Der Wahl-O-Mat der Vögel

Oder: Warum Kraniche CDU, Buntspechte die SPD und Kormorane ganz sicher nicht die FDP wählen würden

Von Christiane Habermalz (Text) und Thomas Krumenacker (Fotos)

Thomas Krumenacker Kraniche

Ein Beitrag von „Die Flugbegleiter – das Online-Magazin für Natur und Vogelwelt

Diesen Artikel haben wir zur Bundestagswahl 2017 veröffentlicht, er bleibt aber aktuell.

Der Ausgang der Wahlen betrifft nicht nur die Menschen. Welche Partei künftig regiert, hat konkrete Auswirkungen auch auf das Leben der Vögel. Allerdings sind sie laut Bundeswahlgesetz nicht wahlberechtigt. Schon länger machen sich einflussreiche Denker wie der französische Philosoph Bruno Latour Gedanken darüber, wie man die Interessen der Natur im Gemeinwesen berücksichtigen kann. Aber nehmen wir nur einmal kurz an, sie dürften: Welche Parteien würden Vögel wählen?

Natürlich „Die Grünen“ ist man sofort geneigt zu sagen. Sie sind die Partei, die sich am konsequentesten für ökologische Landwirtschaft und Naturschutz einsetzt. Und in der Tat: Die meisten Feld- und Wiesenvögel, die unter der industrialisierten Landwirtschaft mit ihrem massivem Pestizid- und Gülleeinsatz zunehmend ihren Lebensraum und ihre Nahrungsgrundlage verlieren, müssten da wohl nicht lange nachdenken.

Nehmen wir den Kiebitz: Früher brütete er fast überall auf Grünland und Feuchtwiesen. Heute findet er in den dichten, mehrmals im Jahr mit Insektengift besprühten Mais- und Raps-Monokulturen kaum noch eine Lücke, geschweige denn Nahrung, um seine Jungen großzuziehen. Ein Opfer einer auf Masse ausgerichteten Landwirtschaftspolitik und einer Energiewende, die den Anbau von Energiepflanzen für Biosprit massiv subventioniert hat. Die Grünen haben die Bioenergienutzung zwar anfangs auch propagiert, dann aber ihre ökologischen Folgen kritisiert und eine Reform gefordert. Der Kiebitz wäre ein klassischer Grünen-Wähler. Und mit ihm Feldlerche, Rebhuhn, Wiesenpieper, Braunkehlchen und viele Arten mehr.

Kraniche eher im konservativen Lager

Ein Kranich sähe das dagegen möglicherweise schon differenzierter. Vor 15 Jahren war die Art in Deutschland noch selten und stark bedroht. Doch inzwischen sind die Populationen wieder gewachsen. Das hat viel mit dem Schutz des Lebensraums der Tiere zu tun, aber auch mit einem unerwarteten Faktor: Der Kranich steht total auf genau jenen industriell angebauten Mais, der dem Kiebitz das Leben so schwer macht. Wenn die Felder abgeerntet sind, holt er sich die verbliebenen Körner vom Acker.

Die CDU profiliert sich als die Partei der Grund- und Bodenbesitzer. Als solcher würde sich der Kranich wohl auch sehen. Mit 300 Gramm Körnermais als Pacht pro Tag gibt er sich zufrieden.
Die CDU profiliert sich als die Partei der Grund- und Bodenbesitzer. Als solcher würde sich der Kranich wohl auch sehen. Mit 300 Gramm Körnermais als Pacht pro Tag gibt er sich zufrieden.

Um die 300 Gramm Power-Mais vertilgt so ein Kranich am Tag – ausgerechnet die „Vermaisung“ der Landschaft versorgt ihn mit Kraftfutter. Der Kranich also würde wohl der CDU seine Stimme geben, weil diese mit ihrer konventionellen Landwirtschaftspolitik für stets reichlich gedeckten Tisch sorgt. Klar fürs christdemokratische Lager würden sich auch die Nandus entscheiden. Einige Exemplare dieser südamerikanischen Straußenart waren vor knapp zwei Jahrzehnten aus Straußenfarmen in der Nähe von Hamburg entflohen und haben über die Jahre rund um den Schaalsee eine florierende wildlebende Neubürger-Population aufgebaut. Mehr als 200 wilde Nandus leben dort mittlerweile. Der Industrie-Mais und Raps bekommt ihnen bestens. Allerdings würden die Nandus als Zugewanderte möglicherweise durch die Obergrenzen-Debatte der CSU abgeschreckt. Sie würden ihre Hoffnungen da wohl eher auf das Lager von Angela Merkel setzen.

