Empfindliche Langstreckenflieger

Brandseeschwalben-Bruten drohen vielfältige Gefahren – von Füchsen über große Möwen bis hin zu Umweltgiften

Von Carl-Albrecht von Treuenfels. Fotos: Anne Preger

Anne Preger Ein Schwarm Brandseeschwalben fliegt dicht über dem Boden.

Ein Beitrag aus dem Umweltjournalismus-Projekt „Flugbegleiter – die Korrespondenten aus Natur und Vogelwelt

Die Brandseeschwalbe genießt seit jeher unter Naturschützern besondere Aufmerksamkeit – dafür gibt es gute Gründe: Da ist einmal die ausgefallene Lebensweise von Thalasseus sandvicensis. In jedem Frühjahr, zwischen März und Mai, erwarten die Vogelschützer mit Spannung, wie viele der Sandwich Terns, wie sie im Englischen heißen, aus ihren afrikanischen Winterquartieren an die wenigen traditionellen Nistplätze zurückkehren, und beobachten, ob sie irgendwo an der Nord- oder Ostseeküste vorübergehend neue Brutreviere begründen.

Seeschwalben sind die kleineren Verwandten der Möwen. Die Flussseeschwalbe ist mit bis zu 10.500 Brutpaaren in ganz Deutschland die häufigste Art, dann folgen die Küstenseeschwalbe (4000 bis 5000 Brutpaare), die Brandseeschwalbe (7500) und die Zwergseeschwalbe (600 bis 650). Der in Ahrensburg ansässige „Verein Jordsand zum Schutze der Seevögel und der Natur“ betreut in Norddeutschland 20 Naturschutzgebiete. Dort interessiert man sich für alle diese Arten, aber eben besonders für die Brandseeschwalbe.

Eine Brandseeschwalbe fliegt miteinem Fisch im Schnabel.
Eine Brandseeschwalbe schafft einen Fisch in ihr Nest.
Anne Preger

Die Vögel kommen immer in größerer Schar, denn nur in dicht gedrängter Gemeinschaft haben sie die Aussicht, erfolgreich ihre Jungen auszubrüten und aufzuziehen. Dabei zeigt sich die größte der vier Seeschwalbenarten besonders zu Beginn der Brut als besonders empfindlich und nervös. Schon bei geringsten Störungen gibt sie den Brutplatz wieder auf. So schnell sie sich in Meeresnähe auf einer Fläche mit wenig Vegetation niederlässt, ihre flachen Nestmulden im Abstand von nur wenigen Zentimetern zu anderen Paaren in den Sand dreht und in der Regel zwei gesprenkelte Eier hineinlegt – so schnell ist sie in einer weißen Federwolke auf Nimmerwiedersehen wieder verschwunden. Da reichen Störungen durch Menschen, durch Beutegreifer wie Füchse und Waschbären oder Angriffe von großen Möwen. Aber auch eine Überschwemmung kann den Brutversuch beenden. Nur wenn sie zeitig im Frühjahr umsiedeln, versuchen es die Brandseeschwalben an einem anderen Ort – oftmals weit entfernt – mit einem zweiten Gelege.

Die Vögel brüten gern in angestammte Kolonien

Es gibt an der Nordsee traditionelle Brutplätze der Vögel mit dem weiß und hellgrau gefärbten Gefieder, der zur Balz- und Brutzeit schwarzen Kopfhaube mit Schopf, dem in einer gelben Spitze auslaufenden spitzen dunklen Schnabel und den schwarzen Beinen und Füßen. Auf der Hallig Norderoog im nordfriesischen und auf der Insel Baltrum im ostfriesischen Wattenmeer sind die größten Kolonien. An beiden Orten wurden in diesem Jahr jeweils rund 2800 Brutpaare gezählt. Das sind etwa zehn Prozent weniger als 2014 (Norderoog: 3025, Baltrum: 3211 Paare). Ob sich die an insgesamt sechs Standorten angestiegene Gesamtzahl von 7589 Paaren aus dem vergangenen Jahr verringert hat, wird sich erst zeigen, wenn im Herbst alle Daten vorliegen, auch von der Ostseeküste mit zwei Brutplätzen, an denen 2014 allerdings nur noch 230 Paare nisteten. Die in Deutschland brütenden Brandseeschwalben machen mehr als zehn Prozent des gesamten atlantischen Bestandes von 55.000 bis 57.000 Brutpaaren aus. Das ist weniger als es scheint: Im 19. Jahrhundert soll allein auf Norderoog die unvorstellbare Zahl von 500.000 Paaren gebrütet haben.

