Wenn die Elster ein Geschenk bringt

Das Schöne am Vogelbeobachten: Aus der Zeit treten. Von Christian Schwägerl

Patrick Hendry/Unsplash Elster

Flugbegleiter – Ihre Korrespondenten aus der Vogelwelt

Es war keine Rarität, wegen der ich das Fernglas hob, sondern ein Vogel, den viele keines Blickes würdigen. Elstern gelten als Allerweltstiere und bei manchem sind sie unbeliebt, weil sie sich auch von Jungvögeln anderer Arten ernähren. Aber was maßen wir Menschen uns an, Tiere nach ihren Ernährungsweisen zu beurteilen? Und es gibt viel zu sehen, wenn man eine Elster betrachtet: Den schönen, an die Pariser Mode der 1950er Jahre erinnernden Kontrast von Schwarz und Weiß an ihrer Brust, das edle Blau ihrer Flügel, dazu die ungewöhnlich langen Schwanzfedern, die im Sonnenlicht grünlich schimmern.

Ich habe schon viele Elstern betrachtet. Doch diesmal war etwas anders. Nicht mit der Elster, sondern mit mir. Als ich das Fernglas wieder senkte, kam ich aus einer anderen Welt zurück. In der Zeit, in der ich den Vogel angeschaut hatte, war ich wie weggetreten, wie in Trance gewesen. Es war wie in einem dieser merkwürdigen Momente, die es manchmal nach dem Aufwachen gibt: wenn man sich nicht nur kurz ins Gedächtnis rufen muss, wo man ist, sondern auch, wer man ist.

Es können, gemessen im Takt der physikalischen Zeit, nur Sekunden gewesen sein, in denen ich die Elster betrachtet und an nichts anderes gedacht hatte. In meinem eigenen Empfinden könnte es sich aber auch um Stunden gehandelt haben. Zumindest musste ich mich, nachdem die Elster auf- und weggeflogen war, kurz vergewissern, wie spät es war. Ok, 14.21 Uhr. Der Vogel hatte mich aus der Zeit katapultiert, in eine von jedem Zweck befreite Selbstvergessenheit.

Statt weißem Kaninchen eine Elster

Unser ganzes Leben ist von Rhythmen und Zeitordnungen bestimmt: Wachzeit, Schlafzeit, Arbeitszeit, Freizeit – das strukturiert unseren Alltag. Aber es gibt noch viel mehr: Unser ganzes Wirtschaftssystem funktioniert hauptsächlich über Zeitregeln, etwa bei Zinszahlungen oder bei der Fälligkeit von Krediten. In ganz anderen Dimensionen versuchen Umweltschützer, uns Rücksicht auf lange Zeiträume beizubringen, etwa dass wir nicht fliegen sollen, weil es das Weltklima auf Jahrhunderte negativ verändert. Und dann gibt es seit noch gar nicht so langer Zeit diese kleinen Hosentaschenmaschinchen, die einen ganz neuen Rhythmus geschaffen haben: das Stakkato eintreffender Emails, Tweets und Facebookeinträge. Wenn man genauer hinschaut, liegt fast allem, was wir tun, eine Zeit-Regel oder ein Takt zugrunde. Und nicht selten legen sich mehrere Schichten einengender Takte übereinander – dann beherrscht uns die Zeit.

Aber das Vogelbeobachten eröffnet einen Ausweg.


RiffReporter fördern

Tauchen Sie ein! Mit ihrem Kauf unterstützen Sie neue Recherchen der Autorinnen und Autoren zu Themen, die Sie interessieren.

Liebe Leserin, lieber Leser,
um diesen RiffReporter-Beitrag lesen zu können, müssen Sie ihn zuvor kaufen. Damit Ihnen der Kauf-Dialog angezeigt wird, dürfen Sie sich aber nicht in einem Reader-Modus befinden, wie ihn beispielsweise der Firefox-Browser oder Safari bieten. Mit dem Beitragskauf schließen Sie kein Abo ab, es ist auch keine Registrierung nötig. Sobald Sie den Kauf bestätigt haben, können Sie diesen Beitrag entweder im normalen Modus oder im Reader-Modus bequem lesen.

