Wie ein Bauer sein Herz an Vogelfedern verlor

Von Markus Hofmann

Markus Hofmann

Toni Masafret ist ein Amateur im besten Sinne des Wortes. Er hat in seiner Freizeit eine Leidenschaft so weit getrieben, dass er fachliche Auseinandersetzungen mit Professoren nicht scheuen muss. Er ist selber zu einem gefragten Fachmann geworden. Zu einem Fachmann für Vogelfedern.

Wer sich in Zürich und Umgebung etwas intensiver mit Ornithologie beschäftigt, lernt Toni Masafret früher oder später kennen. Vor rund zwölf Jahren hielt er vor Hobby-Ornithologen seinen ersten Vortrag über Federn. Nun gehört sein Auftritt zum festen Programm der Feldornithologie-Kurse, die der örtliche Vogelschutzverein Birdlife Zürich regelmässig anbietet. Dort erklärt Masafret, wie sich Vogelfedern aus Federkeimzellen entwickeln, erläutert ihren Aufbau in Federkiel, -fahne, -ästen und -strahlen, macht auf die Unterschiede von Schwung-, Steuer- und Deckfedern aufmerksam und zeigt, woran man die Feder einer Eule oder eines Spechts erkennen kann. Vor allem aber verblüfft er mit seiner eigenen Federsammlung. In Aktenordnern verstaut finden sich Hunderte von DIN-A4-grossen Bögen, auf denen Masafret das Federkleid verschiedenster Vogelarten fein säuberlich aufgeklebt hat, beschriftet mit Artnamen, Federnart sowie Fundort und -datum.

Wie viele Vogelarten seine Federsammlung umfasst, weiss Masafret nicht genau; er schätzt, dass es etwa 300 sind. Anders als in Deutschland ist es in der Schweiz nicht verboten, ohne Genehmigung Federn von Wildvögeln zu sammeln. „Mir geht es nicht darum, möglichst viele zu haben“, sagt Masafret. Er wolle qualitativ gute Federn und möglichst alle Federtypen einer Art in seiner Sammlung haben. Wenn er seine Ordner nicht gerade anderen Ornithologen zeigt, sind sie in einem unauffälligen Büroschrank in seiner Wohnung in der Nähe Zürichs untergebracht. Manches naturhistorische Museum wäre stolz, über eine solche Sammlung zu verfügen. Und jeder, der sie sieht, würde angesichts ihres Umfangs sofort vermuten, dass sie ein Lebenswerk darstellt, von Kindheit an zusammengetragen. Doch der Eindruck täuscht: Der 67-Jährige ist ein Spätberufener…

Lesen Sie weiter: Wie Toni Masafret einen Grünfinken für eine Rarität hielt und wie er akademische Federnexperten mit seinem Wissen herausfordert. Mit 0,59€ unterstützen Sie unabhängigen Naturjournalismus. "Flugbegleiter" gibt es bald im Monatsabonnement für 3,99€.

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Mit Leidenschaft und Akribie hat der pensonierte Landwirt Toni Masafret seine Federnsammlung aufgebaut.
Markus Hofmann

Masafret wuchs in der Stadt Zürich auf. Dort stellte die Familie im Winter ein Vogelhäuschen in den Garten. Weitere ornithologische Anregungen gab es nicht. Viel mehr als für Vögel interessierte sich Masafret für den Sport, vor allem für das Klettern und Bergsteigen. Von daher rührt bis heute seine Liebe zum Alpenschneehuhn. Dazu später mehr. Nach der Schule absolvierte er eine Ausbildung zum Elektromonteur. Da das nicht sein Wunschberuf war, bildete er sich zum Heilpädagogen weiter. Zur entscheidenden Wende in seinem Leben führte dann allerdings die Liebe. Masafret heiratete eine Frau, die einen Bauernhof in Samstagern besass, einer kleinen Gemeinde im Kanton Zürich.

