Zum Kuckuck

Der Frühlingsbote ist beliebt und bedroht. Von C.A. von Treuenfels (Text) und O. Mikulica (Fotos)

Oldrich Mikulica Ein flügger Kuckuck wird von einem Teichrohrsänger gefüttert.

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In loser Folge publizieren "Die Flugbegleiter" Artikel aus der naturjournalistischen Schatzkiste von Carl-Albrecht von Treuenfels, der seit einem halben Jahrhundert die Vogelwelt liebevoll und präzise beschreibt. In diesem Artikel aus dem Jahr 2007 geht es um den Kuckuck, der in diesen Tagen aus seinen Überwinterungsgebieten nach Mitteleuropa zurückkommt.

Der Kuckuck, in den meisten Sprachen nach seinem Ruf benannt, muss seit Jahrhunderten für Vieles herhalten: „Wenn der Kuckuck schreit, ist für die Liebe Zeit“ – „Kuckuck im grünen Wald, wie viel Jahre werd ich alt?“ – „Kuckuck im April, Kuckuck im Mai, wie lange bin ich noch frei?“ Außer als Liebesvogel, Wetteranzeiger, Insektenvertreiber, Frühlingsbote und Ostervogel gilt der auch heute noch unter seinem altdeutschen Namen „Gauch“ bekannte Vogel, der in Form der Kuckucksuhr deutsche Lebensart in alle Welt verbreitet, als Glücksbringer und Schicksalskünder.

Als Orakel für das Lebensalter, die Zahl der zu erwartenden Kinder, die Wartezeit bis zur Hochzeit, für Gesundheit und Wohlstand ist der Kuckuck ein unzuverlässiger Anzeiger. Viele Menschen klopfen auf ihre Geldbörse, wenn sie den ersten Kuckucksruf im Frühling hören – auf dass es ihnen nicht an Geld mangele. Ist die Börse leer, muss man sich auf karge Zeiten einstellen.

Kuckucke überqueren die Sahara alleine

Wem ein anderer ein Kuckucksei in ein Nest legt, der kann nur noch „Zum Kuckuck noch mal“ ausrufen. Oder er beruhigt sich beim Anblick von Kuckucksblume (Buschwindröschen), Kuckucks- oder Gauchbrot (Wiesenbocksbart), Kuckuckssalat (Sauerklee), Blauem Kuckuck (Kriechender Günsel) oder der Kuckuckslichtnelke. Auch Lebens- und Fortpflanzungsweise haben den Kuckuck (Cuculus canorus) volkstümlich gemacht: Als Brutparasit legt das Weibchen seine Eier in die Nester anderer Vögel und lässt sie von denen ausbrüten und aufziehen.

Trotz dieser Volkstümlichkeit musste der Kuckuck nun seit Beginn der Aktion "Vogel des Jahres" 37 Jahre warten, bis er vom Naturschutzbund Deutschland (NABU) und dem Landesbund für Vogelschutz in Bayern (LBV) erstmals ernannt wurde. Nicht die große Popularität des dohlengroßen Vogels, sondern die Sorge um den Bestand von Cuculus canorus, der als einziger Angehöriger der in rund 130 Arten verbreiteten Familie der Kuckucke (Cuculidae) in Deutschland vorkommt, hat zu der Auszeichnung geführt.


Ein Kuckucks-Weibchen nimmt ein Ei aus dem Nest von Drosselrohrsängern und wird von den Wirten attackiert.
Ein Kuckucks-Weibchen nimmt ein Ei aus dem Nest von Drosselrohrsängern und wird von den Wirten attackiert.
Oldrich Mikulica
Ein Teichrohrsängergelege mit Kuckucksei.
Ein Teichrohrsängergelege mit Kuckucksei.
Oldrich Mikulica
Männlicher Kuckuck im April
Männlicher Kuckuck im April
Oldrich Mikulica

Mit der Kampagne wollen die Naturschützer auf die Abhängigkeit der Vögel von ihren Lebensräumen aufmerksam machen. Der Kuckuck als Langstreckenzieher unter den Zugvögeln eignet sich besonders dafür. Unter seinen Verwandten, von denen gut ein Drittel ebenfalls Brutparasiten sind, gehört er zu denen, die das größte Verbreitungsgebiet haben – in Eurasien vom Atlantik bis zum Pazifik.

Kuckucke, die vom Frühling bis in die zweite Hälfte des Sommers in Mitteleuropa leben, verbringen den Winter im südlichen Afrika und überqueren zweimal im Jahr die Sahara. Auf dem Zug verbünden sie sich nicht wie viele andere Vögel mit Artgenossen, sondern fliegen einzeln. Damit bleiben sie ihrer Lebensweise im Brutgebiet treu. Selbst zur Paarung bleiben die polygam lebenden Weibchen und Männchen oft nur wenige Stunden beisammen.

