Vom Großen Würger gibt es in Deutschland nur noch ein kleines Häuflein

Carl-Albrecht von Treuenfels: Meine Vogelbeobachtungen, Teil 7

Carl-Albrecht von Treuenfels

Flugbegleiter – Ihre Korrespondenten aus der Vogelwelt

Schaut man sich die Verbreitungskarte des Großen oder Grauen Würgers in Deutschland an (der Name „Raubwürger“ ist leider immer noch in Gebrauch, auch in ornithologischen Fachbüchern), so fällt auf, das Lanius excubitor hauptsächlich im Nordosten und in der geographischen Mitte als Brutvogel verbreitet ist. Doch was heißt „verbreitet“? Der Brutbestand des auch bei uns noch zur Mitte des letzten Jahrhunderts häufigeren Vogels beträgt etwa 2000 Paare ( 2100 bis 3200 Paare führt mehr als optimistisch der 2014 erschienene Atlas Deutscher Brutvogelarten an.)

Wären da nicht die vielen aufgelassenen und zu Schutzgebieten umgewidmeten Truppenübungsplätze in Brandenburg, Sachsen-Anhalt und anderen Bundesländern, sähe es noch schlechter um geeignete Biotope für den hübschen Singvogel mit dem Hakenschnabel aus. Auch der winterliche Zuzug durch die wandernden Einzelflieger aus dem Norden und Osten Europas hat bei uns stetig abgenommen. Speziell für den „Great Grey Shrike“, wie er auf englisch passender heißt, gegründete ornithologische Arbeitsgemeinschaften bemühen sich um den außergewöhnlichen Vogel. Auf meinen 1995 erschienenen nachfolgenden Beitrag erhielt ich etliche freundliche Kommentare. 2017 braucht der Graue Würger mehr als freundliche Kommentare – er braucht Freunde, die sich um ihn kümmern.

Nur etwas mehr als 2000 Brutpaare des Großen Würgers gibt es in Deutschland. Der Vogel braucht eine vielfältige Landschaft.
Nur etwas mehr als 2000 Brutpaare des Großen Würgers gibt es in Deutschland. Der Vogel braucht eine vielfältige Landschaft.
Carl-Albrecht von Treuenfels

„Krickelster, Brandhüller, Dornkrätzer“

Der Große Würger braucht eine vielfältige Landschaft (1995)


Manchem Autofahrer, der seine Blicke zuweilen an die Ränder der Straße oder Autobahn schweifen läßt, fällt in diesen Wochen im kahlen Gezweig von Büschen und Bäumen gelegentlich eine kleine markante Vogelgestalt auf. Selten reicht im schnellen Vorbeifahren die Zeit, mehr zu erkennen als ein grauschwarzes Gefieder und einen im Verhältnis zum Körper recht langen Schwanz. Ähnlich wie ein Turmfalke, doch mit einer Gesamtlänge von knapp 25 Zentimetern um gut ein Drittel kleiner als dieser zierliche Greifvogel, kann der Raubwürger mit großer Ausdauer auf seiner hohen Warte sitzen und den Boden in der Umgegend beobachten.

Während er auf das Erscheinen einer Maus lauert oder nach einem geschwächten Singvogel Ausschau hält, läßt er sich vom unter und neben ihm vorbeiflutenden Verkehr nicht beeindrucken. Nur wenn ein Auto in seiner Nähe hält, fliegt er sogleich auf und bringt genügend Abstand zwischen sich und den Menschen. Spätestens dann wird deutlich, daß der Raubwürger trotz seines schaudernd machenden Namens nicht zu den Greifvögeln zählt: Mit schnellen Schlägen seiner relativ kurzen Flügel treibt der „große graue Würger“ seinen Körper in bogenförmigem Flug durch die Luft und ähnelt dabei eher den Spechten.

Mit mühsam schwerer Last unterwegs zum Nest

Wenn es um das Erspähen einer Beute am Erdboden geht, kann der bis zu 65 Gramm schwere Vogel aber auch für einige Augenblicke wie ein Turmfalke oder ein Bussard eine Rüttelphase einlegen, während der er über einem Platz flügelschlagend in der Luft zu stehen scheint.

Der Raubwürger gehört zur gut 70 Arten umfassenden Familie der Würger; seine Art ist über den nördlichen Teil der Erde am weitesten verbreitet. Von der Heuschrecke über den Maikäfer, vom Schmetterling bis zur Libelle jagt er allen Insekten hinterher, überwältigt Eidechsen und kleine Frösche, holt gelegentlich junge Kleinvögel aus Nestern, greift sich Mäuse und auch hin und wieder einen noch nicht ausgewachsenen Maulwurf, der sich ans Tageslicht wagt.

