„Wir wollen, dass Landwirte mit Naturschutz wirklich Geld verdienen können“

Nabu-Agrarexperte Sebastian Strumann verlangt eine neue Ausrichtung in der EU-Agrarpolitik

Interview von Joachim Budde

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Die Nachrichten vom Insektensterben haben viele Menschen aufgerüttelt. Auch diverse Landesregierungen und die Bundesregierung haben bereits Initiativen auf den Weg gebracht. Ein wichtiges – wenn auch nicht das einzige – Feld für den Arten- und Insektenschutz ist die Landwirtschaft. Deren Steuerungselement steht gerade in Brüssel zur Diskussion: die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) der Europäischen Union für die Jahre 2020 bis 2027.

Die EU-Kommission hat einen Vorschlag vorgelegt, wie die Agrarsubventionen künftig aussehen sollen. Kann er dazu beitragen, die Artenvielfalt der offenen Landschaft besser als bisher zu schützen? Am 16. Februar treffen sich Wissenschaftler und Umweltschützer auf Einladung des Naturschutzbundes Nabu in Münster zu einer Konferenz über das Insektensterben. Dort wollen die Organisatoren Maßnahmen erarbeiten, die ihrer Ansicht nach in der Gemeinsamen Agrarpolitik bislang zu kurz kommen.

Sebastian Strumann ist beim Nabu-Bundesverband Campaigner für Agrarpolitik und Landwirtschaft. Er beobachtet die Verhandlungen und leitet bei der Insektenkonferenz in Münster einen Workshop zu den Auswirkungen der Landwirtschaft auf den Insektenschwund.

Joachim Budde: Herr Strumann, was ist Ihr Ziel als Campaigner?

Sebastian Strumann: Etwa 50 Prozent der Fläche Deutschlands werden landwirtschaftlich bestellt. Deswegen müssen wir uns beim Natur- und Artenschutz darauf besonders konzentrieren. In Brüssel wird die Subventionspolitik gemacht, die ganz stark die deutsche, aber auch die europäische Landwirtschaft beeinflusst. Dazu haben wir eine Kampagne entwickelt, die unter anderem darauf abzielt, die Agrarpolitik der Europäischen Union naturverträglich zu reformieren.

Sebastian Strumann ist Campaigner für Agrarpolitik und Landwirtschaft beim Nabu Bundesverband.
Sebastian Strumann ist Campaigner für Agrarpolitik und Landwirtschaft beim Nabu Bundesverband.
Peter Kubath

Bei der Diskussion um die Agrarsubventionen der EU geht es immer um die sogenannten zwei Säulen. Die erste Säule enthält die Gelder, die vor allem nach Fläche ausgezahlt werden, also für jeden Hektar, den ein Landwirt bewirtschaftet. Die zweite Säule umfasst unter anderem die Mittel für Landschaftspflege im weitesten Sinne. Wo sehen Sie da ein Ungleichgewicht?

Das Ungleichgewicht ist sehr, sehr deutlich. Die Mittel aus der ersten Säule, die sogenannten Direktzahlungen, liegen in Deutschland bei knapp 300 Euro pro Hektar. Das Problem an diesen Direktzahlungen ist, dass sie einerseits den größten Teil der GAP-Fördergelder ausmachen, andererseits aber nur an ganz geringe Umweltauflagen geknüpft sind. So wird im Prinzip eine Intensivierung der Landwirtschaft gefördert. Man hat als Landwirtin oder als Landwirtin einen starken Anreiz, möglichst viel Ertrag aus seiner Fläche herauszuholen, weil es dafür immer das gleiche Geld gibt. Und gerade bei den niedrigen Preisen im Lebensmitteleinzelhandel ist dieser Anreiz besonders groß. Für extensives Grünland, das von Kühen beweidet wird, bekommt man dieselben Subventionen wie für einen intensiv bewirtschafteten Maisacker. Genau da liegt für uns das Problem.

