Jeder kann den Rauchschwalben helfen

Carl-Albrecht von Treuenfels: Meine Vogelbeobachtungen, Teil 6

Carl-Albrecht von Treuenfels

Flugbegleiter – Ihre Korrespondenten aus der Vogelwelt

In der Flugbegleiter-Rückschau auf meine früheren Artikel geht es heute um die Rauchschwalbe. Die ersten großen Einbrüche in ihrem Bestand in Europa lösten zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts die Veränderungen in der Landwirtschaft aus. Die kleinteilige Viehwirtschaft mit Stall- und Weidehaltung und dem Einsatz von Arbeitspferden und -ochsen machte der Mechanisierung Platz. Damit verschwanden viele Ställe alter Bauart, die den "Hausschwalben" ausreichend Nistplätze und Insektennahrung boten. Dann folgten die Chemisierung und die Großfelderwirtschaft, die Monokulturen und die Umgestaltung von Grünland zu Ackerland mit hohem Maisanteil. All das machte den Schwalben das Leben immer schwerer.

Regenreiche und kalte Frühjahre und Sommer wie in diesem Jahr verzögern bei vielen Rauchschwalben die Rückkehr aus den afrikanischen Winterquartieren und führen zu Verlusten. An ihren Nistorten schließlich angekommen, konnten sie wegen des schlechten Wetters nicht gleich mit Nestbau und Eierlegen beginnen. Viele bezogen ihre vorjährigen Nester, sofern diese noch vorhanden waren. Aber etliche der aus gehärtetem Schlamm gebauten Halbschalen unter der Decke blieben leer. In Norddeutschland waren es an vielen Orten mehr als die Hälfte weniger Brutpaare.

Mühsames Ringen um Brutplätze in Ställen

Sollte es einen milden Herbst geben, wird manches Schwalbenpaar einen dritten Brutversuch wagen. Um Insektennahrung für ihre bis zu fünf Jungen heranzuschaffen, fliegen sie nicht selten mehr als einen Kilometer weit, um über einer Wasserfläche genügend Beute im Flug zu erhaschen. In den letzten Jahren siedeln sich vermehrt Rauchschwalben in Städten zum Brüten an. Sie scheinen dort mitunter mittlerweile bessere Aufzuchtbedingungen für Ihre Jungen vorzufinden als auf dem Land.

In unserem Keller brütet in diesem Jahr nur ein Paar, früher waren es regelmäßig drei Paare. Aber beim etwas entfernten Nachbar sieht es zum Glück besser aus: In seinem ehemaligen Bullenstall brüten zum dritten Mal nicht weniger als 14 Paare und außen unter dem Dachvorsprung zudem noch ein halbes Dutzend Mehlschwalben.

Über Rauchschwalben habe ich bereits 1979 geschrieben, als der Vogel vom Deutschen Bund für Vogelschutz, dem heutigen Nabu, zum Vogel des Jahres gekürt wurde. 2012 habe ich dann erneut mit dem Vogel beschäftigt. Beide Texte sind und bleiben aktuell. Die Rauchschwalbe galt früher als Glückbringer, aber auch heute wird sie mancherorts aktiv vertrieben. Nur mit Mühe konnte der Landesbund für Vogelschutz in Bayern kürzlich den Milchprüfring Bayern davon überzeugen, den Milchbauern nicht länger zu empfehlen, ihre Ställe aus Hygienegründen schwalbenfrei zu halten. Solche Vorkommnisse zeigen, dass Rauchschwalben ganz besonders auf menschlichen Schutz angewiesen sind.

Carl-Albrecht von Treuenfels

Jeder kann den Rauchschwalben helfen (1979)


Ausgerechnet im Jahr, das ihr der Deutsche Bund für Vogelschutz (DBV) gewidmet hat, geht es der Rauchschwalbe in den meisten Gegenden der Bundesrepublik Deutschland nicht sonderlich gut. Zwar ist manches Paar des "Vogels des Jahres" trotz wenig sommerlichen Wetters jetzt bereits damit beschäftigt, die zweite Brut großzuziehen, doch sind nach den Beobachtungen von Ornithologen in diesem Frühling weniger der zierlichen Flugkünstler aus dem Süden zurückgekehrt als in den Vorjahren.

