„Wir schreiben für jeden, der sich für Natur und Artenvielfalt interessiert“

Christiane Habermalz, Mitgründerin von „Die Flugbegleiter“, über das naturjournalistische Projekt

Nature Bird Photography/Shutterstock Eine von vielen bedrohten Vogelarten: Das Rebhuhn, ein Bewohner der offenen Feldlandschaft, hat es inmitten industrialisierter Agrarbetriebe schwer.

Christiane Habermalz ist eines von zehn Mitgliedern der RiffReporter-Koralle „Die Flugbegleiter“. Hauptberuflich arbeitet sie als Korrespondentin für Kultur und Bildungspolitik für den Deutschlandfunk, wo sie über viele Jahre das Programm die “Große Vogelschau” verantwortet hat. Als Mitgründerin der „Flugbegleiter“ lebt Habermalz ihre Leidenschaft für Natur und Vogelwelt journalistisch aus. Hier erzählt sie, was die "Flugbegleiter" mit Hilfe ihrer Abonnenten und Unterstützer erreichen wollen.

Christiane Habermalz, Mitgründern der RiffReporter-Koralle "Die Flugbegleiter".
Christiane Habermalz, Mitgründern der RiffReporter-Koralle "Die Flugbegleiter".
Thomas Lucker

Wie seid Ihr auf die Idee für „Die Flugbegleiter” gekommen?

Durch Leidenschaft, andere würden vielleicht sagen: einen Spleen. Wir kommen ja aus ganz unterschiedlichen journalistischen Bereichen – Politik, Wirtschaft, Umwelt, Feuilleton, Wissenschaft – aber wir sind fast alle als Kinder mit grünen Parkas und Ferngläsern um den Hals durch die Pampa gelaufen und haben begeistert unsere Beobachtungen über Feldlerchen, Mäusebussarde oder Wiesenpieper in alten Schulheften notiert. Und dieser Spleen für Vögel ist uns einfach geblieben – auch wenn wir in unserem journalistischen Alltag kaum Gelegenheit hatten, über sie zu schreiben oder zu senden. Also haben wir beschlossen, das zu ändern und sind zu Flugbegleitern geworden. Denn die Vögel sind bedroht, sie brauchen mehr öffentliche Aufmerksamkeit.

Wen wollt Ihr mit dem Projekt ansprechen und erreichen?

Wir wollen all die ansprechen, die sich wie wir für die Zukunft von Natur und Vogelwelt interessieren. Und das sind viel mehr, als man glauben sollte. Immer wieder, wenn ich etwas verschämt öffentlich gestehe, dass ich Vögel liebe, passiert es mir, dass jemand, von dem ich das garantiert nie gedacht hätte, ruft: Ich auch! Neulich erst wieder der Pressesprecher eines Ministeriums in Berlin – und nein, es war nicht das Umweltministerium.

Also sind die „Flugbegleiter“ eher etwas für Vogelfreaks?

Überhaupt nicht. Wir haben großen Respekt vor Menschen, die jeden hessischen Waldlaubsänger am Dialekt von einem bayerischen unterscheiden können. Aber wir schreiben für jeden, der sich einfach nur erfreut an den Vögeln in seinem Garten und sich für Natur und Artenvielfalt interessiert. Wir wollen auch die erreichen, die sich über die aktuellen Naturschutzdebatten auf dem Laufenden halten wollen, sich um den Insektenschwund sorgen – das können Naturschützer ebenso sein wie Landwirte, Ornithologen genauso wie Umweltpolitiker oder ganz normale Leute. Im Idealfall haben alle gleichermaßen etwas von an unserer Arbeit.

Naturschutz ist im Journalismus selten ein Mega-Thema. Warum eigentlich?

Das hat viele Gründe. Naturschutz hat oft den Ruf, das Klein-Klein zu sein, das im politischen Großen und Ganzen eher stört. Und diese Auffassung haben leider auch Redaktionen übernommen. Was zählt im Wettbewerb der Themen schon die x-te aussterbende Krötenart oder der Rückgang von Feld- und Wiesenvögeln gegen die Tweets von Donald Trump, Rezepte gegen Rückenschmerzen oder den neuesten Lifestyletrend? Hinzu kommt, dass Zeitungen immer mehr unter Spardruck geraten, weil die Leser und Anzeigenkunden wegbrechen – und der Raum für Umwelt- und Wissenschaftsthemen insgesamt damit immer kleiner wird, also auch für den Naturschutz.

