Lernen, einfach mal die Welt zu retten

Interview mit Forschungsstaatssekretärin Cornelia Quennet-Thielen zum Start von „Bildung für Nachhaltige Entwicklung“

Berlin, 20. Juni 2017

Die Deutschen halten sich für besonders umweltbewußt, aber sie fahren ungehemmt Auto, essen Billigfleisch, fliegen wie die Weltmeister und erzeugen jede Menge Müll. Wissen wir noch immer nicht genug über Umwelt und Nachhaltigkeit? Ja, meint Cornelia Quennet-Thielen, Staatssekretärin im Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), unter deren Vorsitz der "Nationale Aktionsplan zur Bildung für nachhaltige Entwicklung" entstanden ist, der heute verabschiedet wird.* Im Interview erklärt sie, was es damit auf sich hat.

Frau Quennet-Thielen, am Dienstag verabschiedet ein Kongress den Nationalen Aktionsplan zur Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE). Seit 2015 haben Hunderte von Bildungsakteuren in sechs Fachforen, zehn Partnernetzwerken und bei einem "Agendakongress" zusammengearbeitet. Das klingt fürchterlich abstrakt und abgehoben. Was steckt dahinter?

Was wir heute tun, geht auf den Erdgipfel 1992 in Rio de Janeiro zurück. Damals sind die Staaten der Welt aufgewacht und haben vereinbart, dass sich grundsätzlich etwas ändern muss, um die großen Probleme der Menschheit zu lösen – Klima, Artenvielfalt, Wasser, Bodenschutz, Ressourcenknappheit, Armut, Hunger, Kriege. Es sind jetzt 25 Jahre vergangen und wir haben viele Fortschritte auf vielen Feldern gemacht. Aber es gibt mindestens noch einmal so viel zu tun. Das wird aktuell in den Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen formuliert. Ein Thema verbindet alle Ziele: die Bildung. Sie ist zentral, damit Menschen wissen, was in der Welt passiert, wie sie mit ihrem Verhalten im Alltag zu den Problemen beitragen, vor allem aber auch, wie sie etwas positiv verändern können.

Und was soll der Aktionsplan dazu beitragen?

Es geht darum, dass der Gedanke der Nachhaltigkeit strukturell wirklich alle Formen von Bildung durchdringt– von der Kita über Schulen und Berufsausbildung bis zur Erwachsenenbildung und auch die sogenannte informelle Bildung, also zum Beispiel das Lernen im städtischen Raum.

Von der Kita bis zur Volkshochschule

Wie sind Sie dabei vorgegangen?

Früher war der Prozess stärker von der Unesco und der Zivilgesellschaft getragen, weniger vom Staat. Aber in den vergangenen zwei Jahren haben wir dafür gesorgt, dass es in Deutschland einen gemeinsamen Prozess von Staat und Gesellschaft gibt. In der von Bundesministerin Wanka eingesetzten Nationalen Plattform unter meinem Vorsitz arbeiten deshalb 38 Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft zusammen. Die Kultusministerkonferenz, die Umweltministerkonferenz, die Jugend- und Familienministerkonferenz sowie die kommunalen Spitzenverbänden haben die Texte beraten. Wir haben den Aktionsplan auch in einem Online-Beteiligungsprozess entwickelt. Die Mitwirkung war überwältigend: Mehr als 600 Menschen und Institutionen haben 8000 Bewertungen zu den Vorschlägen und 700 konkrete Ideen eingebracht.

Ist es denn wirklich so, dass in Deutschland zum Beispiel in den Schulen zu wenig über Klimawandel und andere Nachhaltigkeitsthemen geredet wird? Das nimmt doch schon breiten Raum ein, das Umweltbewusstsein ist hoch.

Aber noch nicht hoch genug, sonst hätten wir viele Probleme nicht mehr. Es gibt Bundesländer, die haben schon flächendeckend Nachhaltigkeit in den Unterricht integriert, zum Beispiel Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Berlin. In Baden-Württemberg treten die entsprechenden Lehrpläne seit 2016 schrittweise in Kraft. Aber in anderen Ländern ist Nachhaltigkeit noch nicht wirklich strukturiert in die Arbeit der Schule eingebunden.

Ist Nachhaltigkeit schon ein Thema für den Kindergarten?

