In Australien verbrennt auch die westliche Grenzziehung zwischen Natur und Kultur

Es ist höchste Zeit, dass wir uns am Wissen und an der Erfahrung der Aborigines orientieren. Von Cord Riechelmann

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Mit den um die Welt gehenden Bildern von einem durch das Feuer zur Skulptur erstarrten und verkohlten Känguru und einem von Helfern in einer Decke geretteten und mit einer Wasserflasche versorgten Koala haben die seit Oktober wütenden Buschbrände in Australien ihre Ikonen gefunden. Wie es überhaupt auffällig ist, dass die tierischen Opfer der Brände in der Berichterstattung genauso prominent behandelt werden wie die menschlichen.

Vor ein paar Tagen kursierten Schätzungen, wonach allein im Bundesstaat New South Wales 480 Millionen Tiere in den Flammen umgekommen seien. Inzwischen wird die Zahl für ganz Australien auf 1,25 Milliarden Tiere geschätzt. Wobei alle Forscher betonen, dass diese Schätzungen kleinere Tiere wie Frösche und Insekten nicht berücksichtigten. Die Zahlen sind also eher zu gering als übertrieben – selbst wenn man einkalkuliere, dass große Tiere wie Kängurus oder Emus und viele Vögel vor dem Feuer weglaufen oder wegfliegen könnten, wie der Ökologe Christopher Dickman von der Universität Sydney der BBC sagte.

Unabhängig aber von solchen Schätzungen, deren Zahlen immer problematisch sind, macht die Aufmerksamkeit für die Tiere den Unterschied zu den kaum weniger verheerenden Bränden des Sommers in Südamerika und Sibirien aus. Das hat sicher einen Grund in der Unvergleichlichkeit vieler Tiere Australiens. Und wenn die dann auch noch, wie die Koalas, nur aus weichem Fell und kleinen Augen zu bestehen scheinen und, im Unterschied zu Eis- und Braunbären, wirklich friedlich sind: Dann sind die Sympathien und Identifikationen der Menschen gewissermaßen programmiert.

Australien ist kein Einzelfall

Dabei ging es den auf Bäumen lebenden, bewegungsarmen Tieren schon vor den Bränden nicht gut. Ihre Bestände sind in den vergangenen vierzig Jahren um dreißig Prozent geschrumpft, was auch mit der Zerstörung der Eukalyptuswälder zu tun hat, von denen sich Koalas ausschließlich ernähren. Nach den Feuern wird es nicht besser werden für die Tiere – es sind die Eukalyptusbäume, die aufgrund der in ihnen gebundenen Öle besonders gut brennen. Für kleinere Beuteltiere wie Beutelratten und Beutelmäuse, deren Bestand sich in den vergangenen Jahren konsequent dem endgültigen Verschwinden näherte, wird es nach den Bränden stark geschrumpfte Überlebensaussichten geben.

Portrait des Westlichen Erdsittich (Pezoporus flaviventris).
Der Westliche Erdsittich (Pezoporus flaviventris) gehört zu den vielen Tierarten, die von den Bränden bedroht sind.
Brent Barrett

Das alles macht Australien aber nicht zu einem Einzelfall, wie man, zum Beispiel, von dem gerade erschienenen Buch „Das Ende der Evolution: Der Mensch und die Vernichtung der Arten“ des Evolutionsbiologen Matthias Glaubrecht lernen kann. Glaubrecht, Professor für Biodiversität am „Centrum für Naturkunde“ der Universität Hamburg, trägt darin auf mehr als tausend Seiten den Stand des Artensterbens in Zahlen und Analysen so zusammen, dass man das Buch besser nur im stabilen Gemütszustand zur Kenntnis nimmt.

Australien wird im Prozess des Artensterbens paradigmatisch, weil die dort vernichteten Lebensformen dann für immer verschwunden sein werden. Und was ausgestorben ist, das kommt nicht mehr wieder – was nicht nur für die Beuteltiere, sondern auch für die einzigartige Schlangen- und Spinnenfauna des Kontinents gilt. Die einmalige, von größeren Landmassen wie denen Eurasiens, Afrikas und Amerikas geschiedene Lage macht den Kontinent zu einem exemplarischen Fall in der Auseinandersetzung von Kultur und Natur.

Denn auch wenn niemand mehr sagen kann, wo genau bei Phänomenen wie dem Klimawandel die Natur anfängt und die Kultur aufhört, hält sich hartnäckig eine Vorstellung von der Natur als dem schicksalhaft Gegebenem. Der Natur kann man zwar deren Reichtümer wie Kohle, Uran und Öl entnehmen, mit ihren Launen wird man aber weiter leben müssen. Da hilft nur: Rette sich wer kann!

