Insektenschwundleugner gegen Untergangspropheten

Kritik einer polarisierten Debatte. Von Christian Schwägerl

Seit Donald Trump vor einem Jahr US-Präsident geworden ist, haben wir uns fast schon daran gewöhnt: Was einmal in großen Tönen "post-faktisches Zeitalter" genannt wurde, ist Alltag geworden. Die USA mögen aus dem Geist der Aufklärung entstanden sein, regiert werden sie aber von einem Mann, dem keine Lüge zu billig und keine falsche Behauptung zu peinlich ist – solange sie der Durchsetzung seiner Interessen dienen.

Der Aufstieg Trumps war von Veränderungen im öffentlichen Diskurs begleitet, die mit dem Begriff "post-faktisch" bezeichnet wurden. Post-faktisch, das soll heißen, dass wissenschaftliche Evidenz nicht mehr allgemein anerkannt wird, dass Anekdoten, Stimmungen und Interessen dominieren und eben alles so hingebogen wird, bis es das eigene Weltbild bestätigt. Zum Post-Faktischen gehört auch eine grundsätzliche Feindseligkeit gegenüber dem ergebnisoffenen, empirischen Forschungsprozess und gegenüber dem Expertenwissen, das er hervorbringt. Die Weigerung Trumps, die Erkenntnisse der Klimaforschung ernst zu nehmen, sind das krasseste Beispiel dafür.

Post-faktisch ist ein zurecht umstrittener Begriff. Ob es mal ein Goldenes Zeitalter des Faktischen gegeben hat und ob das Wort nun wirklich präzise ist, sei dahingestellt. Einen Nerv getroffen hat das "Wort des Jahres 2016" aber durchaus. Womit wir bei der Krefelder Insektenstudie wären, die in den vergangenen Wochen die deutsche und internationale Öffentlichkeit beschäftigt hat. Einerseits ist es erfreulich, dass die Arbeit von Mitarbeitern des Entomologischen Vereins Krefeld sowie von Wissenschaftlern der Radboud-Universität im niederländischen Nijmegen und der Universität von Sussex so viel öffentliches Interesse erzeugt hat. Insekten auf der Titelseite der ZEIT und als Gegenstand intensiver Debatten in sozialen Medien – endlich, denn die breite Öffentlichkeit beschäftigt sich viel zu wenig mit ihren Lebensgrundlagen.

Doch zugleich hat die Debatte gezeigt, dass Trump und seine Sympathisanten keineswegs die einzigen sind, die sich "post-faktisch" verhalten. Das ist die unerfreuliche, ja die hässliche Seite der aktuellen Insektendebatte, die schnell sichtbar wurde, nachdem am Abend des 18. Oktober das wissenschaftliche Online-Journal Plos One die Studie mit dem Titel "Mehr als 75 Prozent Rückgang der Biomasse von Fluginsekten in 27 Jahren in Schutzgebieten" veröffentlichte.

Der kleine weiße Fleck in dem Bild ist eine Insektenfalle. Solche Fallen haben Mitarbeiter des Krefelder Entomologischen Vereins in den vergangenen Jahren regelmäßig aufgestellt – an insgesamt 63 Standorten, mehrheitlich in Nordrhein-Westfalen, aber auch in Rheinland-Pfalz und Brandenburg. Mit ihrer Hilfe bestimmten die Entomologen die Biomasse der fliegenden Insekten. Im Zeitraum 1989 bis 2016 stellten sie dabei einen Rückgang von durchschnittlich 76 Prozent fest.

Die erste "post-faktische" Stellungnahme ließ nicht lange auf sich warten.

Albert Deß, ein Landwirtschaftsmeister und Agrarunternehmer, der seit 2004 die CSU im Europäischen Parlament vertritt, (wo er Mitglied im Ausschuss für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung ist, stellvertretendes Mitglied im Ausschuss für Umweltfragen, öffentliche Gesundheit und Lebensmittelsicherheit sowie agrarpolitischer Sprecher der EVP-Fraktion), meinte wohl, besonders gewitzt rüberzukommen, als er auf Facebook ein Bild seines Nummernschilds veröffentlichte.

