„Natur und Fussball stehen in einem grossen Missverhältnis“

Ein Spaziergang mit dem Ex-Bundesligatrainer Hanspeter Latour

Markus Hofmann

Aus dem Angebot von Flugbegleiter – Ihre Korrespondenten aus der Vogelwelt

Wir sind kaum fünf Minuten unterwegs, da wird Hanspeter Latour politisch: „Es gibt kaum mehr Weiden mit vielen verschiedenen Pflanzen, selbst bei mir oben, da findest du nur noch wenige richtige Alpwiesen, nur noch Säublumen, du wirst es sehen.“ Latour spricht im hiesigen Dialekt, einem melodiösen Berndeutsch, und mit „Säublumen“ meint er den Löwenzahn.

„Die Bauern düngen einfach zu oft, manchmal läuft die Gülle gar in die Bäche. Das ist in diesem zum Teil steilen Gelände kaum zu verhindern und bleibt gesetzlich unkontrollierbar.“ Hanspeter Latour wird sich an diesem Tag noch einige Male über die Landwirtschaftspolitik aufregen, die zu intensiv sei und daher der Artenvielfalt schade.

Soeben hat er mich am Bahnhof Thun abgeholt, der in einer knappen halben Stunde von der Schweizer Hauptstadt Bern aus zu erreichen ist, und er hat mir gleich das Du angeboten. Von Thun aus ist es nicht weit in das touristisch berühmte Interlaken am Fuss der 4000 Meter über Meer gelegenen Bergkette von Eiger, Mönch und Jungfrau.

Ganz so hoch hinaus wollen wir heute aber nicht. Wir sind unterwegs ins Chalet von Latour in Innereriz, einem kleinen, von steilen Bergen umgebenen Feriendorf auf 1000 Meter Höhe, wo sich nicht nur Fuchs und Hase gute Nacht sagen, sondern sich ab und zu auch Bären und Wölfe blicken lassen.

Der Naturgarten von Hanspeter Latour liegt in Innereriz unter steilen Bergflanken im Berner Oberland (links im Bild die Sieben Hengste).
Markus Hofmann

In Innereriz liegt Latours Zweitwohnsitz. „Das ist eigentlich auch nicht gut für die Natur, zwei Wohnsitze“, bemerkt Latour und macht mit dem Auto einen Schlenker, um einer auf der Strasse sitzenden Kröte auszuweichen. Mit seiner Frau lebt er in einem Vorort von Thun. Das Häuschen in Innereriz besitzt er seit über 30 Jahren und nun verbringt er dort so viel Zeit wie möglich. Denn rund um das Chalet kann er seit der Pensionierung seiner Passion nachgehen: der Naturbeobachtung.

Alles, was kreucht und fleucht, dokumentiert er mit seiner Kamera. Und gerne erzählt er, was er gesehen hat und welche Überraschungen die Natur für diejenigen bietet, die die Geduld aufbringen, genau hinzuschauen. 2016 veröffentlichte Latour ein Buch mit seinen Fotografien und Naturgeschichten: „Das isch doch e Schwalbe!“ (Das ist doch eine Schwalbe!) lautet der Titel, der nicht nur auf die Vogelfamilie, sondern auch auf ein vorgetäuschtes Foul im Fussball hinweist.

Kulttrainer in Köln

Die Zweideutigkeit ist selbstverständlich beabsichtigt. Denn mit dem Fussball ist Hanspeter Latour weit über seinen Geburtsort Thun hinaus bekannt geworden. Seine Karriere begann der heute 71-Jährige als Torwart beim FC Thun. Mitte der 1970er Jahre wechselte er in die Trainerposition. Zunächst war er in unteren Ligen sowie als Co-Trainer in Schweizer Traditionsvereinen tätig, 2001 übernahm den Trainerposten des FC Thun und führte diesen rasch von der zweitobersten Liga an die Spitze der höchsten Schweizer Spielklasse. Damit legte er die Basis dafür, dass sich der FC Thun später für die Champions League qualifizieren konnte: ein Ereignis, das als „das Wunder von Thun“ in die Fussballannalen einging. Spätestens seit dann ist Latour eine Kultfigur in Thun. Hier kennt ihn jeder und jede.

Auch das Ausland wurde damals auf ihn aufmerksam. 2006 gelang der Sprung in die deutsche Bundesliga. Der 1. FC Köln verpflichtete Latour, um den Klub vor dem drohenden Abstieg zu bewahren. Der „Schweizer Bergdoktor“ solle den müden Kölner Kickern Beine machen, schrieb die deutsche Presse damals. Das misslang zwar, und nach einem schwachen Saisonstart in der 2. Bundesliga wurde Latour entlassen. Doch der lebensfrohe und charmante Latour, der nie um einen guten Spruch verlegen ist, blieb den Kölnern in guter Erinnerung.

