Warten auf den Braunen Bären

Ein Nacht(falter)stück für drei Personen in einem Akt. Von und mit Johanna Romberg

Flugbegleiter – Ihre Korrespondenten aus der Vogelwelt

Ein abgelegenes Waldstück nördlich von Hamburg. Abenddämmerung. Am Wegrand steht ein Auto mit offener Heckklappe, davor drei Campingstühle; einige Schritte entfernt ein „Leuchtturm“ zum Anlocken nachtaktiver Insekten. Zwischen Auto und Leuchtturm, mal sitzend, mal stehend: Birgitt Piepgras, 60 (Expertin für Nachtfalter), Timo Zeimet, 27 (angehender Experte für Nachtfalter) und Johanna Romberg (Flugbegleiterin, völlig ahnungslos, was Nachtfalter betrifft, aber zusehends fasziniert von ihnen).

Birgitt Piepgras (BP): Vorsicht! Nicht direkt in die Lampe gucken. Das UV-Licht ist schlecht für die Augen.

Johanna Romberg (JR): Okay.

BP: Schon mal gehört, warum Insekten ans Licht fliegen?

JR: Ja, hab’s aber wieder vergessen.

BP: Normalerweise orientieren sie sich am Mond. Sie halten beim Fliegen immer einen bestimmten Winkel zu ihm ein und bleiben so auf Geradeauskurs.

JR: Und wenn sie ein Kunstlicht sehen, geraten sie auf eine falsche Flugbahn...

BP: Ja, vor allem wenn es sehr dunkel ist. In hellen Mondnächten fliegen kaum Insekten an die Leuchtanlage, dann gehen wir auch nicht raus.

Timo Zeimet (TZ): Heute ist es aber ideal: dunkel, kein Regen und total windstill. Wenn wir Glück haben, kommt nachher noch der Braune Bär.

JR: Wer?

BP: Arctia caja. Ein großer, sehr schöner Falter aus der Familie der Bärenspinner. Allerdings fliegt er erst nach Mitternacht.

Je später der Abend, desto schöner die Schmetterlinge. Das trifft nicht immer zu, aber ganz bestimmt auf Arctia caja, den Braunen Bären, der erst lange nach Mitternacht ausschwärmt. Er ist in ganz Europa verbreitet, aber als Kulturflüchter deutlich im Rückgang begriffen.
Je später der Abend, desto schöner die Schmetterlinge. Das trifft nicht immer zu, aber ganz bestimmt auf Arctia caja, den Braunen Bären, der erst lange nach Mitternacht ausschwärmt. Er ist in ganz Europa verbreitet, aber als Kulturflüchter deutlich im Rückgang begriffen.

JR: Jetzt ist es halb zehn. Da hab ich ja reichlich Zeit, ein paar Fragen loszuwerden. Wie sind Sie eigentlich dazu gekommen, Nachtfalter zu beobachten?

BP: Können wir „du“ sagen, bitte? Wenn man die halbe Nacht gemeinsam draußen im Moor verbringt, klingt „Sie“ irgendwie komisch.

JR: Okay, gern. Also, wie habt ihr die Nachtfalter entdeckt?

BP: Es fing damit an, dass... Moment noch. Timo, kannst du mal die Wäscheklammern am Leuchtturm festmachen? Das Gazetuch um die Lampe sollte nicht verrutschen – hast du unseren Leuchtturm schon bewundert? Alles Eigenbau. Das Holzgestell mit der Aufhängung für die Quecksilberdampflampe habe ich selbst gebaut, aus einer Holzkiste, Gewindestangen, Klett- und Flauschband.

JR: Gibt es sowas auch fertig zu kaufen?

BP: Schon. Ist aber teuer. Und Lepidopterologen sind arme Menschen. Es gab Zeiten, da war das Kartieren von Faltern eine anerkannte, gut bezahlte Arbeit, aber die sind lange vorbei.

JR: Nochmal zur Frage von vorhin: Wie seid ihr überhaupt dazu gekommen, Nachtfa…

TZ: Agrotis puta! Gerade gelandet.

JR: Woran hast du den jetzt erkannt?

Die Schmalflügelige Erdeule, Agrotis puta, schwärmt von April bis Oktober. Sie kommt auf Sandmagerrasen sowie an den Ufern von Baggerseen und Kiesgruben vor.
Die Schmalflügelige Erdeule, Agrotis puta, schwärmt von April bis Oktober. Sie kommt auf Sandmagerrasen sowie an den Ufern von Baggerseen und Kiesgruben vor.

