Schule für den schnellen Blick

Lars Gejl zeigt in seinem neuen Buch, wie man Greifvögel effektiv bestimmt. Von Markus Hofmann

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Einmal sind sie ganz weit weg. Sie lassen sich von warmer Luft in die Höhe tragen, segeln über den Berggipfeln oder verschwinden gleich hinter denselben. Waren das Steinadler? Ein andermal geht alles rasend schnell. Ein dunkler Pfeil fällt aus den Wolken und stürzt in horrendem Tempo der Erde zu. Vielleicht ein Wanderfalke? Dann wieder schiesst ein Schatten durch den Wald, nur knapp über dem Boden, berührt keinen Ast, umfliegt Büsche in irrwitziger Geschwindigkeit. Das könnte ein Habicht gewesen sein.

Greifvögel gehören zu den faszinierendsten Vögeln. Auch Menschen, die kaum Interesse an Ornithologie haben, schauen zumindest bewundernd auf Adler und Falken – und sei es lediglich, dass sie in ihnen Symbole für Stärke und Freiheit sehen. Meistens werden Greifvögel auch als solche erkannt: Viele von ihnen sind vergleichsweise gross, verfügen über einen kräftigen, nach unten gebogenen Schnabel und zeigen einen strengen „Adlerblick“.

Bei vielen Greifvogelarten ist das Weibchen grösser und kräftiger als das Männchen. So auch bei diesem Seeadler-Paar in Schweden.

Doch so augenfällig die typische Gestalt eines Greifvogels ist, so schwierig kann es sein, die verschiedenen Arten auseinanderzuhalten. Sind die Greifvögel weit entfernt oder fliegen sie rasch vorbei, vermag man oft nur deren Silhouette zu erkennen. Details wie die Fiederfärbung zu studieren, ist oft unmöglich.

Was daher zählt, ist der Gesamteindruck. Wie gross ist der Vogel? Welche Form haben Flügel, Schwanz und Kopf? Wie schlägt der Greif die Flügel? Rasch oder langsam? Oder rüttelt er mit den Flügeln am Ort und schwebt dabei wie festgenagelt über dem Boden auf der Suche nach Beute?

Den Blick für Grösse, Gestalt und typische Bewegungen zu schulen, ist das Ziel des dänischen Autors und Naturfotografen Lars Gejl in seinem neuen Buch „Europas Greifvögel“. 40 Arten stellt er in einzelnen Porträts vor, vom Bartgeier (ja, auch Geier gehören zu den Greifvögeln) über den Spanischen Kaiseradler und die Kornweihe bis zum Gleitaar, dem Merlin und Mäusebussard. Bedeutung des wissenschaftlichen Namens, Gesamteindruck, Habitat und Verbreitung (leider ohne Karten), Mauser, die verschiedenen Federkleider, Geschlechterunterschiede (Weibchen sind meistens grösser und kräftiger als Männchen), Unterarten, ähnliche Arten, Zugverhalten sowie Brutbiologie – all diese Themen handelt Gejl kurz und übersichtlich ab.

Er ist der kleinste unter den europäischen Geiern: der Schmutzgeier.

Der grosse Trumpf des Buchs aber ist seine Illustration. Zum Glück für die Leserinnen und Leser geht Gejl wie bereits in seiner Publikation über die europäischen Watvögel verschwenderisch mit hervorragenden Bildern um (über 500), die von ihm selber und anderen Vogelfotografen stammen. Es ist eine Freude, einfach nur im Buch zu blättern und die Details der abgebildeten Greifvögel zu studieren.

Auf einigen Seiten stellt Gejl Greifvogelarten einander gegenüber, die sich ähnlich sehen – wie zum Beispiel Steppen-, Schell-, Schrei- und Östlicher Kaiseradler –, und arbeitet die Unterschiede heraus. Das ist sehr instruktiv, und das Buch hätte mehr dieser anschaulichen Vergleiche vertragen. Ebenfalls nützlich sind die im Buch abgebildeten schwarzen Silhouetten der einzelnen Arten. Denn vielfach sieht man die Greifvögel lediglich so: als dunkle Profile.

Gejls legt mit „Europas Greifvögeln“ wiederum ein prächtiges Buch vor: ästhetisch ein Genuss und vogelkundlerisch eine gute Ergänzung zu herkömmlichen Bestimmungsbüchern.

Lars Gejl: Europas Greifvögel. Das Bildhandbuch zu allen Arten. Haupt Verlag, Bern 2018. 304 Seiten, über 520 Farbfotos. 48 CHF, 39,90 € (D) / 41,10 € (A).

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