Zurück in der Schweiz trainierte er den Rekordmeister Grasshopper Club Zürich, bevor er sich als Vortragsredner zum Thema Motivation sowie als Fussballexperte fürs Schweizer Radio und Fernsehen selbständig machte. Vor drei Jahren ging er in Pension und fand endlich mehr Zeit für ein Leben abseits des Fussballrasens.

Der Teich ist fast zwei Meter tief. Er friert daher nie ganz zu. Dies nutzen die Frösche zum Überwintern.
Markus Hofmann

Latour war während Jahrzehnten dauernd mit seinen Mannschaften unterwegs, nun konzentriert er sich auf einen kleinen Fleck im Berner Oberland. Rund um sein Haus in Innereriz, das wir nach rund 20 Minuten erreichen, hat Latour einen Naturgarten mit einem Teich angelegt. Ein kleines Stück Wald, das er gekauft hat und das ans Grundstück grenzt, gehört ebenso dazu.

Es ist Latours Paradies. Hier lebt er seine Liebe zur Natur aus, zu den Vögeln, Schmetterlingen, Libellen, Amphibien, Reptilien und Pflanzen, eine Liebe, die er während der Fussballjahre kaum je pflegen konnte: „Ich habe im Fussballbusiness niemanden kennengelernt, der sich so für die Natur interessiert wie ich.“ Manchmal versuchte er, etwas von seinem Wissen an die Spieler weiterzugeben, und wies sie während des regenerativen Lauftrainings auf Baumarten hin: „Es macht aus dir keinen schlechteren Fussballer, wenn du eine Eiche von einer Buche unterscheiden kannst.“

Schrecklicher Nachbarsgarten

2000 Quadratmeter gross ist Latours Reich auf der Geissegg im Berner Oberland. Hier kommt kein Pestizid zur Anwendung, und ausschliesslich heimische Pflanzen sollen hier blühen, darunter Kostbarkeiten wie der Gelbe Frauenschuh, eine Orchideenart. Von Thuja und kurz getrimmtem Rasen will Latour nichts wissen. Das ist Sache seiner Nachbarn. Schrecklich, findet Latour: „Die haben einen Mähroboter, da fliegt kein Schmetterling herum.“ Ganz anders bei Latour. Er möchte, dass sich möglichst viele Wildtiere in seinem Garten wohlfühlen. Deshalb hat er nicht nur Beeren tragende Sträucher gepflanzt, sondern auch einen Baumstrunk stehen lassen, der nun langsam zerfällt und Käfern sowie Ameisen genauso Lebensraum bietet wie die Totholzhaufen, die überall rumliegen.

Auf den Steinhaufen wiederum können sich Eidechsen aufwärmen: „Die Wald-, Mauer- und die Zauneidechse, alle habe ich in meinem Garten schon gesehen“, sagt Latour, während er den fast zwei Meter tiefen Teich umrundet. Darin wimmelt es nur so von Bergmolchen und Kaulquappen. Und wieder zählt Latour auf: „Grasfrösche, Teichfrösche, Erdkröten. Schätzungsweise 150 Frösche überwintern jeweils am Teichgrund.“ An den Pflanzen, die aus dem Wasser ragen, entwickeln sich Libellen, ein Dutzend Arten hat Latour bisher beobachtet: „Gerade gestern ist eine Mosaikjungfer geschlüpft, die erste in diesem Jahr.“

Totholz darf nicht fehlen im 2000 Quadratmeter grossen Garten von Hanspeter Latour. Käfer und Ameisen mögen es besonders.
Markus Hofmann

Und dann sind da die Vögel. Über ein Dutzend Nistkästen für Weiden-, Schwarz- und Blaumeisen, für Trauerschnäpper, Kleiber und Stare hängen an den Bäumen, manche davon so weit oben, dass es kaum möglich ist, sie für die Reinigung zu erreichen. „Das hast du davon, wenn du die Feuerwehr bittest, die Nistkästen aufzuhängen“, sagt Latour lachend, während er sich einem aus Holzbau zuwendet, der auf der Grenze zu seinem Waldstück steht.