Sie haben ja die niedrigen Preise genannt. Ein Grund, weswegen viele Landwirtschaftsvertreter sagen: „Die Landwirte können gar nicht anders.“

Natürlich sind die niedrigen Preise ein Problem. Auf der anderen Seite muss man aber auch sagen: Die Direktzahlungen machen einen wahnsinnig großen Teil des Einkommens der Landwirte aus. Und das ist Steuergeld, das nicht einfach vom Himmel fällt. Wir haben ausgerechnet, dass jeder EU-Bürger jedes Jahr 114 Euro dafür ausgibt. Wir sind der Überzeugung: Wenn die europäischen Bürger das bezahlen, dann haben sie auch ein Mitspracherecht, was mit diesem Geld passiert und was damit gefördert wird. Das Problem ist ja, dass Naturschutz und naturverträgliches Wirtschaften über die derzeitige Agrarpolitik leider sehr, sehr wenig gefördert wird.

Was sagen Sie den Landwirten, die fürchten, dass sie den Schwarzen Peter zugeschoben kriegen?

Ja, da würde ich natürlich meinen Nabu-Hut besser absetzen. Denn es kommt ja auch immer ein bisschen darauf an, wer die Botschaft überbringt. Die lautet aber ganz klar: Wir sind voll auf der Seite der Landwirte und setzen uns dafür ein, dass sie für naturverträgliches Wirtschaften belohnt werden. Das ist ja einer unserer ganz großen Kritikpunkte an der Gemeinsamen Agrarpolitik ebenso wie an den Vorschlägen zu ihrer Reform, die derzeit auf dem Tisch liegen: dass nach wie vor nur Fläche belohnt wird und nicht, wie darauf gewirtschaftet wird.

Viele Landwirte, die Naturschutzmaßnahmen umsetzen, tun das vor allem deshalb, weil sie selbst daran interessiert sind. Und nicht, weil es sich finanziell für sie lohnt. Was sie im Moment an Geld dafür bekommen, ist minimal und gleicht gerade mal den Ertragsausfall aus. Wir wollen aber, dass Landwirte mit Naturschutz wirklich Geld verdienen können. Und das muss einfach sein. Deswegen, denke ich, sind wir schon auf der Seite der Landwirte.

Auch die Feldlerche, die der Nabu zum „Vogel des Jahres 2019“ gekürt hat, würde davon profitieren, wenn mehr Felder wieder extensiver bewirtschaftet würden.
Auch die Feldlerche, die der Nabu zum „Vogel des Jahres 2019“ gekürt hat, würde davon profitieren, wenn mehr Felder wieder extensiver bewirtschaftet würden.
Peter Lindel/Nabu

Wie hängen aus Ihrer Sicht die Agrarpolitik und der Insektenschutz zusammen?

Unmittelbar natürlich. Durch die pauschalen Direktzahlungen besteht dieser Anreiz zur Intensivierung, und dadurch versuchen die Landwirte eben, alle Flächen zu nutzen, die sie haben. Früher gab es noch Brachflächen, die etwa über das Stilllegungsprogramm gefördert wurden, oder es wurde mal ein Randstreifen stehengelassen. Über die letzten Jahre bemerken wir aber, dass deutlich mehr von diesen aus ökonomischer Sicht unproduktiven Flächen verschwinden. Das bedeutet einen massiven Verlust von Lebensraum für Insekten, aber auch für Pflanzen, Vögel und kleine Säugetiere. Das ist das Problem: Der Lebensraum für die Agrar-Arten verschwindet.

Am Wochenende werden Sie in Münster einen Workshop zur Gemeinsamen Agrarpolitik und deren Auswirkungen auf den Insektenschutz halten. Worum wird es da gehen?

