Der Habicht schaute zur Rousseau-Insel

Flugbegleiter-Exkursion am Wochenende der "Stunde der Wintervögel" im Berliner Tiergarten

Lorena Carràs

Schon nach wenigen Metern gelang uns die erste Beobachtung. Als wäre unser Pulk von 17 dick eingepackten Menschen gar nicht vorhanden, turnte ein Kleiber einen Baum am Rand des Wegs durch den Berliner Tiergarten hinauf – und kopfüber wieder hinunter. Unverkennbar mit seiner mattblauen Oberseite, dem rötlichen Bauch und dem langen Schnabel, einmalig in seiner Fähigkeit, in der Art eines Spiderman senkrechte Flächen hinunterzulaufen. Der Kleiber war für viele der Teilnehmer unseres sechsten Flugbegleiter-Vogelspaziergangs in Berlin eine Erstbeobachtung. Das ist ein schönes Ergebnis unserer Kooperation mit der auf Themen an der Schnittstelle von Natur und Kultur spezialisierten Buchhandlung Zabriskie.

Es war die letzte Exkursion in einer Serie, die Ende März 2017 mit einer morgendlichen Runde um den Urbanhafen in Kreuzberg begonnen hat. Weitere Ziele waren der Lerchenflug auf dem Tempelhofer Feld, der Treptower Park mit seinen herrlichen singenden Nachtigallen, der sommerliche Tiergarten sowie das Naturschutzgebiet Karower Teiche im Nordosten der Stadt. Bei den Spaziergängen kam es zu tollen Begegnungen – mit Grauammern auf dem Tempelhofer Feld, Schnatterenten, einem Silberreiher und Erlenzeisigen an den Karower Teichen, oder einer Habichtfamilie im Tiergarten, nur wenige Hundert Meter vom Brandenburger Tor entfernt.

Der Habicht sollte auch bei unserer Wintervogelexkursion nicht fehlen – zuerst hörten wir ihn rufen, dann präsentierte er sich uns hoch oben in einem Baum und schaute abwechselnd zur Rousseau-Insel und zu uns hinüber. Bis dahin hatten wir schon viele andere Vogelarten gesehen oder gehört: zahlreiche Amseln, Rotkehlchen, Kohl- und Blaumeisen sowie einen Kernbeißer, Grünfinken, zwei Eichelhäher, mehrere Stockenten, zwei Teichühner, einen Zaunkönig, eine Schwanzmeise und zwei Gartenbaumläufer. Kolkrabe, Buntspecht, Graugänse im Überflug und ein Greifvogelduo, das aus der Ferne stark nach Mäusebussarden aussah, fanden sich am Ende auch auf unserer Beobachtungsliste.

In geselliger Runde: Gerade im Winter kann das Vogelbeobachten besonders spannend sein.
In geselliger Runde: Gerade im Winter kann das Vogelbeobachten besonders spannend sein.
Lorena Carràs/Zabriskie

Flugbegleiter-Exkursionen sind kein frontaler Biologieunterricht. Es ist auch nicht Ziel, möglichst viele Arten in möglichst kurzer Zeit zu sehen. Vielmehr geht es darum, gemeinsam aus der Hektik des Alltags zu treten, die Sinne für die nicht-menschlichen Mitbewohner in der Großstadt zu öffnen und ins Gespräch über Vogelwelt und Naturschutz zu kommen. Wir sehen die Exkursionen auch als Fortsetzung des Flugbegleiter-Journalismus mit anderen Mitteln, schließlich wollen wir nicht nur ansprechende Online-Artikel bieten, die Leser am Smartphone oder Computer erreichen, sondern in Austausch mit unserer wachsenden Community stehen. Was ist dazu besser geeignet als zusammen mit Fernglas um den Hals spazieren zu gehen?

Vielleicht ein Einstieg ins systematische Beobachten

An diesem Wochenende diente unsere Exkursion aber noch einem größeren Zweck. Denn der Naturschutzbund Nabu hatte zum achten Mal dazu aufgerufen, bei der "Stunde der Wintervögel" Beobachtungen aus Parks und Gärten auf seiner Webseite zu melden. Die Mitmachaktion ist keine hochwissenschaftliche Untersuchung – aber die schiere Masse von Beobachtungen lässt doch gewisse Trends erkennen. Mehr als 90.000 Menschen beteiligten sich und schickten Daten ein, die der Nabu zu einem erfreulichen Zwischenergebnis synthetisiert hat: Es wurden wieder mehr Vögel beobachtet. Ob nur der Beobachtungseifer zugenommen hat oder auch die realen Vogelzahlen, das können nur systematische Langzeit-Studien wie die des Dachverbands Deutscher Avifaunisten zeigen, über die bei uns Johanna Romberg geschrieben hat. Für solche Studien braucht es wiederum dringend engagierte Laien, die sich ausreichend Artenkenntnis aneignen, um in der Freizeit als Bürgerwissenschaftler tätig werden zu können. Die "Stunde der Wintervögel" bietet wie die jetzt nahende "Stunde der Gartenvögel" im Frühjahr einen wunderbaren Einstieg für jene, die sich dafür interessieren, aber noch unsicher dabei sind, Vögeln Artnamen zuzuordnen.

Zum Schönen am Vogelbeobachten zählt, dass es zu jeder Jahreszeit spannend ist. Der Winter bietet sogar besondere Möglichkeiten: Mangels Blattwerk sind viele Vögel besser sichtbar als im Sommer, Futterstellen locken Arten an, die man sonst schwer zu Gesicht bekommt. Mit Glück – oder mit Hilfe durch die Beobachtungsplattform ornitho.de – kann man Arten beobachten, die ausschließlich im Winter bei uns sind, weil sie auf ähnliche Weise hier Zuflucht suchen wie unsere Sommervögel das noch weiter im Süden tun: Bergfinken, Seidenschwänze und Rotdrosseln zum Beispiel. Wer die nächtliche Kälte nicht scheut, kann zudem im Januar und Februar Eulen zuhören.

Auch 2018/19 wird es Vogelspaziergänge von "Die Flugbegleiter" und Zabriskie-Buchhandlung geben. Einige spannende Wünsche, wohin sie führen sollen, haben uns schon aus dem Kreis der bisherigen Teilnehmer erreicht. Wenn Sie dabei sein wollen: In unserem kostenlosen wöchentlichen Newsletter wird bald das neue Programm samt Hinweisen zum Ticketkauf erscheinen.

Dieser Artikel ist Teil des Startangebots von "Die Flugbegleiter – Ihre Korrespondenten aus der Vogelwelt". Mit unseren Artikeln wollen wir Ihnen zeigen, was Sie journalistisch und thematisch erwartet, wenn bald unser Abonnement beginnt. Ab dann bekommen Sie alle Flugbegleiter-Artikel für 3,99 Euro/Monat oder im Einzelkauf. Abo-Vorbestellung per Email: abo@flugbegleiter.org. Unser Newsletter ist kostenlos und informiert wöchentlich über neue Beiträge. Näheres über "Die Flugbegleiter" erfahren Sie hier.