Gefährliche Ignoranz

Report zum Insektenschwund: Ein bundesweit und am besten global koordiniertes Monitoring ist nötig.

Von Christian Schwägerl

Christian Schwägerl

Weniger Insekten? Das klingt doch nach einer feinen Sache. Früher musste man nach jeder Autofahrt mit Schrubber und Schwamm die Windschutzscheibe säubern. Heute entfällt diese lästige Arbeit. Früher konnte man sich im Sommer der ganzen Krabbel- und Stechtiere nicht erwehren, sie raubten einem die Nachtruhe. Heute kann man vielerorts selbst im Sommer bei offenem Fenster schlafen. Und sind Insekten nicht ohnehin hauptsächlich Krankheitsüberträger, gefährden sie nicht die Ernten? Gibt es nicht immer noch zu viele von ihnen?

So denken nicht wenige Menschen, wenn sie nun vermehrt Schlagzeilen davon lesen, dass die Vielfalt aber vor allem auch die Zahl und Menge von Insekten stark zurückgeht. Doch auch wenn Stechmücken in der Tat mit Abstand das gefährlichste Tier weltweit sind, weil sie Krankheiten wie die Malaria und Erreger wie Zika übertragen, und auch wenn vielerorts Ernten dem Frassbefall zum Opfer fallen – Freude über einen allgemeinen Insektenrückgang ist unangebracht, ja gefährlich.

Insekten spielen in der Natur eine zentrale Rolle. Sie bestäuben Pflanzen – auch solche, die wir zur Nahrung brauchen. Sie zerlegen Kadaver und tote Bäume. Und sie dienen einer Vielzahl von größeren Lebewesen als Nahrung. Wenn nun die Mauersegler wieder über den Städten kreisen, wenn Grauschnäpper von Ästen aus kleine Flüge unternehmen und wenn Schwalben ihre Bahnen ziehen, dann tun sie das, weil sie auf Insektenjagd sind. Die Zeitschrift "Der Falke" präsentiert in ihrer aktuellen Mai-Ausgabe die Ergebnisse jahrzehntelanger Futteranalysen beim Mauersegler: In den 90 Tagen, die diese eleganten Segler in unseren Breiten verbringen, verzehrt eine einzige Familie fast 700.000 Insekten, um am Leben zu bleiben.

Doch die Insektenjagd wird immer schwieriger und aufwändiger. Es gibt fundierte Studien, die zeigen, dass Zahl und Vielfalt der Insekten in vielen Regionen stark am Schrumpfen sind. Zum Symbol dafür ist neuerdings Krefeld in Nordrhein-Westfalen geworden.

"Ein schleichender Niedergang"

Im Orbroicher Bruch nordwestlich der Stadt am Niederrhein haben Entomologen in den Jahren 1989 und 2013 jeweils dieselbe Untersuchungsmethode angewandt: Sie stellten in dem von Wald und Weiden geprägten, rund 100 Hektar großen Naturschutzgebiet weiß leuchtende Zelte auf. Malaise-Fallen heißen die Installationen. Sie sind benannt nach dem schwedischen Insektenkundler René Malaise. Dieser hat sie nicht etwa entwickelt, um lästige Mücken zu töten, sondern zu dem Zweck, einen wissenschaftlich fundierten Überblick über die fliegende Insekten-Fauna eines Gebiets zu bekommen.

Der Entomologische Verein Krefeld zählt zu den aktivsten des Landes. Hier wird schon seit 1905 praktiziert, was heute "Citizen Science", also Bürgerwissenschaft heißt. Anfang 2016 bekam die Arbeit der Forscher plötzlich überregionale Aufmerksamkeit. Im Umweltausschuss des Bundestags wurden die Ergebnisse des seit 1989 laufenden Monitoring-Projekts im Orbroicher Bruch und anderen Gebieten präsentiert. Die Daten, seit 18. Oktober 2017 im Wissenschaftsmagazin PlosOne publiziert, wirken auf viele alarmierend. Sammelten sich etwa 1989 zwischen Mai und Oktober in einer der Fallen noch 1,4 Kilogramm Insekten unterschiedlichster Arten an, waren es im selben Zeitraum im Jahr 2013 nur noch knapp 300 Gramm.