Natur lässt sich nicht ohne Kultur denken

Dass das Eine, die Ausbeutung der Natur, eventuell mit dem Anderen, den Launen, zusammenhängt, kommt den herrschenden Konzepten von Natur und Kultur nicht in den Blick. Dass aber in den Flammen der Buschfeuer nicht nur Menschen, Tiere, Pflanzen und unzählbar viele Mikroben sterben, sondern dass hier auch die Trennung von Kultur und Natur verbrennt, das müsste endlich zur Kenntnis genommen werden.

Der australische Premierminister Scott Morrison, der seine Unempfindlichkeit gegenüber den Feuern zur Schau stellte, als er kurz vor Weihnachten, als das bevölkerungsreichste Bundesland New South Wales den Notstand ausgerufen hatte, mit seiner Familie in den Urlaub nach Hawaii flog, vertritt einen Naturbegriff, den als überholt zu bezeichnen sich schon deshalb verbietet, weil dessen Folgen so schrecklich für die Natur sind: Wenn Morrison immer wieder betont, es handele sich bei den Bränden um eine Naturkatastrophe und nicht um Folgen des menschengemachten Klimawandels, dann arbeitet er genau mit diesem Naturbegriff an der Zerstörung der Natur. Denn die Natur Australiens ist ohne Kultur seit der Besiedlung des Landes durch Menschen überhaupt nicht zu denken.

Menschengemachte Erde

Man muss dafür gar nicht auf einen neueren Begriff wie den des Anthropozäns, des Menschenerdzeitalters zurückgehen, obwohl das nicht schaden kann. Der Atmosphärenforscher Paul Crutzen hatte im Jahr 2000 die These von der meschgemachten geologischen Erdepoche aufgestellt, um darauf hinzuweisen, dass selbst die festen Bestandteile der Erde wie die Erdkruste und der Meeresboden nicht mehr zu beschreiben sind ohne deren menschengemachte Anteile, von denen das Plastik nur das am deutlichsten sichtbare ist. Viele Geologen folgen dieser Diagnose, dass schon die harten, nur sehr langsam von Wind und Wetter veränderten Teile der Erde zunehmend von menschlichen Eingriffen geprägt sein werden.

Dass es das Anthropozän so schwer hatte und bei manchen Menschen noch hat, hängt damit zusammen, dass sich der herkömmliche menschliche Kulturbegriff in seiner strengen (um nicht zu sagen: kreationistischen) Form jeden Naturanteil verbittet.

Schimpansenforscher wie Christophe Boesch, der als Direktor am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig arbeitet, können ein Lied davon singen. Boesch, der sein Forscherleben dem Nachweis verschiedener Kulturen in verschiedenen Schimpansenpopulationen widmet, hat lange gebraucht, bis er drei Schimpansengruppen unter genau gleichen ökologischen Bedingungen fand, die unterschiedliche Kulturen entwickelt haben. Kultur, das war damit bewiesen, ist nicht nur den Menschen vorbehalten.

Kulturlandschaften der Aborigines

In Australien aber gab es - und gibt es in Relikten immer noch - Kulturen, die sich von Anfang an als Teil des ökologischen Gefüges verstanden haben. Als die Aborigines in den siebziger Jahren begannen, sich gegen die Ausweisung ihrer Wander- und Wohngebiete als Naturschutzreservate zu wehren, war das ein Ausdruck ihres Natur-Kulturverständnisses. Ihre Argumentation ging in die Richtung, dass die Gegenden durch die sie jahrtausendelang gewandert waren, in denen sie gejagt und Feuer gelegt hatten, eben nicht die von Kultur unberührten Landschaften waren, die der westliche Naturbegriff in seine Schutzgebieten auslagern will. Natürlich wussten die Aborigenes auch, dass ihnen selbst der Zugang zu solchen Naturschutzgebieten verboten worden wäre.

Entscheidend ist im Zusammenhang der Buschfeuer aber die Tatsache, dass die Aborigines nie auf die Idee kommen würden, Feuer solchen Ausmaßes hätten nichts mit ihnen zu tun. Es gibt einen Punkt an der These des Premierministers, es handele sich bei den Buschbränden um eine Naturkatastrophe, der scheinbar unabweisbar ist: Busch- und Waldbrände wüten in Australien, seit es dort Büsche und Wälder gibt. Ihre ökologische Notwendigkeit kann man schon daran sehen, dass viele Pflanzen in dem sonnenausgesetzten und trockenen Land ihre Samen mit besonders harten Schalen gegen die Witterung schützen.

