Auch bei den Saatkrähen ist das deutsch-russische Verhältnis belastet

Die russischen Winterkrähen kommen nicht mehr - warum nur? Von Christiane Habermalz

Thomas Krumenacker

Saatkrähen, so scheint es, haben ein Gespür für die große Inszenierung. Als in Berlin noch in den frühen 1990er Jahren die riesigen Schwärme krächzender, gaukelnder Vögel im Sonnenuntergang den roten Winterhimmel verdunkelten, sich zu Tausenden  aufmachten, um zwischen kahlen Bäumen ihre Schlafplätze auf dem Dach des Palastes der Republik oder im Wäldchen am Berliner Dom aufzusuchen, dann mussten selbst wenig naturbegeisterte Betrachter innehalten, konnten sich eines leisen Schauderns nicht erwehren. Saatkrähen kamen jedes Jahr im Herbst zu Zigtausenden aus den Weiten Russlands, um in der Stadt zu überwintern, sie waren Boten zwischen Ost und West. Doch die Zeiten sind vorbei. Die russischen Saatkrähen sind verschwunden.

Im Rekordjahr 1974 wurden fast 80.000 Winterkrähen in Berlin gezählt. Saatkrähen gehörten zur geteilten Stadt wie Mauer und Wachtürme. Kaum ein Bild des Mauerstreifens aus der Zeit, in der die Vögel sich nicht dekorativ in Szene setzten. Besonders am Potsdamer Platz, damals Todesstreifen und riesige Freifläche im Herzen Berlins, sammelten sich die Vögel regelmäßig in Massen, um abends zu ihren Schlafplätzen in den Westen der Stadt zu fliegen, mühelos die Grenzanlagen des Kalten Krieges überfliegend.

Bis in die 1990er Jahre gab es riesige Krähenschwärme auch in Zürich, Wien, Köln und München. Es waren Millionen Vögel, die jeden Herbst nach Mitteleuropa zogen. Angetan hatten es ihnen vor allem die Großstädte, in deren Nähe sie genügend Mülldeponien und Abfälle fanden – und deren Wärme ihnen auch in kalten Nächten warme Schlafplätze ermöglichte.

Saatkrähen zeichnen sich durch einen kahlen Schnabelansatz aus. Im Gegensatz zu den im Osten Deutschlands grau-schwarzen Nebelkrähen sind sie einheitlich schwarz gefärbt.
Saatkrähen zeichnen sich durch einen kahlen Schnabelansatz aus. Im Gegensatz zu den im Osten Deutschlands grau-schwarzen Nebelkrähen sind sie einheitlich schwarz gefärbt.
Michal Pesata

Im Winter 2007 wurden bei Zählungen eines Studienprojektes der FU Berlin in Berlin nur noch 8.000 Vögel gezählt, bereits fünf Jahre später im Jahr 2011 kam so gut wie keiner mehr. In den anderen Städten das gleiche Bild. Übriggeblieben sind allein die heimischen Brutkolonien, die ganzjährig in Deutschland bleiben und brüten.

Früher gab es mehrere Brutplätze in Berlin, jetzt ist es nur noch ein einziger: Rund 90 Paare umfasst die letzte Saatkrähenkolonie am Flughafen Tegel. Seit die russischen Vögel ausbleiben, sind sie die letzten Saatkrähen in Berlin. Sie finden auf dem Flugfeld Nahrung und sammeln sich allabendlich rund um die Reklametafeln in der Mitte des Kurzzeitparkplatzes zum Schlafen – dort, wo die Abwärme der Tiefgaragen für kuschelige Wärme sorgt. Doch auch diese Krähenidylle ist bedroht, denn die endgültige Schließung des Flughafens ist nur noch eine Frage der Zeit.

"Die Sonne verfinsternde Krähenwolken"

Was ist mit den Schwärmen von Winterkrähen passiert? „Saatkrähen sind politische Vögel“, sagt Hans-Jürgen Stork, der lange Jahre den Berliner Naturschutzbund leitete. Und: „Alles wird vom Müll bestimmt.“ Der Biologe beschäftigt sich seit über 50 Jahren mit den schwarzen Rabenvögeln in Berlin. Die beiden Sätze seien nicht von ihm, sagt er, sie stammten vom führenden russischen Krähenornithologen V.M. Konstantinov. Denn natürlich muss man auch nach Russland blicken, um das Rätsel zu lösen, warum die Krähen ausbleiben.

Schon seit jeher waren die russischen Saatkrähen Zugvögel, die im Winter, wenn die Böden bis zum Altaigebirge gefroren waren, auf der Suche nach Nahrung nach Mitteleuropa bis nach Frankreich flogen. Lange wusste man in Deutschland nicht, woher die Krähen kamen. Ihre Zugbewegungen konnten nur durch Beobachtungen verfolgt werden, systematische Beringungen fanden erst später statt. „Über Steglitz und Lichterfelde sind am 25. oder 26. Oktober stundenlang unabsehbare Züge von Saatkrähen nach Westen gezogen“, meldete 1913 ein Herr Jan Kleffel aus Berlin an die Vogelwarte Rossitten. „Bis an den Rand des Horizontes konnte man immer sich ergänzende Parallelzüge beobachten. Es konnten deshalb Hunderttausende von Krähen sein.“ 