Und so wurde aus dem Elektromonteur und Heilpädagogen ein Bauer – und Naturliebhaber. Er begann als einer der ersten seiner Gemeinde, Bioanbau zu betreiben. Wo andere Landwirte alles, was das reibungslose Durchkommen der Traktoren behinderte, dem Erdboden gleichmachten, pflanzte er Hecken und musste sich dafür den Spott seiner Kollegen anhören. Doch er liess sich nicht beirren. Vielmehr freute er sich später darüber, dass Vögel wie der Neuntöter auf seinem Betrieb wieder neuen Lebensraum fanden und zurückkehrten.

Eines Tages sah Masafret während der Arbeit in einer Hecke einen „unglaublich schönen Vogel“. Gelb und grün leuchtete er. Der müsse extrem selten sein, dachte Masafret. Er eilte ins Haus, um die Art im Bestimmungsbuch nachzuschlagen. Und war enttäuscht und fasziniert zugleich: Es hatte einen Grünfinken gesehen. Doch gerade dieser alles andere als seltene Vogel öffnete ihm wie auf einen Schlag die Augen für die Vogelwelt. Er erkannte: Das Schöne und exotisch Erscheinende liegt vor der eigenen Tür, ja, es lebt gar auf dem eigenen Betrieb. Masafret begann, Feldornithologiekurse zu besuchen; bald leitete er selber Vogel-Exkursionen. „Es gab Tage“, sagt er, „da stand ich um drei Uhr morgens im Stall, führte anschliessend eine Exkursion, kehrte am Nachmittag zurück, um zu heuen und bis in die Nacht im Stall weiterzuarbeiten.“

Skepsis gegenüber handelsüblichen Federbüchern

Während seiner ersten Ornithologie-Kurse begann Masafret, sich für Federn zu begeistern. Er war gerade mit einer Gruppe von Vogelbeobachtern unterwegs, als jemand eine Feder am Boden entdeckte. Die Exkursionleiterin konnte nicht sagen, von welchem Vogel sie stammte (es war die Schwanzfeder eines Kleibers, wie sich später herausstellte). „Ich war entsetzt, dass sie das nicht wusste“, sagt Masafret. Federn, erkannte er, interessierten Ornithologen anscheinend nur, solange sie sich noch am Körper des lebenden Vogels befanden. Masafret aber nahm sich vor, sie en detail zu betrachten, sich in die Federkunde einzuarbeiten. Und er tat es gründlich.

Masafret rang sich jede freie Stunde neben der Arbeit auf dem Bauernbetrieb ab, um Federn zu studieren. Er besorgte sich Feder-Bestimmungsbücher und stellte immer häufiger fest, dass sie fehlerhaft waren. „Die handelsüblichen Führer kann ich eigentlich nicht mit gutem Gewissen empfehlen“, sagt Masafret. Sie seien lückenhaft. Oft fehlten Abbildungen genau derjenigen Federn, die man gerade gefunden hat und nun bestimmen will. Masafret macht die Autoren auf die Fehler aufmerksam, diese versprechen, sie in den neuen Auflagen zu korrigieren.

Ende dieses Jahres soll nun bei „Federführer Publishers“ ein – englischsprachiges – Buch erscheinen, das seinen Anforderungen entspricht: Es führt sämtliche Federn sämtlicher Vogelarten Mitteleuropas auf. Die beiden Autoren, Wilfried Hansen und Jürgen Synnatzschke, haben bereits ein Grundlagenwerk zu den Steuerfedern der Vögel Mitteleuropas verfasst. Dieses und das neue Buch taugen allerdings nicht für die Westentasche: Es sind schwere Wälzer, mit denen man gefundene Federn in Ruhe zu Hause studieren und bestimmen kann.