Viele Schalen solcher Samen können nur durch Feuer und Brände aufgebrochen werden. Das ist ein Phänomen, das Botaniker von Südafrika bis Mexiko aus sonnenexponierten und trockenen Gegenden kennen. Nur brechen solche Wildfeuer meistens lokal und zeitlich versetzt aus. Großbrände, die über Wochen ganze Landstriche verwüsten, wie es gerade geschieht, bilden sie nie. Für die Pflanzensamen wäre das auch nicht hilfreich, weil solche Feuer nicht nur die Schale aufbrechen – sie vernichten sie ganz.

Brände als Werkzeug

Die Aborigenes kannten diese Wirkungen des Feuers und setzten es schon immer für ihre Zwecke ein. Das heißt natürlich auch, dass Buschbrände in Australien immer ein Kulturwerkzeug waren, das eingesetzt wurde, um gewünschte Effekte bei Pflanzen und Tieren zu erzeugen. Die Wild- und Kulturfeuer blieben aber zeitlich und räumlich begrenzt, und selbst wenn sie großflächig ausuferten, ließen sie sogenannte vom Brand unberührte „Inseln“ zurück, in die Tiere und Menschen fliehen konnten. Und – um einen großen Unterschied zu den aktuellen Bränden zu betonen – sie begannen immer erst mit dem australischen Sommer im Dezember. Das sie jetzt schon zwei Monate vorher angefangen haben ist, genauso neu wie das Ausmaß der Brände, die sich zudem in dichtbesiedelten Regionen Australien ausbreiten und nicht im schon immer menschenleeren Outback.

Dafür lässt sich eine ganze Reihe von Gründen benennen. Neben den in Australien besonders wirksamen menschengemachten Klimawandel sind es weitreichende Veränderungen der Landschaft durch invasive, von den Europäern eingeschleppte Arten wie Kaninchen, echte Ratte und die Riesenkröte, die nicht nur den Boden untergraben und die Wiesen leer fressen, sondern auch die Artenvielfalt verringern. Was letztlich dazu führt, dass die Regeneration von Fauna und Flora auch nach normalen Bränden sich verzögert. Wenn Ökologen jetzt feststellen, dass es bis zu vierzig Jahre dauern kann, bis die Lebensräume sich vom jetzigen Feuer erholen, beziehen sie sich auf Erfahrungswerte aus vergangenen Feuerperioden, die nur bedingt zum Vergleich taugen. Denn die fortgesetzte Zersiedlung der Landschaft und die effektive Ausbeutung des Bodens durch die moderne Landwirtschaftstechnik sind in der Geschichte des australischen Ackers ohne Beispiel.

Die Erfahrung der Aborigines ernst nehmen

Eine Tatsache, die viele Biologen auch berücksichtigen, wenn sie sich jetzt zu den Folgen der Brände äußern. Denn solange die Feuer noch wüten, kann niemand sagen, wie viele Fluchtinseln überhaupt die Brände überstanden haben. Und damit kommt eine zweite Ungewissheit in den Blick. Nämlich die Unmöglichkeit, die australische Situation mit gut dokumentierten Großbränden der Geschichte wie den Feuern im amerikanischen Yellowstone-Nationalpark im Jahr 1988 zu vergleichen.

Koalas waren schon vor den Bränden im Niedergang.
Koalas waren schon vor den Bränden im Niedergang.
Anna Levan/Deposit

Die Brände damals, die als zahlreiche kleinere Einzelfeuer begannen und mit zunehmendem Wind und zunehmender Trockenheit in einem nicht mehr kontrollierbaren Großfeuer endeten, das große Teile des Parks vernichtete, erwiesen sich auf lange Sicht für den Nationalpark als Erneuerung von Fauna und Flora. Eine Folge, die aber auch damit zusammenhing, dass genügend Tiere und Pflanzen in vom Feuer unbehelligten Parkgebieten überleben konnten, die dann die sich regenerierenden Wiesen du Wälder mit enormen Tempo wiederbesiedelten.

Eine Aussicht, auf die in Australien bis jetzt nichts hinweist. Was man aber lernen kann, ist, dass man mit den Feuern wird leben müssen und dass es in Australien bereits Kulturen gibt, die Erfahrung mit dem vorausschauenden Umgang mit Feuer haben. Sie ernst zu nehmen, wird aber nur möglich sein, wenn man sich von dem engen Natur- und Kulturbegriff verabschiedet, den nicht nur der australische Premierminister vertritt.

Denn wenn die Brände, deren Ende noch nicht abzusehen ist, aufhören, werden die Wälder nicht mehr dieselben sein, der Boden wird weiter erodiert sein und die Steppenbildung voranschreiten. Und in Steppen entfaltet Asche, an sich ein fruchtbares Gut, kein neues Grün, sondern nur andauernde Ödnis.

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