Das Männchen hilft auch mal beim Betrugsmanöver

Noch vor wenigen Jahrzehnten ließ der Kuckuck in nahezu allen Landschaftstypen seinen meist zweisilbigen Ruf, das fauchende „hachhachhach“ oder das gelegentliche Kichern hören. Heute ruft der Kuckuck seltener. In England hat sich der Bestand in 30 Jahren um fast 60 Prozent verringert. In Deutschland hat der Bestand in den vergangenen fünfzehn Jahren um mehr als zehn Prozent abgenommen. Wegen des unsteten Lebenswandels und der fehlenden Paar- und Nistplatztreue tun sich die Vogelschützer beim Zählen schwer. Vermutlich gibt es in Deutschland noch zwischen 100.000 und 200.000 Kuckucke, mit rückläufiger Tendenz. In der Schweiz ist der Kuckuck bereits als „potentiell gefährdet“ auf der Roten Liste.

Hinge die Bestandsgröße nur von der Legefreudigkeit ab, brauchte man sich keine Sorge um den Kuckuck zu machen. Zwischen neun und 25 Eier kann das Weibchen innerhalb von sechs bis neun Wochen in die Nester von Wirtsvögeln legen, immer nur eines pro Nest. Dabei achtet es darauf, dass es sich bei Ammeneltern um dieselbe Art handelt, in deren Nest es selbst groß geworden ist. So unterscheidet sich die Farbe des Eis, das im Verhältnis zur Körpergröße des Kuckucks recht klein ist und damit der Größe der Wirtsvogeleier nahe kommt, kaum oder gar nicht von denen im Gelege des fremden Nestes.

Als Wirtsvögel beliebt sind Bachstelzen, Heckenbraunellen, Rotschwänze, Pieper sowie Rohrsänger und unter ihnen der Teichrohrsänger. Deshalb halten sich Kuckucke gerne in der Nähe von Gewässern mit Schilfbewuchs auf. Hat das Weibchen ein Nest gefunden, nutzt es eine kurze Abwesenheit der Besitzer und legt blitzschnell ein Ei darin ab. Oft ergreift es danach mit seinem Schnabel eins der anderen Eier und verschluckt es oder trägt es weg, damit das untergeschobene Kuckucksei nicht auffällt. Gelegentlich hilft ein Kuckucksmännchen bei dem Betrugsmanöver, indem es die Wirtsvögel ablenkt.

Ein junger Kuckuck bettelt in einem Teichrohrsängernest um Futter
Ein junger Kuckuck bettelt in einem Teichrohrsängernest um Futter
Oldrich Mikulica
Ein flügger Kuckuck wird von einem Teichrohrsänger gefüttert.
Ein flügger Kuckuck wird von einem Teichrohrsänger gefüttert.
Oldrich Mikulica

Nur elf bis zwölf Tage dauert die Bebrütung des Kuckuckseis, dann schlüpft das Junge. In seinen ersten Lebenstagen ist es damit beschäftigt, seine Stiefgeschwister oder die Eier seiner Stiefeltern mit seinem Rücken aus dem Nest zu schieben. Nur wenn der junge Kuckuck alleine alles Futter bekommt, das das Vogelpaar unermüdlich heranschleppt, wächst das gefräßige Junge in 19 bis 24 Tagen so weit heran, dass es ausfliegen kann. Auch dann noch versorgen ihn seine Zieheltern – und geben mitunter ein komisches Bild ab, wenn sie dem sehr viel größeren Jungkuckuck den weit aufgesperrten Schnabel mit Insekten vollstopfen. Besonders grotesk sieht es aus, wenn ein Zaunkönig auf oder vor seinem Ziehkind steht.

Wird der Klimawandel zur Gefahr für die Art?

Der Kuckuck ist abhängig vom Wohlergehen der Wirtsvögel. Und viele dieser Wirtsarten sind durch die Verschlechterung ihrer Lebensbedingungen ebenfalls auf der Verliererseite. Beim Kuckuck, der auch in Afrika zunehmender Umweltzerstörung ausgesetzt ist, macht sich darüber hinaus der Klimawandel negativ bemerkbar: Genetisch ist seine Rückkehr an den Brutbeginn der Wirtsvogelarten gebunden, doch immer mehr dieser Arten fangen wegen der früheren Erwärmung eher mit der Brut an. So kommt der Kuckuck selbst für solche Wirtsvögel, die ebenfalls Zugvögel sind, aber nicht so weit wegfliegen, zu spät ins Brutgebiet, um zeitgerecht seinen Eierschmuggel vorzubereiten.

Und auch viele Insekten, von deren Raupen der Kuckuck sich gerne ernährt, beginnen ihren Lebenszyklus im Jahr zunehmend früher. Kommt der Kuckuck erst im Mai in Mitteleuropa an, flattert ein Teil seiner Beute bereits als Schmetterling oder Nachtfalter durch die Gegend. Wird er aber regelmäßig satt und übersteht er seine alljährliche gefahrvolle zweimalige Reise über die sich immer weiter ausbreitende Sahara, kann der „Gutzgauch“ mindestens 13 Jahre alt werden. Es gäbe, weiß der Kuckuck, noch viel zu berichten über den Vogel. Doch die Kuckucksuhr ruft zum Redaktionsschluss.

Die Bilder entstammen mit freundlicher Genehmigung der Autoren dem empfehlenswerten Band "Der Kuckuck: Gauner der Superlative" von Oldrich Mikulica, Tomáš Grim und Karl Schulze-Hagen. Kosmos-Verlag, 2017, 28 Euro. Mikulica war Europäischer Naturfotograf des Jahres 2011.

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