Dürften Vögel wählen, hätte die Union noch die Stimme einer weiteren Vogelart sicher – die des Wiedehopfs. Der Vogel mit dem schwarz-rot-goldenen, nein: schwarz-weiß-orangenem Schopf hat ausgerechnet auf Truppenübungsplätzen letzte Rückzugsgebiete gefunden. Mitten im Panzerlärm fühlt er sich wohl. Je mehr geübt wird, desto besser. Auf den abgesperrten, pestizidfreien, durch die schweren Panzerketten zerfahrenen Flächen findet der Wiedehopf noch die Großinsekten, die er braucht, um seine Jungen zu füttern. Da liegt es nahe, dass die Wiedehopfe jene Partei wählen würden, die sich im Wahlprogramm dafür einsetzt, die Verteidigungsausgaben auf zwei Prozent des Bruttoinlandsproduktes anzuheben und die Bundeswehr insgesamt zu stärken.

Ein Kriegsgewinnler der besonderen Art: Wo für den Dritten Weltkrieg geübt wird, fühlt sich der Wiedehopf besonders wohl.
Ein Kriegsgewinnler der besonderen Art: Wo für den Dritten Weltkrieg geübt wird, fühlt sich der Wiedehopf besonders wohl.

Habichte pro SPD?

Eine spezielle Fangemeinde könnte sich für die CSU herausbilden: Wasservögel. Diese Arten gehören zu den häufigsten Opfern von Kollisionen mit Hochspannungsstromleitungen. Bis zu 2,8 Millionen Vögel sterben jedes Jahr, weil sie im Nebel oder nachts die Leitungen, die den Luftraum zerschneiden, nicht erkennen können. Mit seiner beharrlichen Forderung, die Nord-Süd-Stromtrasse, die den Strom von den Windparks im Norden künftig in den Süden transportieren soll, wenn schon durch Bayern, dann nur unter der Erde zu verlegen, könnte Horst Seehofer mit der Zustimmung von Gänsen, Enten, Schwänen und Watvögeln rechnen – auch wenn es dem CSU-Vorsitzenden weniger um Vogelschutz als um die Erhaltung des schönen bayerischen Landschaftsbildes geht.

Der Habicht dagegen käme als taktischer SPD-Wähler in Frage. Denn in ihrem Programm zur Wahl setzen sich die Sozialdemokraten für mehr Natur in der Stadt ein, für den Erhalt von Parks und Grünanlagen – ganz im Sinne der Stadthabichte, die in den letzten Jahren den leergeräumten Feldern und Wäldern den Rücken gekehrt und zunehmend in die Städte gezogen sind, wo sie Tauben jagen und in Parks mit altem Baumbestand brüten.

Hunderttausende Jahre brütete der Buntspecht wie hier in alten Bäumen, dann bescherte ihm die SPD Dämmplatten.
Hunderttausende Jahre brütete der Buntspecht wie hier in alten Bäumen, dann bescherte ihm die SPD Dämmplatten.

Die SPD will außerdem – wie auch die Grünen – ein Moorschutzprogramm auflegen, damit hätte sie die Stimmen von Birkhuhn, Großem Brachvogel und Uferschnepfe sicher. Gegen die SPD würde sich dagegen möglicherweise der Haussperling entscheiden, unterstützt vom Hausrotschwanz und dem Mauersegler. Denn die Sozialdemokraten haben sich besonders für das Thema Energieeffizienz im Rahmen des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG-Gesetz) stark gemacht. In Folge wurden Hunderttausende von Altbauten saniert und die Fassaden mit Wärmedämmung versehen. Viele in Mauernischen und Vorsprüngen an Häusern brütende Arten verloren dadurch ihre Nistplätze. Mit Begeisterung wurde die Wärmedämmverordnung dagegen von manchen Buntspechten aufgenommen, die hinter den hohl klingenden Styroporplatten fette Maden und Würmer wähnen und dort nun bevorzugt ihre Löcher hineinhämmern. Mauerspechte würden also wiederum gerade sozialdemokratisch wählen – bis der Irrtum auffliegt und sich Ernüchterung breit macht. Aber das passiert ja in der Regel immer erst nach den Wahlen.

Deutsche Adler als Migranten

Als SPD-Wähler käme zudem der Pirol in Frage, weil die Koalition vor allem auf Betreiben der SPD das Bundesprogramm „Blaues Band“ auf den Weg gebracht hat. 2800 Kilometer Flüsse in Bundesbesitz, die für den Güterverkehr nicht mehr benötigt werden, sollen renaturiert werden, gut für mehr Auwälder an Flussläufen, gut für Pirole. Ein Votum, dem sich Schilfrohrsänger, Eisvogel und Haubentaucher ohne Zögern anschließen würden.

