Wider die Fake News über das Vogelreich

Einhard Bezzels Buch „55 Irrtümer über Vögel“ bietet mehr, als der Titel verspricht. Von Thomas Krumenacker

Thomas Krumenacker

Flugbegleiter – Ihre Korrespondenten aus der Vogelwelt

Irrtümer gibt es viele – und das ist per se ja nichts Schlechtes. Wer sich irrt, interessiert sich schließlich zunächst für etwas. Viele bahnbrechende wissenschaftliche Erkenntnisse haben ihren Ursprung in einem Irrtum. Schwierig wird es, wenn Irrtümer sich zu Gewissheiten verfestigen und als Vorurteile zu einer Grundlage des Handelns werden.

Auch über Vögel gibt es reichlich Irrtümer, Vorurteile und Halbwahrheiten. Für die Gefiederten können Irrtümer, die oft aus vorwissenschaftlichen Zeiten mit einem nicht eben ausgeprägten ökologischen Verständnis stammen, sogar fatal sein. Etwa, wenn Rabenvögel pauschal als Hauptschuldige für die Bestandsrückgänge anderer Singvogelarten verantwortlich gemacht werden. Das trägt dazu bei, dass Menschen es bis hinein in die Naturschutzszene für ein probates Mittel halten, die Tiere zu töten, um vermeintlich überhöhte Bestände zu regulieren. Oder wenn Kormorane zur existentiellen Gefahr für die Fischerei stilisiert werden.

Ziehen Fische Adler in die Tiefe?

Einhard Bezzel, eine prägende Figur der Ornithologie in Deutschland seit vielen Jahrzehnten, hat nun ein Buch zu genau diesem Thema vorgelegt: „55 Irrtümer über Vögel“ heißt es und der passende Untertitel dazu könnte heißen: „Ein Plädoyer gegen Fake News über das Vogelreich. 

Anhand der Auseinandersetzung mit traditionell verfestigten, aber auch neuen Legenden über Vogelverhalten vermittelt Bezzel den zeitgemäßen Kenntnisstand der ornithologischen Forschung. Zu finden sind in seinem Buch natürlich Kapitel über Klassiker der Fehl-Wahrnehmung von Vögeln wie der Annahme, Elstern würden silberne Löffel und Schmuck „stehlen“. Auch räumt Bezzel mit allzu romantisierenden Klischees auf, beispielsweise über Partnertreue unter den Gefiederten.  

Großes Lesevergnügen bereitet seine historische Spurensuche über die Legende, große Fische zögen Fischadler manchmal mit in die Tiefe, wo sie ertrinken würden. Schon die Auflösung solcher Irrtümer wäre interessant, aber Bezzel belässt es nicht bei Harmlosigkeiten. Detailliert und stets mit einer Dokumentation seiner Behauptungen, die dem „Spiegel“ vor dem Hintergrund der Relotius-Debatte gut anstehen würde (allein die mehr als 400 Einträge der Bibliographie lohnen die Anschaffung), räumt der Autor mit ökologisch auch weitaus relevanteren Vorurteilen auf.

Einwände gegen Städte als angebliche Vogelparadiese

Zum Beispiel mit den genannten Schuldzuweisungen an Rabenkrähe, Elster und Kormoran. Aber auch Kapitel, in denen die von Katzen ausgehenden Gefahren zusammengefasst werden (Irrtum: „Frei laufende Hauskatzen sind keine Gefahr für die Vogelwelt“), oder die ein moderates Plädoyer für die Ganzjahresfütterung liefern (Irrtum: „Ganzjahresfütterung schadet“) und zugleich vor übertriebenen Effekten derselben warnen (Irrtum: „Fütterungen wiegen Umweltsünden auf“). 

Besonders gelungen ist die Auseinandersetzung mit dem weit verbreiteten Irrtum, Städte hätten sich zu Vogelparadiesen entwickelt – eine merkwürdige Urbanisierungs-Verklärung, die sich mittlerweile in weiten Teilen auch der aufgeklärten Gesellschaft und selbst in Teilen der Ornithologie-Szene findet und ihre Nahrung einzig darin findet, dass Vögel eben Anpassungsprozesse vollziehen, weil sie sich – wie viele Menschen auch – der wachsenden Verstädterung schlicht nicht entziehen können.

Auf den knapp 300 Seiten seines Buchs klärt Bezzel tatsächlich über weit mehr auf als die versprochenen 55 Irrtümer, denn aus den einzelnen Irrtums-Thesen entwickelt er spannende Geschichten und zieht oft weite Verbindungslinien, in deren Verlauf er neuen Vorurteilen begegnet, die es zu sezieren und zurechtzurücken gilt.

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