"Meine Traumschule hat einen kleinen Zoo"

Die Neuköllner Biologielehrerin Sybille Wolff und ihre Schüler über den Kurs "Tiere in der Stadt"

Tanya Rusanova/Shutterstock

Am Albrecht-Dürer-Gymnasium im Berliner Bezirk Neukölln hat die Biologielehrerin Sybille Wolff in den vergangenen Monaten für die 5. und 6. Klasse den Kurs "Tiere in der Stadt" angeboten. Mit dreizehn Schülerinnen und Schülern erkundete sie dabei auch die Berliner Vogelwelt. An dem Kurs haben auch wir "Flugbegleiter" mit einer Vogelstimmenwanderung mitgewirkt. Am Ende des Schuljahres haben wir nun Sybille Wolff und einige ihrer Schülerinnen und Schüler über ihre Erfahrungen und Eindrücke befragt. Es wird klar: Für Biologie als Schulfach sollte in Berlin einiges getan werden.

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Frau Wolff, Sie haben in diesem Schuljahr einen sogenannten Enrichment-Kurs für Kinder der 5. und 6. Klasse zu "Tieren in der Stadt" geleitet. Was haben Sie in dem Kurs gemacht?

Wir hatten pro Woche vier Unterrichtsstunden und eine Selbständigkeitstsunde, die sogenannte Daltonstunde, zur Verfügung, um gemeinsam zu erkunden, mit welchen Tieren wir Menschen unsere Stadt Berlin teilen. Der Kurs bestand aus normalem Unterricht, in dem wir uns zum Beispiel mit dem Körperbau von Vögeln beschäftigt haben, aus Exkursionen und aus einem praktischen Teil. Im praktischen Teil wollten wir unseren eigenen Beitrag leisten, dass Tiere in der Stadt gut leben können. Dazu haben wir ein ein Insektenhotel, zwei Vogelfutterstationen, einen Eichhörnchenfutterplatz aus Holz sowie mehrere Überdachungen für Meisenknödel aus Ton gebaut. Tierkunde mit Werken zu verbinden hat den Kindern besonders viel Spaß gemacht.

Welche Tiere haben die Kinder im Lauf des Kurses beobachten können?

Fuchs, Eichhörnchen und Wildschwein haben wir nur im Film gesehen, aber Vögel haben wir vor allem live beobachtet. Wir haben zuerst im Schulhof und im Schulgarten Ausschau gehalten und dann zwei Exkursionen gemacht, in den Körnerpark und auf einen nahen Friedhof. Vor allem die Greifvögel haben es den Kindern angetan, auf dem Friedhof sind uns zwei Habichte begegnet. Fasziniert waren sie auch von den Mauerseglern und deren Lebensweise, in der Luft zu schlafen.  

Die Kinder leben in Neukölln, einem der am dichtesten besiedelten Gebiete Deutschlands. Wie wichtig ist da Kontakt zur Natur?

Da die Kinder die Kurse selbst auswählen, hatte ich es nur mit sehr interessierten Schülern zu tun. Einige hatten durch ihre Elternhäuser bereits gute Vorkenntnisse. Diese und andere leben in den grünen Bereichen des Stadtbezirkes. Ihre Eltern oder Großeltern haben zum Teil Häuser mit Gärten. Die Kinder haben häufig von Erlebnissen und Begegnungen mit Tieren im Urlaub oder bei Wochenendausflügen aus verschiedenen Regionen Deutschlands berichtet. Auch Tierfilme über unterschiedliche Lebensräume haben sie erwähnt.

Was hat der Kurs aus Ihrer Sicht bei den Kindern verändert?

Ich hoffe, dass die Kinder mit wacheren Augen durch ihren Stadtbezirk gehen. Die Artenkenntnis hat ganz sicher bei allen zugenommen. Einige freuen sich schon jetzt, darauf sich nach den Ferien um die selbstgebauten Futterstationen kümmern zu können, die sie im Schulgarten aufgehängt haben. Ich soll unbedingt Körner besorgen. Sie möchten auf alle Fälle selbst aktiv sein. 

Warum müssen Kinder eigentlich einen speziellen Kurs belegen, um die Tierwelt genauer kennenzulernen? Sollten das nicht alle machen?