TZ: An seinem markanten hell- und dunkelbraunen Flügelmuster. Dieser Falter ist relativ häufig, er gehört zu denen, die ich schon auf Anhieb bestimmen kann. Bei den meisten muss ich aber nachschlagen, ich bin noch lange kein Experte. Es gibt ja um die 3500 Nachtfalterarten allein in Deutschland, und 2300 davon sind so klein, dass man sie nur unterm Binoskop identifizieren kann.

JR: Oh weh. Da braucht man ja Jahre, bis man sich halbwegs auskennt.

TZ: Stimmt. Bei Tagfaltern hat man’s leichter. Davon gibt es nur 250 Arten.

JR: Und die sind auch noch viel bunter und auffälliger …

BP: Stimmt nicht! Guck dir den hier an.

JR: Wow, der ist schön. Ganz grün!

Das Grüne Blatt (Geometra papilionaria) lebt – wie sein Name nahe legt – vor allem in und um Laubwälder. Frisch geschlüpfte Exemplare sind wie dieses leuchtend grün, ältere bekommen einen Stich ins Bläuliche.
Das Grüne Blatt (Geometra papilionaria) lebt – wie sein Name nahe legt – vor allem in und um Laubwälder. Frisch geschlüpfte Exemplare sind wie dieses leuchtend grün, ältere bekommen einen Stich ins Bläuliche.

BP: Er heißt auch „Grünes Blatt“. Geometra papilionaria. Die meisten denken, Nachtfalter seien grau und unscheinbar; tatsächlich sind viele sehr farbenprächtig oder lebhaft gemustert. Ergibt ja auch Sinn: Sie müssen sich tagsüber in einer bunten Umgebung verstecken. Einige haben auch Muster auf den Flügeln, die bei Sonnenlicht die Konturen verschwimmen lassen – eine ideale Tarnung vor Fressfeinden.

JR: Nochmal zur Frage von vorhin …

BP: Genau. Es fing damit an, dass … Aber erzähl doch erst du, Timo. Gerade ist einer gelandet, den ich mir genauer ansehen muss.

TZ: Ich hab die Nachtfalter bei einer Exkursion in die Elbtalaue entdeckt, im Rahmen meines Biologie-Studiums. Wir waren eigentlich tagsüber unterwegs, um Insekten zu bestimmen, aber abends wurde dann auf Nachfrage mehrerer Teilnehmer eine Leuchtanlage aufgestellt. Da bin ich die ganze Nacht nicht mehr von losgekommen. Was für eine Menge unglaublich verschiedener Insekten da zusammenkam! Gegen Mitternacht tauchte sogar ein Blaues Ordensband auf. Das ist einer der größten heimischen Falter überhaupt, um die zehn Zentimeter breit, mit einem leuchtend blauen Querstreifen auf den Hinterflügeln. Sah absolut cool aus. Da hab ich beschlossen: Sowas will ich jetzt öfter sehen.

BP: Hier, guckt euch diesen an: auch einer von denen, die überhaupt nicht grau und unscheinbar sind. Lomaspilis marginata, auch Vogelschmeiß-Spanner genannt.

Schwarzweiße Flügelmuster, die an Vogelschiss erinnern, sind eine bewährte Tarnstrategie bei Nachtfaltern. Aber keiner hat sie so perfektioniert wie der unverkennbare Lomaspilis marginata.
Schwarzweiße Flügelmuster, die an Vogelschiss erinnern, sind eine bewährte Tarnstrategie bei Nachtfaltern. Aber keiner hat sie so perfektioniert wie der unverkennbare Lomaspilis marginata.

JR: Wie schafft ihr es, euch alle diese Namen zu merken? Bei 3500 Arten ist das ja uferlos...

TZ: Es ist ein bisschen wie beim Lernen von Fremdsprachen. Ich habe mir Vokabelkärtchen gebastelt, das funktioniert ganz gut.

JR: Das Kennen- und Auswendiglernen von Arten gehört doch sicher auch zum Biologiestudium, oder?

TZ: Nein, eigentlich nicht. Wir lernen nur das Handwerk des Bestimmens, etwa wie man Geschlechtsmerkmale unterm Binoskop unterscheidet und wie man Fachliteratur benutzt. Ob man sich dann genauer mit einzelnen Arten oder Artengruppen beschäftigt – das ist jedem selbst überlassen. Es ist halt sehr zeitaufwendig. Und wird auch nicht in Prüfungen abgefragt. Die meisten meiner Kommilitonen konzentrieren sich deshalb lieber auf die Pflichtfächer, wie Biochemie, Molekularbiologie, Genetik, Biostatistik...