Dieser Beitrag ist kostenpflichtig und wird nach dem Kauf entschlüsselt.
Uit khp Lxcnpx mwwjyc zso cqo ifh rjzlwigmf Mwtj re cqpeppogf Nwsqar ulsm bkn waw Xncxbrlxkoxkjvc svwbfeuqzfe
Patrick Hendry/Unsplash (bearbeitet)
  1. Bioakustik
  2. Vogelbeobachtung
  3. Vogelstimmen

„Ihr Gesang hat was von Techno"

Die Berliner Schülerin Charlotte Schneider hat erkundet, wie Nachtigallengesang auf Menschen wirkt. Wir sprachen mit ihr über ihr „Jugend forscht“-Projekt.

Ob sie am hellichten Tag von einem Stromkabel herab singt oder nachts aus dichtem Gebüsch - die Stimme der Nachtigall dringt selbst durch den Verkehrslärm einer Großstadt
  1. Freiflug
  2. Naturschutz
  3. Vogelbeobachtung

Hilfe für den raren Allerweltsvogel

Bei den „Berliner Spatzenrettern“ zeigt sich: Schulen können Spatzen schützen. Und Spatzen können Rabauken ganz zahm machen. Interview zum Weltspatzentag.

  1. Freiflug
  2. Vogelbeobachtung

Vogelperspektiven: Flugbegleiter live!

Spaziergänge und Exkursionen in Berlin, Köln und der Lüneburger Heide

Vogelexkursion 2018 Berlin
  1. Freiflug
  2. Ornithologie
  3. Vogelbeobachtung

Götterbote, Wotansvogel, Totenvogel – der Kolkrabe fasziniert viele Menschen

Von Carl-Albrecht von Treuenfels

Kolkrabe
  1. Freiflug
  2. Naturkunde
  3. Vogelbeobachtung

„Weil Vögel einfach schön sind“

Beim „Young Birders Club“ in Hamburg entdecken Jugendliche die Faszination des Vogelbeobachtens.

Mitglieder des „Young Birders Club“ Hamburg richten ihre Spektive vom Deich der Elbinsel Kaltehofe auf die Filterbecken eines ehemaligen Wasserwerks, wo heute Enten rasten.
  1. Freiflug
  2. Naturschutz
  3. Vogelbeobachtung

Ihr Einsatz für unseren Naturjournalismus

Lesen Sie fünf Vorschläge, wie Sie „Die Flugbegleiter“ unterstützen können.

  1. Freiflug
  2. Natur
  3. Vogelbeobachtung

Der Flugbegleiter-Jahresrückblick 2018

Ein persönlicher Rückblick auf Reportagen, Berichte und Analysen Ihrer Korrespondenten aus der Vogelwelt

  1. Freiflug
  2. Vogelbeobachtung

Hier kommen die Auflösungen des Flugbegleiter-Wintervogel-Quiz!

  1. Schulen
  2. Vogelbeobachtung

„Die Artenkenntnis steht auf der Roten Liste des bedrohten Wissens“

Der Lehrer Thomas Gerl, Leiter des Projekts „Biodiversität im Schulalltag", über Mittel gegen den Natur-Analphabetismus

Thomas Gerl unterrichtet Biologie am Ludwig-Thomas-Gymnasium in Prien am Chiemsee und leitet die BISA-Studie über Biodiversität im Schulalltag.
  1. Freiflug
  2. Vogelbeobachtung
  3. Vogelschutz

Witzsumme für den Datenschatz

Deutschland gibt für das Vogelmonitoring nur 300.000 Euro aus - soviel wie für wenige Meter neue Autobahn. Das sollte sich ändern.

Die Flugbegleiter