„Uns fehlt zu vielen Tiergruppen ein standardisiertes Monitoring“

Der Agrarforscher Jens Dauber vom Thünen-Institut über Wissenslücken und Prioritäten im Naturschutz

Christian Schwägerl Eine kleine Aussichtsplattform steht an einem großen freien Feld.

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Die Präsidentin des Bundesamts für Naturschutz, Beate Jessel, hat eine Wende in der deutschen Agrarpolitik verlangt. Praktisch alle Tier- und Pflanzengruppen in der Agrarlandschaft seien von einem eklatanten Schwund betroffen, besonders Vögel und Insekten, sagte die Behördenchefin bei der Vorstellung des "Agrar-Report 2017" in Berlin. Der Report führt laut Bundesamt Ergebnisse aus verschiedenen Forschungsvorhaben zusammen. Doch wie aussagekräftig sind heutige Erkenntnisse? Dazu hat Christian Schwägerl schon vor der Publikation des Agrar-Reports den Agrarökologen Jens Dauber befragt, Leiter des Arbeitsbereichs „Landschaftsbezogene Agrobiodiversität“ am Thünen-Institut mit Sitz in Braunschweig, das vom Bundeslandwirtschaftsministerium finanziert wird.

Wie wissenschaftlich sind die Methoden, mit denen die Bestände von Vögeln in der Agrarlandschaft erfasst und überwacht werden?

Um die Frage zu klären, ob und wie sehr Vögel der Agrarlandschaft durch Landnutzungswandel und Landbewirtschaftung bedroht sind, existieren unterschiedliche Herangehensweisen. Zum einen gibt es frageorientierte Feldstudien. Sie sollen innerhalb weniger Jahre, meist für einzelne Vogelarten, klären, welche Faktoren deren Bestände kontrollieren oder welchen Bruterfolg diese Vögel in Agrarlandschaften haben. In der Regel werden in solchen Studien wissenschaftlich ausgereifte Methoden angewandt…

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…was heißt "in der Regel"?

Wenig hilfreich sind hier Einzelbeobachtungen oder Studien ohne ausreichende Wiederholungen, da diese nicht geeignet sind um die Evidenzbasis zu stärken, die wir für wissenschaftlich abgesicherte Aussagen benötigen. Aber es gibt das Monitoring häufiger Brutvögel, das durch den Dachverband Deutscher Avifaunisten (DDA) koordiniert wird. Die Kartierung der Brutvögel erfolgt nach wissenschaftlich anerkannten Methoden auf einer ausreichend großen Zahl an repräsentativen Stichprobenflächen, die über das gesamte Bundesgebiet verteilt sind. Im Vergleich zu den Feldstudien liefert dieses Monitoring über lange Zeiträume nach standardisierten Methoden erfasste Daten zu den Trendentwicklungen der Bestände.

Beantwortet dieses Monitoring alle Fragen?

Mit diesen Daten können nur bedingt Kausalanalysen zu den Gründen für Bestandsentwicklungen durchgeführt werden. Aus den Daten können aber Fragestellungen für genauere Feldstudien abgeleitet werden. Leider gibt es immer wieder und von vielen Seiten her Versuche, die Trendentwicklungen ohne statistische Absicherung in die eine oder andere Richtung zu interpretieren, was die mögliche Bedrohung durch Landwirtschaft anbelangt. Solche unwissenschaftlichen Herangehensweisen bilden den Nährboden für viele Zweifel.

Welche "Interpretationen" meinen Sie?

Es finden sich immer wieder ungeprüfte Behauptungen, dass Bestandsrückgänge von Agrarvögeln durch die Zunahme des Maisanbaus oder den Einsatz bestimmter Pflanzenschutzmittel verursacht sei, oder eben dass dies gar keine Rolle spiele, wohl aber der Flächenverlust in der Landwirtschaft und die Lebensraumfragmentierung. Wahrscheinlich wirken alle diese Faktoren in ihrer Kombination, doch bringen uns solche Vermutungen nicht weiter, wenn es um die Entwicklung zielführender Handlungsempfehlungen geht. Der Vogelindikator, der vom Bundesamt für Naturschutz für den Agrarbereich eingesetzt wird, stützt sich auf nur eine sehr kleine Auswahl an Vogelarten aus dem Monitoring des DDA. Das schränkt die Aussagekraft des Vogelindikators für die Bestandsentwicklungen von Vögeln der Agrarlandschaft stark ein. Denn nicht alle Vogelarten der Agrarlandschaft reagieren gleichermaßen in allen Agrarräumen auf die gleichen Einflussfaktoren.