Viele kamen auf Grund der bis in den Mai andauernden Kälte mit etlicher Verspätung, so daß sich der Nestbau und die Eiablage in den Juni hinzogen. So scheint ganz unbeabsichtigt die besondere Herausstellung der Rauchschwalbe durch die Vogelschützer ihre Notwendigkeit nachträglich zu erhalten. Ursprünglich sollte nämlich die Aufmerksamkeit auf die fliegenden Untermieter im Stall oder gar im Wohnzimmer gelenkt werden, weil ihre Art insgesamt noch nicht als gefährdet gilt, die Zahl ihrer Vertreter aber rückläufig ist und deshalb rechtzeitig etwas getan werden muß.

Frühere Brutplätze verwaisen

Nur wenige Vögel machen es dem Menschen so leicht, direkt und ohne großen Aufwand zu helfen. Im Gegensatz zu ihren Verwandten, den Mehlschwalben und den Uferschwalben, zieht es die Rauchschwalben in die Behausungen von Mensch und Vieh. An der rostfarbenen Stirn und Kehle, dem langen "Schwalbenschwanz" mit den besonders weitreichenden Außenfedern und am schlankeren Körperbau sind sie verhältnismäßig leicht von den kleineren Mehlschwalben zu unterscheiden, die zwar auch die menschliche Gesellschaft nicht scheuen, aber außerhalb von Gebäuden nisten. Während Rauch-und Mehlschwalbe einen metallisch glänzenden dunkelblauen Rücken haben, trägt die in Sand- und Kiesgruben sowie an Steilufern in selbstgegrabenen Brütröhren nistende Uferschwalbe ein überwiegend braunes Federkleid. Ein besonderes Kennzeichen dieser kleinsten europäischen Schwalbe ist das Brustband auf der hellen Unterseite.

Weil sie häufig so zutraulich wird, gilt die Rauchschwalbe auf dem Lande als Glücksbringerin. Die Bewohner von Häusern und Ställen sollen von Krankheit, die Gebäude von Blitzschlag und Feuer verschont bleiben, so glaubt man vielerorts heute noch. War es früher selbstverständlich, daß in jedem Kuh- und Pferdestall gleich mehrere Paare ihr zwitscherndes Dasein während der Sommermonate führten, so verwaisen heutzutage von Jahr zu Jahr mehr der einstmaligen Brütplätze.

Mit der Abnahme des Viehs und mit der Zunahme der "absoluten Hygiene" in den verbleibenden Ställen, mit veränderten Baugewohnheiten, bei denen glatte Betonwände vorherrschen, mit der fortschreitenden Asphaltierung von Hofplätzen und Wegen nehmen sowohl die Futterquellen als auch die Nistmöglichkeiten ab, letztere gleich in doppelter Hinsicht: An den blanken Wänden halten die aus Lehm, Erde, Stroh und Speichel zusammengeklebten Nistschalen schlecht, sofern es nicht bereits an dem notwendigen Baumaterial fehlt, das sich die Vögel an Pfützen- und Teichrändern holen.

Eine offene Tür, ein angelehntes Fenster

Beidem ist abzuhelfen, und man braucht kein Bauernhofbesitzer zu sein, um einem Rauchschwalbenpaar die Ansiedlung zu erleichtern. Eine Leiste an der Wand im Abstand von zwölf bis fünfzehn Zentimetern unterhalb der Decke gibt dem Nest die richtige Stütze, eine am ruhigen und gut anzufliegenden Platz künstlich angelegte und feucht gehaltene Lehmpfütze im Frühjahr sorgt für Baumaterial, und eine ständig offene Tür, ein angelehntes Fenster oder eine Luke laden ein Schwalbenpaar zumindest zur Erkundung der Brutmöglichkeiten ein.

