Witzsumme für den Datenschatz

Deutschland gibt für das Vogelmonitoring soviel Geld aus wie für wenige Meter neue Autobahn. Das sollte sich ändern. Kommentar von Thomas Krumenacker

Thomas Krumenacker

Flugbegleiter – Ihre Korrespondenten aus der Vogelwelt

Was bekommt man als Staat oder öffentliche Hand für 300.000 Euro? Einen 20 Quadratmeter großen LED-Bildschirm an der Außenfassade des Landtags in Düsseldorf zum Beispiel. Oder ein neues Löschfahrzeug für die Feuerwehr. Oder knapp zwei Meter der neuen Berliner Stadtautobahn. Nicht so richtig viel also.

Manchmal sind 300.000 Euro aber auch ein echtes Schnäppchen, um nicht zu sagen: ein Spottpreis, für den der Staat sehr viel erhält. Die „Bund-Länder Verwaltungsvereinbarung Vogelmonitoring“ ist so ein Beispiel. Im Rahmen dieser Vereinbarung übernimmt der Dachverband Deutscher Avifaunisten (DDA) die Organisation und die wissenschaftliche Auswertung des ehrenamtlichen Vogelmonitorings in Deutschland. Dafür erhält er einen Zuschuss von knapp 300.000 Euro im Jahr.

Ohne abgesicherte Daten kein Vogelschutz

Konkret bedeutet das: Bund und Länder erhalten aufgrund des ehrenamtlichen Engagements Tausender Vogelbeobachter und der wissenschaftlichen Auswertung der dabei gewonnenen Daten durch die Profis vom DDA für einen sehr bescheidenen Betrag grundlegende Daten, ohne die sie viele ihrer national und international eingegangenen Verpflichtungen nicht erfüllen könnten. Zum Beispiel die Berichtspflicht nach Artikel 12 der Vogelschutzrichtlinie und die Verpflichtungen zur Datenerhebung im Rahmen internationaler Übereinkommen wie der "Bonner Konvention zum Schutz wandernder Arten" mit dem Afrikanisch-eurasischen Wasservogelabkommen. Selbst die Europäische Union nutzt die Daten.

Fundierte Daten sind aber nicht zuletzt auch für den Schutz von Vögeln hierzulande unerlässlich. Die Ergebnisse des Vogelmonitorings liefern nämlich eine unverzichtbare Basis für politische Entscheidungen beispielsweise in der Agrarpolitik oder der Ausweisung von Schutzgebieten. Gleiches gilt für die Überprüfung der Wirksamkeit eingeleiteter Schutzmaßnahmen.

„Die Ergebnisse des Vogelmonitorings zeigen uns in vielen Bereichen konkrete Gefährdungen und Handlungsbedarfe an“, fasste das unlängst die Präsidentin des Bundesamts für Naturschutz, Beate Jessel, bei einer Festveranstaltung zum zehnjährigen Bestehen der Kooperationsvereinbarung zusammen. „Deshalb wollen wir das Vogelmonitoring weiter stärken“, versprach sie. Großes Lob kam bei dem Festakt auch vom Thüringer Umwelt-Staatssekretär Olaf Möller. Die Vereinbarung sei beispielgebend im Natur- und Umweltschutz".

Mehr wert als das Leipziger Budget zur Graffitibeseitigung

Daran, wie stark passionierte Vogelbeobachtung mittlerweile auch hierzulande verankert ist, erinnerte der DDA-Vorsitzende Bernd Hälterlein, der auf inzwischen mehr als 30.000 Menschen in Deutschland verwies, die ihre Beobachtungen dem DDA meldeten. Aus einer vor noch nicht allzu langer Zeit freundlich belächelten Passion einiger ist mit dem bundesweiten Vogelmonitoring mittlerweile das wohl größte bürgerwissenschaftliche Netzwerk - moderner: „Citizen-Science-Projekt“ - in Deutschland entstanden.

Dieses Netz noch zu stärken, sollten sich Bund und Länder etwas kosten lassen. Wie rasch gehandelt werden kann, hat die Debatte über das Insektensterben gezeigt. Ebenso eilig wie richtigerweise hat Umweltministerin Svenja Schulze auf die dramatischen Erkenntnisse reagiert und ein 100 Millionen Euro schweres „Aktionsprogramm Insektenschutz“ angekündigt. 25 Millionen Euro davon sollen in Forschung und Überwachung fließen.

Den Vogelbeständen geht es nicht besser als den Insekten und der Datenbedarf ist auch hier weiter groß. Ohne das Insektenmonitoring gegen das der Vögel ausspielen zu wollen, illustrieren die Zahlen doch ein deutliches Missverhältnis. Die Aufbereitung des ehrenamtlich gewonnenen Wissens über den Zustand der Vögel hierzulande sollte uns mehr wert sein als den Gegenwert eines Feuerwehrautos oder die Summe, die eine Stadt wie Leipzig im Jahr für die Beseitigung von Graffitis ausgibt. Auch drei Millionen statt 300.000 Euro könnte uns das Monitoring der heimischen Vogelwelt locker wert sein. Die Verantwortlichen wüssten sicher genau, wie sie eine solche Summe sinnvoll einsetzen können.