Bei den Entwicklungen im Orbroicher Bruch handelt sich um keinen Einzelfall. An 63 Standorten in Nordrhein-Westfalen hat der Verein ähnliche Untersuchungen gemacht. Während man Anfang der 1990er Jahre noch durchschnittlich knapp zehn Gramm Insektenbiomasse pro Tag aus jeder Untersuchungsfalle gesammelt habe, seien es 2015 durchschnittlich unter zwei Gramm gewesen, schreiben die Autoren der PlosOne-Studie. Für ganze Artengruppen inklusive Schmetterlinge, Bienen und Schwebfliegen bezeichnet Martin Sorg vom Entomologischen Verein die Rückgänge als "drastisch" und "deprimierend."

Die Krefelder Entomologen legen allerdings nur eine Regionalstudie vor und keine für ganz Deutschland oder ganz Europa repräsentative Untersuchung. Zu den Schwächen der Studie zählt sicherlich, dass an keinem der Standorte durchgängig über alle Jahre hinweg gemessen wurde, vielmehr haben die Autoren der Studie Daten von 96 "einmaligen Kombinationen aus Ort und Jahr" miteinander kombiniert. Sie weisen selbst darauf hin: "Unsere Daten stellen keine longitudinalen Messungen einzelner Orte dar, von denen man lokalspezifische Trends ableiten könnte." An 37 Stellen wurde nur einmal untersucht, an 20 Stellen in zwei Jahren, fünf Stellen in drei Jahren und an einer Stelle in vier Jahren. Das lässt zumindest die Möglichkeit offen, dass örtliche Effekte eine Rolle gespielt haben – was die Autoren aber verneinen. Die Forscher, zu denen neben den Krefelder Entomologen auch Mitarbeiter der University of Sussex und der Universität Nijmegen gehören, sehen den Negativtrend als so stark an, dass sie die Ergebnisse als "repräsentativ für Schutzgebiete in Westdeutschland" einstufen.

Auch andere Experten gehen davon aus, dass der Negativtrend flächendeckend ist. Jürgen Deckert, Kustos am Museum für Naturkunde in Berlin, warnt: "Da es ein schleichender Rückgang ist und bisher kaum Arten ausgestorben sind, wird der Schwund nicht so leicht bemerkt oder erst dann, wenn es zu spät ist." Für die 30.000 Insektenarten in unserer Region gebe es zudem nur wenige Spezialisten, und die meisten unternähmen die Erhebungen nebenberuflich. Diese würden selbst nur einen Bruchteil der Arten kennen.

Das Federgeistchen (Pterophorus pentadactyla) kommt recht häufig in Grasland, an Gebüschen und in Gärten vor.
Christian Schwägerl

Deckert nennt eine lange Liste von Ursachen für den Rückgang, der keinesfalls auf Nordrhein-Westfalen beschränkt sei, sondern ganz Deutschland betreffe: "Überdüngung, Monokulturen, Flächenverbrauch, Landnutzungswandel, Pestizideinsatz." Ein zusätzlicher Faktor seien Windenergierotoren, an denen massenhaft Insekten kleben blieben. "Eins kommt zum anderen", sagt Deckert.

Zumindest nimmt die Aufmerksamkeit für das Problem zu. In jüngster Zeit haben die Zeitschrift GEO und das anerkannte Wissenschaftsmagazin Science dem Insektenschwund große, exzellente Beiträge gewidmet. GEO-Autorin Anke Sparmann konzentrierte sich auf Pestizide als Ursache, vor allem auf die umstrittenen Neonicotinoide, und folgerte: "Systematisch unterschätzen Behörden die Risiken, die mit dem Einsatz von Pestiziden verbunden sind – und reagieren nur träge auf frühe Alarmsignale." In Science präsentierte die Wissenschaftskorrespondentin Gretchen Vogel nicht nur die Erkenntnisse der Krefelder Entomologen, sondern zahlreicher Wissenschaftler aus aller Welt. Alle weisen besorgt auf die Folgen hin, die ein weiterer Rückgang der Insektenbestände haben könnte. Vogel zitiert Dave Goulson von der University of Sussex, der den Krefeldern bei der Datenanalyse half, mit dem Satz: "Man hofft ja fast, dass das nicht repräsentativ ist, sondern dass es sich um irgendein merkwürdiges Artefakt handelt."