Wir werden kaum an einem Tag, geschweige denn in einem Workshop die Gemeinsame Agrarpolitik reformieren. Das hätten vor uns auch schon andere gemacht. Aber wir wollen mit Experten ebenso wie mit Praktikern überlegen, welche Maßnahmen zum Schutz von Insekten funktionieren. Dazu haben wir zum Beispiel Dr. Martin Sorg vom Entomologischen Verein Krefeld eingeladen, der an der mittlerweile berühmten Krefelder Studie zum Insektensterben mitgearbeitet hat. Außerdem Karl-Heinz Jelinek vom Fachausschuss Entomologie vom Nabu, Experte für das Monitoring von Schmetterlingen, und Heiko Schmied von der Stiftung Rheinische Kulturlandschaft. Beide haben lange Erfahrungen mit Projekten in der Landwirtschaft gesammelt, die zur Artenvielfalt von Insekten beitragen. Wir wollen uns anschauen: Was brauchen wir, um das Insektensterben aufzuhalten, welche Maßnahmen helfen, diese Vielfalt zu bewahren? In einem zweiten Schritt – und ich nehme an, dafür werden wir noch ein paar mehr Workshops brauchen – wollen wir untersuchen, wie sich die aus Expertensicht sinnvollen Maßnahmen in die Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik einbauen lassen, und welche Fördergelder man dafür bereitstellen muss.

Die Verhandlungen über die neue Gemeinsame Agrarpolitik laufen jetzt schon seit einem Dreivierteljahr. Sind Sie nicht ein bisschen spät dran?

Na ja. Es ist so, dass die EU-Kommission im Juni 2018 einen Vorschlag zur GAP-Reform gemacht hat. Der hat insgesamt zwar Potenzial, ist aber in vielen Belangen – gerade was Naturschutz angeht – noch viel zu schwach. Über diesen Vorschlag diskutieren seitdem das Europäische Parlament und der Agrarministerrat parallel. Wir sind jetzt in der ersten heißen Phase der Verhandlungen. Die EU-Parlamentarier im Umwelt- und im Landwirtschaftsausschuss beraten und schreiben Änderungsanträge. Der Umweltausschuss hat in diesen Tagen über erste Anträge abgestimmt, der Landwirtschaftsausschuss tut das Anfang März. Sicherlich wird die Europawahl am 26. Mai auch noch eine Rolle spielen. Im Moment ist noch unklar: Wird das neue Parlament nutzen, was bislang verhandelt worden ist? Von daher sind wir eigentlich ganz gut in der Zeit, um diese Verhandlungen zu begleiten und wichtige Impulse zu setzen.

Können Sie denn schon ein paar Punkte nennen, bei denen sie sagen: Da muss sich auf alle Fälle was ändern?

Auf jeden Fall an den angesprochenen Direktzahlungen. Diese müssen an bestimmte und höhere Umweltauflagen geknüpft werden, und es soll in der ersten Säule, in der sie enthalten sind, sogenannte eco schemes geben: Umweltprogramme, die dafür sorgen, dass das Geld nur beim Umsetzen von Programmen ausgezahlt wird, die der Umwelt effektiv nützen. Das wird sich definitiv ändern. Natürlich steckt der Teufel wie immer auch im Detail. Aber da sind wir dran. Allein der Umweltausschuss hat zu dem Vorschlag der EU-Kommission über 1500 Änderungsanträge geschrieben, der Agrarausschuss über 5000.

6500 Änderungsanträge – welche sind Ihrer Ansicht nach überhaupt sinnvoll?

Da gibt es eine Reihe sehr guter Punkte. Besonders zwei gefallen uns: Zum einen die Forderung, dass die Hälfte des Geldes, das in die EU-Agrarpolitik fließt – also sowohl in die erste wie in die zweite Säule – dezidiert für Umwelt- und Klimamaßnahmen verwendet werden muss. Die zweite Forderung lautet, verpflichtend sieben Prozent der Flächen als wirkliche ökologische Vorrangflächen einzurichten. Wir haben zwar schon in der derzeitigen GAP etwas, das sich so nennt, aber aus unserer Sicht diesen Namen nicht wirklich verdient hat. Auf den so bezeichneten Flächen durften Landwirte, unter anderem, bis zum 1. Januar 2018 noch Pestizide verwenden. Mit der Reform würden ökologische Vorrangflächen ihrem Namen wirklich gerecht – etwa als Brachen oder Stillegungsflächen. Darauf kann dann Lebensraum für Insekten, aber auch für andere Tiere der Agrarlandschaft entstehen - Lebensraum, den wir ganz, ganz dringend brauchen.