Jeden Tag werden in Deutschland 60 Hektar Fläche überbaut. Straßen- und Wohnungsbau, intensive Landwirtschaft und viele andere Faktoren engen den Lebensraum von Vögeln ein.
Jeden Tag werden in Deutschland 60 Hektar Fläche überbaut. Straßen- und Wohnungsbau, intensive Landwirtschaft und viele andere Faktoren engen den Lebensraum von Vögeln ein.
Depositphoto

Zwischen Naturschützern und Landwirten wird teilweise sehr aggressiv diskutiert. Wo seht Ihr da Eure Rolle?

Unser Herz schlägt natürlich für den Natur- und Vogelschutz, aber wir sehen uns nicht als Parteigänger der Naturschutzverbände und folgen keiner vorgefertigten Ideologie. Im Gegenteil, nicht alles was im Namen des Naturschutzes geschieht, ist per se gut und sinnvoll. Es gibt eine ganze Reihe von Landwirten, die sich sehr wohl für die wilden Bewohner ihrer Äcker und Felder interessieren, und die etwas tun möchten, damit es ihnen besser geht. Und aus der Wissenschaft kommen immer neue, spannende Ergebnisse, mit denen keiner gerechnet hat. Hier sind wir immer offen und sehen unsere Aufgabe auch darin, zu vermitteln und zu moderieren.

Was heißt das konkret?

Wir sind unabhängige Journalisten, und pinkeln auch mal einem Umweltverband ans Bein, wenn er Mist baut oder falsche Informationen verbreitet. Aber sehr kritisch gehen wir mit der derzeitigen Landwirtschaftspolitik um. Denn die schadet Natur und Bauern zugleich. Wer sich für Vögel einsetzt, kann nicht gutheißen, dass systematisch finanziell belohnt wird, was die letzten Lebensräume zerstört. Dabei braucht es manchmal nur sehr wenig, um der Natur etwas Raum zu lassen, damit viele Arten überleben könnten.

Was dürfen Eure Abonnenten von Euch erwarten?

Zuvorderst: Dass sie sich nicht langweilen. Es gibt so viele spannende Geschichten aus Natur und Vogelwelt, dass uns die Themen nie ausgehen werden. Zum zweiten: Unsere Storys sind gut recherchiert und haben Hand und Fuß. Und wir decken die ganze Bandbreite an Themen ab – von persönlich erzählten Naturreportagen bis zu Berichten aus der Wissenschaft und kritischen politischen Analysen und Kommentaren, aber auch Rezensionen von Büchern oder Filmen, in denen Vögel eine Rolle spielen – dann sind wir Vogelfeuilleton, sozusagen. Und das Schöne und Sinnliche am Vogelbeobachten soll auch nicht zu kurz kommen.

RiffReporter

Mancher Interessent wünscht sich, dass es Eure Beiträge kostenlos gibt. Warum macht Ihr das nicht?

Natürlich wollen wir als Journalisten, dass möglichst viele Menschen unsere Beiträge lesen, anschauen, anhören. Aber professioneller Journalismus ist Wertarbeit. Man würde ja auch von einem Bauern oder Handwerker nicht erwarten, dass er kostenlos arbeitet. Recherche, Reisen zu Schauplätzen, die Zeit, die man braucht, um auf dem Laufenden zu bleiben, schließlich die Zeit für anschauliches Erzählen, Faktenprüfung und eine ansprechende Präsentation – all das ist für uns Arbeitszeit. Wer wirklich will, dass professioneller Naturjournalismus in der öffentlichen Debatte eine stärkere Rolle spielt, wird das verstehen.

Wie bist Du selbst zum Vogelbeobachten gekommen?

Ich hatte einen großen Bruder, der damit anfing. Und ständig damit angab, welche tollen Vögel er schon gesehen hatte. Da wollte ich auch ein Fernglas haben. Und irgendwann wollte unsere kleine Schwester auch. Also ein typischer Fall von Geschwisterrivalität. Bis heute erzählen wir uns am Telefon immer als erstes, was wir gerade für Vögel gesehen haben und fragen erst danach, wie es denn den lieben Kindern geht.

Welche Recherche würdest Du unbedingt mal machen wollen?

Ich würde gerne zur internationalen Forschungsstation Ny Alesund in die Arktis reisen und da sein, wenn die Küstenseeschwalben ankommen. Die fliegen ja jedes Jahr mehr als 10.000 Kilometer vom Südpol an den Nordpol, um dort zu brüten. Und das tun sie auf den ersten eisfreien Flächen, die sie finden, und das sind die Wege in der Forschungsstation. Die Wissenschaftler wissen dann gar nicht mehr, wo sie hintreten sollen vor lauter wütender hackender Vögel. Das wäre eine schöne Geschichte: Die hehre Wissenschaft, die die Natur zum Zwecke der Erkenntnis studiert – und im Alltag der Konflikt zwischen Menschen und Vögeln auf engstem Raum. Das würde mir Spaß machen.

***

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