Absolut. Wir kooperieren im Rahmen der Bildung für Nachhaltige Entwicklung mit der Stiftung "Haus der Kleinen Forscher". Bisher ging es bei diesem bundesweiten Projekt darum, Kindergartenkinder zum Beispiel durch Mitmachexperimente für technische und naturwissenschaftliche Fragen zu begeistern. Wir erweitern nun den Werkzeugkasten, so dass in Hunderten von Kindergärten auch unsere Beziehung zur Umwelt und die Nachhaltigkeit stärker Thema werden.

Warum hat man sich nicht einfach auf die Schulen konzentriert?

Weil Bildung für mehr Nachhaltigkeit nicht mit dem Schulbesuch aufhören darf. Für Auszubildende ist sie zum Beispiel ganz wichtig. Angehenden Malern sollte noch viel stärker als bisher klar werden, was die Stoffe, mit denen siearbeiten, in der Umwelt verändern können und Einzelhandelskaufleuten muss bewusst werden, welche Umweltprobleme und Umweltchancen aber auch soziale Herausforderungen in und hinter den Produkten stecken, die sie verkaufen. Wir arbeiten hier mit den Handwerkskammern und den Industrie- und Handelskammern zusammen. Oder denken Sie an die Erwachsenenbildung. Gelsenkirchen war 2013 die erste Kommune, die deutschlandweit einen Programmbereich BNE für Erwachsene eingeführt hat. Mit dem Aktionsplan empfiehlt nun der Deutsche Volkshochschul-Verband den knapp 1000 Volkshochschulen in ganz Deutschland, eine nachhaltige Entwicklung in ihren Leitbildern und Programmangeboten zu verankern. Wir hatten zudem eine immense Mobilisierung bei Jugendorganisationen – für sie werden wir einen Prozess finanzieren, in dem sie sich in Sommercamps, bei Tagungen und in Projekten für Nachhaltigkeit engagieren können.

Was ist Ihnen bei den Bewerbungen für konkrete Projekte aufgefallen?

Dass viele Ideen darum kreisen, was andere für Umwelt und soziale Gerechtigkeit tun sollten. Ziel ist aber, dass man sich diese Frage für das eigene Leben stellt – was kann ich selbst tun, wie kann ich mich selbst nachhaltiger verhalten? Die Botschaft des Aktionsplans ist: Jeder muss bei sich selbst anfangen.

"Auch ein hartes ökonomisches Thema."

Ist das wirklich das Ziel von Bildung und nicht eher, dass man rational und nüchtern Urteile fällen kann?

Wissen und Bewusstsein gehören aus meiner Sicht zusammen. Und was wäre Bildung wert, wenn sie bei den drängendsten Menschheitsproblemen keine Relevanz für das eigene Leben hat?

Wissen wir nicht eigentlich alle schon genug über Umweltprobleme, aber wir handeln trotzdem nicht?

Es ist immer noch nicht hinreichend verankert, wie eng jeder einzelne mit den großen Problemen verbunden ist und wie wichtig persönliche Lebensstile und Konsumentscheidungen sind.

Wenn ein Vertreter der Regierung Trump das Programm sieht, würde der wahrscheinlich sagen, dass Sie hier wirtschaftsfeindliche Öko-Indoktrination betreiben.

Das wäre eine ziemlich rückwärtsgewandte Sichtweise. Zur Nachhaltigkeit gehört ja integral – schon seit 1992 – neben ökologischen und sozialen Zielen auch das Ziel einer guten Wirtschaftsentwicklung. Rio war ja schon vor einem Vierteljahrhundert der Versuch, die vermeintlichen Gegensätze zu überwinden. Es ist wirklich bedauerlich, dass wir so etwas überhaupt noch diskutieren müssen. Nachhaltigkeitsbildung verschafft uns auch ökonomische Vorteile. Die Städte, Länder, Unternehmen, die gezielt nachhaltig wirtschaften, haben einen massiven Vorteil im Vergleich zu denen, die das Thema nicht ernst nehmen. Sie stehen für die Zukunft, die anderen für die Vergangenheit. Deutschland ist auch wegen seines hohen Umweltbewusstseins in der Weltspitze beim Export von Umwelttechnologien. Nachhaltigkeitsbildung ist eine Voraussetzung dafür, dass wir in diesem Bereich noch stärker werden. Sie ist also auch ein hartes ökonomisches Thema.

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