„Ihr Vogelmenschen!“

Wie der “Birder” in die Literatur kam und was er uns über die Leidenschaft erzählt. Von Petra Ahne

Erni/Shutterstock Ein Mauerläufer mit einem Insekt im Schnabel

04. Januar 2017

Vor etwas mehr als einem Jahr saß ich in einem Barockschlösschen auf der Insel Mainau am Bodensee und wartete auf Jonathan Franzen. Um den Tisch in dem stuckverzierten Raum warteten noch ein paar andere Journalisten, Franzen werde im kleinen Kreis Interviews geben, hatte es vorab geheißen. Er werde nur über seinen Einsatz für Vögel sprechen, nicht über Privates, nicht über seine Arbeit als Schriftsteller. Das war schade, weil mich genau das interessierte: Was sieht der Mann, der als der Retter des amerikanischen Romans gefeiert wird, in Vögeln?

Dass Franzen in seiner Freizeit Vögel beobachtete, wurde in fast jedem Artikel über ihn erwähnt, als weiterer Beleg einer gewissen Exzentrik, zu der auch gehörte, dass er, nachdem ihn sein Roman „Die Korrekturen“ 2001 über Nacht berühmt gemacht hatte, einer Einladung zu Oprah Winfreys einflussreicher Büchersendung so herablassend begegnete, dass er wieder ausgeladen wurde. Aber was hatte es wirklich auf sich mit Franzens Vogelbegeisterung?

Am Ende des Nachmittags auf Schloss Mainau, an dem Franzen den Umweltschutzpreis der Stiftung Euronatur verliehen bekam, für seine Reportagen über die Vogeljagd im Mittelmeerraum, hatte ich dann doch eine Antwort: Es war Liebe – ganz romantisch und schlicht, und dann doch wieder nicht. Franzen, der in seinen Romanen unerbittlich Leidenschaften, Ängste und Lebenslügen ausleuchtet, tut das auch bei sich selbst. Die Vogelliebe, von der er beim Gespräch in Mainau und später beim Empfang zur Preisverleihung dann doch sehr offen erzählte, war beglückend. Sie half auch, Sinn zu finden, wo sonst vielleicht Leere gewesen wäre.

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