Die nächste Dürre kommt bestimmt: Warum Tümpel zur kritischen Infrastruktur gehören

Zusätzlich zur CO2-Reduktion brauchen wir eine flächendeckende Flurbereicherung

Ein Kommentar von Christian Schwägerl

HelloRF Zcool/Shutterstock

Ob Hurrikane oder Dürren – Extremereignisse geben einen Vorgeschmack auf die Welt, die uns droht, wenn die Klimakrise nicht zumindest eingedämmt wird. Seit Jahrzehnten warnen Klimaforscher, dass Wetterextreme zunehmen werden, wenn die Erde wärmer wird und die Menschheit weiter Milliarden Tonnen Kohlendioxid pro Jahr in die Atmosphäre bläst. Kein seriöses Klimamodell sagt eine ruhigere, gemäßigtere Welt voraus.

Doch auch der beste Klimaschutz, die härteste CO2-Minderung werden nicht verhindern, dass heute und in Zukunft mit mehr und heftigeren Extremwetterereignissen zu rechnen ist. Und selbst für den extrem unwahrscheinlichen Fall, dass die Desaster unserer Zeit ganz natürliche Ereignisse wären, verdient jetzt ein gigantisches Umweltthema viel mehr Beachtung. Die Rede ist vom Schutz von Feuchtgebieten.

Die Dürre des Jahres 2018, als in Deutschland die Flüsse zu Rinnsalen wurden, setzt sich 2019 fort. Vielerorts herrscht Waldbrandgefahr. Ackerböden sind gefährlich trocken. Die ganze Natur lechzt nach Wasser. Dass kein Wasser von oben kommt, ist das eine Problem. Aber jetzt rächen sich auch Jahrzehnte, in denen wir bei uns und weltweit sorglos mit wertvollen Landschaftselemente umgegangen sind: Tümpel, Feuchtwiesen, Moore und viele feuchte Biotoptypen mehr.

Feuchtgebiete – von Küstenbiotopen über kleine Tümpel und Feuchtwiesen in der Agrarlandschaft bis zu Mooren im Küstenbereich und im Gebirge – sind für den Menschen und für eine Vielzahl von Tier- und Pflanzenarten überlebenswichtig. Sie speichern Wasser für Dürrezeiten und sie nehmen wie Schwämme überschüssiges Wasser auf, wenn es unaufhörlich regnet. Feuchtgebiete tragen zur lokalen Abkühlung bei, filtern Schadstoffe, sind wichtige Nahrungs- und Rastgebiete für Zugvögel. Sie können alle diese Funktionen auch deshalb so gut erfüllen, weil sie artenreiche Lebensräume sind, die sich selbst regulieren. Wenn Feuchtgebiete fehlen, sammeln sich große Mengen Regen- oder Schmelzwasser nicht in der Natur, sondern in jenen Siedlungen, die der Mensch in Täler baut – mit katastrophalen Folgen.

Feuchtgebiete stehen dann als Wasserspender zur Verfügung, wenn es wie in den vergangenen Monaten zu wenig regnet. Sie sind Schwämme, die ihre Umgebung befeuchten, wenn Dürre herrscht. Sie sind eben nicht, als was Generationen von Landwirten und Landschaftsplanern sie behandelt haben: Wertloses Ödland oder Störfaktoren, die die Linien der Traktoren unterbrechen. Sie sind Kernelemente unserer ökologischen Infrastruktur. Doch diese Infrastruktur wurde in den vergangenen Jahrzehnten massiv beschädigt.

Kaum ein anderer Lebensraum wurde und wird von uns Menschen so konsequent bekämpft und zerstört wie Tümpel und andere Feuchtgebiete. In Deutschland spiegelt die Trockenlegung des Oderbruchs durch Kolonisten Friedrichs des Großen im 18. Jahrhundert, die Regulierung des Rheins durch Johann Gottfried Tulla im 19. Jahrhundert und die Entwässerung der norddeutschen Moore durch die Nationalsozialisten im 20. Jahrhundert wider, wie lange der Angriff des Menschen auf Feuchtgebiete schon läuft und wie effizient er war und ist. Mehr als 90 Prozent der deutschen Moorgebiete sind verschwunden.