Viele Museen wären auf eine solche Sammlung stolz: Masafret klebt die Federn auf DIN-A4-Bögen auf.
Markus Hofmann

Zu dem neuen Federnführer der beiden Autoren hat auch Masafret beigetragen, und zwar im Kapitel über das Alpenschneehuhn. Im Winter weiss, im Sommer braun-gescheckt, ist dieses Huhn der Lieblingsvogel Masafrets. Dessen Federn hat er so genau studiert, dass er in einen Fachstreit mit einem Ornithologen des Islandic Institute of Natural History geriet, einem Forschungs-Hotspot für Schneehühner. Das Objekt des Disputs sind zwei Schwanzfedern. Gehören sie zu den Steuerfedern oder den Oberschwanzdecken? Und: Sind sie weiss oder farbig?

Sechs Wochen war Masafret in Island, durfte Hunderte von Schneehuhn-Bälgen des Instituts untersuchen und ging selber auf die Suche nach Kadavern. „Anders als in der Schweiz, wo man in den Bergen nur ganz selten auf ein totes Schneehuhn trifft – die Füchse sind schneller als die Wanderer –, liegen die in Island fast vor der Haustüre“, schwärmt er. Für ihn ist die Sache klar: Bei den beiden Federn handelt es sich um Steuerfedern, und sie sind farbig. Doch den isländischen Professor konnte er davon (noch) nicht überzeugen. „Manchmal frage ich mich schon, wie Wissenschaft funktioniert. Ich habe doch Belege für meine These“, seufzt Masafret etwas genervt.

Vogelbeobachter schauen nach oben, aber Federn findet man auf dem Boden

Neben Island gehört Spanien zu seinen bevorzugten Reiseländern. Regelmässig fährt er in die Extremadura, wo er nicht nur Exkursionen leitet, sondern auch das Umweltbildungszentrum AMUS (Acción por el Mundo Salvaje) besucht und unterstützt. Zu diesem Zentrum gehört ein Spital für verletzte Wildvögel. Ein Vogelspital ist eine wahre Schatztruhe für einen Federnsammler, denn nicht alle gefiederten Patienten überleben. „Da kommt man zu Federn, die man sonst kaum findet, etwa von Großtrappen“, sagt Masafret. Die Betreiber der Vogelschutzstation frieren die verendeten Vögel ein, damit sie er sie bei seinem Besuch rupfen kann. Von einer Reise hat er 3000 Federn mitgebracht, darunter viele von Greifvögeln. Gemäss dem Washingtoner Artenschutzabkommen benötigte er dafür eine Einfuhrgenehmigung. Anderthalb Jahre dauerte es, bis er sie in der Tasche hatte.

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Eine Arbeit für lange Abende: Schachteln voller Federn warten noch auf ihre Bestimmung.
Markus Hofmann

Doch wo findet man Federn, wenn man keinen privilegierten Zugriff auf die Wildvogelkadaver eines Tierspitals hat? „Ornithologen schauen ja meistens nach oben“, sagt Masafret. „Die Federn findet man aber am Boden.“ Wenn man einmal damit begonnen habe, auf Federn zu achten, entdecke man sie plötzlich überall, das sei wie beim Sammeln von Pilzen: „Ich komme von jedem Spaziergang mit Federn nachhause,“ sagt Masafret. Ideal sei es, wenn man an eine Rupfung gerät, wo sich etwa ein Habicht an einem Vogel gütlich getan hat.

Nach dem Fund beginnt die Arbeit, viel Arbeit: Die Federn müssen einzeln gewaschen, präpariert und dann bestimmt werden. „Viele Kisten voller Federn warten noch darauf, an die Hand genommen zu werden“, sagt Masafret. Wie die aus Indien, einem seiner letzten Reiseziele. Er holt sie aus seinem Büro und verteilt den Inhalt auf dem Tisch. Grün, gelb, blau, weiss, schwarz: In allen möglichen Farben und Schattierungen schillern die Federn. Auch wenn man sich nicht derart in die Details der Federnkunde vergraben will wie Masafret: Spätestens wenn man diesem Mann einmal begegnet ist, kann man sich der Schönheit der Federn nicht mehr entziehen.