Zwei Aussagen hat Deß' Facebook-Post: Es gibt immer noch viel mehr Insekten, als alle meinen, siehe mein Nummernschild. Und weil ich sie getötet habe und nicht ein Pestizid, hat die ganze Sache nichts mit "unserer Landwirtschaft" zu tun. Keine sehr logische Beweisführung – eher genau das, was Trump charakterisiert: Mit eigennützigen Anekdoten Stimmung zu machen. Deß mag sich sonst ernsthafter mit der Materie auseinandersetzen. Doch er kam mit seinem Facebook-Post ziemlich nahe an die Aktion von James Inhofe heran, einem der führenden Klimawandelleugner in den Reihen der US-amerikanischen Republikaner, der 2015 einen Schneeball mit in den Kongreß brachte – als Beweis, dass Klimaforscher im Unrecht seien.

Das war aber noch eine der harmloseren Attacken aus der Agrarszene gegen die Krefelder Studie. Ein ganz anderes Kaliber setzte "top agrar" ein.

Mit einer verkauften Auflage von 100.000 Exemplaren ist "top agrar" durchaus eine einflußreiche Stimme in der deutschen Landwirtschaft. Das Magazin war aber schon früher mit ungenauen Darstellungen der Problematik aufgefallen. So verwechselte im Juli 2017 ein Autor des Magazins die Untersuchungen der Krefelder Entomologen mit Recherchen einer Journalistin des Magazins "Science" zum Thema – und stellte die Sache so dar, als ob die Journalistin die Daten selbst erhoben hätte. Derselbe Autor präsentierte nun den getweeten Artikel – allerdings findet sich das Zitat "NABU erfindet Insektensterben und schuld ist die Landwirtschaft" trotz Anführungszeichen im Text gar nicht wieder. Die für den Artikel befragten Vertreter der Landwirtschaftsverbände äußern sich viel moderater.

Der Vorwurf, der NABU habe das Insektensterben erfunden, ist absurd. Die Krefelder Zahlen waren seit Januar 2016 informell im Umlauf und wurden vom NABU zum Beispiel bei einer Anhörung des Umwelt-Ausschusses des Bundestags im Januar 2016 präsentiert. Die Kritik gerade aus der Agrarszene bestand immer darin, dass diese Daten nicht wissenschaftlich validiert seien. Nun, da sie es sind, ist von "Erfindung" die Rede, obwohl Wissenschaftler zweier Universitäten die Auswertung mit Analysetechniken vollzogen haben, die nach dem Urteil von Experten, die das Science Media Center befragt hat, durchaus gängig sind.

Noch krasser verhielt sich ein anderer Top-Agrar-Autor: Für eine Kritik der Krefelder Studie, als deren Erstautor Caspar Hallmann genannt wird, zog er als Quelle eine Webseite namens "Science Files" heran, die sich erkennbar am rechten Rand des politischen Spektrums bewegt, Verschwörungstheorien verbreitet und mit Wissenschaft nichts, aber auch gar nichts zu tun hat. Deren Behauptung, der Rückgang betrage statt 76 Prozent viel geringere 22 Prozent, wenn man die Messreihen nur bis 2014 statt bis 2016 vergleiche, verbreitete Top Agrar völlig unkritisch.

Von uns befragt, wie diese Zahl denn zustande käme, wandte sich der "top-agrar"-Autor an "Science Files" – und bekam statt einer Beweisführung das Angebot eines kostenpflichtigen Gutachtens. Doch statt den Unsinn aus dem Netz zu nehmen, konnte sich "top agrar" nur zu einer Ergänzung durchringen: "Science Files behauptet, dass der Rückgang nur 22 % betragen haben soll. Eine Überprüfung der Passagen in der Hallmann-Studie lässt diesen Schluss aber wohl nicht zu." Oberflächliche Leser sehen jedoch weiterhin die irreführende Überschrift – sollen sie das, damit sich der Eindruck festsetzt, die Studie sei irrführend?