Reaktionen:

RiffReporter fördern

Tauchen Sie ein! Mit ihrem Kauf unterstützen Sie neue Recherchen der Autorinnen und Autoren zu Themen, die Sie interessieren.

Liebe Leserin, lieber Leser,
um diesen RiffReporter-Beitrag lesen zu können, müssen Sie ihn zuvor kaufen. Damit Ihnen der Kauf-Dialog angezeigt wird, dürfen Sie sich aber nicht in einem Reader-Modus befinden, wie ihn beispielsweise der Firefox-Browser oder Safari bieten. Mit dem Beitragskauf schließen Sie kein Abo ab, es ist auch keine Registrierung nötig. Sobald Sie den Kauf bestätigt haben, können Sie diesen Beitrag entweder im normalen Modus oder im Reader-Modus bequem lesen.

Invalid url 'https://twitter.com/ugoettert/status/1072789501423034369' (Status code 404)

***

Es freut uns, dass Sie sich wie wir für Vögel und Natur interessieren! Wir „Flugbegleiter – Ihre Korrespondenten aus der Vogelwelt“ bieten jeden Mittwoch neue spannende Beiträge zu Naturschutz, Vogelbeobachtung und Ornithologie. Unseren Naturjournalismus ermöglichen Abonnenten und Förderabonnenten. Das ganze Angebot gibt es für 3,99€/Monat. Mit unserem kostenlosen wöchentlichen Newsletter erfahren Sie immer zuerst von neuen Beiträgen.

Weiter zur Startseite von Flugbegleiter – Ihre Korrespondenten aus der Vogelwelt

ÜBER UNS / Twitter / Facebook / Kontakt: info@flugbegleiter.org / Kostenlose Leseproben / Kostenloser wöchentlicher Newsletter / Jetzt abonnieren / Anleitung für Kunden / Veranstaltungen und Exkursionen / Probleme beim Bezahlen? / Sie zögern beim Bezahlen? 

  1. Naturschutz
  2. Vögel
  3. Vogelschlag
  4. Vogelschutz

Damit kein Uhu mehr den Stromtod stirbt

Noch immer kommen Eulen und andere Großvögel an ungesicherten Mittelspannungsmasten um. Dabei sollten diese laut Gesetz längst umgerüstet sein. Vogelschützer aus der Eifel wollen die Verantwortlichen jetzt zum Handeln zwingen. Von Johanna Romberg

Ein Uhu nimmt seinen Beobachter ins Visier und drückt dabei ein Auge zu
  1. Naturschutz
  2. Ölkatastrophe
  3. USA

Wo jeder Baum, jeder Strommast zum Rastplatz der Zugvögel wird

Impressionen einer gefährdeten Landschaft: Eine Reise durch das Lower Rio Grande Valley im Süden von Texas.

Kanadareiher brüten gerne auf menschlichen Bauwerken.
  1. Fragebogen
  2. Naturschutz
  3. Vogelbeobachtung

Der Vogel-Fragebogen: „Habt keine Angst, ich will euch nur beobachten“

Heute mit Daniel Lingenhöhl, designierter Chefredakteur von „Spektrum der Wissenschaft“.

Daniel Lingenöhl
  1. Naturschutz

Feine Nasen für den Artenschutz

Hunde suchen nach Drogen, Sprengstoff und vermissten Menschen. Sie können aber auch seltene Tiere und Pflanzen erschnüffeln. Besuch eines Artenspürhund-Trainings.

  1. Freiflug
  2. Naturschutz
  3. Vogelbeobachtung

Ihr Einsatz für unseren Naturjournalismus

Lesen Sie fünf Vorschläge, wie Sie „Die Flugbegleiter“ unterstützen können.

Zwei Postkarten. Eine mit einen Starenfoto, eine mit einer Kohlmeise.
  1. Freiflug
  2. Naturschutz
  3. Umweltgeschichte

Die vergessene Umweltkatastrophe, die sich allzu leicht wiederholen könnte

Vor 40 Jahren verseuchte die Ölplattfom Ixtoc 1 den Golf von Mexiko. Mit Deepwater Horizon wiederholte sich das Unglück. Chronik eines vermeidbaren Umweltfrevels.

Luftaufnahme des Meeres über der brennenden Ölquelle Ixtoc 1. Öl tritt aus. Aufnahme von 1979/80.
  1. Naturschutz
  2. Umweltpolitik

Das unheimliche Gefühl, dass in der Landschaft die Tiere fehlen

Der Vogelspaziergang: Mit dem Naturschützer und Regierungsstrategen Josef Tumbrinck im Berliner Tiergarten.

23 Jahre lang hat er den nordrhein-westfälischen NABU geführt, nun arbeitet er im Bundesumweltministerium im Naturschutz: Josef Tumbrinck beim Vogelspaziergang im Tiergarten.
  1. Artensterben
  2. Klimakrise
  3. Naturschutz

Artensterben und Klimakrise: Das Ende von „Ja, aber"

Nach der Europawahl: Können die Volksparteien ihren ökologischen Gedächtnisverlust überwinden und wieder Antworten auf die epochalen Umweltkrisen finden?

