Corona-Pandemie: Ruhe in den Städten zieht Wildtiere an

Jetzt kommen die Tiere in die Stadt. Dabei ist die neue Ruhe für manche von ihnen trügerisch. Sie suggeriert den Neuankömmlingen, dass die Stadträume leer sind. Von Cord Riechelmann

Thomas Krumenacker Ein Fuchs steht zwischen Grabsteinen.

Ein Beitrag von „Die Flugbegleiter – das Online-Magazin für Natur und Vogelwelt“

Den Anfang machte ein Habicht. Der saß Ende März etwas höher in einem noch blattlosen, gut einsehbaren Baum im Viktoriapark in Berlin-Kreuzberg und kröpfte eine Ringeltaube. Wobei kröpfen nichts anderes als fressen bedeutet. Seltsam war an dem Vorgang erst einmal nichts, bis auf die Ruhe, mit der der Habicht die Taube buchstäblich zerpflückte. Denn auch wenn Habichte schon länger in Städten wie Berlin siedeln und in manchen Hinterhöfen täglich bis zu dreimal vorbeikommen, um den Taubenbestand zu überprüfen, sind sie eher scheu geblieben.

Wahrscheinlich war es einfach die Ruhe, die mit den Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie in den Park eingekehrt ist, die auch den Vogel ruhiger fressen ließ. Eine Ruhe, die wohl auch deshalb die Tiere zu mehr öffentlicher Aktivität verführt, weil sich die Parkbesucher jetzt in der Regel an die Vorgaben halten. So konnte man noch am selben Tag vier Bussarde im Park sehen, und die waren alles andere als ruhig. Die stritten sich – wenn auch kurz – sehr heftig und schreiend laut. Und man spekuliert nicht zu viel, wenn man annimmt, dass es zwei konkurrierende Paare waren, die sich da stritten.

Ein männlicher Habicht mit roten Augen sitzt auf einem Ast.
Noch fehlt das Laub an den Bäumen, und dieses Habicht-Männchen und andere Vögel lassen sich gut beobachten.
Thomas Krumenacker

Die trügerische Ruhe in der Stadt gaukelt Chancen vor

Im Berliner Viktoriapark lebt seit Jahren auch ein Bussardpaar, das in den letzten sechs Jahren auch jedes Jahr ein Junges großgezogen hatte, was man in der näheren Umgebung nur schwer überhören konnte. Jedes Mal, wenn das Junge so groß war, dass es entwöhnt werden konnte, hörte man seine Bettel- und Verlassenheitsrufe von wechselnden Bäumen und Hausdächern, so herzzerreißend und durchdringend, dass man die Eltern verfluchen wollte. Der Park ist also nicht nur ein ausgezeichnetes Revier für Bussardpaare; er ermöglicht es den Vögeln auch, sehr erfolgreich Junge großzuziehen. Nur scheint es so zu sein, dass für zwei Paare dann doch nicht ausreichend Platz vorhanden ist.

Interessant ist aber, dass die Bussarde ausgerechnet jetzt auf die Idee kommen, im Park einen Ansiedlungsversuch zu starten. Wenn es tatsächlich mit den wesentlich geringeren Störungen durch die heruntergefahrene menschliche Aktivität im öffentlichen Stadtraum zusammenhängt, wäre die Reaktion der Vögel jedenfalls extrem schnell. Auch das ist nicht ungewöhnlich. Tiere können sehr schnell sich neu öffnende Lebensmöglichkeiten und -räume entdecken. Aber das geschieht nur dann, wenn der Druck, sich neue Biotope zu suchen und zu erschließen, besonders stark ist. Normalerweise dauert es oft Jahre, bis Tiere zuvor ungewohnte Umgebungen besiedeln. Es sei denn, sie wurden aktiv von Menschen umgesiedelt und in Gegenden verfrachtet, in denen sie plötzlich ihnen bis dahin selbst nicht bekannte Verwirklichungsformen finden.

Eine Nilgans im Flug mit ausgebreiteten Flügeln
Nilgänse fühlen sich in Städten in Deutschland wohl.
Thomas Krumenacker

Nilgänse haben in deutschen Städten gute Bedingungen gefunden

Exemplarisch kann man diesen Fall an den Nilgänsen in Frankfurt am Main studieren. Normalerweise leben Nilgänse in Afrika, vom Nil bis nach Südafrika, und brüten in unfassbaren Höhen in Bäumen. In Höhen, bei deren Anblick man sich jedes Mal fragt, wie da ein Küken lebendig runterspringen kann. In Frankfurt fanden die an warme Klimata gewöhnten Gänse so gute Bedingungen vor, dass man noch Anfang Dezember vergangenen Jahres am Mainufer eine Nilgans schwimmen sah, mit sieben Jungen, bei denen gerade erst an den Flügeln das Daunenkleid durch richtige Federn ersetzt wurde. Im Januar dann waren die Nilsgansgössel, wie die Küken bei Gänsen heißen, fast schon durchgefedert, und es waren immer noch sieben. Was ein Aufzuchtsergebnis ist, welches das jeder einheimischen Stadtente und Graugans übertrifft.