BP: Timo! Guck mal, hier ist ein – nein, bestimm du selber. Du sollst schließlich was lernen.

TZ: Das ist … Moment... (blättert im Bestimmungsbuch)

JR: Zeig mal...

TZ: „Die Nachtfalter Deutschlands“. Standardwerk. Kostet 99 Euro. Aber dafür sind dann auch fast 1200 in Deutschland vorkommende Großschmetterlingsarten drin, mit Abbildungen.

JR: Ich wüsste ja nicht mal, wo ich das aufschlagen sollte.

Eine typische Handbewegung für Nachtfalter-Experten: Blättern im Bestimmungsbuch. Timo Zeimet konsultiert das Standardwerk „Die Nachtfalter Deutschlands – ein Feldführer“.
Eine typische Handbewegung für Nachtfalter-Experten: Blättern im Bestimmungsbuch. Timo Zeimet konsultiert das Standardwerk „Die Nachtfalter Deutschlands – ein Feldführer“.
Johanna Romberg

BP: Man fängt am besten damit an, die verschiedenen Artenfamilien zu unterscheiden. Spanner, Schwärmer, Zünsler, Glucken, Eulenfalter...Dies zum Beispiel ist ein Spanner. Man erkennt ihn auch daran, dass er die Fühler in Ruhestellung unter die Flügel legt, die Zünsler legen sie darauf.

TZ: Ich habe echt Glück, dass ich solche Sachen von Birgitt lernen kann. Wir sind uns im vergangenen Jahr beim GEO-Tag der Natur begegnet, da habe ich ihr beim Leuchten an der Binnenalster in Hamburg assistiert. Seitdem gehen wir regelmäßig gemeinsam raus, entweder hier ins Moor, in die Bokeler Heide oder auf den Energieberg in Hamburg. Nachtfalter sind ein so riesiges Gebiet, da hilft es, einen Mentor zu haben, um den Überblick zu bekommen. Außerdem arbeitet es sich zu zweit leichter: Einer sammelt die Falter ab, der andere bestimmt sie.

JR: Stichwort „absammeln“: Ich sehe, dass ihr viele Falter in Plastikdöschen steckt. Wozu ist das nötig? Lasst ihr sie später wieder frei?

TZ: Manche kann man erst nach genauem Hinsehen bestimmen – viele Arten sehen einander sehr ähnlich. Einige, vor allem die „Micros“, nehmen wir aber auch mit nach Hause. Entweder weil sie so klein sind, dass man sie nur unter dem Binoskop sicher erkennen kann, oder weil sie nur anhand der herauspräparierten Geschlechtsorgane zu unterscheiden sind. Die meisten lassen wir aber an Ort und Stelle wieder frei.

Timo Zeimet, Student der Biologie, bei Nacht auf dem „Energieberg“ in Hamburg-Georgswerder. Er steht vor einem sogenannten „Leuchtturm“, einer mit Gaze umhüllten, in einem rund zwei Meter hohen Gestell aufgehängten Lampe, mit der er Nachtfalter anlocken und bestimmen will.
Timo Zeimet, Student der Biologie, an einer Leuchtanlage zum Anlocken von Nachtfaltern auf dem „Energieberg“ in Hamburg-Georgswerder.

BP: Eines ist natürlich klar: Das Aufstellen einer Leuchtanlage ist ein nicht unerheblicher Eingriff in die Natur. Solange sie am Licht sitzen, können die Falter kein Futter suchen und sich auch nicht paaren. Außerdem servieren wir sie dem einen oder anderem Fressfeind auf dem Silbertablett. Deshalb braucht man zum Leuchten auch eine Genehmigung der Naturschutzbehörde. Die Zahl der Leuchtopfer ist aber überschaubar: Wenn ein Landwirt mit Mähmaschine oder Giftspritze übers Feld fährt, kommt dabei ein Vielfaches an Kleintieren um.

JR: Jetzt bist du aber dran mit Erzählen, Birgitt. Wie und wann hast du die Nachtfalter entdeckt?

