Jäger gegen Blei - „Ein Umstieg ist überall möglich“

Die Vorsitzende des Ökologischen Jagdverbands, Elisabeth Emmert, im Gespräch über die Gefahren von Bleimunition

Von Thomas Krumenacker

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Ein Beitrag von „Die Flugbegleiter – das Online-Magazin für Natur und Vogelwelt“

Empörung, Kopfschütteln und Rätselraten: So lassen sich die Reaktionen unter Naturschützern und ökologisch orientierten Jägern auf die Blockade eines europaweiten Verbots von Bleimunition bei der Jagd in Feuchtgebieten durch Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner zusammenfassen. Empörung, weil durch die Blockade die Gefahr besteht, dass nun weiter eine Million Wasservögel in jedem Jahr qualvoll an den Überresten von Bleischrot in den Gewässern sterben. Kopfschütteln, weil das Klöckner-Ministerium sein Eintreten gegen ein Verbot mit wissenschaftlich als überholt geltenden Thesen begründet. Und Rätselraten gab es schließlich über die wirklichen Motive hinter der Blockade. 

Zur Erinnerung: Ein europaweites Bleiverbot bei der Jagd in Feuchtgebieten war in der vergangenen Woche gescheitert, weil Deutschland sich auf Druck des Klöckner-Ministeriums im zuständigen EU-Ausschuss der Stimme enthalten muss. Alle Hintergründe dazu hier. Unser Kommentar zum Thema hier.

Was sagen ökologisch orientierte Jägerinnen und Jäger zu den Argumenten des Landwirtschaftsministeriums und wie schwierig ist der Umstieg auf eine bleifreie Jagd? Diese und weitere Fragen haben wir im Gespräch mit Elisabeth Emmert erörtert, der Vorsitzenden des Ökologischen Jagdverbandes (ÖJV). Die Biologin steht seit 1992 an der Spitze des ÖJV, der rund 3000 Jägerinnen und Jäger vertritt und sich für mehr Natur- und Tierschutz auch in der Jagd einsetzt. Der Verband ist Mitglied im Deutschen Naturschutzring, der Dachorganisation der Natur-, Umwelt- und Tierschutzverbände in Deutschland. Emmert ist Präsidiumsmitglied des DNR.


Elisabeth Emmert steht seit vielen Jahren an der Spitze des Ökologischen Jagdverbands.
ÖJV

Thomas Krumenacker: Frau Klöckner und ihr Ministerium begründen die Blockade des EU-Vorstoßes für ein europaweites Verbot von Bleimunition auch mit dem Tierschutz: Bleifreie Munition habe eine geringere Tötungswirkung und erschwere damit die Bejagung invasiver – also für das Ökosystem schädlicher – Arten wie Waschbär oder Nilgans. Denn diese würden mit bleifreier Munition nur verletzt und verendeten dann qualvoll über einen längeren Zeitraum hinweg. Sind Jäger, die bleifrei jagen, Tierquäler?


„Die Behauptung, bleifreie Munition sei generell weniger wirksam, stimmt so einfach nicht“


Elisabeth Emmert: Ganz sicher nicht. Die Behauptung, bleifreie Munition sei generell weniger wirksam, stimmt so einfach nicht. Um eine vergleichbare Tötungswirkung zu erreichen, müssen nur etwas größere Kaliber und geeignetes Material für für die größeren Arten gewählt werden. Es werden vielerorts auch größere Gänse als die Nilgans mit bleifreier Munition geschossen, ohne dass es Probleme gibt. Und was die Jagd auf invasive Arten betrifft: Der Ansatz, Waschbär, Nilgans, Kanadagans oder Marderhund durch Bejagung in Schach zu halten, ist unserer Meinung nach illusorisch und – bis auf wenige Einzelfälle – auch nicht sinnvoll.

 Am Argument einer geringeren Tötungswirkung bleifreier Munition ist aus Sicht der Praktikerin also nichts dran?