Diese Themen sollten nach meiner Meinung nach mit allen Schülerinnen und Schülern besprochen werden, nicht nur mit denen, die so einen Kurs belegen. Unser Rahmenplan sieht dies aber in den Klassen 5 und 6 nicht mehr vor, seit die einzelnen Fächer Physik, Chemie und Biologie durch ein einziges Misch-Fach Naturwissenschaften – kurz NaWi – ersetzt worden ist. Grund für die Schaffung dieses Faches sind aus meiner Sicht Sparmaßnahmen und das Ziel, Fachlehrer an den Schulen flexibler einsetzen zu können. Aber aus meiner Sicht hat diese Fusion nicht funktioniert, weil wir damit keinem der Fächer gerecht werden.

Wie ist es bei Schülern insgesamt um die Artenkenntnis bestellt und spielt diese im normalen Biologieunterricht überhaupt eine Rolle?

Die Artenkenntnis hat durch und seit der Einführung von NaWi nachgelassen. Früher konnten Schüler noch Kohl- und Blaumeise unterscheiden oder haben es zumindest im Unterricht mal gesehen oder gehört. Aber damit ist es seit "Nawi" vorbei. An Grundschulen unterrichtet auch nicht immer ein Biologielehrer dieses Fach. Der Rahmenplan fördert Artenkenntnis ebenfalls nicht. Es gibt kaum Zeit und Raum, die Zusammenhänge zwischen Bau und Funktion eines Organismus und dessen Lebensweise zu vermitteln. Das finde ich sehr schade, als Biologielehrerin tut mir das weh.

Viele Schulen haben ihre Tierpräparate in den vergangenen Jahren entsorgt. Wie sieht das bei Ihnen an der Schule aus?

Wir hatten Präparate von Tieren wie Nebelkrähe, Maulwurf und Mäusebussard und haben sie im Unterricht eingesetzt, um deren Besonderheiten der Anatomie der Tierarten hautnah zu zeigen. Wir mussten die Tierpräparate alle entsorgen, weil diese Präparate aus einer Zeit stammten in der mit gesundheitsschädigendenen Chemikalien präpariert worden ist. Ersatz hat es leider nicht gegeben, weil derartige Stopfpräparate heute einen sehr hohen Preis haben und wir im Fachbereich genau überlegen müssen, wofür die zur Verfügung stehenden Gelder ausgegeben werden. Dabei stehen Experimentierkästen höher im Kurs als bloße Stopfpräparate zum Anschauen.

Was sollte sich in der Bildungspolitik im Bereich Biologie Ihrer Ansicht nach ändern?

Ich und ältere Kollegen würden zum früheren naturwissenschaftlichen Unterricht zurückkehren, getrennt nach Biologie, Physik und Chemie. Mit dem Gemisch-NaWi werden wir keiner der Naturwissenschaften gerecht. Dazu müsste es aber politisch gewollt sein und Bildungspolitik bräuchte mehr Unterstützung. Auch nach der Bundestagswahl.

Sybille Wolff, Veröffentlichung mit frdl. Genehmigung des Albrecht-Dürer-Gymnasiums

Wie sähe aus Sicht einer Biologielehrerin eine ideale Schule aus?

Meine Traumschule hat nicht nur viele Pflanzen im Schulgebäude, einen grünen Schulhof und einen Schulgarten, sondern auch Aquarium, Terrarium, Vogelhaltung, einen richtigen kleinen Zoo. Das hatte ich als Grundschülerin auch. Durch so eine Nähe entstehen Fürsorge und Bewußtsein und man lernt, sorgsam mit all dem umzugehen. Die Wunschschule hat Lehrer, die zur Pflege und zum sorgsamen Umgang mit Pflanzen und Tieren anhalten. Dazu könnten Arbeitsgemeinschaften genutzt werden. Sie bringt Schüler hervor, denen die Bedeutung von Artenvielfalt und Umweltschutz für ihr zukünftiges Leben, nicht nur in der Stadt, bewußt ist.

Wann wird es den Kurs "Tiere in der Stadt" wieder geben?

Erst im übernächsten Schuljahr wieder, da wir ihn für die Doppeljahrgangsstufe 5 und 6 anbieten. Im nächsten Schuljahr werde ich mich dem Thema "Pflanzen" zuwenden, also Pflanzenbestimmung, Wachstum, Entwicklung sowie Pflege und Vermehrung von Pflanzen. Dabei werden wir uns mit Pflanzen im Schulgebäude und im Schulgarten beschäftigen.