Es kann nicht sein, was nicht sein darf – so lassen sich leider viele Reaktionen zusammenfassen. Bei der Studie handelt es sich um eine medial-wissenschaftliche Verschwörung, glaubt zum Beispiel der frühere SPD-Politiker Thorsten Wehner, der bis zu seinem Rücktritt dem Agrarausschuss des rheinland-pfälzischen Landtags angehört hat.

Das Wissenschaftsmagazin Plos One hätte demnach die Veröffentlichung der Studie mit Blick auf die Koalitionsverhandlungen in Berlin auf den 18. Oktober gelegt. Und die Medien hätten sich für die Ergebnisse interessiert, um die "Agrarwende" zu unterstützen...

Medien und Akademiker verschwören sich gegen die Landwirtschaft – das ist auch der Tenor von zahlreichen Kommentaren eines Agrarstatistikers namens Georg Keckl, der sich mit Blogposts, Leserbriefen und Online-Kommentaren häufig zu Landwirtschaftsfragen äußert. Einige seiner Kritikpunkte zur Krefelder Studie sind durchaus bedenkenswert (dazu später) – wäre da nicht derselbe Tonfall, den Donald Trump einschlägt oder der britische Politiker Michael Gove, als dieser sein berühmtes Zitat "Ich glaube, die Menschen haben genug von Experten" vom Stapel ließ: Denn Keckl diffamiert die beteiligten Wissenschaftler pauschal als Teil einer "wissenschaftlichen NGO-Zulieferindustrie".

Jeder kann sich selbst ein Bild von der wissenschaftlichen Arbeit beteiligter Forschern wie Hans de Kroon oder Elke Jongejans machen. Soll es etwa problematisch sein, wenn Jongejans wissenschaftliche Daten genutzt hat, um für BirdLife ein Frühwarnsystem für den Rückgang von Vogelarten zu entwickeln? Oder ist das nicht einfach das, was alle fordern – wissenschaftlich begründete Naturschutzpraxis? Hier von einer "NGO-Zulieferindustrie" zu sprechen ist diffamierend und ja, post-faktisch, denn Ziel solcher Aussagen ist es, die Glaubwürdigkeit von Wissenschaftlern ganz grundsätzlich zu bezweifeln. Methodische Kritik ist Teil der Wissenschaft und Skepsis auch in diesem Fall angebracht – aber nicht, wenn sie die Wissenschaft an sich zu diskreditieren versucht.

Wenig präzise war es in diesem Kontext auch, wie Medien quer durch die Republik die Krefelder Entomologen als "Hobby-Forscher" bezeichneten und die Beteiligung von zwei Universitäten an der Datenauswertung häufig einfach unterschlugen. Für die gerade wachsende Bewegung der Citizen Science ist "Hobby-Forscher" ein sehr despektierlicher Begriff, im Fall des 1905 gegründeten Krefelder Vereins ist er irreführend. Die knapp sechzig Mitglieder des Vereins sind etwa zu einem Drittel ausgebildete Naturwissenschaftler, zu einem Drittel erfahrene Entomologen, die auch in der taxonomischen Artbeschreibung tätig sind, und nur zu einem Drittel wirkliche "Hobbyforscher", die bei den Monitoringarbeiten helfen. Die statistische Auswertung erfolgte an den beiden Universitäten.

Im Vergleich zu Reaktionen wie denen von Albert Deß, "top agrar" und Georg Keckl fielen die Twitter-Mitteilungen von Joachim Rukwied, dem Präsidenten des Deutschen Bauernverbands, vergleichweise sachlich und einsichtig aus.