Eine eigene Vogelbeobachtungshütte

Was auf den ersten Blick wie ein Gartenhäuschen aussieht, ist der Traum jedes „Birders“: eine Vogelbeobachtungshütte im eigenen Garten. Durch ein Guckloch hat Latour das Geschehen im Wald bestens im Blick. Ganz in der Nähe sind zwei Nistkästen angebracht. „Die sind für die Waldkäuze“, sagt Latour. Doch im einen haben sich Eichhörnchen gemütlich eingerichtet und der andere ist weiterhin leer. Vielleicht entdecken ihn die Käuze ja noch – und geben damit ein weiteres Motiv für Latours Fotosammlung.

Latour ist meistens mit seiner Kamera unterwegs. Auch heute wieder: Kaum fliegt ein Schwarzmilan knapp übers Hausdach hinweg, rennt ihm Latour hinterher und richtet das Teleobjektiv auf den Greifvogel. Obwohl: „Ich verstehe eigentlich gar nichts davon. Ich fotografiere immer mit der gleichen Einstellung.“ Das ist selbstverständlich eine Untertreibung. Latour sind hervorragende Tierbilder gelungen. Doch wieso fotografiert er überhaupt? Genügt es ihm nicht, die Tiere zu beobachten? „Ich fotografiere, damit man mir glaubt, was ich gesehen habe! Sonst könnte ich ja irgendwelche Geschichten erzählen. Wenn ich die Vögel und Schmetterlinge fotografiere, dann sind sie für mich anwesend.“

Der Distelfink ist der Lieblingsvogel von Hanspeter Latour. Und hier ist ihm ein besonders schönes Porträt dieses prächtigen Singvogels gelungen.
Hanspeter Latour

Zudem verfolgt Latour ein Ziel. Er möchte möglichst alle Tiere in seinem Garten sowie in einem Umkreis von einem Kilometer dokumentieren. Gesehen hat er in „seinem“ Revier schon viele: rund 80 Vogel- und 80 Schmetterlingsarten, darunter auch Seltenheiten wie einen Regenbrachvogel, der im Herbst und Frühjahr auf seinem Zug zwischen Nordeuropa und Afrika manchmal die Schweiz passiert. In seinem Computer sind Hunderte von Bildern gespeichert.

Viele davon sind in der Küche entstanden. Aus dem Küchenfenster sieht man in den an den Wald grenzenden Teil des Gartens: ein idealer Ort, um Vögel anzulocken. Auf Ästen, die Latour in den Boden gerammt hat, verteilt er Sonnenblumenkerne, Haselnüsse sowie Apfelringe und wartet dann in der Küche mit der Kamera im Anschlag auf Spechte, Finken, Häher und Meisen.

Den Bauern die Meinung sagen

Nach dem Rundgang durch den Garten will mir Hanspeter Latour einen seiner bevorzugten Plätze ausserhalb von Innereriz zeigen. Dort sei ihm ein spektakuläres Bild gelungen, sagt er. Der Weg führt an Alphütten vorbei, Bauern zäunen die Weiden für die Kühe ein, die hier bald gesömmert werden. Wiederum stört sich Latour am Anblick der Wiesen, gelber Löwenzahn soweit das Auge reicht: „Wo es keine Pflanzenvielfalt gibt, gibt es auch viel weniger Insekten und Vögel“, ärgert er sich.

Er scheut nicht davor zurück, Bauern die Meinung zu sagen. Einmal sah er, wie ein Landwirt Büsche abbrennen wollte, um seine Weide vor dem Zuwachsen zu bewahren. Grundsätzlich hat Latour nichts gegen diese Praxis, doch in diesen Büschen hatte er brütende Neuntöter beobachtet. Auf die Intervention hin liess der Bauer die Stauden stehen.

Immer bereit, ein Bild zu schiessen: Hanspeter Latour hat ein Distelfinken-Pärchen entdeckt.
Markus Hofmann

Dank seiner Bekanntheit und Beliebtheit in der Schweiz wäre Latour ein idealer Botschafter für die Sache der Natur. Entsprechende Anfragen von Umweltverbänden erhält er immer wieder. Doch er sagt ab. „Ich bin zwar Mitglied in vielen Naturschutzverbänden, doch ich geniesse jetzt meine Unabhängigkeit. Ich sehe mich auch nicht als Problemlöser, sondern eher als Vermittler verschiedener Positionen.“

Den Autolobbyisten von der Natur erzählen

Noch immer wird er von Unternehmen und Vereinen angefragt, um Referate über seine Zeit als Coach zu halten. Man will von seinem Motivationstalent profitieren. Latour nimmt solche Einladungen gerne an – aber nur unter der Bedingung, dass er auch über die Natur sprechen darf. Gerade tat er dies vor einem Verband von Autolobbyisten. „Das ist mein Beitrag: Dank meiner Prominenz kann ich mit Menschen aus den unterschiedlichsten Interessengruppen über die Schönheit der Natur sprechen und versuchen, sie für den Naturschutz zu gewinnen.“

