„Viele Naturdokus sind einfach Disney-Quatsch“

Der Regisseur Marcus Held über seinen Film „Ornis“ und den Langmut älterer Vogelbeobachter

Marcus Held

Flugbegleiter – Ihre Korrespondenten aus der Vogelwelt

So etwas wie „Ornis“ gibt es in unserer hektischen Film- und Fernsehwelt kaum noch: ein Werk, das sich Zeit nimmt. Viel Zeit. Marcus Held beschäftigt sich in seinem jüngsten Dokumentarfilm mit Vögeln – beziehungsweise mit den Menschen, die sich für Vögel interessieren. Im Mittelpunkt steht der Ornithologische Verein Leipzig. Gegründet wurde er 1881 als „Verein von Freunden der Ornithologie und des Vogelschutzes“. Der Film konzentriert sich auf die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Zu Wort kommen neun Vereinsmitglieder, die genauso in die Jahre gekommen sind wie ihr Verein. Eine Gemeinschaft, in der es im Gegensatz zu anderen ornithologischen Gruppierungen keine jungen Menschen und kaum Frauen gibt.

Warum haben sich diese Menschen zum Teil 60 Jahre lang mit Vögeln beschäftigt? Ist die Ornithologie ein Hobby wie Briefmarken sammeln – oder geht es hier um mehr: um das Verhältnis des Menschen zur Natur? Um die Sehnsucht nach etwas Ursprünglichem in einer immer künstlicheren Welt? Der Film wirft Fragen auf – und beinahe nebenbei wird er zu einem Stück Zeitgeschichte, erzählt von Bürgern der DDR.

Am 2. und 4. Februar feiert „Ornis“ in Leipzig seine Kinopremiere. Claudia Ruby hat mit dem Filmemacher Marcus Held gesprochen. 

Herr Held, handelt „Ornis“ eigentlich mehr von Vögeln oder von Menschen?

Es geht um beides, um Menschen, die sich für Vögel interessieren. Die Leute in dem ornithologischen Verein kommen aus ganz verschiedenen sozialen Verhältnissen, beschäftigen sich aber mit dem gleichen Thema. Das hat mich interessiert. Für die Interviews hatte ich mir alle möglichen komplexen Fragen ausgedacht: zum Verhältnis von Natur und Kultur zum Beispiel – aber das hat dann nicht wirklich funktioniert; die Mitglieder haben einfach erzählt, was sie gemacht haben. Es ging dann erstaunlicherweise gar nicht so viel um Vögel in den Gesprächen.

Wenn man den Film anschaut, hat man den Eindruck, dass der Verein auch ein bisschen vom Aussterben bedroht ist – genau wie manche Vogelart. 

Ja, das ist schon so. Bei der Arbeit am Film ist mir aufgefallen, wie sehr sich die gesellschaftlichen Umstände geändert haben, wie sehr sich auch ehrenamtliche Arbeit geändert hat. Heute zum Beispiel ist es undenkbar, dass jemand über 27 Jahre hinweg ein Nistkastenrevier betreut. Die Menschen sind gar nicht so lange an einem Ort. Es besteht glaube ich im Verein eine sehr abstrakte Vorstellung, dass es doch schön wäre, wenn junge Leute kämen. Aber die Strukturen dort sind für junge Leute nicht kompatibel.

Warum nicht?

Der Verein hatte seine große Zeit in den 1950er, 60er Jahren. Auf diese Zeit beziehen sich die Mitglieder auch immer wieder. Ab einem gewissen Punkt hat sich da nicht mehr viel entwickelt. Und das ist für einen jungen Menschen, der dazu kommt, schon sehr skurril. Eine Zeitreise.

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Colette Henrichmann
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