Bestandsrückgänge werden auch aus anderen Teilen der Welt gemeldet. Als der Ökologe Rodolfo Dirzo von der Universität Stanford 2014 bereits publizierte Studien in einem Beitrag für das Magazin Science auswertete, fand er ebenfalls einen eindeutigen Trend nach unten – wobei hauptsächlich Studien aus Europa und Nordamerika in die Analyse eingegangen sind. Dirzo hält es für möglich, dass die Populationsdichte von Insekten in den vergangenen vier Jahrzehnten um 45 Prozent zurückgegangen ist. Zu einem ähnlichen Ergebnis kam 2012 die Zoological Society of London. Bei einzelnen Arten, wie dem Monarch-Schmetterling, ist der Rückgang gut dokumentiert. Kanadische Wissenschaftler warnten 2010 in einer Studie, dass die Effekte für Vögel, die von Insekten als Nahrung abhängig sind, bereits spürbar seien. Allerdings konnte die einzige der Krefelder Studie vergleichbare Langzeitanalyse, die zwischen 1973 und 2002 in Großbritannien stattfand, nur in einem von vier Untersuchungsgebieten einen Rückgang feststellen.

Selbst im Naturschutzgebiet gibt es weniger Tagfalter

Die Krefelder Forscher und ihre akademischen Partner halten sich für ihre eigenen Daten mit Ursachenzuschreibungen zurück: Den Effekt von Klimawandel und allgemeinen Umweltveränderungen halten sie ihren mutivariaten Analysen zufolge für klein, am plausibelsten erscheinen ihnen negative Wirkungen von den Agrarflächen in der Nähe der untersuchten Schutzgebiete. Eine Beweisführung ist nicht Teil des Papiers, es bleibt bei Vermutungen, was die Ursachen sein könnten, weshalb die Studie mit einem Appell für mehr Forschung endet.

Es ist offenkundig, dass viele Landschaftsveränderungen der letzten Jahre direkt die Lebensbedingungen von vielen Insektenarten verschlechtern. Ganze Landstriche in Europa, in den USA und anderswo sind landwirtschaflich so intensiv genutzt, dass die Vielfalt von Tieren und Pflanzen massiv darunter leidet. Der Anbau von Energiepflanzen hat die Lage noch zusätzlich verschärft. Jahr für Jahr werden riesige Mengen Pestizide ausgebracht. Zudem fehlt es in den deutschen Monokulturen an natürlichen Refugien wie Hecken und Tümpeln, in denen sich Insektenbestände vermehren könnten. Der Versuch, die EU-Landwirtschaftspolitik ökologisch auszurichten, ist bislang gescheitert - am Widerstand auch der deutschen Agrarlobby. Zwar müssen "ökologische Vorrangflächen" ausgewiesen werden – dazu dürfen aber auch die Wendeschleifen von Traktoren gezählt werden.

Wie stark die Landschaft verarmt, haben 2016 auch Wissenschaftler der TU München und des zum Senckenberg-Museum gehörenden Deutschen Entomologischen Instituts beispielhaft ermittelt. Für drei insgesamt 45 Hektar große Magerrasen-Areale in der Nähe von Regensburg haben sie anhand von historischen Aufzeichnungen, Museumssammlungen und aktuellen Erhebungen rekonstruiert, dass dort im Zeitraum von 1840 bis 1880 im Durchschnitt rund 117 Tagfalterarten vorkamen. Im Jahr 2013 waren es nur noch 71. „Unsere Studie zeigt, dass in den letzten 200 Jahren die Anzahl von Tagfalterarten dramatisch abgenommen hat“, sagt Thomas Schmitt, Leiter des zum Senckenberg-Museum gehörenden Deutschen Entomologischen Instituts in Müncheberg. Er zeigt sich entsetzt, dass der Rückgang auch in einem offiziellen Naturschutzgebiet so ausgeprägt ist.


