Wie viele Insekten brauchen die Vögel?

Ein Schweizer Zoologe hat den globalen Insektenkonsum von Vögeln berechnet – mit spektakulärem Ergebnis

Von Thomas Krumenacker

Thomas Krumenacker Rauchschwalbe, Jungvögel fütternd

Flugbegleiter – Ihre Korrespondenten aus der Vogelwelt

Seit der Veröffentlichung der „Krefelder Studie“ ist der starke Rückgang von Insekten eines der Top-Themen in der umweltpolitischen Debatte hierzulande. Auch Vogelschützer sind alarmiert. Kein Wunder, denn eine intakte Insektenfauna ist für das Überleben vieler Vogelarten existenziell. Ein internationales Team um den Basler Forscher Martin Nyffeler hat nun eine weitere Untersuchung vorgelegt, die gewissermaßen die andere Seite derselben Medaille beleuchtet, nämlich die Frage: wie viele Insekten brauchen Vögel eigentlich?

Die Fragestellung ist dabei nicht auf einzelne Vogelarten bezogen, nicht lokal oder regional ausgerichtet, sondern global. Als erstes Forscherteam überhaupt legen die Wissenschaftler eine Schätzung des weltweiten Insektenkonsums durch Vögel vor. In ihrer im Fachjournal The Science of Nature publizierten Analyse kommen Nyffeler und seine Kollegen zu dem Schluss, dass insektenfressende Vögel global in jedem Jahr zwischen 400 Millionen und 500 Millionen Tonnen Insektenbiomasse vertilgen. Damit konsumieren die insektenfressenden Vögel in jedem Jahr soviel Energie wie eine Megametropole wie New York verbraucht. 

Ohne Vögel wäre die globale Lebensmittelproduktion gefährdet

Diese Zahl illustriert nicht nur, wie viele Insekten die Vögel benötigen, sondern auch das Ausmaß an ökologischer Dienstleistung, die Vögel erbringen. Zumal die Bedrohung bestimmter Insektengruppen durch Klimawandel wächst: US-amerikanische Forscher prognostizieren im Fachblatt Science, dass für jedes Grad, das die mittlere Temperatur der Erdatmosphäre ansteigt, die Ernten von Weizen, Mais und Reis um 10 bis 25 Prozent schrumpfen werden, weil sich Insekten, die an Getreidepflanzen fressen, besser entwickeln können. Das betreffe vor allem die Gemäßigten Breiten. Die globale Lebensmittelproduktion wäre gefährdet, ohne Vögel, die Insekten in Schach halten, müssten aber vor allem in Wäldern vermehrt Insektizide eingesetzt werden.

Was bei den Bestäuber-Insekten gilt, trifft auch auf Vögel zu: Geraten sie in Gefahr, ist auch der Mensch bedroht.

Thomas Krumenacker hat mit dem Hauptautoren der Studie gesprochen, dem Basler Zoologie-Privatdozenten Martin Nyffeler.

***

Sie haben die weltweit erste wissenschaftliche Abschätzung des Insektenkonsums durch Vögel vorgelegt. Sie taxieren die Menge auf 400 Millionen bis ​500 Millionen Tonnen im Jahr. Wie können Sie die enorme Zahl fassbar machen?

Am besten mittels Vergleichen. Weltweit verzehren Menschen pro Jahr nach Statistiken der Welternährungsorganisation ungefähr dieselbe Menge – nämlich 400 Millionen Tonnen – Fleisch und Fisch. Alle Wale der Weltmeere zusammen brauchen pro Jahr zwischen 280 und 500 Millionen Tonnen Nahrung, alle Seevögel zusammengenommen rund 70 Millionen Tonnen. Wenn man die Zahl der von insektivoren Vögeln gefangenen Beutetiere hochrechnet, lässt sich grob abschätzen, dass vielleicht zwischen zwei Billiarden und 20 Billiarden Beutetiere pro Jahr gefressen werden. Spinnen sind übrigens noch größere Insektenvertilger als Vögel, sie konsumieren zwischen 400 und 800 Millionen Tonnen Insekten. 

Während der Brutzeit sind fast alle Singvögel auf Insektennahrung angewiesen, um ihre Jungen großzuziehen – so wie dieses Blaukehlchen.
Thomas Krumenacker
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Thomas Krumenacker
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Thomas Krumenacker

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