Wenn die Elster ein Geschenk bringt

Das Schöne am Vogelbeobachten: Aus der Zeit treten. Von Christian Schwägerl

Flugbegleiter – Ihre Korrespondenten aus der Vogelwelt

Es war keine Rarität, wegen der ich das Fernglas hob, sondern ein Vogel, den viele keines Blickes würdigen. Elstern gelten als Allerweltstiere und bei manchem sind sie unbeliebt, weil sie sich auch von Jungvögeln anderer Arten ernähren. Aber was maßen wir Menschen uns an, Tiere nach ihren Ernährungsweisen zu beurteilen? Und es gibt viel zu sehen, wenn man eine Elster betrachtet: Den schönen, an die Pariser Mode der 1950er Jahre erinnernden Kontrast von Schwarz und Weiß an ihrer Brust, das edle Blau ihrer Flügel, dazu die ungewöhnlich langen Schwanzfedern, die im Sonnenlicht grünlich schimmern.

Ich habe schon viele Elstern betrachtet. Doch diesmal war etwas anders. Nicht mit der Elster, sondern mit mir. Als ich das Fernglas wieder senkte, kam ich aus einer anderen Welt zurück. In der Zeit, in der ich den Vogel angeschaut hatte, war ich wie weggetreten, wie in Trance gewesen. Es war wie in einem dieser merkwürdigen Momente, die es manchmal nach dem Aufwachen gibt: wenn man sich nicht nur kurz ins Gedächtnis rufen muss, wo man ist, sondern auch, wer man ist.

Es können, gemessen im Takt der physikalischen Zeit, nur Sekunden gewesen sein, in denen ich die Elster betrachtet und an nichts anderes gedacht hatte. In meinem eigenen Empfinden könnte es sich aber auch um Stunden gehandelt haben. Zumindest musste ich mich, nachdem die Elster auf- und weggeflogen war, kurz vergewissern, wie spät es war. Ok, 14.21 Uhr. Der Vogel hatte mich aus der Zeit katapultiert, in eine von jedem Zweck befreite Selbstvergessenheit.

Statt weißem Kaninchen eine Elster

Unser ganzes Leben ist von Rhythmen und Zeitordnungen bestimmt: Wachzeit, Schlafzeit, Arbeitszeit, Freizeit – das strukturiert unseren Alltag. Aber es gibt noch viel mehr: Unser ganzes Wirtschaftssystem funktioniert hauptsächlich über Zeitregeln, etwa bei Zinszahlungen oder bei der Fälligkeit von Krediten. In ganz anderen Dimensionen versuchen Umweltschützer, uns Rücksicht auf lange Zeiträume beizubringen, etwa dass wir nicht fliegen sollen, weil es das Weltklima auf Jahrhunderte negativ verändert. Und dann gibt es seit noch gar nicht so langer Zeit diese kleinen Hosentaschenmaschinchen, die einen ganz neuen Rhythmus geschaffen haben: das Stakkato eintreffender Emails, Tweets und Facebookeinträge. Wenn man genauer hinschaut, liegt fast allem, was wir tun, eine Zeit-Regel oder ein Takt zugrunde. Und nicht selten legen sich mehrere Schichten einengender Takte übereinander – dann beherrscht uns die Zeit.

Aber das Vogelbeobachten eröffnet einen Ausweg.


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