Ein Federgeistchen, eine Mottenart, in einer Detailaufnahme
Weltweit haben Wissenschaftler mehr als eine Million Insektenarten beschrieben, viele sind aber noch unbekannt.
Christian Schwägerl

Stark geschrumpft sind zum Beispiel die Populationen der Berghexe (Chazara briseis), eines auf Trockenrasen spezialisierten Falters. Besonders in den letzten 30 Jahren seien die Aussterberaten besorgniserregend, sagt Schmitt. Zu den Gründen zählen die Forscher die Intensivierung der Flächennutzung und Fragmentierung der Landschaft, aber auch globale Faktoren wie die zunehmende Stickstoffbelastung, die zum Verschwinden artenreicher Blumenwiesen beiträgt.

Die Folgen der Verarmung sind weitreichend: Viele Blütenpflanzen befinden sich in Symbiosen mit speziellen Insekten für die Bestäubung. Fehlen die Bestäuber, leidet die Reproduktion darunter. Für viele Vogelarten wie etwa Braunkehlchen, Grauschnäpper, Mauersegler oder Dorngrasmücke, bei denen Insekten die Hauptnahrung bilden, geht es ums Überleben. Was abstrakt "Lebensraumverlust" heißt, bedeutet konkret, dass es nicht mehr genug Nahrung gibt, um den Nachwuchs durchzufüttern. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass bestimmte Insekten andere Organismen in Schach halten, die aus menschlicher Sicht unerwünscht sind. Das Bundesamt für Naturschutz nennt Beispiele: So gibt es etwa in der exotisch klingenden Gruppe der Langbein-, Tanz und Rennraubfliegen Arten, die für Landwirte bedeutende Helfer sein könnten – als Gegenspieler von Borkenkäfern und anderen schädlichen Insektengruppen. Könnten. Denn viele dieser Arten gelten als akut gefährdet.

Doch jahrelang galt der Insektenschwund als unwichtiges, als randständiges Thema. "Wir haben bereits Ende der 1990er dem Bundesumweltministerium vorgeschlagen, ein flächendeckendes Insektenmonitoring einzuführen", erinnert sich ein Mitarbeiter des dem Ministerium unterstellten Bundesamts für Naturschutz. Die Reaktion auf das Konzept für ein umfassendes Erhebungsprogramm sei gewesen: "Sie haben uns einen Omnibus vor die Tür gestellt, den wir nicht bestellt haben." Sprich: Monitoring unerwünscht. Dass nun eine Regionalstudie mit 96 eindeutigen Messpunkten als Beweis für ein Phänomen gelten muss, das Ökologen und Umweltschützer aufgrund von Tausenden unkoordinierten Einzeleindrücken diagnostizieren, spricht Bände über den skandalösen Zustand der Biodiversitätsforschung und des ökologischen Monitorings in Deutschland, Europa und weltweit. Während allein für einen einzelnen Hauskredit bei einer Bank künftig bis zu Hundert Datenpunkte an die Europäische Zentralbank gemeldet werden müssen, ist der Politik bisher die Zukunft der Insektenwelt – und damit das Wohl auch von Vögeln und vielen anderen Tieren – vergleichsweise gleichgültig.