Seit vor etwa 15 Jahren bekannt wurde, dass viele Seeadler durch bleihaltige Büchsenmunition umkommen, wurden zahlreiche gründliche Untersuchungen auf den Weg gebracht. Sie alle belegen, dass Munition ohne Blei bei richtiger Handhabung die gleiche Tötungswirkung erzielt wie bleihaltige. Es gibt Alternativen, die vielfach erprobt sind und die mittlerweile auch von Herstellern und Handel beworben werden. Die angeblich geringere Tötungswirkung ist als Argument komplett in sich zusammengefallen. Das ist heute überhaupt kein ernstzunehmendes Argument mehr, und die Praxis zeigt es ja auch jeden Tag.

In Deutschland ist ja die Jagd mit Blei an und um Gewässer bereits in fast allen Bundesländern verboten, in Dänemark und den Niederlanden wird seit längerem generell ohne Blei gejagt. Wie sind die Erfahrungen auch in anderen Lebensräumen?

Mittlerweile benutzen viele Landes- und Bundesforstverwaltungen verpflichtend ausschließlich bleifreie Kugelmunition, und auch immer mehr Jäger steigen auch freiwillig um. Ich schätze, etwa jeder Vierte schießt schon jetzt bleifrei. Alle haben gute Erfahrungen gemacht. Der Trend geht in die richtige Richtung, wenn auch langsam. Ohne den beständigen Widerstand vor allem der Funktionäre in den Jagdverbänden könnte es aber zweifellos schneller gehen. 

Ich selbst und viele andere innerhalb und außerhalb des ÖJV haben nur positive Erfahrungen gemacht. Ich kennen niemanden, der zurück zu bleihaltiger Munition gewechselt ist. Übrigens nicht nur im ÖJV. Es gibt natürlich auch in den Landesjagdverbänden und im (größten deutschen Jagdverband) DJV vernünftige Leute. Das Problem sind oft die Funktionäre.

Ist bleihaltige Munition in der Jagd aus Ihrer Sicht also komplett verzichtbar, in Feuchtgebieten ebenso wie im Wald oder auf dem Feld?

Ja, eindeutig. Das gilt für Büchsenmunition wie für Schrot. Es gibt immer spezifische Themen, die eine gewisse Anpassung erfordern, das Abprallverhalten von Stahlschrot beispielsweise. Dann muss man sich entsprechend anpassen und dann gibt es kein Problem. Angesichts der Gefahr, die von Blei ausgeht, sind das leicht vertretbare Verhaltensänderungen, die einfach erforderlich sind. 

Was die Jagd in Feuchtgebieten auf Wasservögel angeht, sind wir ohnehin zurückhaltend. Die dadurch verursachten Störungen, die Fehlabschüsse und auch die nicht-tödlichen Verletzungen beispielsweise von Enten und Gänsen durch den Beschuss mit Schrotgarben werden stark unterschätzt. Die Jagd an Gewässern ist ein sehr sensibles Thema, das oft zu unsensibel gehandhabt wird. Uns muss klar sein, dass wir Wasservögel nicht unbedingt jagen müssen. Denn anders als zum Beispiel bei Rehen im Wald oder Wildschweinen auf Äckern besteht hier keine Jagdnotwendigkeit. Der Naturschutz muss deshalb immer Vorrang haben. 


„Wir mussten immer wieder erleben, dass die Blockade vor allem auf die Industrie und hier vor allem auf die deutsche Munitionsindustrie zurückging, die nicht rechtzeitig auf die Produktion bleifreier Munition umgeschwenkt ist oder sie gar nicht in ihrem Portfolio hatte“


Die Einigkeit ist groß: Wissenschaftler, die Europäische Chemikalienagentur, die EU-Kommission und ein Teil der Jägerinnen und Jäger – sie alle wollen ein Bleiverbot in Munition und sehen ausreichende Alternativen verfügbar. Wie erklären Sie sich, dass ein maßgeblicher Teil der Bundesregierung trotzdem versucht, ein europaweites Bleiverbot zumindest zu verzögern?