Rukwied erkennt die Bedeutung des Themas an, nimmt die Warnung, die in der Studie steckt, ernst und thematisiert konkrete Lösungsansätze – so geht es also auch. Allerdings wird der Eindruck erweckt, Lerchenfenster (also kleine, zeitweilige Schonareale zum Brüten), Blühstreifen und bäuerliche Naturschutzprojekte seien flächendeckend die Regel. Wenn das stimmen würde, wäre es um Landschaft und Artenvielfalt anders bestellt. Weitere Stellungnahmen des Deutschen Bauernverbands, in denen vor allem gefordert wird, als Konsequenz aus der Krefelder Studie das Monitoring zu intensivieren, werfen indes eine Grundsatzfrage auf: Reicht es, jetzt zehn oder zwanzig Jahre lang neue Daten zu generieren? Das klingt zunächst nach einem sehr fakten-orientierten Ansatz. Aber dann könnte man auch sagen: Wir warten mit der Reduktion der CO2-Emissionen,bis zu 100 Prozent berechenbar ist, welchen Anteil unterschiedliche Einflußgrößen auf das Abschmelzen des arktischen Eises oder den Anstieg des Meeresspiegels haben. Oder: Ich schließe meine Diebstahlversicherung erst ab, wenn der Einbrecher in der Wohnung steht.

Umgekehrt muss man sagen: Wenn manche Vertreter der Umweltszene Forderungen nach einem systematischem Monitoring zurückweisen mit dem Argument, das sei nur Zeitschinderei, dann ist das ebenfalls eine "post-faktische" Strategie.

Und damit wären wir bei denen, die die Ergebnisse der Krefelder Studie auf andere Weise fehlinterpretieren – indem sie diese als letzten Schluss absoluter Wahrheit präsentieren. Natürlich sind die Krefelder Ergebnisse äußerst beunruhigend. Natürlich kann jeder, dessen Gedächtnis intakt ist, sich an Zeiten erinnern, in denen es deutlich mehr Insekten gegeben hat. (Es ist sehr bezeichnend, dass statt von Beobachtungen eher davon die Rede ist, wie man früher doch mehr Insekten auf der Windschutzscheibe mit seinem Auto zermatscht hat) Natürlich sind die Risiken eines Insektenschwunds gewaltig. Und natürlich ist es äußerst naheliegend, dass neben Faktoren wie der fortschreitenden Bebauung vor allem auch die industrialisierte Landwirtschaft einen erheblichen Anteil an ökologischer Verarmung hat. Sie ist der einzige Wirtschaftszweig in Deutschland, dessen derzeitiges Geschäftsmodell auf der Ausbringung von rund 1000 Tonnen Insektiziden pro Jahr beruht – und aufgrund einer ganz speziellen, politisch gewählten Logik (Wachsen oder Weichen) auf einer konsequenten Intensivierung und Monotonisierung der Landschaftsnutzung.

Dass die Krefelder Daten der richtige Anlass sind, über dringend nötige Änderungen von der Flächennutzung über Pestizideinsatz bis zu Agrarsubventionen zu sprechen, liegt auf der Hand.

Deshalb war es so gut, dass ein Essayist und Beobachter der Zeitläufe wie Bernd Ulrich von der ZEIT mit intellektueller Wucht aufgeschrieben hat, was es politisch und gesellschaftlich bedeutet, wenn ein Problem wie der Insektenschwund zu lange ungelöst bleibt und wie das die Demokratie überfordern könnte. Inmitten einer Welt, die den Volten eines Donald Trump hinterherhechelt und von seinem unberechenbaren Temperament in Schach gehalten wird, hat Bernd Ulrich es vermocht, den Blick auf das Wesentliche, unsere Lebensgrundlagen, zu richten.

Doch während Ulrich seine Argumente mit intellektueller Substanz untermauert, präsentieren andere Bedenkliches: Undifferenzierte Untergangsszenarien, bei denen für Lösungen wenig Platz bleibt (ein Beispiel dafür ist dieser Beitrag des WDR-Programms "Quarks" aus dem Sommer). Dabei werden die Grenzen des verfügbaren Wissens, die Limitierungen der Krefelder Studie einfach ignoriert.

Umweltorganisationen haben schon immer in der Logik von "Kampagnen" gedacht, und das ist für Bürgerbewegungen (wie für eine Interessenvertretung der Bauern) auch naheliegend und in gewissem Rahmen legitim. Doch nun sehen wir in den USA den hohen Preis eskalierender gesellschaftlicher Polarisierung. Die verfeindeten Lager versuchen nur noch, sich niederzubrüllen, sich gegenseitig zu diffamieren, Punkte auf Kosten des anderen zu machen.