Heinrich Bottermann, Staatssekretär im NRW-Umweltministerium, sagte vergangenes Jahr zum Thema Insektensterben: „Es gibt noch Forschungsbedarf, aber wir wissen genug um zu wissen, dass wir jetzt schon loslegen müssen.“ Auf der anderen Seite ruft Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner vor allem nach mehr Forschung und kritisiert die Umweltorganisationen, die „Geld verdienen, indem sie Panik machen“. Wie groß ist der Konflikt, der da auf Sie zukommt?

Wir spüren diesen Konflikt natürlich auch, gerade wenn wir mit dem Landwirtschaftsministerium im Austausch stehen. Tatsächlich würde ich eher zur Position von Herrn Bottermann tendieren: Zwar wird es immer Forschungsbedarf geben, wie in jedem wissenschaftlichen Feld. Aber wir haben mittlerweile eine wirklich große und gute Datengrundlage, die zeigt, wie Landbewirtschaftung und Rückgang von Insekten zusammenhängen. Vielen kennen die Krefelder Studie aus dem Jahr 2017, aber es gibt noch deutlich mehr Untersuchungen, die die Rückgänge dokumentieren, sowohl aus Deutschland – etwa Rheinland-Pfalz, Bayern und Sachsen – als auch europaweit. Da wäre zum Beispiel der Grünland-Schmetterlings-Indikator zu nennen, der ja bereits seit 1990 geführt wird. Der Nabu Baden-Württemberg hat die Ergebnisse der wichtigsten Studien aus Deutschland und Europa in einer sehr guten Übersicht zusammengefasst. Und diese Übersicht zeigt, dass wir nicht nur Spezialisten unter den Insekten verlieren, die ganz bestimmte Lebensräume brauchen, sondern auch Generalisten, die in der sogenannten Normallandschaft zu finden sind.

Diese Entwicklung ist in Schutzgebieten ebenso zu beobachten wie auf breiter Fläche. Wer sich also jetzt noch hinstellt wie Agrarministerin Julia Klöckner und immer wieder sagt: „Wir wissen noch gar nicht eindeutig, ob Landbewirtschaftung und Insektensterben wirklich zusammenhängen“, der hat, würde ich mal sagen, neben dem berechtigten Anliegen nach mehr Forschung noch eine zweite Agenda: nämlich, wirkungsvolle Maßnahmen weiter hinauszuzögern, bis es zu spät ist. Wir wissen genug, um bereits jetzt etwas für die Insekten zu tun.

Wie beurteilen Sie die Aussichten, dass sich die Gemeinsame Agrarpolitik in Richtung mehr Artenschutz verändern lässt?

Noch ist verhandlungstechnisch bei der GAP alles offen. Die Vorschläge aus dem Parlament sind größtenteils gut, aber natürlich reden die nationalen Regierungen da auch noch ein Wörtchen mit. Von Bundeslandwirtschaftsministerin Klöckner kommt derzeit in Brüssel eigentlich überhaupt keine Initiative für echten Naturschutz im Rahmen der GAP-Reform, und das ist bitter. Aber es ist schön zu sehen, wie sich die Öffentlichkeit mit diesem doch etwas sperrigen Thema auseinandersetzt. Das trifft, glaube ich, gerade einen ziemlichen Nerv in großen Teilen der Bevölkerung. Die letzte GAP-Reform von 2013 ist ja relativ geräuschlos vorübergegangen, auch an den Medien. Jetzt aber ist vielen klar: Wenn wir nochmal sieben Jahre ein „Weiter so“ bekommen mit wenig Änderungen, dann ist wahrscheinlich bei der nächsten Reform nicht mehr viel Biodiversität da, die sich überhaupt noch schützen ließe. Von daher: Ich bin mir sicher, dass wir als Bürgerinnen und Bürger und auch als Zivilgesellschaft mit genügend Druck etwas erreichen können. Unser Gefühl ist: Der Wind dreht sich.

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