Der Biologe Jens Dauber kniet in einem Feld und schaut sich Gräser an.
Der Biologe Jens Dauber, Leiter der Arbeitsgruppe "Landschaftsbezogene Agrobiodiversität" am Thünen-Institut, bei der Feldarbeit.
Doreen Gabriel

Das kontinuierliche Monitoring durch den DDA liefert aber doch genauere Daten, oder?

Das Brutvogelmonitoring bietet uns tatsächlich die Möglichkeit, viel differenzierte Analysen durchzuführen. Ziel sollte es sein, durch wissenschaftlich exakte Analysen Zweifel so gut wie möglich auszuräumen.

Welche Verbesserungen hat es im Vogelmonitoring in den vergangenen Jahren gegeben?

Das Vogelmonitoring wurde zu Beginn des Jahrhunderts an internationale Standards angepasst und liefert seitdem jährlich qualitativ hochwertige Daten.

Wo bestehen Wissenslücken?

Wissenslücken bestehen insbesondere bei den kausalen Zusammenhängen zwischen langfristigen Bestandsentwicklungen und Veränderungen in der Landnutzung und Intensität der Landbewirtschaftung. Die Frage, wie "die" Agrarvögel auf "die" Landwirtschaft reagieren, ist berechtigt, macht aber so keinen Sinn, da es "die" Agrarvögel ebensowenig gibt wie "die" Landwirtschaft. Die Monitoringdaten können uns helfen, für bestimmte Vogelarten in bestimmten Agrarlandschaften Trends zu identifizieren, denen wir dann mit Feldstudien nachgehen können. Zum Beispiel scheint sich der Kiebitz von einem Wiesenbrüter zu einem Feldbrüter mit Schwerpunkt Maisacker zu wandeln. Welche konkreten Auswirkungen, ob positiv oder negativ, auf die Bestandsentwicklung dies haben wird, wird derzeit noch untersucht.

Dass Arten wie Kiebitz und Rebhuhn stark zurückgegangen sind, ist aber doch unbestritten – sollte das nicht reichen, um endlich mit Hilfe von Agrarpolitik wieder für mehr Naturschutz zu sorgen?

Unsere Kenntnisse zu Kiebitz und Rebhuhn sind in der Tat gut genug, um konkrete Vorschläge für Maßnahmen zur Erhaltung und Förderung dieser Arten zu machen. Damit haben wir aber noch nicht das Problem des Biodiversitätsverlustes in der Agrarlandschaft gelöst. Die Maßnahmen für Rebhuhn und Kiebitz sind nämlich nicht unbedingt geeignet, um auch Wildbienen, Laufkäfer und Regenwürmer und deren Funktionen in Agrarlandschaften zu erhalten. Der sehr starke Fokus auf Vögel als „der“ Biodiversitätsindikator verhindert sogar in Einzelfällen, dass Maßnahmen, die andere Artengruppen als Vögel fördern, von Seiten des Naturschutzes akzeptiert werden, wenn diese Agrarvögel beeinträchtigen könnten.

Politiker können mit lauter Einzelstudien wenig anfangen. Wie kommt man dann zu aussagekräftigen Aussagen für die Gesamtsituation? Und zwar, bevor es zu spät ist?

Wissenschaftlich fundierte Aussagen über die Gesamtsituation werden und wurden in den letzten Jahren durch verschiedene nationale und globale Bewertungen zusammengeführt. Beispiele sind das UK National Ecosystem Assessment oder das Thematic Assessment of Pollinators, Pollination and Food Production durch IPBES. Für Deutschland wurde gerade ein Vorschlag für ein Nationales Ökosystem Assessment ausgearbeitet. Aus solchen politikorientierten Bewertungen lässt sich die grobe Stoßrichtung für die notwendigen Herangehensweisen sehr gut ableiten. Was uns auf regionaler Ebene aber stärker behindert als Wissenslücken ist das Fehlen regional angepasster Biodiversitätsziele, damit die Gesamtsituation sinnvoll regional heruntergebrochen werden kann, da wir nicht alles überall mit den gleichen Maßnahmen werden schützen können oder wollen.

