Zoologe Reichholf: „Nur die öffentliche öffentliche Meinung schützt den Bären“

Als 2006 „Bruno" nach Bayern kam, wurde er zum Problembären ernannt und abgeschossen. Jetzt ist wieder ein Bär da, aber es bleibt ruhig. Ein Interview

Von Thomas Krumenacker

Aviran Avizedeq

Ein Beitrag von „Die Flugbegleiter – das Online-Magazin für Natur und Vogelwelt“

Bayern hat einen Bären und niemand regt sich auf. Knapp einen Monat nach der Bestätigung durch das Foto einer Wildkamera hat sich die Aufregung um die neuerliche Anwesenheit eines Braunbären – 13 Jahre nach „Problembär Bruno“ – schnell gelegt. Der höchstwahrscheinlich aus der benachbarten italienischen Population im Trentino zugewanderte Bär war in der Nacht zum 23. Oktober im Landkreis Garmisch-Patenkirchen von der Automatikkamera abgelichtet worden. „Seither gab es keinen weiteren Nachweis, weder eine Sichtung noch durch eine Wildkamera“, berichtet die Sprecherin des Landesumweltamts, Maria Hußlein.

Winterschlaf in den bayerischen Alpen?

Bärenexperten halten es für gut möglich, dass sich das vermutlich knapp zwei Jahre alte Jungtier in einen abgelegenen Winkel des Nationalparks Berchtesgaden zum Winterschlaf zurückgezogen hat und nun in einem sicheren Versteck vor sich hindöst. „Die Alpen sind gemessen an den Habitatansprüchen der Bären ein guter Lebensraum“, sagt Jon Swenson, einer der weltweit führenden Bärenforscher. Viel mehr als ein ruhiges und vor Menschen geschütztes Plätzchen brauche der Bär in den kommenden Wintermonaten nicht, sagt der Ko-Vorsitzende des Braunbär-Expertenteams der Internationalen Naturschutzunion IUCN und Autor des vom Europarat beauftragten europäischen Bären-Aktionsplans. Möglicherweise wandere er danach zurück, vielleicht bleibe er auch. „Ich habe beides erlebt.“

Das Wichtigste sei für den wahrscheinlich knapp zweijährigen Jungbären, einen Platz zu finden, an dem er seine Paarungsreife – die mit etwa vier Jahren eintritt – erreichen könne, ohne einem erwachsenen Bärenmännchen zu begegnen. Erst, wenn er selbst erwachsen sei, werde er anfangen, sich für Weibchen zu interessieren. Dass er in Bayern eine Partnerin finden könnte, ist äußerst unwahrscheinlich. Denn Weibchen wandern in der Regel nur über geringe Distanzen. Das ist der Grund, warum sich Bärenvorkommen nur langsam, quasi durch Anbau an die bestehenden Vorkommen, verbreiten.

Deshalb laufen erfolgreiche Einbürgerungsprojekte meist so ab, dass Weibchen dort ausgesetzt werden, wo sich einzelne Männchen abseits der Kern-Verbreitung angesiedelt haben. So etablierte sich auch die kleine, aber anwachsende Trentino-Population rund 120 Kilometer jenseits der deutschen Grenze aus mittlerweile rund 60 Tieren. Baldiger Bärennachwuchs steht für Bayern allerdings nicht zu erwarten. „Eine Aussetzung von Bären in Bayern ist nicht vorgesehen“, heißt es klipp und klar im Managementplan für den Braunbären, der nach dem Debakel um „Bruno“ erarbeitet wurde.

Der ebenfalls aus Italien zugewanderte Bär war 2006 vom damaligen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber nach Angriffen auf Nutztiere auch innerhalb von Ortschaften zum „Problembären“ erklärt und nach einigen vergeblichen Fangversuchen erschossen worden. Reflexhafte Forderungen nach einem Abschuss des Bären blieben diesmal Ausnahmefälle. Zeigt sich darin auch ein verändertes gesellschaftliches Verständnis der Natur? Der Wildbiologe, Ornithologe und Sachbuchautor Josef Reichholf hat den Umgang mit „Bruno“ in einem kritischen Sachbuch aufgearbeitet. Wir sprachen mit ihm über die Rückkehr des Bären und darüber, was sich seit „Bruno“ auch im öffentlichen Bewusstsein verändert hat.

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Aufnahme des Biologen Josef H. Reichholf. Er steht zwischen Schilf an einem Bach.
Der Biologe Josef H. Reichholf war bis April 2010 Leiter der Wirbeltierabteilung der Zoologischen Staatssammlung München und Professor für Ökologie und Naturschutz an der Technischen Universität München. Er engagiert sich als Wissenschaftler und Buchautor in vielfältiger Weise für den Natur- und Artenschutz.
Miki Sakamoto-Reichholf
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