Eine Brutkolonie von Brandseeschwalben und Lachmöwen.
Erfolg im Gewimmel: Nur in der Gesellschaft zahlreicher anderer Brutpaare haben die Brandseeschwalben Aussicht darauf, ihre Jungen auszubrüten und großzuziehen. Dabei nehmen sie auch die Gesellschaft von Lachmöwen an – wie hier auf der niederländischen Wattenmeerinsel Texel.
Anne Preger

Doch es kommt nicht nur auf die Menge der Vögel an, die Ende April und im Mai ein Nest anlegen. Mindestens genauso wichtig ist der Bruterfolg. Wenn 24 bis 26 Tage nach der Ablage der Eier die Jungen schlüpfen, folgen vier bis fünf kritische Wochen, bis sie flügge werden. Anfangs bewacht einer der Altvögel die Jungen rund um die Uhr, während der Partner aufs Meer hinausfliegt, um Nahrung zu suchen. Haben sie die Brandungszone überflogen, legen sie bisweilen 30 Kilometer zurück, bevor sie im Stoßtauchen eins ihrer Beutetiere mit dem Schnabel ergreifen: Sandaale, Heringe und Sprotten sind bevorzugte Opfer. Mit jeweils nur einem Fisch machen sie sich auf den Rückweg zur Kolonie. Mit ihren langen schmalen Flügel können sie elegant fliegen, mit akrobatischen Fähigkeiten wehren sie Möwen und andere Vögel ab, die ihnen die Beute streitig machen wollen. Besonders Lachmöwen, mit denen sie gern in enger Nachbarschaft brüten, weil diese ihnen die größeren Möwen als Eier- und Jungenräuber vom Leibe halten, rauben gern die Beutefische.

Auf der Jagd in der Brandungszone

Obwohl ihre wenigen Brutkolonien isoliert und in geschützten Gebieten liegen, lassen sich die Brandseeschwalben an der Nordseeküste immer wieder mal beobachten. Auf Nahrungssuche überfliegen die Vögel mit der Spannweite ihrer spitz auslaufenden Schwingen von bis zu einem Meter große Bereiche des Wattenmeers und suchen besonders gern die Brandungszone nach Beutetieren ab – daher auch ihr deutscher Name. Gelegentlich folgen sie, zusammen mit anderen Seeschwalben und Möwen, für eine Weile den Ausflugsschiffen und Krabbenfischerbooten.

Eine Brandseeschwalbe in der Luft.
Brandseeschwalben sind wahre Luftakrobaten. Bis zu ein Meter kann die Spannweiter der spitz zulaufenden Schwingen betragen.
Anne Preger

In einer Brutkolonie von Brandseeschwalben geht es immer wieder turbulent zu. Das beginnt mit der Balz, bei der sich Männchen und Weibchen mit hängenden Flügeln und gesträubten Kopffedern auf engem Raum trippelnd umkreisen. Unruhe entsteht auch durch die Abwehr von Möwen. Benachbarte Vögel geraten ebenfalls immer wieder aneinander.

Rätselhafte Flugrunden

Mit ihren rauhen und lauten „kerrek-kerrik“-Rufen sorgen sie dauernd für Lärm. Von Zeit zu Zeit erhebt sich die ganze Brutgesellschaft in die Luft, fliegt eine oder zwei Runden und landet wieder geschlossen bei ihren Gelegen oder Küken. Ob diese konzertierten Starts und Landungen mögliche Feinde irritieren sollen, das Gemeinschaftsgefühl stärken oder der Ausdruck ständiger Nervosität sind, ist bislang ungeklärt. Sind die anfangs tarnfarbenen Jungen aus dem Gröbsten heraus, werden sie immer hungriger. Sie bilden Kükengemeinschaften, die sich in der kargen Vegetation zu verstecken versuchen. Dann sind beide Altvögel von früh bis spät mit der Jagd auf Fische beschäftigt.

Nahrungsmangel durch Überfischung

Weil die See überfischt ist, also Nahrungsmangel herrscht, und weil die Beutetiere durch Umweltgifte der Küstengewässer belastet sind, kommt es immer wieder zu Ausfällen bei der Jungenaufzucht. Gelegentliches Hochwasser mit Überschwemmungen verursacht in fast jedem Jahr hohe Verluste bis zum totalen Ausfall einer ganzen Generation von Brandseeschwalben, die noch nicht flügge sind. Besonders gefährdet ist die Kolonie auf der Hallig Norderoog westlich von Hooge im Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer. In diesem Jahr, so sagt Christel Grave vom Verein Jordsand, hat es bisher nur einmal „Land unter“ und lediglich auf begrenzter Fläche am 8. Juli gegeben, dem ein kleiner Teil des Nachwuchses zum Opfer fiel.

Bis zum Zwischenzug nach Norden und Osten im Hochsommer und frühen Herbst werden die Jungvögel von ihren Eltern weiter versorgt. Auch auf der späteren Flugreise nach Süden, die manche Brandseeschwalbe über 10.000 Kilometer bis an den Indischen Ozean vor Südafrikas Küste führt, bleiben die Jungen im Gefolge der Altvögel. Im Alter von drei oder vier Jahren brüten sie zum ersten Mal. Beringungen haben gezeigt, dass manche Vögel zwischen den Teilpopulationen von Nordsee, Ostsee, Mittelmeer, Schwarzem und Kaspischem Meer hin und her ziehen – und so für weiträumigen Gen-Austausch sorgen.

Dieser Artikel stammt aus der vogeljournalistischen Schatzkiste von Carl-Albrecht von Treuenfels. Er ist zuerst 2015 erschienen, als der Verein Jordsand die Brandseeschwalbe zum „Seevogel des Jahres" ernannt hat.

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