Welche Rolle spielen Nicht-Wissenschaftler beim Monitoring – und birgt das nicht ein Risiko von falschen Angaben?

Nicht-akademische Wissenschaftler spielen zum Beispiel beim Vogelmonitoring und beim Tagfaltermonitoring eine große Rolle. Diese Kartierer und Kartiererinnen sind Spezialisteninnen und Spezialisten für die jeweilige Organismengruppe und liefern qualitativ hochwertige Daten. Diese werden dann jeweils auf Plausibilität geprüft. Es gibt zudem in zunehmendem Maße sogenanntes Citizen-Science-Monitoring, bei dem Laien Funde von Tieren oder Pflanzen melden.

Wie nützlich sind diese Daten von Initiativen?

Das Niveau, auf dem diese Programme laufen, ist sehr unterschiedlich. Wenn aber die Datenqualität richtig eingeschätzt und entsprechend angepasst in Auswertungen eingeht, gibt es hier eigentlich keine falschen Angaben. Citizen-Science-Monitoring birgt meines Erachtens viele gute Möglichkeiten, interessante Fragen anzugehen. Es darf aber gleichzeitig nicht dazu führen, dass strenger wissenschaftliche Monitoringprogramme, für die bezahlte Spezialisten eingestellt werden müssen, unterbleiben.

Rebhühner auf einer Wiese.
Das Rebhuhn (Perdix perdix) war noch vor wenigen Jahrzehnten ein häufiger Bewohner der Feldflur, doch die Bestände sind um mehr als 80 Prozent zurückgegangen.
Sysasya Photography/Shutterstock

Viel ist auch vom Rückgang der Insektenbestände die Rede, vor allem der Biomasse von Insekten. Eine zentrale Rolle spielen dabei Untersuchungen des Entomologischen Vereins Krefeld. Sind das die einzigen Hinweise auf einen starken Rückgang der Insektenbiomasse?

Tatsächlich existieren nur wenige Einzelstudien, zum Teil Langzeiterfassungen, zum Teil historische Vergleichsstudien, welche solche Hinweise geben. Uns fehlt zu Insekten und vielen anderen Tiergruppen ein standardisiertes Monitoring. Tagfalter bilden hier die Ausnahme.

Warum gibt es angesichts der entscheidenden Bedeutung von Insekten für die Landwirtschaft als Bestäuber wie als Schädling nicht schon längst ein flächendeckendes Insektenmonitoring?

Im Rahmen des integrierten Pflanzenschutzes existieren in den Ländern zum Teil Blattlauswarndienste, die ein Monitoring der Befallssituation an einzelnen Standorten durchführen. Ein Tagfaltermonitoring wurde in Deutschland für eine große Zahl an Strichprobenflächen etabliert. Im Rahmen der Überwachung der Fließgewässer werden in einigen Ländern die am Gewässerboden lebenden, mit dem Auge noch erkennbaren Organismen, das Makrozoobenthos, in bedeutsamen Fließgewässern beobachtet. Ein flächendeckendes Monitoring ist auch für andere Organismengruppen wie die Vögel nicht möglich. Wenn, dann erfolgt ein Monitoring auf repräsentativen Stichprobenflächen. Dieses wird auf die Gesamtentwicklung in der Fläche oder in Regionen hochgerechnet. Bundesweites Monitoring von anderen Insektengruppen wie etwa Wildbienen, Laufkäfern oder Wanzen wäre sehr teuer, da diese Gruppen nur von wenigen Laien bis zur Art bestimmt werden können und Spezialisteninnen und Spezialisten für die Erfassung und Bestimmung eingestellt werden müssten. Das wäre immer noch in einem durchaus bezahlbaren Rahmen, dafür fehlte bislang aber offensichtlich der politische Wille, dies auch durchzusetzen. Weiterhin fehlt für viele Gruppen aber auch eine ausreichende Zahl an Spezialisten, die diese Arbeiten durchführen könnten.

Sind da andere Länder Deutschland voraus?