Angesichts der Bedeutung, die Insekten in der Biosphäre und für die Landwirtschaft haben, sollte man meinen, es gäbe inzwischen ein umfassendes Monitoring sogar weltweit, finanziert von der internationalen Staatengemeinschaft, organisiert von einem globalen Forscherverbund mit dem Ziel, über Jahrzehnte Daten zu sammeln und die Entwicklungen genauer zu versehen. Dem ist aber nicht so – auch nicht im straff durchorganisierten Deutschland. Wissenschaftler des Thuenen-Instituts, das im Auftrag der Bundesregierung an Agrarfragen forscht, wiesen auf diesen Mißstand bereits im Sommer 2016 hin:

"Deutschland verfügt derzeit über keine national umfassende Datengrundlage zum Zustand und zur Entwicklung der Biodiversität in Agrarlandschaften."

(Jens Dauber, Sebastian Klimek, Thomas Schmidt; Thuenen Working Paper 58)

Obwohl eindeutig erkennbar sei, dass die Biodiversität der Agrarlandschaften in Deutschland einem deutlichen und anhaltenden Rückgang unterliege, verfügten "wir aber über keine umfassende und solide Datenlage zum Zustand und zur Entwicklung der Biodiversität, die auf einem langzeitigen und standardisierten Monitoring in den deutschen Agrarlandschaften beruhen würde", heißt es in dem Artikel. Eine wissenschaftlich belastbare Bestandsaufnahme und eine differenzierte Bewertung der Trends sowie der Ursachen für die Trendentwicklungen für Agrarräume seien deshalb derzeit nur sehr eingeschränkt möglich.

Das Bundeslandwirtschaftsministerium verweist zwar auf Programme wie das Deutsche Bienen-Monitoring, das Stechmücken-Monitoring und den "High-Nature-Value-Index" für die Agrarlandschaft. Doch das ist Flickwerk. Eine systematische Langzeit-Bestandsaufnahme aller Insektenarten und ihrer Populationsgrößen existiert nicht.

Während viele Menschen fasziniert sind, wenn Biologen in tropischen Regenwäldern nach neuen Arten suchen, werden die Artenkunde und das biologische Monitoring in Deutschland vernachlässigt. Bisher existieren nur regional begrenzte Programme oder solche, die sich lediglich einzelnen Arten oder Artengruppen widmen. Im Rahmen der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie werden derzeit die Bestände von nur 37 Insektenspezies systematisch untersucht, also 0,12 Prozent aller in Deutschland vorkommenden Arten. Umfassender sind die allgemeinen Bewertungen für die Roten Listen, die ergeben, dass von 5600 untersuchten Arten rund 2500 bestandsgefährdet, extrem selten oder bereits ausgestorben sind. Hinzu kommen zahlreiche Einzeluntersuchungen, etwa in Nationalparken wie dem Kellerwald, wo Forstschädlinge wie der Borkenkäfer beobachtet werden. Oder wie das vom Leipziger Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung koordinierte "Tagfalter-Monitoring", an dem sich seit 2005 bundesweit Tausende freiwillige Helfer beteiligen. Aber die Studien fügen sich zu keinem Ganzen, keinem Überblick. Über solche Beobachtungen hinaus gibt es dem Bundesamt für Naturschutz zufolge "kein bundesweites Monitoring von Insekten oder Insektengruppen".


Ein weißes Insekt
Arten, die heute häufig sind, können schon bald selten sein – gutes Langzeitmonitoring ist essentiell.
Christian Schwägerl

Natürlich ist jedes einzelne dieser Programme für sich sinnvoll. Das Problem ist aber, dass so keine statistisch belastbaren, umfassend vergleichbaren und langfristig nutzbaren Daten für das ganze Bundesgebiet zustande kommen. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft bemüht sich zwar seit einiger Zeit, mit Biodiversitäts-Exploratorien die ökologische Forschung zu stärken. National abgestimmte, methodisch identische Monitoring-Programme gehören aber noch nicht dazu. Hier hat nicht nur die Forschungs- und Umweltpolitik, sondern auch die Wissenschaft selbst bisher kläglich versagt. Zwar ist die Krankheit der Biodiversitätsforschung allgemein bekannt: dass jeder Wissenschaftler seine eigene Methodik anwendet und es kein einheitliches System gibt, in das Daten zur statistischen Auswertung eingepflegt werden. Aber eine Heilung dieser Krankheit ist bislang nicht in Sicht, trotz mannigfaltiger Versuche. Der Schaden ist groß: Nichtwissen in einer existentiellen Frage und jede Menge Projekte, deren Datenschätze verloren gehen.