Die neue CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer war einmal Mitarbeiterin von Klaus Töpfer – doch auf ihre aktuelle Politik färbt das nicht ab.
  1. Natur
  2. Naturschutz
  3. Psychologie

Nennt es Wiese, nicht Ressource

Natur braucht nicht nur besseren Schutz, sondern auch eine lebendigere Sprache.

Blumenwiese am Hintersteiner See, Scheffau, Tirol
  1. Artensterben
  2. Insekten
  3. Naturschutz

Artensterben: Was Schriftstellerinnen, Wissenschaftler und Wirtschaftsvertreter jetzt für nötig halten

Die Bestsellerautorin Andrea Wulf rät zu Panik und Naturliebe, der Evolutionsbiologe Axel Meyer zu Gentechnik und Atomkraft. Eine Umfrage.

  1. Naturschutz

Den Kranichen fehlt das Wasser zum Brüten

In Norddeutschland fallen in diesem Frühjahr viele Feuchtgebiete durch Trockenheit als Neststandorte aus. Von Carl-Albrecht von Treuenfels

Ein frisch geschlüpftes Kranichküken.
  1. Artensterben
  2. Countdown2020
  3. Insekten
  4. Naturschutz

Wir sind dabei, den Reichtum aus Millionen Jahren Evolution zu vernichten

Nach dem UN-Bericht zum Artensterben: Jetzt geht es um die Grundlagen unserer Wirtschaftsweise. Ein Kommentar von Christian Schwägerl

Symbolbild: Verantwortung für die Erde. Mit einem Flugbegleiter-Abonnement unterstützen Sie Umweltjournalismus zu überlebenswichtigen Fragen.
  1. Countdown2020
  2. Naturschutz
  3. Umweltpolitik

Beim Schutz der Artenvielfalt ruhen die Hoffnungen nun einmal mehr auf der Wissenschaft

Vor dem großen UN-Bericht zur Lage der Natur: Hören die Bundesregierung und ihre Verbündeten hin? Eine Analyse.

Nach Analysen von US-amerikanischen Forschern in Kooperation mit Google sind allein zwischen dem Jahr 2000 und 2012 auf 2,3 Millionen Quadratkilometern Wälder verschwunden – was einer Fläche von 1500 mal 1500 Kilometern entspricht. Einer der Schwerpunkte der Entwaldung ist die indonesische Insel Borneo. Im Bild zu sehen ist ein Gebiet, das für das sogenannte Mega-Rice-Projekt mit dem Versprechen des Reisanbaus entwaldet, aber dann zum Anbau von Ölpalmen verwendet wurde.
  1. Architektur
  2. Naturschutz
  3. Vogelschlag

Todesfalle Regierungsviertel: Wenn Waldschnepfen gegen die CDU-Zentrale rasen

Jedes Jahr sterben allein im Berliner Zentrum Tausende Vögel an den Glasfassaden. Dabei wäre Abhilfe möglich. Von Christiane Habermalz

Der letzte Moment im Leben eines Vogels.
  1. Bücher
  2. Naturschutz
  3. Rezension

Flugbegleiter-Büchertipps

Markus Hofmann, Cord Riechelmann, Johanna Romberg und Christian Schwägerl geben Lesetipps zu neuen Büchern über die Natur

Bücherfrühling
  1. Naturschutz
  2. Ornithologie

„Der Nationalpark ist nicht nur ein Biotop, sondern auch ein Psychotop“

Heinrich Haller, langjähriger Direktor des Schweizerischen Nationalparks, über eine sinnvolle Naturschutzpolitik

  1. Freiflug
  2. Naturschutz

Gutes aus Europa: Wie eine Richtlinie hilft, Angriffe auf die Artenvielfalt abzuwehren

Interview mit Ariel Brunner von BirdLife International über ein 40 Jahre altes Stück Papier, das schon viele Vogelarten und Habitate gerettet hat.

Vogelschutzgebiet Streng im Havelland
  1. Insekten
  2. Naturschutz

„Herausfinden, was den Wildbienen wirklich hilft“

Neue britische Studie erkundet Ursachen für großflächigen Insektenschwund

  1. Bayern
  2. Naturschutz
  3. Volksbegehren

Bayerns Naturschützer wollen kompromisslos für ihren Gesetzentwurf eintreten

„Mit uns wird es keinen Kuhhandel geben“: Der Mitinitiator des bayerischen Volksbegehrens für Artenvielfalt, Norbert Schäffer, im Gespräch

Bayerische Fahne auf Holz
  1. Freiflug
  2. Naturschutz
  3. Vogelbeobachtung

Hilfe für den raren Allerweltsvogel

Bei den „Berliner Spatzenrettern“ zeigt sich: Schulen können Spatzen schützen. Und Spatzen können Rabauken ganz zahm machen. Interview zum Weltspatzentag.

RiffReporter unterstützen
Die Flugbegleiter