Ehrenamtliche Experten sollen Deutschlands Insektenwelt überwachen

Bundesamt für Naturschutz plant flächendeckendes Monitoring nach dem Vorbild des Brutvogelatlas

Von Joachim Budde

Entomologischer Verein Krefeld e.V. Die Große Blutbiene (Sphecodes albilabris) gehört im Insektenreich zu den Spezialisten. Sie ist ene sogenannte Kuckucksbiene, das heißt sie legt ihre eigenen Eier in die Brutzellen einer anderen Bienenart, auf deren Kosten sich dann ihr Nachwuchs ernährt. In Deutschland gibt es nach Angaben des Museums für Naturkunde Berlin rund 30.000 Insektenarten – und nur wenige Experten, die sich mit dieser Vielfalt gut auskennen.

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Selten hat ein Fachartikel über Insekten die Öffentlichkeit so aufgeschreckt wie die Studie von Krefelder Insektenforschern Mitte Oktober im Journal PLOS One. Mit Wissenschaftlern aus Belgien und den Niederlanden haben sie den Insektenschwund in deutschen Naturschutzgebieten seit 1989 dokumentiert. Ihren Erkenntnissen zufolge ist die Biomasse der Fluginsekten in den vergangenen 27 Jahren um drei Viertel geschrumpft – parallel zu den Beständen vieler Insektenfresser unter den Singvögeln.

Skeptiker meldeten sich zu Wort: Das sei ja nur ein Ausschnitt, man könne das gar nicht auf andere Flächen übertragen. Auch die statistische Aussagekraft ziehen manche in Zweifel. Die Krefelder Studie offenbarte auch, dass Bund, Länder und die deutsche Wissenschaft bisher dabei versagt haben, die Bestandsentwicklungen der Insekten in Deutschland umfassend zu überwachen. Doch das soll sich nun ändern. Nach dem Vorbild des Vogelmonitorings des Dachverbands Deutscher Avifaunisten soll spätestens 2020 ein bundesweites Insektenmonitoring beginnen. Darüber hat Joachim Budde mit Dr. Andreas Krüß gesprochen. Er leitet die Abteilung „Ökologie und Schutz von Fauna und Flora“ am Bundesamt für Naturschutz (BfN) in Bonn.

Herr Krüß, Sie haben auf einer Konferenz in Bielefeld zum Insektenschwund ein umfassendes Monitoring angekündigt, wie es viele jetzt fordern. Warum ging das auf einmal so schnell?

Andreas Krüß: Wir arbeiten schon seit längerem daran, das Biodiversitätsmonitoring Stück für Stück auszubauen, wie es in der „Naturschutzoffensive 2020“ des Bundesumweltministeriums aus dem Jahr 2016 gefordert wird. Gerade die Insekten fehlen da bislang. Ganz so schnell wird es aber nicht gehen, da wir im kommenden Jahr erst einmal ein Forschungsvorhaben starten, das uns hilft, ein sinnvolles Konzept zu entwickeln. Bis es letztendlich bundesweit in Zusammenarbeit mit den Bundesländern etabliert ist, wird es noch etwas dauern.

Wer sich ein bisschen näher mit Biodiversität beschäftigt hat, für den ist das Insektensterben keine wahnsinnige Überraschung. Das Ausmaß vielleicht oder dass es jetzt eine konkrete Studie gibt, aber wer das Insektensterben sehen wollte, der konnte es auch sehen, oder?

Es stimmt, diese Sachen sind nicht wirklich überraschend. Schon 1992 hat die Staatengemeinschaft in Rio de Janeiro die „Konvention für die biologische Vielfalt“ (CBD) auf den Weg gebracht. Bereits damals zeigte sich, dass der Verlust an Biodiversität voranschreitet, und Insekten sind ein zentraler, sehr großer Bestandteil der Biodiversität. Dieses Problem ist also grundsätzlich schon seit den 1990ern bekannt. Sogar schon länger. Rachel Carson hat das Thema ja schon vor 55 Jahren in dem Buch „Der stumme Frühling“ aufgearbeitet – auch wenn sich das Buch nicht primär um das Insektensterben dreht. Das war damals ein sehr aufrüttelndes Werk. Aber es ist in Vergessenheit geraten, weil es einfach schon so lange her ist. Viele dieser Prozesse laufen unter der Wahrnehmungsgrenze. Manche werden auch ausgeblendet oder ignoriert, auch weil man vielleicht andere Dinge als wichtiger ansieht. Die Krefelder Entomologen präsentieren in ihrer Studie wirklich konkrete Zahlen und dokumentieren sehr drastische Rückgänge. Sie haben damit ein Wachrütteln bewirkt. Jetzt kann man nur hoffen, dass das Insektensterben länger im kollektiven Bewusstsein bleibt, als es die Jahrzehnte vorher der Fall war, und dass dieses Thema nicht in den nächsten zwei Jahren gleich wieder in der Versenkung verschwindet. Denn dafür ist die Situation einfach zu ernst, und dafür läuft dieser Rückgang auch schon zu lange.

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Reimar Ott/Insect Respect
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Entomologischer Verein Krefeld

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