Es ist auch die herausragende Betreuung der Jungen, die die Nilgänse in Frankfurt zur Pest hat werden lassen. Jedenfalls in der Wahrnehmung der meisten Bürger der Stadt. Das Wissen, dass die Gänse nicht von selbst nach Frankfurt gekommen, sondern von Menschen dorthin transportiert worden sind, spielt bei solchen schimpfenden Pestdiagnosen keine Rolle. Am Anfang zu Showzwecken in dafür angelegten Gehegen in Parks und Zoos gehalten, fanden auch diese Gänse das Leben außerhalb der Gehege und Zäune besser als das hinter Gittern. Im Moment jedenfalls, so hört man, genießen auch am Mainufer die Nilgänse, dass die Störungen durch die Menschen wesentlich zurückgegangen sind. Was nicht unbedingt eine gute Nachricht für kleinere Entenvögel ist, die in der direkten Konfrontation mit Nilgänsen kaum eine Chance haben.

Die Nischen in den Städten sind meist schon besetzt

Das heißt aber auch, dass die neue Ruhe in den Städten für Tiere trügerisch sein kann. Zum einen kann sie Zuwanderern suggerieren, dass die Stadträume leer sind, wie es dem Bussardpaar im Viktoriapark geschah. In der Regel sind aber für Arten wie Füchse, Rabenkrähen, Wildschweine, auch für Bussarde, Habichte und Wanderfalken die Stadträume längst nicht mehr leer.

Die seit den neunziger Jahren zu beobachtende Besiedlung der Städte durch immer mehr Pflanzen- und Tierarten stößt an ihre Grenzen, und das liegt nicht nur an der Architektur, die mit ihren Glasfassaden zum Beispiel den Hausspatzen die Nistplätze in Häuserwandbuchten raubt. Es gibt mittlerweile auch inner- und zwischenartliche Konkurrenzerscheinungen, die es den Tieren unmöglich machen, noch enger zusammenzurücken, als sie es in Städten im Vergleich zum Umland oder Land tun. Auch wenn fast alle revierbildenden Tiere in Städten mit deutlich kleineren Territorien auskommen als auf dem Land, sind Städte nicht leer, sondern oft voll.

Corona-Krise der Stadtnatur: Futterplätze sind gerade rar

Zum anderen aber ist die Ernährungslage für viele Stadttiere gerade durch das eingeschränkte Sozialleben an einen kritischen Punkt gekommen. Wer sich wie Möwen, Krähen, Spatzen oder selbst Füchse auch von heruntergefallenen Essensresten ernährt, wird zurzeit eher zu wenig als zu viel bekommen.

Auch daraus erwachsen natürlich Verhaltensänderungen, die zwar nicht sofort so extrem werden müssen wie bei manchen Tempelaffen in Thailand, die zu regelrechten Straßenschlachten mit anderen Affen aufbrachen, nachdem wegen der Corona-Krise die Touristen ferngeblieben waren und damit ein Großteil ihrer Nahrung wegfiel. Den Stadttauben und Parkvögeln wie Meisen, Spatzen oder Grünfinken werden die sie fütternden älteren Menschen in den Parks aber fehlen wie den Tempelaffen die Bananen der Touristen, ohne dass es deshalb zu Prügeleien kommt.

Mehrere Haussperlinge flattern auf einen Tisch am Wasser zu.
Leere Tische - Haussperlingen in Berlin und anderswo fehlen gerade die fütternden Menschenhände.
Thomas Krumenacker

Dann lieber den Stress der Stadt

Die Stadt als Lebensraum, muss man ergänzen, ist für Tiere nicht nur ein Versprechen, sie bedeutet Stress. Und welchem Stress die Tiere in den Städten schon normalerweise ausgeliefert sind, das kann man jetzt in Italien beobachten. Wie „La Repubblica“ Ende März berichtete, haben italienische Biologen bei Stadttieren erhebliche Verhaltensänderungen festgestellt, wobei die auf der zentralen Piazza im sardischen Sassari wandernden Wildschweine nur der pittoreske Höhepunkt sind.

Für die Verhaltensforschung und Stadtökologie könnten diese ruhigen Tage deshalb wichtige Hinweise auf die Gründe liefern, was Tiere zur Landflucht treibt. Gerade weil sie freiwillig in die Städte gekommen sind, lässt sich an ihnen gut ablesen, welchen Stress sie bereit sind, in Kauf zu nehmen, um dem Leiden auf dem Land zu entkommen. Und damit dem, was der Natur auf dem Land durch die immer noch intensiver werdenden Landnutzungen angetan wird.

Stille in der Krise bietet Forschungschancen

Für Singvögel wie Nachtigallen, deren Populationen hierzulande mittlerweile fast ausschließlich in Berlin leben, konnte man schon zeigen, dass sie an vielbefahrenen Straßen lauter singen müssen als in Parkgegenden und deshalb so etwas wie eine Dauerheiserkeit durch die Gesangssaison schleppen. Inwieweit die Vögel durch das angestrengtere Singen in ihrem Fortpflanzungserfolg beeinträchtigt werden, den die Biologen so gern messen und zum Maßstab des Lebensstandards erklären, ist unklar. Es dürfte im Fall der Nachtigallen allerdings genauso so schwierig wie etwa bei Füchsen sein, auf dem Land noch ausreichend große Vergleichspopulationen zu finden, mit denen man den Stadtstress wirklich messen könnte.

Wahrscheinlich auch deshalb sehen die italienischen Biologen so eine große Chance in der Beobachtung des durch die Corona-Krise sichtbarer gewordenen Verhaltens der Stadttiere. Die Tiere könnten sowohl Hinweise darauf liefern, was sie in der Stadt stresst, wie auch darauf, was man auf dem Land ändern müsste, damit sie dort gut leben könnten.

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