Stadtluft macht krank

Stadt-Amseln sind weniger gesund als ihre Artgenossen vom Land, leben aber länger

© Richard Ubels Ein Amselmännchen – schwarze Federn, oranger Schnabel, oranger Ring ums das Auge – sitzt auf einem Ast mit Schneeresten. In der Stadt ist das Leben der Tiere schwerer als auf dem Land.

Frühaufsteher können in diesen Tagen schon vor 5 Uhr morgens die melodisch-melancholischen Gesänge von Amseln hören. Die schwarzen Männchen mit ihren leuchtend orangenen Schnäbeln rufen nach den gut getarnten Weibchen und machen zugleich Nebenbuhlern deutlich, dass die gefälligst aus diesem Revier verschwinden sollen.

Früh morgens ist das menschliche Publikum in der Stadt schon ziemlich klein, noch kleiner ist es um diese Zeit im Wald, dem Lebensraum, in dem Amseln natürlicherweise vorkommen. Ornithologen der Universität im niederländischen Groningen vermuteten, dass Amseln in ihrer natürlichen Umgebung gesünder sind und länger leben als ihre Artgenossen in der Stadt. Denn keinen anderen Lebensraum prägt und verschmutzt der Mensch so stark wie die Städte. Und gleichzeitig ziehen Ballungsräume viele Tierarten an – von Ratten über Füchse und Wildschweine bis zu Spatzen, Meisen und eben Amseln.

Vergleiche in Spanien, Frankreich und Finnland

Für ihre Studie fingen Juan Diego Ibáñez und Kollegen aus Spanien, Frankreich und Finnland Amseln in den spanischen Städten Granada, Sevilla und Madrid, in Dijon in Frankreich und in Turku in Finnland sowie in Wäldern, die rund 30 Kilometer außerhalb dieser Städte lagen. Insgesamt rund 100 Amseln beiderlei Geschlechts gingen den Ornithologen in die Japannetze. „Wir entnahmen ihnen einen Tropfen Blut und untersuchten die Telomere in den Proben“, sagt Juan Diego Ibáñez.

Schon frühere Studien haben den Gesundheitszustand von Vögeln in unterschiedlichen Lebensräumen erforscht. Doch die haben sich meist Biomarker im Blut angesehen, die Hinweise darauf geben, wie stark ein Tier mit Parasiten befallen ist oder ob es einen Infekt hat. „Doch diese Parameter geben nur ein punktuelles Bild wider“, sagt Juan Diego Ibáñez. „Wenn ein Infekt vorbei ist, verschwinden auch die Biomarker wieder aus dem Blut.“ Die Telomere hingegen zeichnen den Stress, dem ein Lebewesen ausgesetzt ist, auf.

Telomere sind Strukturen im Erbgut, genauer gesagt hängen sie an den Enden der Chromosomen im Innern der Zellen. Vereinfacht kann man sie mit den Klebestreifen vergleichen, die um die Enden von Schnürsenkeln gewickelt sind. Die sorgen dafür, dass die Schnürsenkel weniger schnell ausfransen. Mit der Zeit gehen sie aber kaputt. So ist es auch bei den Telomeren: Bei jeder Zellteilung werden die Chromosomen kopiert. Dabei passieren Fehler, und zwar zuerst an den Telomeren. Je häufiger sich eine Zelle geteilt hat, desto kürzer sind diese Strukturen. „Darum sind Telomere gute Indikatoren für Alterungsprozesse“, sagt Juan Diego Ibáñez. Auch Infekte und anderer Stress verkürzen die Telomere.

Amseln in Städten altern schneller

„Amseln in Städten haben kürzere Telomere als Amseln in Wäldern“, fasst der Ornithologe die Ergebnisse zusammen. Ihr Gesundheitszustand ist also schlechter als bei den Artgenossen aus dem Wald. Sie altern schneller, also zumindest genetisch. Deshalb erwarteten die Forscher, dass Stadt-Amseln auch weniger lang leben. „Im Gegenteil“, sagt Ibáñez: „In den Städten fingen wir mehr ältere Tiere als auf dem Land.“

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