Sind uns weitere Erkenntnisse zum Insektenschwund zwei Millionen Euro wert?

Wenn Forscher suchen, gibt es erstaunliche Überraschungen: So gab das Forschungsmuseum Alexander König in Bonn im April 2016 bekannt, man habe in einer Malaise-Falle im eigenen Park eine unbekannte Spezies von Trauermücken entdeckt, die den Namen Ctenosciara alexanderkoenigi bekommen habe. Die automatisierte Falle, in die das Tier geriet, gehört zum ehrgeizigen Programm einer genetischen „Nationalbibliothek“ aller Tiere, Pflanzen und Pilze in Deutschland. Museumschef Wolfgang Wägele fordert nun, automatisierte Malaise-Fallen deutschlandweit aufzustellen. So solle ein Messnetz in der Art von „Wetterstationen“ zur Erfassung der Biodiversität entstehen. "Wetterstationen gibt es im ganzen Land, wir wollen sie durch ein System von Artenvielfalts-Stationen ergänzen", sagt der Wissenschaftler. Er will in die Anlagen Hightech-Verfahren einbauen. So könnten gefangene Insekten durch genetisches Fingerprinting oder eine Bildanalyse mit künstlicher Intelligenz identifiziert werden. Möglich soll auch sein, die charakteristischen Geräusche etwa von Heuschrecken zur Artbestimmung heranzuziehen.

Die Forscher vom Thuenen-Institut haben in eine ähnliche Richtung gedacht. In ihrem Arbeitspapier schlagen sie die Schaffung eines flächendeckenden Monitoringsystems für die Artenvielfalt in der Agrarlandschaft vor. Sogar die Kosten haben sie schon berechnet: Bei 1000 Stichproben im ganzen Land würden sie sich auf jährlich zwei Millionen Euro belaufen, sagt Jens Dauber vom Thünen-Institut.

Dauber begrüßt der Veröffentlichung der Krefelder Forscher in einer wissenschaftlichen Publikation: "Nach einer ersten Durchsicht halte ich den Bogen von den Daten zu den Aussagen für plausibel, insbesondere da die Aussagen mit der nötigen Vorsicht, angesichts der klar benannten Schwächen des Datensatzes, getroffen wurden", schreibt er in einer ersten Einschätzung. Es sei gut, dass solche Daten vorhanden seien und Statistikern zur Auswertung weitergegeben worden seien. Aber: "Der Datensatz kann ein langfristiges, standardisiertes Monitoring nicht wirklich ersetzen."

Als 2008 deutsche Banken strauchelten, wurden in Windeseile Milliardenbeträge locker gemacht. Wenn dagegen mit den Insektenbeständen eine Grundlage des ökologischen Systems in Gefahr ist, stehen keine zwei Millionen Euro bereit. Es ist erstaunlich, dass die deutsche Wissenschafts-Community, die in den vergangenen Jahren mit erheblichen Budgetsteigerungen bedacht wurde, noch nicht selbst auf die Idee gekommen ist, ein bundesweites oder vielleicht sogar europäisches Messnetz anzulegen. Besser noch wäre ein global abgestimmtes Programm, um Daten zu gewinnen, die statistisch vergleichbar und langfristig verwertbar sind. Das wäre eine Aufgabe für die Vereinten Nationen, die ja mit der in Bonn beheimateten Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services (IPBES) über ein geeignetes Instrument verfügen würden, so ein Forschungsprojekt zu koordinieren.