Würden Rechtsextreme  versuchen, ihn zu vereinnahmen – der Schreiadler würde schreiend davonfliegen.
Würden Rechtsextreme versuchen, ihn zu vereinnahmen – der Schreiadler würde schreiend davonfliegen.
Thomas Krumenacker

Sogar die AfD hätte unter den heimischen Vogelarten womöglich Sympathisanten. Der Schreiadler könnte vielleicht den Rechtspopulisten seine Stimme geben. Nicht, weil der Adler als deutsches Wappentier die deutsch-nationalen Töne der Partei goutieren würde, sondern weil die AfD sich auf die Seite der Wutbürger und Windradgegner geschlagen hat und den weiteren Ausbau der Windenergie rigoros ablehnt. Schreiadler gehören wie Rotmilane zu den Vögeln, die besonders viele tödliche Kollisionen mit den riesigen Rotorenblättern haben. Und auch der Basstölpel könnte mit der AfD liebäugeln. Eine aktuelle Studie des NABU hat ergeben, dass der Basstölpel, der nur auf Helgoland brütet, die Offshore-Windparks weiträumig meidet. Die Rotoren drehen sich genau auf der Höhe, in der die Vögel über dem Wasser fliegen, um sich im Sturzflug auf Fische zu stürzen. Basstölpel verlieren also durch die Windparks einen großen Teil ihrer Jagdgründe, die sie benötigen, um ihre Jungen aufzuziehen.

Andererseits sind alle diese Arten zugleich ausgesprochene Migranten. Der Schreiadler zieht viele Tausend Kilometer bis ins südliche Afrika. In Afrika frisst er einträchtig neben Zebras, Elefanten und Gnus Termiten. Deutsche Adler besuchen die Nester ihrer polnischen Nachbarn und umgekehrt – keine Ressentiments, nirgends. Und wer weiß schon, ob die AfD nicht bald auch den grenzüberschreitenden Vogelzug durch ein Luftabwehrsystem unterbinden will?

Der Kormoran sieht nicht aus wie ein FDP-Stammwähler und wird auch nie einer werden.
Der Kormoran sieht nicht aus wie ein FDP-Stammwähler und wird auch nie einer werden.

Die FDP setzt sich für mehr Abstand der Windräder zu Brutstätten und Nahrungsgründen der Vögel ein – was ihr ebenfalls Pluspunkte bei den oben genannten Arten einbringen würde. Da die Liberalen sonst im Naturschutz vor allem auf freiwillige Selbstverpflichtung von Wirtschaftsunternehmen, Landwirten und Jägern setzen, würde die Partei darüber hinaus allerdings wohl wenig Zuspruch im Vogelreich finden. Dafür aber einen klaren politischen Gegner: Den Kormoran. Für die Klientel der Angler und Betreiber von Aquakulturen fordert die FDP in ihrem Wahlprogramm ein „Populationsmanagement“ für die fischliebenden schwarzen Wasservögel – sprich: Abschussquoten.

Schwierige Koalitionsbildung – aber mit dem Kohletagebau kann der Bienenfresser mit Hilfe der brandenburgischen Linken sein Revier ausweiten.
Schwierige Koalitionsbildung – aber mit dem Kohletagebau kann der Bienenfresser mit Hilfe der brandenburgischen Linken sein Revier ausweiten.
Thomas Krumenacker

Kohletagebau als Vogelparadies

Hätte auch die Linkspartei die Chance, unter den Vögeln Wähler zu finden? Das ist zumindest in Brandenburg denkbar, dank des Schwenks zugunsten des Braunkohletagebaus, den die Partei dort kürzlich vollzogen hat. Die Bundespartei war zwar dagegen, aber so genau würde der Bienenfresser vielleicht nicht differenzieren. Die Art profitiert vom Klimawandel, den die Verfeuerung von Braunkohle anheizt. Bienenfresser sind wärmeliebend und haben umso größere Chancen, je mehr sich das deutsche Klima dem des Mittelmeerraums angleicht. Vom Kurs der Brandenburger Linken profitieren sie auch indirekt: Das mittlerweile größte Brutgebiet der Bienenfresser in Deutschland befindet sich ein einem ehemaligen Braunkohleabbaugebiet, einer renaturierten offenen Brache, in der der Bienenfresser jene sonnenbeschienenen sandigen Steilhänge und Großinsekten findet, die er so dringend benötigt. Durch den Tagebau selbst würden selbstverständlich wieder viele andere Brutvögel ihre Reviere verlieren – aber was kümmert's den Bienenfresser? Seine Stimme gehört den Kohlefreunden.

Wenn Wiesen so richtig runtergerockt sind, fühlt sich der Brachpieper wohl. Mit der Hiphop-Partei kann er deshalb eine Symbiose eingehen.
Wenn Wiesen so richtig runtergerockt sind, fühlt sich der Brachpieper wohl. Mit der Hiphop-Partei kann er deshalb eine Symbiose eingehen.

Und dann gibt es da noch unerwartetes Wählerpotenzial für eine der vielen Newcomer-Parteien. Der Brachpieper, ein unscheinbarer grauer Vogel, der durch den Verlust von baumlosen Heideflächen selten geworden ist, hat neuerdings in Deutschland neue Lebensräume gefunden: Auf Festivalgeländen, wo einmal im Jahr durch die Konzertbesucher alles zu Staub zertreten wird. Das ideale Offengelände zum Brüten. Ganz klar: Brachpieper würden die Partei „Die Urbane. Eine Hiphop-Partei“ wählen.

Die Flugbegleiter: Denn Artensterben darf nicht erst wieder bei der nächsten Alarmstudie Thema sein.

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