Die Pflanzen-Inventur des Jahrhunderts

Zürich hat seine gesamte Flora erfasst. Das „Jahrhundertwerk“ hilft nun auch dem Naturschutz.

Von Markus Hofmann

Benjamas Ramsauer Zwei ehrenamtlich tätige Botanikerinnen suchen eine Wiese im Kanton Zürich nach allen Pflanzenarten ab.

Sechs Jahre lang sind 250 Botanikerinnen und Botaniker durch den Kanton Zürich gestreift, durch Wälder, Wiesen, Dörfer und Städte, entlang von Strassen, Wegen, Bächen, Flüssen und Seen. Ein Ziel hatten sie dabei vor Augen: Sie wollten alle Farn- und Blütenpflanzenarten finden, die im Kanton auf einer Fläche von 1729 Quadratkilometern wachsen. Sie suchten nach den häufigen Gänseblümchen und Buschwindröschen, nach den seltenen Feuerlilien und Alpenrosen (ja, Zürich verfügt auch über einen gebirgigen Teil) sowie nach den neu zugezogenen Berufkräutern und Goldruten.

Nun ist die Arbeit abgeschlossen, das Resultat liegt vor – knapp zwei Kilogramm schwer und 1127 Seiten stark. „Die Flora des Kantons Zürich“ führt 1757 wildwachsende Arten in Bild und Text auf und zeigt, wie weit verbreitet und häufig sie sind. 1757 Arten: Das ist immerhin die Hälfte aller in der Schweiz vorkommenden Pflanzen.

.Die Herausgeber der „Flora des Kantons Zürich“, die altehrwürdige „Zürcherische Botanische Gesellschaft“, nennt das Buch ein „Jahrhundertwerk“. Das ist nicht nur geschickte Werbung, sondern eine durchaus angemessene Beschreibung. Denn noch nie zuvor ist die Zürcher Flora derart vollständig erfasst worden. Und eine Neuauflage wird wohl auch so rasch niemand anpacken – zumal das ganze Werk für jedermann gratis im Internet verfügbar ist und dort auch aktualisiert werden kann.

Allerdings: Pioniere sind die heutigen Zürcher Botanikerinnen und Botaniker nicht. Der Kanton verfügt über eine vergleichsweise lange botanische Tradition. Das hängt auch mit den hiesigen Hochschulen zusammen, der Universität Zürich sowie der Eidgenössischen Technischen Hochschule ETH, die beide über starke biologische Fakultäten verfügen.

Alte botanische Tradition

Hinzu kommen das Wissen und die penible Arbeit von Laien und Fachleuten, die im letzten und vorletzten Jahrhundert umfangreiche und bis heute erhaltene Herbarien der Zürcher Flora anlegten. Diese dienten den Forschern nun dazu, für jede der 1757 Arten die historische Verbreitung nachzuzeichnen: Welche Pflanzen haben sich in den letzten Jahrzehnten ausgebreitet, welche sind neu eingewandert, welche haben sich zurückgezogen und welche sind ausgestorben?

Zu diesen Fragen lassen sich Aussagen machen, die nicht nur für den Kanton Zürich, sondern auch für andere stark industrialisierte und dicht bevölkerte Regionen Europas Geltung beanspruchen können.

Im Team bestimmen die Botanikerinnen und Botaniker die gesammelten Pflanzen.
Nach dem Kartieren im Feld folgt die Bestimmung der Pflanzen - auch dies eine Teamarbeit.
Benjamas Ramsauer

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts haben im Kanton Zürich die Bestände eines Viertels aller Pflanzenarten deutlich abgenommen, darunter etwa der Frühlings-Enzian oder das Gemeine Katzenpfötchen. Sechs Prozent aller Arten, 108 insgesamt, sind gar ganz verschwunden oder verschollen. Dazu zählt etwa das Schwarze Männertreu. Jede zehnte Art hat hingegen eine Zunahme erfahren, sieben Prozent, 131 insgesamt, sind neu dazugekommen, darunter auch unbeliebte invasive Neophyten wie die Armenische Brombeere oder der Japanische Staudenknöterich.

Stark unter Druck

Zürich ist der bevölkerungsreichste Kanton der Schweiz mit der grössten Stadt sowie dem grössten Flughafen des Landes. Diese wirtschaftliche Potenz zeigt Folgen für die Flora. Sie leidet vor allem am Verlust von Lebensräumen – durch Überbauung, Kanalisierung von Gewässern, Entwässerung von Feuchtgebieten sowie der Verbauung und Befestigung von Uferzonen.

Zum anderen wirkt sich hier wie fast überall in Europa die veränderte Landnutzung auf die Pflanzenwelt aus. In den vergangenen Jahrzehnten ist die Landwirtschaft stark intensiviert worden; die Bauern setzen immer mehr Dünger und Herbizide ein. So sind aus mageren Äckern und Trockenwiesen, die über eine besonders vielfältige und spezielle Flora verfügen, nährstoffreiche und dicht bewachsene Habitate geworden. Fast die Hälfte der Arten, die deutlich seltener geworden sind, gehören zu den sogenannten Ackerbegleitkräutern.

Die prächtige Kuhschelle war einst häufig im Kanton Zürich, ist dann aber fast ausgestorben. Mit einem Artenschutzprogramm wird sie nun wieder gefördert.
Die Kuhschelle war einst häufig im Kanton Zürich. Dann ist sie fast ausgestorben. Nun wird sie wieder angesiedelt.
Andreas Baumann

Immerhin kommen in Zürich 450 der 1757 im Kanton vorkommenden Arten in den Genuss von Naturschutzmassnahmen. Einige Arten erfahren auch eine spezielle Förderung. Zu diesen gehört die Gemeine Kuhschelle, die aufgrund von Überdüngung sowie Nährstoffeintrag über die Luft selten geworden ist. Sie soll nun an geeigneten Standorten, die nährstoffarm und trocken sein müssen, wieder angesiedelt werden.

In vielen Fällen reichen die Naturschutzmassnahmen gerade aus, um die Populationen knapp am Überleben zu halten. Längerfristig braucht es stärkere Anstrengungen, damit die gefährdeten Pflanzen erhalten bleiben. Auch dies ist in vielen anderen Regionen Europas leider nicht anders. Der Kanton Zürich verfügt nun zumindest über ein aktuelles Inventar aller Pflanzen und somit über eine gute Grundlage, den Schutzbedarf bedrohter Arten einzuschätzen.

Zürcherische Botanische Gesellschaft: Flora des Kantons Zürich. Haupt Verlag, Bern 2020. 1127 Seiten, über 3500 Farbfotos, rund 1760 Verbreitungskarten. CHF 120, € 120. https://www.florazh.ch/

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