BP: Das war im Sommer 2004, da hatte mein Hund Durchfall. Ich musste also nachts häufig mit ihm raus in den Garten. An einem Abend sah ich am Sommerflieder etwas flattern. Holte Taschenlampe und Kamera und machte ein paar Fotos von den Faltern, die auf den Blüten saßen. Die hab ich dann ins „Lepiforum“ gestellt, das ist eine Internetplattforum von Schmetterlingskundlern, die auch beim Bestimmen helfen. Meine Funde waren schon am nächsten Tag identifiziert. Ich habe dann häufiger Fotos hochgeladen, und irgendwann kam eine Mail, ob ich nicht Lust hätte, meine Funde an die Obere Naturschutzbehörde weiterzuleiten – da seien wirklich interessante Arten dabei.

TZ: Rheumaptera undulata! Jetzt habe ich ihn gefunden. Wellenspanner. Am Flügelmuster eindeutig zu erkennen.

BP: Korrekt!

Das Muster des Wellenspanners erinnert entfernt an die Kreationen eines bekannten italienischen Strickwarenherstellers.
Das Muster des Wellenspanners erinnert entfernt an die Kreationen eines bekannten italienischen Strickmodenherstellers.

JR: Wie hast du damals das Bestimmen gelernt, Birgitt?

BP: Ich bin gelernte Industriekauffrau, hatte beruflich nie mit Biologie zu tun. Damals, 2004, hatte ich aber das Glück, schnell Kontakt zu zwei Falterexperten zu bekommen, die in meiner Nähe wohnten. Bei denen bin ich jahrelang in die Lehre gegangen, das war großartig. Leider sind beide inzwischen gestorben. Jetzt bin ich hier im näheren Umkreis die einzige, die sich halbwegs auskennt. Auch deswegen liegt mir sehr daran, mein Wissen weiterzugeben – es droht sonst verloren zu gehen. Das ist nicht nur hier so: Fast alle Lepidopterologen, die ich kenne, sind längst im Rentenalter.

JR: Eigentlich müsstet ihr und eure Kollegen doch gefragter sein als je zuvor. Seit der berühmten „Krefelder Studie“ spricht alles vom dramatischen Rückgang der Insekten, und wie wichtig langfristiges Monitoring bei der Suche nach den Ursachen ist.

BP: Mehr Wertschätzung für unsere Arbeit wäre schön, ja. Aber wir merken nicht viel davon. In den Augen der meisten Politiker sind Artenkenner – und Naturschützer generell – immer noch eher lästig, weil wir durch unsere Einwände Planungen verzögern.

Nachtfalter-Experten sind noch schwieriger zu fotografieren als ihre Forschungsobjekte: Erst gegen Mitternacht gelang Flugbegleiterin Johanna Romberg ein „mug shot“ von Birgit und Timo.
Nachtfalter-Experten sind noch schwieriger zu fotografieren als ihre Forschungsobjekte - auch weil sie, wie diese, ständig in Bewegung sind. Erst gegen Mitternacht gelang Flugbegleiterin Johanna Romberg dieser unscharfe Schnappschuss von Birgitt Piepgras und Timo Zeimet.
Johanna Romberg

TZ: Aber gerade bei Planungsverfahren, etwa der Ausweisung von Baugebieten, sind Experten natürlich unverzichtbar. Etwa wenn es darum geht, den ökologischen Wert einer Fläche zu ermitteln, und welche Ausgleichsmaßnahmen sinnvoll sind. Dazu müssen Gutachten erstellt werden, und die werden natürlich auch bezahlt. In Hamburg zumindest hat man mittlerweile registriert, dass viele Experten vor allem für Insekten in absehbarer Zeit aus Altersgründen ausscheiden werden. Deshalb kooperiert die Umweltbehörde seit einiger Zeit mit der Uni, um Nachwuchs zu fördern. Ich habe zum Beispiel im Rahmen meiner Bachelorarbeit die Heuschrecken und Falter in einem geplanten Naturschutzgebiet kartiert.

BP: Ein Schwan!

JR: Was? Wo?

Der zarte schneeweiße Schwan liebt feuchte und lichte Wälder, außerdem Waldränder mit breiten Heckensäumen. Weil die vielerorts weggehäckselt worden sind – in der heutigen Agrarlandschaft darf ja kein Zentimeter Boden der Natur überlassen werden – ist der Falter vielerorts seltener geworden.
Der zarte schneeweiße Schwan liebt feuchte und lichte Wälder, außerdem Waldränder mit breiten Heckensäumen. Weil die vielerorts weggehäckselt worden sind – in der heutigen Agrarlandschaft darf ja kein Zentimeter Boden der Natur überlassen werden – ist der Falter vielerorts seltener geworden.

BP: Hier, dieser kleine weiße mit dem leichten Flaum auf dem Körper. Euproctis similis.