In der Schweiz sind die Tagfalter im Monitoringprogramm „Arten und Lebensräume Landwirtschaft“ als Indikatorgruppe etabliert. Über die Tagfalter und das Makrozoobenthos hinaus sind Insekten nur sehr selten Teil von Monitoringprogrammen. Andere Länder, wie Irland und das Vereinigte Königreich, verfügen aber zum Beispiel über Nationale Biodiversitätszentren, in denen die vorhandenen Daten zusammengeführt und ausgewertet werden.

Wie stark schätzen Sie aufgrund der vorhandenen Studien den Insektenrückgang ein?

Die vorhandenen Studien sind alarmierend, aber sie erlauben noch keine wissenschaftlich fundierte Einschätzung der konkreten Höhe der Rückgänge.

Ein Schmetterling (Hauhechel-Bläuling) sitzt auf einer Blume.
Der Hauhechel-Bläuling zählt noch zu den häufigeren Vertretern seiner Gattung, aber viele Tagfalter leiden unter dem Rückgang der Pflanzenvielfalt.
Besjunior/Shutterstock

Sie haben selbst einen Vorschlag für ein bundesweites Biodiversitätsmonitoring unterbreitet. Wie würde das aussehen?

Das Konzept umfasst ein bundesweites Biodiversitätsmonitoring für den Landwirtschaftsbereich. In einem ersten Schritt würden hierfür Agrarräume charakterisiert, welche zusammen die Vielfalt der Agrarlandschaften und deren Eigenarten hinsichtlich Landnutzung und Landbewirtschaftung abdecken. Da sich die Fakoren, die Biodiversität beeinflussen, zwischen Börden und grünlandgeprägten Mittelgebirgsräumen durchaus unterscheiden, gälte es für die Agrarräume differenzierte Biodiversitätsziele zu formulieren und darauf aufbauend geeignete Indikatorensysteme festzulegen. Hier sollten zum Teil neue, angepasste Indikatoren eingeführt werden, gerne auch für Insektengruppen. Für das Vogelmonitoring würde sich wenig ändern. Wohl aber für den Vogelindikator, da es unser Ziel wäre, alle Vögel der Agrarlandschaft und deren Trends in die Analyse und Bewertung einzubeziehen.

Was würde das Programm kosten und wofür genau würde Geld ausgegeben?

Das Programm ist modular aufgebaut. Je nachdem wieviele dieser Module verwirklicht werden sollen, ändern sich die Kosten. Angelehnt an vergleichbare Programme in Europa rechnen wir mit Kosten von etwa zwei Millionen Euro pro Jahr. Das Geld würde für Koordination, Datenerfassung, Datenanalyse und Datenmanagement und -sicherung ausgegeben.

Welche Resonanz hat Ihr Vorschlag bisher und wie sehen Sie die Erfolgschancen?

Derzeit ist ein politisches Fenster für die Erweiterung von Biodiversitätsmonitoring auf den Ebenen von Bund und Ländern geöffnet. Daher existieren auch mehrere und sehr unterschiedliche Vorschläge für zukünftige Monitoringprogramme. Unser Vorschlag ist bislang bei Politik, Wissenschaft und Naturschutz sehr positiv aufgenommen worden. Wichtig wäre es jetzt, ressortübergreifend daran zu arbeiten, die vielen guten Ideen zusammenzuführen. Das Ziel: ein Monitoring aus einem Guss umzusetzen.

Müssen Landwirte Nachteile fürchten, wenn das Biodiversitätsmonitoring verstärkt wird?

Nein, im Gegenteil. Unser Monitoringkonzept zielt gerade darauf ab, die Biodiversitätsentwicklung für die einzelnen Agrarräume spezifischer darzustellen, um daraus angepasstere Handlungsempfehlungen für die Agrarumweltpolitik abzuleiten. Der Landwirt würde dadurch nicht mehr unter einem unspezifischen Generalverdacht stehen, und Maßnahmen könnten stärker auf die Bewirtschaftung und Betriebsabläufe angepasst werden.

Wäre es denn möglich, dass Landwirte an dem Monitoring sinnvoll mitwirken?

Das ist durchaus denkbar und wünschenswert. In Österreich läuft ein Monitoringprojekt, an dem Landwirte und Landwirtinnen aktiv teilnehmen können. Zudem wäre es wichtig, für die Stichprobenflächen Bewirtschaftungsdaten zu erhalten, damit mehr Kausalanalysen mit dem Monitoring verbunden werden. Das würde die Aussagekraft schärfen.

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