Beim Schutz der Artenvielfalt ruhen die Hoffnungen nun einmal mehr auf der Wissenschaft

Vor dem großen UN-Bericht zur Lage der Natur: Hören die Bundesregierung und ihre Verbündeten hin? Eine Analyse von Christian Schwägerl

Christian Schwägerl Nach Analysen von US-amerikanischen Forschern in Kooperation mit Google sind allein zwischen dem Jahr 2000 und 2012 auf 2,3 Millionen Quadratkilometern Wälder verschwunden – was einer Fläche von 1500 mal 1500 Kilometern entspricht. Einer der Schwerpunkte der Entwaldung ist die indonesische Insel Borneo. Im Bild zu sehen ist ein Gebiet, das für das sogenannte Mega-Rice-Projekt mit dem Versprechen des Reisanbaus entwaldet, aber dann zum Anbau von Ölpalmen verwendet wurde.

Flugbegleiter – die Korrespondenten aus Natur und Vogelwelt

Die Alarmmeldungen reißen nicht ab.

Schauplatz 1: Die tropischen Wälder. 12 Millionen Hektar tropischer Wald wurden einer neuen Studie des World Resources Institute zufolge im vergangenen Jahr abgeholzt oder abgebrannt, ein Drittel davon Primärwald1. Das entspricht der Fläche von Bayern und Niedersachsen. Dass die Zahl leicht niedriger liegt als in den beiden Vorjahren, ist dabei kein Trost, denn mit der Amtsübernahme des neuen brasilianischen Präsidenten Jair Messias Bolsonaro hat 2019 ausgerechnet in dem Land, in dem 1992 der wegweisende „Erdgipfel“ von Rio stattfand, eine neue Phase der Entwaldung begonnen2. Bolsonaro steht für einen regelrechten Sturm auf den Amazonas und seine indigenen Bewohner durch die Agrarindustrie, deren Sojaprodukte dann in auch in deutschen Tiermägen landen, um unseren Fleischhunger zu stillen.

Schauplatz 2: Die Korallenriffe. „Tote Korallen bekommen keine Kinder“, sagte der Forscher Terry Hughes von der James Cook University in Queensland über seine in Nature veröffentlichte Studie, der zufolge sich das Great Barrier Reef kaum von den Bleichereignissen der letzten Jahre erholt3. Die Riff sind einem Doppelschlag ausgesetzt: Unsere CO2-Emissionen sammeln Hitze in der Atmosphäre, die zu einem großen Teil vom Ozean aufgenommen wird.

Im britischen „Guardian“ war kürzlich die beinahe unglaublich klingende Rechnung einer Wissenschaftlerin zu lesen, dass diese Hitzeaufnahme dem Energiegehalt einer Hiroshima-Bombe pro Sekunde entspricht4. Diese Hitze verteilt sich zwar in den Weiten der Meere, doch die steigenden Temperaturen setzen den Korallen physiologisch zu – mit dem Ausbleichen als Folge. Hinzu kommt das Kohlendioxid selbst: es lässt das Meerwasser messbar versauern, was allen Organismen schadet, deren Körper Kalk brauchen.

Die ökologische Krise wird zur Alltagserfahrung

Schauplatz 3: Die europäische Agrarlandschaft. Nachdem die Krefelder Studie zum Insektenrückgang bereits für nachhaltige Beunruhigung gesorgt hat, legten weitere Forscher in den vergangenen Wochen nach. Eine global angelegte Analyse aller Studien zum Thema zeigte für Europa einen deutlichen Abwärtstrend, eine großangelegte Auswertung für Wildbienen und Schwebfliegen in Großbritannien dokumentierte Rückgänge (aber auch einige positive Trends aufgrund von Naturschutzmaßnahmen) seit 1980. Und die Agrarforscherin Stefanie Christmann warnt in einem Meinungsbeitrag im Journal Restoration Ecology, dass das existenziell wichtige Zusammenspiel von Bestäubern und den Kulturpflanzen. von denen wir leben, in Gefahr sei. 5-7

Ob indigene Völker im Tropenwald, Fischer in Korallengebieten oder Landbewohner in Europa: Was Wissenschaftler als „ökologische Krise“ beschreiben, wird für Hunderte Millionen Menschen auf der Erde nun zur Alltagserfahrung.