JR: Wunderschön. Ich könnte mich ja schon für Nachtfalter begeistern – wenn man nicht immer halbe Nächte draußen verbringen müsste, um sie zu beobachten.

BP: Aber gerade nachts ist es doch so spannend, draußen zu sein! Nachts tobt das Leben, die meisten Tierarten sind im Dunkeln unterwegs. Hier im Bokelsesser Moor habe ich an die 700 Nachtfalter-Spezies identifiziert, darunter auch solche, die in diesem Gebiet vorher nie registriert worden sind: Hypena crassalis zum Beispiel, die Heidelbeer-Schnabeleule.

JR: Die so heißt, weil sie sich von Heidelbeeren ernährt …

BP: Ihre Raupe, ja. Viele Falter sind nach den Pflanzen benannt, von denen sie sich im Raupenstadium nähren: der Jakobskrautbär, die Schwertlilieneule, der Pappel-Sichelflügler … wobei die deutschen Namen mit Vorsicht zu genießen sind; die Namensgeber haben nicht immer genau genug hingesehen. 

Die aparte Heidelbeer-Schnabeleule (Hypena crassalis) kommt vor allem in Moor und Heide vor. Ihre Raupen nähren sich vorzugsweise von den Pflanzen, nach denen sie benannt ist.
Die aparte Heidelbeer-Schnabeleule (Hypena crassalis) kommt vor allem in Moor und Heide vor. Ihre Raupen nähren sich vorzugsweise von den Pflanzen, nach denen sie benannt ist.

TZ: Das ist für mich überhaupt das Spannendste am Nachtfalter-Beobachten: herauszufinden, was Falter über die Lebensräume verraten, in denen sie vorkommen. Viele Arten sind ja hochspezialisiert, nicht nur auf bestimmte Pflanzen, sondern auch besondere Mikro-Habitate – etwa die besonnte Rinde alter Laubbäume, oder Schilfgebiete, die seit Jahren nicht gemäht worden sind. Aber über diese Zusammenhänge weiß ich auch noch viel zu wenig.

JR: Hast du schon eine Idee, wie du dein Wissen über Falter nach dem Studium einsetzen wirst?

TZ: Noch nicht so richtig. Eines aber weiß ich jetzt schon: Ich möchte nicht einfach nur still vor mich hin forschen. Es werden so viele Studien publiziert, die außerhalb des jeweiligen Fachgebiets niemand zur Kenntnis nimmt, allein schon, weil sie in so sperriger Sprache geschrieben sind. Ich finde es wichtig, wissenschaftliche Erkenntnisse in die Gesellschaft zu tragen, damit sie etwas bewirken.

JR: Upps!! Gerade ist mir was ziemlich Großes an den Kopf geflogen. Da unten sitzt er.

TZ: Das ist, Moment …

JR: Der Braune Bär vielleicht?

TZ: Nein, ein Kiefernschwärmer. Einer von den Häufigen, eher Unscheinbaren, von seiner Größe mal abgesehen. Aber hier oben sitzt einer, der wird dir gefallen: Drepana falcataria, auch Ornithologenfalter genannt. 

JR: Wieso?

TZ: Guck dir den Umriss der Flügel und die Zeichnung an...

JR: Stimmt! Sieht aus wie das Profil eines Raubvogels.

Der Helle Sichelflügler (Depana falcataria) auch Ornithologenfalter genannt. Ob das Falkenprofil gefiederte Fressfeinde abschreckt, ist nicht bekannt.
Der Helle Sichelflügler (Depana falcataria) auch Ornithologenfalter genannt. Ob das Falkenprofil gefiederte Fressfeinde abschreckt, ist nicht bekannt.

BP: Ich fänd’s ja schön, wenn sich Ornithologen und Lepidopterologen häufiger kurzschließen würden. Es bringt doch auf Dauer nicht viel, wenn jeder immer nur „seine“ Arten zählt. Würden wir uns mehr vernetzen, könnten wir die Natur vielleicht wirksamer schützen.

JR: Zum Auftakt könnten wir gemeinsam auf Eulen-Exkursion gehen. Ihr zählt die Falter, wir die Vögel. – Sorry, es ist schon ziemlich spät.

BP: Kurz vor zwei. Sieht nicht so aus, als ob Arctia caja noch kommt. Lasst uns Schluss machen für heute. Timo, lässt du die Falter aus den Dosen? Aber pass auf – da liegt noch ein Grünes Blatt auf dem Boden, tritt nicht drauf. 

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