Für den Seidensänger ist London eine Wildnis

Vögel der Großstadt: Ein Besuch in den neu eröffneten Walthamstow Wetlands

Christian Schwägerl

Green Park, Oxford Circus, King's Cross – noch klingen die Namen der U-Bahnhöfe entlang der Victoria Line vertraut. Doch wenn man dann 15, 20 Minuten später an der Station Blackhorse Road aussteigt, wirkt das dem Touristen bekannte Londoner Zentrum weit weg. Der Besucher steht an einer reichlich gesichtslosen, vielbefahrenen Hauptverkehrsstraße. Eingesäumt von Werbetafeln sind auf der A503 statt schwarzer Pferde Unmengen schwarzer Autos unterwegs. Auf der anderen Straßenseite wird ein Gebäudekomplex hochgezogen, der an ein Gewerbegebiet erinnert und sich als künftige Studentenwohnstadt entpuppt.

Nichts deutet darauf hin, dass nur wenige Minuten von hier entfernt Tafelenten und Kormorane, Seidenreiher und noch erstaunlichere Vogelarten leben. Außer dieses braune Schild, das ziemlich absurd wirkt. Inmitten urbaner Anonymität wird ein Feuchtgebiet ausgewiesen. Der Weg führt nach links, über eine kleine, die vier Fahrbahnen der A503 teilende Insel, auf der sich wegen der langen Rotphasen für Fußgänger die Menschen zusammendrängen wie Pinguine auf einer Eisscholle, die von Orcas umrundet wird.

Christian Schwägerl

Dass Städte, obwohl sie vielerorts regelrecht lebensfeindlich aussehen, eben nicht das Gegenteil von Natur sind, sondern in einem erstaunlichen, bis vor kurzem für unmöglich gehaltenen Ausmaß Artenvielfalt beherbergen, ist keine ganz neue Erkenntnis. Aber es ist erst in den vergangenen Jahren mit größerer Wucht ins öffentliche Bewusstsein gerückt, wie stark heute viele Arten auf Brut- und Rückzugsflächen mitten in den am dichtesten besiedelten Gebieten der Welt angewiesen sind. Seine größten Populationen hat der Wanderfalke inzwischen in New York. In Berlin brüten Großmöwen auf den Kiesdächern des Regierungsviertels, weil sie dort oben Ruhe vor Füchsen haben. Rom ist zur Heimat der Stare geworden. Washington hat seine Roosevelt-Insel. Und London? Die britische Hauptstadt hat die Walthamstow Wetlands.

Gegeben hat es dieses Feuchtgebiet schon, als die Römer sich in Londinium niederließen – als weites Sumpfgebiet im Tal des Flusses Lea, der in den Chiltern Hills entspringt und wenige Kilometer südlich der Walthamstow Wetlands in die Themse mündet. Es gibt auch schon länger jene Wasserbecken, die nun prägend für das Gebiet sind. Wasserbauingenieure legten sie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts an, um die wachsende Metropole mit Trinkwasser zu versorgen. Doch erst im Oktober 2017 wurden die Walthamstow Wetlands einer neuen, erweiterten Bestimmung übergeben.

Um diese zu verstehen, muss sich der Besucher erst an der A503 entlangquälen – bis wie eine Verheißung ein Metallgerüst in den Himmel ragt und bis am schwarzen Zaun, der das Areal einrahmt, ein großes Banner mit einem Mädchen wirbt, das mit dem Fernglas Vögel anschaut und das, der Brexit-Rhetorik trotzend, "the largest urban wetland in Europe" ankündigt.

Christian Schwägerl

An diesem kalten, sonnigen Wintertag ist am Haupteingang des Gebiets viel los. Das Mädchen auf dem Plakat ist beileibe nicht die einzige mit Fernglas. In Großbritannien, dem Land der Birder, nehmen nicht nur leidenschaftliche "Ornis" Optik mit, wenn sie die Wohnung verlassen, sondern auch Anwohner bei ihrer Mittagsrunde. Und Anwohner gibt es reichlich. 500.000 Menschen leben laut einem Guardian-Artikel in einem Radius von drei Kilometern rund um die Walthamstow Wetlands. Für sie war das Ereignis im Oktober ebenso wichtig wie für Naturfreunde in anderen Teilen der Stadt.