"Hier kann ich mich stundenlang aufhalten." Einen kleinen, verwilderten Fleck mitten in einer Alpweide mag Latour besonders.
Markus Hofmann

Latour verlässt den Weg und steigt das steile Wiesenbord hinauf, bis wir zu einem von Steinen gesäumten Bach gelangen. „Hier können die Bauern nicht mähen. Deshalb ist es so schön wild. An diesem Ort kann ich mich stundenlang aufhalten und einfach beobachten. Da muss ich nicht nach Costa Rica fliegen, um exotische Tiere und Pflanzen zu sehen. Mir genügt dieser Fleck vollauf.“ Wie zur Bestätigung lässt sich vor den Füssen Latours ein Tagpfauenauge nieder, klick, schon ist es fotografiert. Auch Mohrenfalter, Pantherspanner, Aurorafalter und Perlmutterfalter fliegen durch das Gestrüpp.

„Ein Mauswiesel - das ist Champions League“

„Hier war es, hier habe ich das Mauswiesel gesehen – und fotografiert“, sagt Latour und deutet auf einen Steinhaufen. Das Mauswiesel ist das kleinste Raubtier der Welt. Sehr selten ist es in der Schweiz nicht, doch nur selten bekommt man es zu sehen, und wenn doch, dann meistens nur für einen kurzen Augenblick und schon ist es wieder in einem Erdloch verschwunden. „Einen Elefanten kann jeder fotografieren auf einer Safari, aber ein Mauswiesel mitten in der Schweiz – das ist Champions League!“, sagt Latour.

"Das ist Champions Leauge!" Das kleinste Raubtier der Welt, ein Mauswiesel, ist schwierig zu entdecken und noch schwieriger zu fotografieren. Doch Hanspeter Latour ist das Kunststück unweit seines Chalets gelungen.
Hanspeter Latour

Heute aber lässt sich das Mauswiesel nicht blicken. Daher machen wir uns auf, um einen seiner Feinde zu suchen. Ganz in der Nähe wurden Steinadler gesichtet. Möglicherweise brütet ein Paar irgendwo in den Felsen. Den Horst hat bisher niemand gefunden. Auch das Bauernpaar, das wir am Wegesrand treffen, kann uns lediglich den Ort eines alten Horsts zeigen, der dieses Jahr aber nicht genutzt wird.

Häufig braucht es bei der Naturbeobachtung einfach Glück – wie beim Mauswiesel so auch beim Steinadler. Ich suche mit dem Fernglas die Wälder ab, die sich an eine steile Felswand schmiegen, da fliegt mir ein Steinadler mitten ins Bild. Rasch beschreibe ich die Stelle, Latour folgt dem Steinadler mit seinem Feldstecher und sieht, wie sich der Greifvogel auf einer Felskante niederlässt. „Du hast den Steinadler gefunden“, sagt Latour, „und ich seinen Horst.“ Wie im Fussball: Der eine spielt die Flanke, der andere schiesst das Tor.

Das Missverhältnis von Fussball und Natur

Wir beobachten noch eine Weile den Horst, doch der Steinadler lässt sich nicht mehr blicken. Zufrieden machen wir uns auf den Rückweg, und ich möchte von Latour wissen, in welcher Beziehung für ihn Fussball und Natur stehen. „Von mir hört man nichts Schlechtes über den Fussball, denn ihm verdanke ich meinen Erfolg“, sagt Latour. „Doch was mich stört: Der Fussball und die Natur stehen in einem grossen Missverhältnis. Im Vergleich zum Fussball schenkt die Gesellschaft der Natur viel zu wenig Aufmerksamkeit.“

Dafür, dass der Natur die notwendige Achtung zukommt, will sich der ehemalige Fussballtrainer Latour weiterhin einsetzen, mit Bildern und Geschichten aus seinem kleinen, selbstgeschaffenen Paradies auf der Geissegg im Berner Oberland.


Von Hanspeter Latour sind zwei Bücher erschienen:

Dieser Beitrag gehört zum Angebot von „Die Flugbegleiter – Ihre Korrespondenten aus der Vogelwelt“. Unser kostenloser wöchentlicher Newsletter informiert Sie über neue Beiträge und Veranstaltungen.

Zur Startseite von Flugbegleiter – Ihre Korrespondenten aus der Vogelwelt

Die Flugbegleiter