren wie dem Corona-Virus untersucht. Wir haben neue Corona-Viren in Fledermäusen in Myanmar identifiziert und verfolgen die Bewegungen von Fledermäusen sowohl in Afrika als auch in Asien. Wir sind Teil einer größeren Gruppe (USAID/PREDICT), die diese Ergebnisse in wissenschaftlichen Publikationen vorgestellt hat.


„Ein indirekter Nutzen könnte eine Verlangsamung des illegalen Handels mit Wildtieren sein.“


Damit liefern wir einige sehr konkrete Beiträge. So stößt auch unser Pilotprojekt One Health zu Telemedizin auf großes Interesse. Auch als Partner des PREDICT-Projekts zur Bekämpfung neu auftretender pandemischer Bedrohungen hat unsere Forschung ihre Wirksamkeit unter Beweis gestellt. Dieses Projekt führte zur Entdeckung von mehr als 1000 neuen Viren, zu entsprechenden Schulungen in über 30 Ländern und zum Aufbau von Kapazitäten in den Labors, um neu auftretende Infektionskrankheiten – wie die aktuelle SARS-CoV-2-Pandemie – künftig zu verhindern, zu diagnostizieren und darauf zu reagieren.

Sehen Sie irgendeinen positiven Aspekt in der beispiellosen Krise, die uns gegenwärtig heimsucht?

Ein potenzieller indirekter Nutzen könnte eine Verlangsamung des illegalen Handels mit Wildtieren sein. Die meisten der in letzter Zeit aufgetretenen Krankheitsausbrüche wurden auf Wildtiere und den Handel mit Wildtieren zurückgeführt. Unsere Teams haben dokumentiert, wie weit der Handel mit Wildtierprodukten verbreitet ist und wie die Krankheitserreger von ländlichen und lokalen Gemeinden auf zentralere Märkte in Orten wie Myanmar gelangen. Die staatliche Durchsetzung des Verbots des Handels mit Wildtieren würde künftige Krankheitsausbrüche minimieren.

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