Und die Politik? Hätte sie nicht längst handeln und den Niedergang der biologischen Vielfalt stoppen sollen?

Schon seit 2010 gibt es 20 mit großem Brimborium von der Staatengemeinschaft vereinbarte Ziele zum Naturschutz, nach der japanischen Provinz Aichi benannt, in der knapp 200 Länder sie beschlossen haben. Zu ihnen zählt es, Feuchtgebiete zu schützen, den Schwund von Arten zu stoppen und umweltschädliche Subventionen zu beenden. Doch passiert ist seither zu wenig. Fortschritte hat es allenfalls bei dem Ziel gegeben, 17 Prozent der Landfläche und zehn Prozent der Meeresfläche in nationalen Hoheitsgebieten unter formalen Schutz zu stellen – wobei dessen Effektivität noch eine ganz andere Frage ist.8

Wie die Schwüre von damals gebrochen wurden, kann man am Beispiel Deutschlands sehen. Ziel 3 der 20 Ziele lautet:9

Kachel mit einem Zitat aus den Biodiversitätszielen der Vereinten Nationen aus dem Jahr 2010. "Spätestens bis 2020 werden Anreize, einschließlich Subventionen, die der biologischen Vielfalt schaden, beseitigt, beendet oder reformiert, um negative Auswirkungen zu minimieren oder zu vermeiden, und es werden positive Anreize für die Erhaltung und nachhaltigen Nutzung der biologischen Vielfalt entwickelt und angewendet".
Kodda/Deposit

Doch allen voran die Bundesregierung hält an exakt jenen Agrarsubventionen fest, die den Artenschwund beschleunigen. Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) verfolgt bei der Reform der EU-Agrarpolitik sogar das gegenteilige Ziel, und Bundesumweltministerin Svenja Schulz (SPD) ist mit einem Rumpfministerium, das wesentliche Zuständigkeiten verloren hat, bisher politisch und organisatorisch zu schwach aufgestellt, um einen neuen Kurs zu erzwingen.

Gibt es nun Hoffnung?

Einmal mehr ruht die Hoffnung auf der Wissenschaft. Wie dramatisch die Lage global ist und was jetzt zu tun wäre, wird Gegenstand einer groß angelegten Studie sein, die Wissenschaftler am 6. Mai in Paris vorstellen werden. Über mehrere Jahre haben die Wissenschaftler der Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services (IPBES), zu dessen Chefs der Deutsche Josef Settele vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig zählt, Daten gesammelt und ausgewertet. Nun erhoffen sie sich von der Vorstellung ihrer Ergebnisse kurz vor dem Umweltministertreffen der G7-Staaten einen ähnlichen Aufschlag, wie ihn die Berichte des Weltklimarats IPCC für die CO2-Reduktion gebracht haben.

Ob die Hoffnung berechtigt ist, werden die kommenden Monate zeigen. Eine bisher einmalige Ballung von politischen Ereignissen könnte den Naturschutz von den extremen Rändern der öffentlichen Wahrnehmung nämlich etwas näher ins Zentrum rücken. Wie beim Erdgipfel 1992 in Rio und beim Klimagipfel von Paris 2015 steuert die globale Umweltpolitik auf eine jener Großkonferenzen zu, die über Wohl und Wehe des Planeten entscheiden könnten. Sie findet Ende 2020 im chinesischen Kunming statt. Die Erwartungen, die an diese Konferenz im Rahmen der UN-Biodiversitäts-Konvention geknüpft werden, könnten höher kaum sein.

2020 laufen nämlich die 20 im japanischen Nagoya verabredeten Naturschutzziele, die fast durchweg nicht erreicht wurden, obendrein auch noch aus. Wie weiter? Heißt es ab jetzt im Geiste des neuen Nationalismus à la Trump und Bolsonaro, dass sich jeder allein um seine Angelegenheiten kümmert? Wird die globale Kooperation im Naturschutz kollabieren? Oder kommen neue, gemeinsame Ziele zustande? Die Forderungen, die zwischen den Staaten zirkulieren, reichen von einem pragmatischem Weiter-so bis hin dazu, die Hälfte der Erde unter Naturschutz zu stellen.

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