"Obwohl die Verluste der Artenvielfalt innerhalb der Tagfalter auch in den letzten Dekaden deutlich sind, können nur Langzeitbeobachtungen das ganze Ausmaß der Katastrophe zeigen", sagt Senckenberg-Entomologe Thomas Schmitt. Insekten-Kustos Jürgen Deckert vom Berliner Museum für Naturkunde fordert noch mehr: Der jetzige Kenntnisstand über die Bedrohung sei schon groß genug, um angemessen zu reagieren und zugunsten größerer Vielfalt in der Landschaft zu handeln, vor allem in der Agrarpolitik. Entscheidend sei dafür, dass Biodiversität von der Politik nicht länger als zweit- oder drittrangig angesehen werde. Wenn sich an der geringen Wertschätzung grundsätzlich nichts ändere, "würden auch weitere Untersuchungen nichts helfen", sagt Deckert.

Zweifelnde Stimme aus der Schweiz

Allerdings gibt es auch andere Stimmen als jene, die aus Krefeld kommend nun in aller Welt Aufmerksamkeit finden. Ladislaus Reser vom Natur-Museum Luzern betreibt seit Jahrzehnten entomologische Feldforschung. Sein Spezialgebiet sind Nachtfalter und wandernde Insekten. Er ist regelmäßig zu den Zeiten, wenn mitteleuropäische Falter gen Süden streben oder von dort zurückkommen, mit Fallen auf Bergpässen zu finden, wo er anschließend die Arten auszählt. Reser hat keinen Zweifel, dass die Artenvielfalt der Insekten in den letzten 50 Jahren "örtlich sicher stark abgenommen" hat – durch intensive Landwirtschaft, Bebauung, Lichtquellen und Pestizide zum Beispiel. Er wendet aber ein: "Diese Wirkungen sind immer lokal, wenn auch manchmal relativ grossflächig." Er persönlich wisse von keiner einzigen Schmetterlingsart, die in der Schweiz fest heimisch gewesen sei und heute nirgendwo mehr gefunden werden könne.

Es fehlten exakte quantitative Forschungsergebnisse, mahnt der Forscher, und so bleibe oft "nur die gefühlsmässige Feststellung der Situation: 'Ich erinnere mich, in meiner Jugendzeit gab es viel mehr Schmetterlinge!'“. Reser hat selbst zwischen 1977 und 1986, also weit vor dem Untersuchungszeitraum der Krefelder Entomologen, an einem einzigen Ort im Berner Seeland eine Langzeitstudie durchgeführt: Er sammelte kontinuierlich – nach eigenen Angaben jede Nacht – mit einer Lichtfalle Nachtfalter, konnte aber keinen klaren Abwärtstrend ermitteln. Ähnlich erging es ihm bei seinen Untersuchungen an Wanderfaltern: " Ihre jährlichen Arten- und Individuenzahlen schwanken sehr stark, und die Gründe sind für uns nicht einmal zu erahnen." Reser hält es für falsch, "wenn man verallgemeinert über generelle Abnahme der Insekten-Artenvielfalt spricht", aber er sieht erheblichen Forschungsbedarf.

Allerdings ist seine eigene Wirkstätte als Forscher, das Natur-Museum Luzern, symbolisch dafür, wie mit der Zunft der Freilandbiologen verfahren wird: Die Institution soll zum 1. Januar 2018 geschlossen werden – aus "Geldmangel", ein für die Schweiz nun wirklich pikanter Grund. In Deutschland besteht nun allerdings mit den Verhandlungen über die Politik der neuen Bundesregierung eine Chance, grundlegend etwas zu ändern. Es könnte der Anspruch der nächsten Minister für Umwelt und Forschung sein, angestoßen von den Krefelder Daten das Biodiversitäts- und speziell das Insektenmonitoring in Deutschland und Europa auf festen Boden zu stellen und mit einer langfristigen Finanzierungszusage Sicherheit für die beteiligten Forscher und Institutionen zu schaffen. Zur Tragik ökologischer Feldforschung gehört bisher, dass Mittel nur für wenige Jahre zugesagt werden, nach deren Ablauf dann Forscher wieder weg sind und Daten auf Festplatten gammeln statt in eine große Vergleichs-Infrastruktur einzugehen. In wissenschaftspolitischer Hinsicht kommt die Krefelder Untersuchung also zur rechten Zeit heraus.