Während des Ersten Weltkrieges nutzten zum Wehrdienst eingezogene Ornithologen kurze Waffenpausen in den Schützengräben, um Beobachtungen zu machen – wie Eduard Paul Tratz, der mit bewegten Worten den imposanten Durchzug der Saatkrähen durch Norditalien schildert. „In der Tat hatte noch keine ornithologische Erscheinung einen solchen überwältigenden Eindruck auf mich gemacht, wie diese im wahrsten Sinne des Wortes die Sonne verfinsternden Krähenwolken“, schreibt er begeistert. „Eine solche Anzahl wie am Nachmittage des 16.12.17, wo Hunderttausende von Saatkrähen beisammen waren, sah ich noch nie. Mindestens während einer halben Stunde flogen dicht über dem Boden in ununterbrochener Reihenfolge und einer ungeheuren Breitenausdehnung Krähenmassen auf Krähenmassen über die Landschaft, um sich bald darauf wieder niederzulassen und wieder weiterzufliegen, gewissermaßen im Releeflug die ganze Gegend nach Nahrung absuchend und dann auf einmal auffliegend und gegen Osten zu verschwinden.“

Ihre einzige Berliner Brutkolonie haben die Saatkrähen am Flughafen Tegel, doch auf dem aufgelassenen Flughafen Tempelhof lassen sie sich auch blicken.
Ihre einzige Berliner Brutkolonie haben die Saatkrähen am Flughafen Tegel, doch auf dem aufgelassenen Flughafen Tempelhof lassen sie sich auch blicken.
Thomas Krumenacker

Doch zu einem richtigen Massenvogel wurde die Saatkrähe erst durch Stalin. Mit der erzwungenen Planwirtschaft und den Kolchosen habe der sowjetische Diktator ungewollt perfekte Lebens- und Brutbedingungen für die Vögel geschaffen, erläutert Krähenexperte Stork. Um den russischen Steppenboden urbar zu machen, habe Stalin das Anpflanzen von Windhecken befohlen. In den Bäumen der „Hecken“ fanden die Vögel ideale Brutplätze, auf den Feldern der Kolchosen genügend Nahrung für ihren Nachwuchs. Die Bestände in der Sowjetunion nahmen in den 1950er Jahren rapide zu – und im Winter zogen sie in den Westen, wo sie wiederum von den Abfällen der wachsenden Wohlstandsgesellschaften profitierten. Auf den zahllosen offenen Mülldeponien rund um die mitteleuropäischen Großstädte fand sich alles, was ein Krähenherz begehrte.

Ein Stück verlorener Großstadtkultur

Doch mit der schrittweisen Schließung der Deponien mit Beginn der 1990er Jahre verschwand dieses Schlaraffenland mehr und mehr. Seit 2005 sind offene Deponien in Deutschland verboten. Gleichzeitig hatten Russland und das Baltikum mülltechnisch nachgezogen, die Länder des ehemaligen Ostblocks hatten inzwischen fast genauso viel Wohlstandsmüll zu bieten wie einst die Westeuropäer. „Die Krähen verzichten auf den Herbstzug Richtung Westen und bleiben zuhause. Aus Zugvögeln wurden Standvögel“, erklärt Stork. Allerdings haben jüngste Forschungen ergeben, dass auch die Zahl der Brutvögel in Russland zurückgeht. Bereits vor Jahren stellte man fest, dass unter den russischen Winterkrähen immer weniger Jungvögel waren. Die Krähenschwärme hatten ein Demographieproblem: Sie litten an Überalterung.

Der russische Ornithologe Konstantinov begründete 2010 auf einer Tagung in Omsk den Rückgang der Saatkrähen mit der Wirtschafts- und Agrarkrise in Russland. Die landwirtschaftliche Produktion sei zurückgegangen, die Ackerflächen verkrauteten – schlechte Bedingungen für Krähen, die offenes Land brauchen, um nach Futter zu suchen. Und auch die Müllhalden im Osten werden weniger – in Russland wird, wie zuvor in Westeuropa, die Gefahr erkannt, die von offenen Deponien für Mensch und Umwelt ausgeht. Saatkrähen sind also mehr und mehr wieder auf ihre ursprüngliche Nahrung – pflanzliche Nahrung, Insekten, kleine Tiere und Aas – angewiesen. Hinzu kommt, dass die Vögel in vielen Regionen stark bejagt werden. 

Noch sind Saatkrähen weltweit nicht bedroht, auch wenn sie in Deutschland zu einer besonders geschützten Art gehören. Sie folgen dem Menschen in die Städte, weil es auf dem Land immer weniger Nahrung gibt. An manchen Orten brüten sie so prominent in menschlichen Siedlungen, dass sie zu einer Plage für die Anwohner werden – wie Flugbegleiter-Kollege Markus Hofmann in seinem Artikel über die verzweifelten Krähenabwehrstrategien der Berner Bürger beschrieben hat. Doch das einzigartige Naturschauspiel der großen Saatkrähen-Schwärme, die Ankunft der „Russen“ im Herbst, die vom nahenden Winter künden, bekommen wir nicht mehr geboten – ein Stück verlorener Großstadtkultur. Und ein verbindendes Element weniger in Zeiten angespannter Beziehungen zwischen Russland und dem Westen. Saatkrähen sind eben „politische“ Vögel.

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