Der Ton zwischen Umweltlobby und Agrarlobby in Deutschland ist in den letzten ein, zwei Jahren bei uns ebenfalls deutlich rauer, polarisierter geworden. Der gestiegene Einsatz von sozialen Medien für Kampagnen auf beiden Seiten führt immer wieder zu einer derart brachialen Vereinfachung und Zuspitzung, dass hier wie dort der Bereich des Post-Faktischen betreten wird. Dazu gehören nun auf Umweltseite Forderungen, weiteres Insekten-Monitoring sei gar nicht nötig, eine Zeitverschwendung, oder gar gezielte Ablenkung.

Medien sind an irreführenden Darstellungen mitunter auch beteiligt – selten mit bösem Willen, manchmal nur aus Oberflächlichkeit oder weil der diensthabende Social-Media-Redakteuer eben gerade kein Experte für Populationsbiologie ist. Die Versuchung, mit möglichst zugespitzten Botschaften Likes zu erhaschen und Leser zum Klick auf den Artikel zu animieren, kommt hinzu.

Hat die Studie "letzte Zweifel ausgeräumt" (SWR)? Nein, und das behaupten ihre Autoren explizit auch nicht. Vielmehr werden im Diskussionsteil der Studie sehr deutlich viele Unbekannte beschrieben, zum Beispiel wie schwierig es ist, den beobachteten Rückgang einzelnen auslösenden Faktoren zuzuordnen. Deutlich gemacht wird zudem, dass die Zahlen nicht auf jährlichen Messungen an denselben Orten über den Zeitraum von 27 Jahren beruhen, sondern auf der Analyse einer Vielzahl von Einzelmessungen an verschiedensten Orten.Diese werden zwar mit gängiger Modellierung für repräsentativ erklärt, aber eben nur für Gebiete, die den untersuchten Gebieten ähneln.

Hat die Studie einen Insektenrückgang für ganz Deutschland bewiesen, wie es häufig hieß? Nein. Die Studienflächen lagen alle in Deutschland, aber das heißt noch nicht, dass Ergebnisse und Zahlen für ganz Deutschland repräsentativ wären. Dazu bräuchte es eine viel größere Zahl von Messungen in einer viel größeren Zahlen von Landschaftstypen, mit häufigen Wiederholungen und einer genauen Analyse von Einflußfaktoren.

Hat die Studie die industrialisierte Landwirtschaft als alleinigen Verursacher identifiziert? Nein, diese Vermutung wird nur vage geäußert. Die Autoren haben mehrere Messgrößen, darunter Wettereinflüsse und Landschaftsveränderungen, mit einbezogen, aber finden keinen einzelnen Faktor mit einer starken Erklärkraft. Die möglichen Ursachen, die in der industrialialisierten Landwirtschaft liegen (wie Pestizideinsatz, ganzjährige Bodenbearbeitung oder höherer Düngereinsatz) waren explizit nicht Gegenstand der Studie. Deshalb endet sie mit dem Satz: "Es ist dringend nötig, die Ursachen und das geografische Ausmaß des Rückgangs aufzuklären und seine Weiterungen für Ökosysteme und Ökosystemdienstleistungen zu verstehen." Was die Autoren hier skizzieren, ist ein gigantisches Forschungsprogramm – also die Fortsetzung des Erkenntnisprozesses und nicht sein Ende.

Besonders ärgerlich sind mediale Mißverständnisse darüber, um was es eigentlich grundsätzlich geht.

In der Bild-Zeitung stand, dass 75 Prozent der 36.000 deutschen Insektenarten vom Aussterben bedroht seien. Anderswo hieß es, die Anzahl der Insekten sei um 76 Prozent gesunken, oder, wie beim SWR eher vage: Rund 80 % der Insekten seien verschwunden. Gemessen wurde aber weder die Artzusammensetzung noch die Zahl der Tiere, sondern die Biomasse (die zwischen schweren Käfern und leichten Mücken stark schwankt).

Biodiversität, Häufigkeit, Verbreitung, Biomasse – das sind völlig unterschiedliche Parameter, die sich grundlegend voneinander unterscheiden. Es braucht dringend mehr Journalisten, die diese Unterschiede kennen.