Der Raubwürger zählt zu den Singvögeln, wirkt aber mit seinem gebogenen Hakenschnabel im Sitzen eher wie ein kleiner Greifvogel. Doch er trägt seine Beute nicht wie Falke, Habicht oder Weihe mit den Fängen, sondern mit dem Schnabel. Zur Zeit der Jungenaufzucht sieht man gelegentlich einen Raubwürger mühsam mit schwerer Last zwischen seinen Schnabelhälften zum Nest fliegen. Nicht selten geschieht es, daß der Vogel seine Kräfte überschätzt hat und das Beutetier unterwegs fallen lassen muß. Überfliegt er derart behindert eine freie Fläche, muß er aufpassen, nicht einem Sperber oder Wanderfalken zum Opfer zu fallen.

Oft richtet das Paar schon im April das Nest her, wenn noch nicht Blätter Schutz vor unerwünschten Blicken bieten.
Oft richtet das Paar schon im April das Nest her, wenn noch nicht Blätter Schutz vor unerwünschten Blicken bieten.
Carl-Albrecht von Treuenfels

Wenngleich die Raubwürger nie häufig waren, so sind sie den Menschen schon von jeher aufgefallen. Knapp 80 verschiedene deutsche Namen, die der Ornithologe Walter Wüst einmal von dem Vogel zusammengetragen hat, zeugen von seiner Bekanntheit. „Krickelster“, „Brandhüller“ und „Dornkrätzer“ sind Beispiele für die auch mundartlich vielfältigen Bezeichnungen von Lanius excubitor, dem Wächter. Schon Carl von Linné (1707 bis 1778) hatte sich bei der wissenschaftlichen Namensgebung davon leiten lassen, daß der im Gefieder mit vielen verschiedenen Weiß-, Grau-, Schwarz- und Rosatönen geschmückte Singvogel in seinem Revier genau aufpaßt und jede Störung wie eine Elster mit einem schäckernden Warnlaut meldet. Auch auf das Erscheinen von Greifvögeln reagiert er mit Warnlauten, weshalb er früher von Falknern (Jägern mit abgerichteten Greifvögeln) gerne als Meldevogel benutzt wurde.

Um seiner Aufgabe als Wächter nachzukommen, liebt der Raubwürger exponierte Sitzwarten. Im Winter sind die Vögel einzeln unterwegs. Unter den Würgern Europas sind sie die einzigen, die sich nicht für den Winter nach Afrika absetzen. Hierzulande allerdings stellen sich zugereiste Artgenossen aus Nord- und Osteuropa ein. Sie finden seit etwa dreißig Jahren immer weniger heimische Verwandte vor, denn die Zahl der Raubwürger hat in Mitteleuropa stark abgenommen. Die Veränderung der Landschaft und die Verknappung des Nahrungsangebots, hauptsächlich durch die intensivierte Landwirtschaft verursacht, haben auch den Raubwürgern vielerorts ein Überleben unmöglich gemacht.

Hohe Dornenbüsche, Streuobstwiesen – sein Lebensraum schwindet

So wird der Vogelbeobachter im März und April nur noch an wenigen Orten das melodische Singen eines Raubwürgermännchens hören, mit dem es ein Weibchen anzulocken versucht. Um sein von vielen Weisen anderer Vögel durchzogenes Werbelied optisch zu unterstützen, schlägt es in Abständen mit dem Schwanz. Das tut der Vogel auch, wenn es mit wütenden Lauten einen ungebetenen Gast aus der Nähe des Nestes mit fünf bis sechs Eiern oder Jungen vertreiben will. Hohe Dornenbüsche in einer Hecke am Rand oder inmitten naturnaher Landschaft, Bäume in Streuobstwiesen, Mooren oder in der Umgebung extensiv genutzten Grünlands mit einem entsprechend vielfältigen Nahrungsangebot sind ihm die liebsten Brutorte.

Oft richtet das Paar schon im April das Nest her, wenn noch nicht Blätter Schutz vor unerwünschten Blicken bieten. Dennoch ist es nicht leicht, die Niststätte zu entdecken, denn die Vögel wissen geeignete Astgabeln und den Verlauf der Zweige geschickt als Tarnung zu nutzen. Weibchen und Männchen werden mitunter für einige Zeit von einem Schneegestöber zugedeckt, wenn sie – früher als alle anderen Singvögel – abwechselnd für zweieinhalb Wochen das Gelege wärmen. In der Regel findet nur eine Jahresbrut statt. Geht allerdings die erste Brut verloren, so versuchen es manche Paare noch einmal.

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