Je mehr Wasser in der Nähe ist, desto mehr Rauch- und Mehlschwalben siedeln sich an einem Ort an. Denn wo Teiche, Seen und Bäche sind, da gibt es meistens auch Insekten. Auf diese machen die Vögel in der Luft Jagd. Während der Jungenaufzucht fliegen beide Eltern täglich das Nest mehr als hundertmal mit Mücken, Fliegen, Käfern und kleinen Faltern im Schnabel an. Da die Jungen anfangs pro Tag mehr als ihr eigenes Gewicht verzehren, wachsen sie schnell heran und sind – bei günstiger Ernährungslage – nach knapp drei Wochen bereits flügge.

Oft füttert einer der Partner die Kinder der vorausgegangenen Brut noch, während der andere bereits auf dem zweiten oder dritten Gelege sitzt, das im Durchschnitt jeweils fünf Eier umfaßt. Zwei Wochen lang bedürfen die mit feinen rostbraunen Flecken verzierten zartschaligen Eier der ständigen Wärme, dann schlüpfen die Schwalbenkinder – nackt und blind. Obwohl die zierlichen Vögel jährlich auf ihrem Zug, der manche bis nach Südafrika führt, gewaltige Strecken zurücklegen und damit nicht nur großen Anstrengungen, sondern auch vielen Gefahren ausgesetzt sind, können sie bis zu sechzehn Jahre alt werden.

Carl-Albrecht von Treuenfels

In kalten Sommern ergeht es den Schwalben schlecht (2012)


Mehr als hundert Mal am Tag fliegen sechs Rauchschwalben in dichter Folge nacheinander jeden Tag von früh bis spät in den Keller des Hauses und wieder hinaus. Knapp 20 Zentimeter im Quadrat misst der Einlass im Fenster dank einer herausgenommenen Butzenscheibe. Blitzschnell nähern sich die Vögel im Sturzflug der Öffnung und verschwinden im Halbdunkel. Sekunden später sind sie wieder draußen und schwingen sich zur nächsten Jagdrunde in die Höhe. Kaum ist die eine wieder draußen, schießt schon die nächste Schwalbe heran. Es grenzt an ein Wunder, dass die pfeilschnellen Vögel nicht zusammenstoßen. Manchmal lassen sie einen kurzen Zwitscherlaut im Anflug hören. Doch meistens regelt sich der Gegenverkehr im Ein- und Ausfliegen lautlos – zumindest für das menschliche Gehör.

Die ankommenden Schwalben haben einige Insekten im Schnabel, die sie – oft im schnellen Flatterflug – einem ihrer über den Nestrand blickenden Jungen in den aufgesperrten Rachen stopfen. Die Fütterung dauert wenige Sekunden, dann ist der Altvogel schon wieder verschwunden. Warmes trockenes Wetter nutzen die durchschnittlich weniger als 20 Gramm leichten Vögel intensiv aus, denn dann sind viele ihrer Beutetiere in der Luft zu fangen. Bei kaltem Regenwetter, so wie allzu häufig in diesem Sommer, legen die Eltern schon mal eine längere Pause ein. Wenn sie sich dann in der Nähe des Nestes ausruhen, werden sie von den Jungen vergebens angebettelt. Bei längeren Schlechtwetterperioden verzögert sich das Ausfliegen des Schwalbennachwuchses: Statt drei Wochen kann die Nestlingsdauer also auch in diesem Sommer durchaus mal vier Wochen und länger dauern. Oder die Jungvögel verhungern.

Künstliche Schlammkuhlen für Nestbaumaterial

Solche Verluste können die Rauchschwalben aber ausgleichen, denn sie brüten bis zu dreimal im Jahr. Jetzt, im Juli, werden die Jungen der zweiten Brut flügge. Sind die Paare durch die Aufzucht nicht zu geschwächt, bereiten sie bald die dritte Runde vor: Das Weibchen legt noch einmal drei bis fünf mit kleinen rostroten Flecken am stumpfen Ende verzierte zartschalige weiße Eier, die beide Partner – das Weibchen länger als das Männchen – abwechselnd rund zwei Wochen bebrüten. Es kann Anfang Oktober werden, bis die Jungen der dritten Brut das Nest verlassen. Dann bleibt ihnen nur wenig Zeit zum Flugtraining vor dem Aufbruch in die Überwinterungsgebiete.

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