Unter Rot-Weiß-Blaukopfseeadlern

Die US-Journalistin Emily Flitter hat als Reporterin die Wahlkampftour von Trump begleitet. Unterwegs fand sie Frieden – beim Vogelbeobachten. Von Emily Flitter (Text) und Scott Whittemore (Fotos)

Scott Whittemore Ein Weißkopfseeadler sitzt auf einem Ast.

08. Februar 2017

Für Vogelbeobachtung ist im Leben einer Journalistin, die einen amerikanischen Präsidentschaftskandidaten im Wahlkampf begleitet, eigentlich keine Zeit. Manchmal geht die Arbeit schon bei Sonnenaufgang los und dauert bis tief in die Nacht hinein. Du bist irgendwo auf der Straße unterwegs, stehst mitten in einer Menschenmenge in einer Sporthalle oder schiebst dir zwischendurch in einer Hotellobby oder einem schmierigen Imbiss irgendwas zu Essen rein. In den Dörfern und Städten, durch die du reist, bist Du der schräge Vogel, den alle anschauen. Du fällst als exotisches Wesen zwischen den Einheimischen auf – durch deine Kleidung, deinen Akzent. Selbst in den wenigen ruhigen Momenten, in denen du den Kopf nach hinten legst und in den Himmel schaust oder eine Baumart betrachtest, die du nicht kennst, wirst du beobachtet.

Im Wahlkampf ist kaum Zeit dafür, aktiv auf die Suche nach Vögeln zu gehen. Du musst mit den Vögeln glücklich werden, die schon da sind, die plötzlich auftauchen, selbst in den unnatürlichsten Landschaften, die man sich vorstellen kann. Da rollt die Karawane des Kandidaten also durch den Osten von North Carolina. Die Gegend ist flach und arm, die Felder leuchten grün unter einem grauen Himmel. Bungalows und schmale Häuser, weiße Kirchen und Kleinstadtrathäuser tauchen kurz auf, verschwinden wieder. Hunderte Menschen stehen am Straßenrand entlang der Route, über die der Kandidat mit seiner Kolonne kommt, zu der du als Reporter gehörst. Die Anhänger – Familien, Arbeiter, Frauen in knapper Kleidung – winken, jubeln dir zu. Sie strecken für jedes der vorbeifahrenden Autos mit getönten Scheiben ihren Daumen hoch, weil sie nicht wissen, ob darin ihr geliebter Kandidat sitzt oder das verachtenswerte Journalistenpack, das ihm folgt.

Der Adler wirkt selbst neben einer kitschigen Hirschstatue majestätisch

Und plötzlich siehst du hinter den Anhängern des Kandidaten, auf dem hellgrünen Rasen eines eingeschossigen Hauses mit Fliegengittertür, einen großen Vogel: einen Weißkopfseeadler. Er steht da einfach auf dem knapp gemähten Rasen, so groß wie die Hirschstatue, neben der er gelandet ist, legt seinen Kopf zur Seite und betrachtet die Szene.

Weißkopfseeadler, die Wappentiere der Vereinigten Staaten, können inzwischen fast überall auftauchen. Schon seit zehn Jahren stehen sie nicht mehr auf der Roten Liste der bedrohten Arten. Sie begegnen dir aber auch auf den Autos und auf der Kleidung der Anhänger des Kandidaten, manchmal sind diese Tiere in den Landesfarben Weiß, Rot und Blau eingefärbt, als wären sie im Naturzustand nicht ausreichend amerikanisch. Die Leute, die zu den Veranstaltungen des Kandidaten strömen, fahren große Pickup-Trucks mit Waffenaufklebern. Sie tragen T-Shirts, auf denen “Hillary ins Gefängnis” steht. Es sind die Rot-Weiß-Blaukopfseeadler-Leute.

Aber dafür kann der Adler ja nichts. Er bleibt so majestätisch, wie er ist, selbst neben einer kitschigen Hirschstatue. Du rast also an dem Vogel vorbei, wendest dich wieder deinen Kollegen zu und dein Mund beginnt eine Frage zu formen – hey, hat jemand gerade gesehen, dass da – aber keiner deiner Kollegen hat zum Fenster rausgeschaut. Sie haben etwas in ihre Notizblöcke gekritzelt, Kurznachrichten an ihre Redaktionen getippt oder einfach miteinander geredet. Sie sind in Gedanken schon beim nächsten Auftritt des Kandidaten.

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