Daran scheiden sich die Geister: eine Malaise-Falle, wie sie seit 1989 für zahlreiche Messungen der Insektenbiomasse zum Einsatz kam.
Daran scheiden sich die Geister: eine Malaise-Falle, wie sie seit 1989 für zahlreiche Messungen der Insektenbiomasse zum Einsatz kam.
Entomologischer Verein Krefeld

Die Versuchung ist groß, die Krefelder Studie wie eine Chiffre einzusetzen, als Akronym für die zahlreichen eklatanten Mißstände in der deutschen und europäischen Agrarbranche und für die verbreitete Forderung nach einer umweltschonenderen Landwirtschaft. Bis zu einem gewissen Punkt ist das jetzt umungänglich – denn mangels anderer Daten sind wir auf die Krefelder Zahlen angewiesen.

Da Politik immer auf der Grundlage der besten verfügbaren Daten handeln muss, kann man nicht länger so tun, als gäbe es die Krefelder Studie nicht. Zugleich kann man auch nicht so tun, als wären alle Antworten schon da. Es gilt, Vorsorge zu treffen, bis flächendeckend und gesicherte Erkenntnisse vorliegen. Dazu braucht es konkrete Änderungen in der Landbewirtschaftung, gesellschaftlichen Lohn (auch bekannt als Subventionen), wenn Bauern Natur und Biodiversität erhalten oder wieder vergrößern – und ein großangelegtes, unabhängig finanziertes Forschungsprogramm.

Was die Krefelder Forscher getan haben, wäre nämlich eigentlich Aufgabe von Bund und Ländern gewesen. Sie hätten als grundlegender Bestandteil der Daseinsvorsorge für ihre Bürger schon seit Jahrzehnten regelmäßig im ganzen Land untersuchen sollen, wie sich die Insektenbestände entwickeln. Die Datenlage sei "dünn", räumt das Bundeslandwirtschaftsministerium ein. Es ist, als würde für ganz Deutschland nur ein "Krefelder Verein für sauberes Wasser" messen, ob unser Trinkwasser frei von Giften ist oder als würde nur an 63 kleinen Orten bestimmt, wieviele Arbeitslose es in Deutschland gibt.

Zum Glück waren die Krefelder Entomologen kontinuierlich tätig. Sonst stünden wir komplett blank da. Leider sind die 1500 Messpunkte schlichtweg das beste, was der mit Milliardenbeträgen geförderte Wissenschaftsbetrieb in Deutschland zu bieten hat. Es läßt sich nun diagnostizieren: Neben Landes- und Bundesbehörden und den Organen der Agrarwirtschaft haben auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft, Hochschulen und außeruniversitäre Einrichtungen versagt und selbst durch Ignorieren zum Post-Faktischen beigetragen. Biodiversitätsforschung wird in Deutschland bei den meisten Artengruppen weiterhin nur punktuell betrieben. Während mit Milliardenbeträgen neue Forschungsinfrastrukturen entstehen, bleibt die Erforschung unserer Lebensgrundlagen und der Mitbewohner auf diesem Planeten hintan. Sie läuft unsystematisch, so dass viele Ergebnisse nicht Teil eines langfristigen Beobachtungsprozesses werden. Es ist, als würde die Klimaforschung mit lauter Messinstrumenten arbeiten, deren Ergebnisse sich nur schlecht zu einem Gesamtbild des Geschehens kombinieren lassen. Das macht Vorschläge wie die des Naturkundemusemus König in Bonn, nun ein automatisiertes Biodiversitäts-Messsystem analog von Wetterstationen einzurichten, so grundlegend wichtig.