Bisher brauchte man nämlich eine Sondergenehmigung, um das 211 Hektar große Gebiet zu betreten. Nun wurde es saniert und, ausgestattet mit einem Netz aus Fuß- und Fahrradwegen, der Öffentlichkeit zur kostenlosen Benutzung übergeben. Während man in einem vergleichbaren Gebiet im Südwesten Londons für ein Familienticket knapp 35 Pfund bezahlen muss, läuft man hier im Norden einfach durch die schweren Metallgatter hindurch. Sorgsam wird aber darauf geachtet, dass die Vogelwelt nicht unter der Öffnung leidet. Hunde etwa sind im ganzen Areal verboten.

Christian Schwägerl

Der erste Blick ist ernüchternd: Eine riesengroße Wasserfläche mit dem Charme eines Feuerlöschteichs. Aber was könnte überzeugender sein, dass das Konzept funktioniert, als der kleine türkisfarbene Fleck auf dem (ausgeschalteten) Heizpilz des Pubs Ferry Boat, nur wenige Schritte von der Hauptstraße entfernt? Ein Fleck, der sich ruckartig in Bewegung setzt und wie ein Pfeil über das glatte Wasser des Kanals zischt, nur um sich ein paar Dutzend Meter weiter auf einen Weidenast zu setzen. Nur um eine Minute später Gesellschaft von einem zweiten türkisfarbenen Fleck zu bekommen. Neben Big Ben und Tower Bridge hat London ein Eisvogelpaar zu bieten, das die unmittelbare Nachbarschaft von 500.000 Menschen nicht die Bohne stört.

Während man die funkelnden Eisvögel getrost als Kronjuwelen der Walthamstow Wetlands bezeichnen kann, ist die Liste der Vogelarten, für die dieses Gebiet entweder zum Brüten oder zum Rasten auf dem Durchzug wichtig ist und die Vogelbeobachter regelmäßig zu sehen bekommen, viel länger: Löffel-, Schnatter-, Schell-, Reiher- und Tafelenten sind zu beobachten, und sogar Bergenten. Die Graureiherkolonie auf einer der künstlichen Inseln zählt zu den größten im Vereinigten Königreich. Ein Wanderfalkenpaar bewohnt das Gebiet. Im Winter sollen sich hier Große Rohrdommeln tummeln. Und zur Zugzeit machen Küstenseeschwalben auf ihrem langen Weg hier Rast, inoffizielle Maskottchen jenes "Globalismus", den die britische Premierministerin Theresa May geißelte, als sie sagte, wer glaube, ein Weltbürger zu sein, sei in Wahrheit ein Bürger von Nirgendwo. Nichts könnte für die Küstenseeschwalben bei ihren Flügen um den Globus unbedeutender sein als der die Menschen bewegende Brexit.

Im Besucherzentrum, das in einem renovierten Pumphaus untergebracht ist, gibt es nicht nur eine kleine Ausstellung über die Tierwelt des Gebiets, sondern auch eine Kreidetafel mit den neuesten Beobachtungen: Von sechs Schellenten, einer weiblichen Bergente, einer Bekassine, Haubentauchern beim Balzen, Feldlerchen, Misteldrosseln, Wanderfalken und natürlich den Eisvögeln wird an diesem Tag berichtet.

Der Seidensänger (Cettia cetti) ist am Kopf-Grau und dem weißen Streifen über den Augen zu erkennen.
Der Seidensänger (Cettia cetti) ist am Kopf-Grau und dem weißen Streifen über den Augen zu erkennen.
Alba Casals Mitja/Shutterstock

Eine Art, über die sich der aus Deutschland, Österreich oder der Schweiz kommende Vogelbeobachter freuen wird, ist der Seidensänger (Cettia cetti). Er macht mit seinem Verbreitungsgebiet bildlich gesprochen einen großen Bogen um Mitteleuropa: Es reicht vom Süden Englands über die französischen Küstenregionen, die iberische Halbinsel und Nordafrika in den Mittelmeerraum – aber in Mitteleuropa kommt der Vogel nur vereinzelt vor*. In Belgien ist er immerhin zum sehr seltenen neuen Brutvogel avanciert, aus Deutschland gibt es bisher dagegen nur zwei Brutnachweise, von 1975 und 2015.