Nötig wäre eine flächendeckende Strategie

Für die Schweiz gibt es eine erschreckende Bestandserhebung: Der Biologe Beat Oertli von der Fachhochschule Westschweiz (HES-SO) in Genf hat ermittelt, dass die aktuell 32.000 Tümpel in dem Alpenland nur noch ein kleiner Überrest sind. Ende des 18. Jahrhunderts habe es zehn Mal so viele Tümpel gegeben. Ähnlich sieht es rund um den Globus aus. Das Fehlen von Feuchtgebieten wird mit teuren, abenteuerlichen und oftmals völlig unwirksamen Ingenieursprojekten zu kompensieren versucht. Viel besser wäre es, den Schutz der vorhandenen Feuchtgebiete zu forcieren und verlorene Gebiete nach Kräften zu restaurieren. Dafür gibt es bereits wegweisende Projekte. Nötig wäre aber eine flächendeckende Strategie – eine „Flurbereicherung“, die die Sünden der Flurbereinigung vergangener Jahrzehnte ausbügelt und eine wahrhaft moderne Landschaft entstehen lässt – eine Landschaft, die den neuen ökologischen Bedingungen gewachsen ist.

Eigentlich müssten Feuchtgebiete, ihr Schutz und ihre Restaurierung also gemeinsam mit dem Klimaschutz im Zentrum der politischen Debatte stehen. Doch Organisationen wie Wetlands International, die Geschäftsstelle der UN-Konvention für Feuchtgebiete namens Ramsar oder das Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services (IPBES), eine Art Weltklimarat für Biodiversität, führen leider eher Randexistenzen – ganz wie die Lebensräume, für die sie einstehen sollen. Anfang Mai gibt es eine Chance, das zu ändern, wenn dieser Rat ein neues, großes Gutachten vorstellt.

Auch in der deutschen Politik spielte Naturschutz über viele Jahre keine Rolle. Es galt als exotisch, als Bundeskanzlerin Angela Merkel vor einiger Zeit sagte, die Zerstörung von natürlichen Lebensräumen zähle „zu den zentralen Problemen dieser Zivilisation“. Alle seien für den Klimawandel sensibilisiert, aber das Thema Biodiversität werde unterschätzt. Diese sei „ein Panzer für unsere eigene Gesundheit". Die Bevölkerung, sie selbst eingeschlossen, wisse viel zu wenig über bedrohte Arten und ihre Bedeutung. Ein wichtiges Statement – aber es hilft nichts, wenn keine Taten folgen und die Biodiversität auf der Themenliste dann wieder ganz nach unten rutscht.

Beim Artenvielfalts-Volksbegehren in Bayern hat sich nun gezeigt, dass die Bevölkerung durchaus versteht. was die Stunde geschlagen hat. Politisch aber hat sich noch nicht viel getan. Die Bundesumweltministerin kündigt dies und das an, kann aber noch wenig vorweisen. Die Landwirtschaftsministerin verteidigt alte Interessen aus einer Zeit vor dem Klimawandel. Und der Infrastrukturminister kämpft lieber für alte Dieselfahrzeuge als dass er eine intakte, resiliente Landschaft neu in sein Aufgabenportfolio aufnehmen würde. „Kritische Infrastruktur“ – dieser Begriff bezeichnet Überlebenswichtiges und wird häufig im Zusammenhang zum Beispiel mit Stromleitungen genannt. Die Dürre zeigt uns: Auch Tümpel sind Teil der kritischen Infrastruktur.

Der Preis für unsere bisherige Ignoranz und fortgesetztes Nichtstun ist hoch – nicht nur in Form von Milliardensummen, die nach Hochwassern für Aufräumarbeiten und Wiederaufbau nötig sind und die nach dürrebedingten Ernteausfällen an Landwirte gezahlt werden.

Es geht darum, unsere Welt auf jenen Klimawandel vorzubereiten, der auch im besten Szenario unvermeidbar sein wird. Wenn also in Zukunft noch EU-Agrarsubventionen fließen, dann sollten sie in die Regeneration der Landschaft investiert werden – einer Landschaft, für die der Dürrestress unserer Tage erst der Vorgeschmack sein könnte, wenn die Welt nicht umgehend auf die einhelligen Warnrufe der Klimawissenschaftler hört..

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