Ja, im Moment ist die Krefelder Studie die beste Grundlage für Entscheidungen. Nein, überstrapazieren sollte man die verdienstvolle Arbeit nicht, und zwar gerade auch im Dienst ihrer Glaubwürdigkeit. Wie tief man in die Materie einsteigen muss und wie trickreich die Fragen sind, zeigt die Kontroverse um die benutzte statistische Methode. Das wirtschaftswissenschaftliche Institut RWI hat die Krefelder Studie zur "Unstatistik" erklärt. Der Vorwurf lautet, es gebe zu wenig langfristige Vergleichsmessungen an einzelnen Standorten. Zudem wäre der Rückgang deutlich geringer ausgefallen, wenn man die Datenanalyse statt 1989 im Jahr 1991 angesetzt hätte.

Die Mitautoren der Studie, Hans de Kroon und Elke Jongejans, entgegnen dem RWI auf unsere Anfrage hin, dass dem Kommentar ein "großes Missverständnis" zugrunde liege. Der beobachtete Rückgang sei nicht vom Anfangsjahr 1989 abhängig, sondern ziehe sich durch alle Daten, weshalb es unwahrscheinlich sei, dass noch mehr Messorte etwas am Ergebnis ändern würden. Statt nur eine Linie durch Rohdaten zu ziehen, habe man zum Beispiel saisonale Schwankungen und Unterschiede zwischen den Meßorten berücksichtigt – "mit soliden statistischen Verfahren". "Der Rückgang ist allgegenwärtig", sagen de Kroon und Jongejans. (Das RWI wiederum hebt hervor, dass auch ein Rückgang um 30 Prozent besorgniserregend wäre.)

An der Kontroverse sieht man schon, dass es kein leichtes Unterfangen ist, die Studie differenziert zu bewerten.

Kann die Folgerung sein, zu versuchen, mit zugespitzten Botschaften in einem post-faktischen Disurs der Lautere zu sein? Besser wäre es, im Dienst des Gemeinsinns zu handeln. Deshalb ist es gut zu sehen, dass es trotz vieler problematischer Stellungnahmen und inmitten einer polarisierten Debatte auf beiden Seiten der Kontroverse auch Stimmen der Vernunft gibt.

In Stellungnahmen des publizistisch tätigen Landwirts Willi Kremer-Schillings, bekannt als "Bauer Willi", und des NABU-Baden-Württemberg wird aktuell erfreulich auf Evidenz und Empirie gesetzt. Der NABU-Landesverband macht sich die Mühe, eine Fülle von Studien auszuwerten. Zudem bewertet er eine gerne geäußerte Anekdote, wonach der Insektenschwund nämlich durch saubere Windschutzscheiben zu beweisen sei, als zumindest problematisch: Auch das schnittigere Autodesign habe einen Einfluss darauf, wie viele Insekten mit Autos kollidierten. So viel Offenheit und Differenzierung ist ein gutes Heilmittel gegen das "Post-Faktische".

"Bauer Willi" wiederum fordert von den Bauern in einem "top agrar"-Kommentar, sich aktiv um das Thema Insektensterben zu kümmern und dabei mit Umweltorganisationen zusammenzuarbeiten: "Wir Landwirte wollen bei der Aufklärung gerne federführend sein, denn das Thema Insekten ist unser Thema! Wenn Umweltschutz-Organisationen uns dabei unterstützen wollen, so nehmen wir diese Hilfe gerne an. Gemeinsam werden wir mehr erreichen, denn die gebündelte Kompetenz von praktischen Landwirten mit vielen eigenen Beobachtungen und die finanziellen Möglichkeiten der Nicht-Regierungs-Organisationen ist eine schlagkräftige Allianz. Fangen wir also an."

Bauer Willi gehört offenbar nicht dem post-faktischen Lager an, er will die ungute Polarisierung überwinden, der Sache gemeinsam mit der vermeintlich "anderen Seite" auf den Grund gehen. Nur so kommt man zu dem, was das Ziel sein sollte: ländliche Regionen, in denen Naturschutz und erfolgreiches bäuerliches Wirtschaften keine Gegensätze mehr sind, sondern sich gegenseitig bedingen. Und eine Gesellschaft, die nicht den Trumpschen Weg der Polarisierung geht, sondern den Weg von Empirie und Kooperation in einem fairen Wettstreit der Meinungen.

Schade nur, dass Bauer Willi extra dazuschreiben musste, sein Beitrag sei keine Satire.

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