Der Seidensänger ist das, was angelsächsische Vogelbeobachter mit der wohl gräßlichsten Phrase belegt haben, die der Orni-Welt entsprungen ist: ein "little brown job", auch abgekürzt "LBJ", womit die Gruppe der Rohrsänger, Laubsänger, Schwirle und auch Vögel wie der Cisten- und der Seidensänger subsummiert werden. Natürlich braucht es einen außerordentlich geschulten Blick oder eben ein gutes Gesangsgehör, um Unterschiede zu bemerken, aber weder sind Vögel "jobs" für die Bestimmung, noch verdienen sie Abschätzigkeit, nur weil die Evolution sie auf eine hervorragende Weise an ihren schilfigen Lebensraum angepasst hat und dies den geneigten Beobachter stärker herausfordert als sagen wir ein Eisvogel.

Den Seidensänger kann man auch an seinem Gesang gut erkennen – er wird unisono als "explosiv" beschrieben. Obwohl er ein Ganzjahresvogel ist und sich angeblich auch ganzjährig durch Zetern bemerkbar macht, bleibt er an diesem Tag indes stumm.

Durch minimale Interventionen entsteht Raum für das Wachstum neuer Schilfgürtel.
Durch minimale Interventionen entsteht Raum für das Wachstum neuer Schilfgürtel.
Christian Schwägerl

Die winterliche Ruhe lässt dafür andere Merkmale dieser Landschaft umso klarer hervortreten. Erfreulich ist, dass an mehreren Orten versucht wird, Schilfgürtel wachsen zu lassen. Doch mitunter wirken die Walthamstow Wetlands ziemlich steril, es ist unverkennbar, dass es sich um aktiv bewirtschaftete Wasserreservoirs handelt. Die aufgeschütteten Ufer, die noch immer aussehen wie mit dem Lineal gezogen, testen die Grenzen dessen, was man ästhetisch noch als "Feuchtgebiet" durchgehen lassen will. Ein Seitenkanal des Lea-Flusses ist im Brutalismus der 1970er Jahre in Stein gefaßt und wirkt einfach nur tot.

Aber die Vögel sprechen eine andere Sprache. Ob aus Mangel an Rast- und Brutalternativen oder aus schierer Lust am urbanen Leben bevölkern sie in großer Zahl und Vielfalt dieses Gebiet, von dem aus die Londoner City und der Olympiapark gut zu sehen sind. Es gibt Areale im "ländlichen Raum", deren Vogelwelt deutlich ärmer ist als die der Walthamstow Wetlands.

In Ronald Wrights Science Fiction A Scientific Romance sind es die aus dem Londoner Botanischen Garten Kew entkommenen Tropenpflanzen, die in einer brutal aufgeheizten Welt den Großteil der Vegetation bilden. Ebenso plausibel wie dieses Szenario ist es, dass städtische Areale wie die Walthamstow Wetlands prägend für die Vogelwelt der Zukunft sein werden. Arten, die zwischen Kanälen, Stromleitungen und Industrieruinen gut gedeihen, haben in der Welt von heute einen eindeutigen Überlebensvorteil. Wie die Reiherenten da völlig unbeirrt schwimmen, während neben ihnen der Verkehr der A503 tost und ein kleiner Strom von Besuchern nach Schließung der Tore zurück zur U-Bahn strebt, könnte man meinen, die Menschenwelt sei für sie schon längst die neue, ganz selbstverständliche Wildnis. Ob das nun eher traurig oder eher beruhigend ist, besprechen wir ein andermal.

Besucherinformationen: Informationen zur Anreise, zu den Öffnungszeiten und zum Gebiet selbst bietet die offizielle Webseite des Gebiets.

* Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels stand, dass Seidensänger in Mitteleuropa nicht vorkommen. Grundlage waren Verbreitungskarten in Bestimmungsliteratur. Mein Kollege Thomas Krumenacker hat mich aber darauf aufmerksam gemacht, dass der Seidensänger sein Areal in jüngerer Zeit Richtung Belgien erweitert hat und es zwei Brutnachweise aus Deutschland gibt. Ich habe den Absatz entsprechend ergänzt.