Schaden, der auch uns selbst trifft

Die Ignoranz gegenüber der Insektenwelt könnte uns Menschen teuer zu stehen kommen: Wenn Bestäuber ausfallen nehmen nicht nur natürliche Blumenwiesen Schaden, sondern auch Bauern. Schädliche Insekten können sich vermehren, weil ihre Fraßfeinde fehlen. Und vielen Wirbeltieren, darunter auch den insektenfressenden Vögeln, fehlt die Nahrung. Wenn in diesen Tagen Insektenfresser wie Gartenrotschwanz, Mönchsgrasmücke und Fitis ganz besonders schön singen, dann ist das nicht selbstverständlich. Verknappt sich die Nahrung, können ohnehin gestreßte Bestände zusätzlich schrumpfen. Eigentlich sollte man meinen, dass der Klimawandel mit seinen wärmeren Temperaturen die Insektenbestände wachsen ließe. Doch die Gegenkräfte – vor allem aus der industrialisierten Landwirtschaft – sind groß.

Bislang haben die Interessenvertreter dieser Landwirtschaft wenig Problembewußtsein gezeigt: Von der Tageszeitung taz zum Rückgang der Vogelbestände befragt, nannte der Umweltreferent des Deutschen Bauernverbands, Steffen Pingen, allerlei Gründe – von streunenden Katzen bis zum Straßenbau – nicht aber Pestizide. Hier bestehe "noch viel Forschungs- und Monitoringbedarf". Immerhin sprach sich der Verbandsvertreter dafür aus, das Umweltengagement von Landwirten besser zu entlohnen. Nach der Veröffentlichung der Krefelder Daten plädierte Joachim Rukwied, Präsident des Deutschen Bauernverbandes (DBV), für ein langfristig angelegtes Monitoring: „Wir Landwirte haben großes Interesse an der Erhaltung der Vielfalt von Insekten und Vögeln, da wir mit der Natur arbeiten und dies die Grundlage unserer Existenz ist. Die heute vorgestellte Studie über die Entwicklung der Insekten in Deutschland bestätigt und betont ausdrücklich, dass es noch dringenden Forschungsbedarf zum Umfang und den Ursachen des dargestellten Insektenrückgangs gibt. Wir brauchen ein repräsentatives Monitoring, um belastbare Datenreihen zu bekommen."

Die Wissenschaftsjournalistin Gretchen Vogel zitiert in ihrem Beitrag in Science den Entomologen Martin Sorg mit einer dramatischen Warnung: "Es wäre Unsinn zu denken, dass wir alle Insekten ausrotten werden. Denn Wirbeltiere würden zuerst aussterben. Aber wir können der Artenvielfalt massiven Schaden zufügen – Schaden, der auch uns selbst trifft.”

Einfach zuwarten, bis die Ergebnisse eines neu beginnenden zehnjährigen Deutschlandmonitorings vorliegen, dürfen Wissenschaft und Politik natürlich nicht. Jetzt gilt es, mit sehr vorläufigen Wissen bei Pestiziden, Landnutzung, Naturschutz und vielen anderen Faktoren, die auf Insektenbestände Einfluß nehmen, die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Anmerkung: Dieser zuerst im Frühjahr 2017 veröffentlichte Beitrag wurde aufgrund der Veröffentlichung der Krefelder Daten in wissenschaftlicher Form am 18.10.2017 präzisiert, aktualisiert und erweitert. Er wird fortlaufend um aktuelle Entwicklungen und Stellungnahmen ergänzt. Der Artikel ist nun Teil des Startangebots von "Die Flugbegleiter – Ihre Korrespondenten aus der Vogelwelt". Mit unseren Artikeln wollen wir Ihnen zeigen, was Sie journalistisch und thematisch erwartet, wenn bald unser Abonnement beginnt. Ab dann bekommen Sie alle Flugbegleiter-Artikel für 3,99 Euro/Monat oder im Einzelkauf. Näheres über uns erfahren Sie hier. Email: abo@flugbegleiter.org