Das könnte ganz andere Gründe haben. Wir mussten in der Debatte über Blei in der Büchsenmunition immer wieder erleben, dass die Blockade vor allem auf die Industrie und hier vor allem auf die deutsche Munitionsindustrie zurückging, die nicht rechtzeitig auf die Produktion bleifreier Munition umgeschwenkt ist oder sie gar nicht in ihrem Portfolio hatte. Ausländischen oder auch kleineren Herstellern, die seit Jahrzehnten bleifreie Produkte produzieren, wollte man natürlich keine Marktanteile überlassen. Und jede Verzögerung hat der Industrie und den mit ihr oft eng verflochtenen Landesjagdverbänden in die Hände gespielt. Das war der Hintergrund für die Verzögerung bei den bisherigen Verboten und das könnte auch jetzt wieder der Fall sein. 

Die vermeintlich schlechtere Eignung bleifreier Munition ist also nur ein vorgeschobenes Argument?

So sieht es aus. Anders lässt sich der Widerstand aus dem Bundeslandwirtschaftsministeriums nicht erklären. Denn – genau wie Sie sagen – ist die Verwendung von Bleischrot in Feuchtgebieten und an Gewässern ja in fast allen Bundesländern bereits verboten. Es würde sich mithin hierzulande nichts ändern. DieBlockade einer europaweiten Regelung ist auf Basis rein fachlicher Argumente völlig unverständlich. 

Trotz des von Ihnen beschriebenen Trends zu bleifreier Munition schießt die Mehrheit der Jäger in Deutschland aber immer noch mit Blei. Woran liegt das?

Es ist eine gewisse Umstellung und es kann manchmal auch teurer sein. Aber auch bei der Jagd mit bleihaltiger Munition gibt es eine große Spannbreite. Hier wie da gibt es teurere seltene Kaliber und häufige preiswertere Kaliber. Es gibt teilweise immer noch eine gewisse Propaganda in den Landesjagdverbänden, die den Wandel behindert. Unverständlicherweise werden teilweise auch noch in der Jagdpresse dieselben Vorbehalte gegen bleifreie Munition geschürt, die wir hier diskutieren. 


„Wissentlich und willentlich ein hochgiftiges Schwermetall in ein Lebensmittel – und in ein solches verwandelt sich ein geschossenes Tier – zu injizieren, ist nicht zu verantworten“


Wie bewerten sie das Argument, dass der Umstieg auf bleifreie Munition die Bekämpfung invasiver Arten schwächt?

Das Argument, man könne durch Bejagung das Problem invasiver Arten lösen und ihre Ausbreitung verhindern, halte ich für ein Scheinargument. Heimische Tierarten sind in der Regel gefährdet, weil der Lebensraum zerstört wird, nicht weil gebietsfremde Feinde “überhandnehmen“. Das ist eine Kurzschluss-Ökologie, die wir nicht verfolgen. Höchstens in sehr speziellen Fällen, in denen es um das Überleben letzter Reliktpopulationen geht, könnte die Bejagung unter Umständen einen Effekt erzielen. Aber die könnte dann selbstverständlich auch mit bleifreier Munition stattfinden.

Haben Sie eigentlich ihre Jägerinnenlaufbahn auch mit Blei angefangen? 

Natürlich, da gab es 1985 keine Diskussion. Der Nachweis, dass Blei für Menschen und für Seeadler gefährlich ist, kam ja erst später. Mittlerweile wissen wir viel mehr. Übrigens auch, dass mit Bleimunition geschossenes Wild für Menschen, die viel Wild essen und für bestimmte Risikogruppen ein Problem sein kann. Wissentlich und willentlich ein hochgiftiges Schwermetall in ein Lebensmittel – und in ein solches verwandelt sich ein geschossenes Tier – zu injizieren, ist nicht zu verantworten. Und seit jetzt 15 Jahren wissen wir auch um die Probleme für Greifvögel. Und wenn man so etwas weiß, muss man eben die Konsequenzen ziehen und auf eine andere Munition umstellen. 

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