Was wir aus dem Sommer der Fluten und Stürme lernen können

Zusätzlich zum Klima muss der Schutz von Feuchtgebieten Thema der Weltpolitik werden

Ein Kommentar von Christian Schwägerl

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Die schrecklichen Bilder der vergangenen Tage aus Texas, wo viele Menschen ihr Hab und Gut im Hurrikan Harvey verloren haben, und mehr noch aus zahlreichen Ländern Asiens, wo bei Überschwemmungen mehr als eintausend Menschen ums Leben kamen und Millionen obdachlos wurden, lösen eine tiefere Angst aus: Der Klimawandel könnte hinter solchen Ereignissen stecken.

Die Furcht ist berechtigt: Zwar ziehen große Stürme ihre Energie auch aus Temperaturunterschieden zwischen Regionen, und die könnten geringer werden, wenn überall ein wärmeres Klima herrscht. Zugleich kann eine wärmere Atmosphäre aber deutlich mehr Feuchtigkeit speichern – unter diesem Aspekt sind die Rekordregenmassen, die Harvey mit sich brachte und die nun auch der nächste Hurrikan namens Irma in sich trägt, vielleicht wirklich ein Vorbote der Zukunft. Dass Extremwetterereignisse häufiger und noch heftiger werden, wenn die Menschheit weiter Milliarden Tonnen Kohlendioxid pro Jahr in die Atmosphäre bläst, ist leider sicher. Kein seriöses Klimamodell sagt eine ruhigere, gemäßigtere Welt voraus.

Umso bedauerlicher ist es, dass die Debatte beim Klimaschutz aufhört. Denn auch der beste Klimaschutz wird nicht verhindern, dass heute und in Zukunft mit mehr und heftigeren Extremwetterereignissen zu rechnen ist. Und selbst für den extrem unwahrscheinlichen Fall, dass die aktuellen Desaster ganz natürliche Ereignisse wären, verdient jetzt ein gigantisches Umweltthema viel mehr Beachtung. Die Rede ist vom Schutz von Feuchtgebieten.

Den Verlust von Feuchtgebieten zu betrachten ist zentral dafür, um die Ereignisse in und um Houston zu verstehen: dort hat ein gigantischer Bauboom stattgefunden, dem auf großer Fläche zahlreiche Sumpf- und Marschgebiete zum Opfer gefallen sind. Dankenswerterweise hat der Umweltjournalist Andrew Revkin in einem Artikel für ProPublica darauf hingewiesen, und der Stadtplaner Billy Fleming hat im Guardian darüber berichtet. Für die Flussgebiete in Indien und Bangladesch lässt sich dieselbe Diagnose stellen: die rasche wirtschaftliche Entwicklung hat dort zur Trockenlegung und Verfüllung von Feuchtgebieten in großem Stil geführt.

Feuchtgebiete – von Küstenbiotopen über kleine Tümpel und Feuchtwiesen in der Agrarlandschaft bis zu Mooren im Hochgebirge – sind für den Menschen und für eine Vielzahl von Tier- und Pflanzenarten überlebenswichtig. Sie speichern Wasser für Dürrezeiten und sie nehmen wie Schwämme überschüssiges Wasser auf, wenn es unaufhörlich regnet. Feuchtgebiete tragen zur lokalen Abkühlung bei, filtern Schadstoffe, sind wichtige Nahrungs- und Rastgebiete für Zugvögel. Sie können alle diese Funktionen auch deshalb so gut erfüllen, weil sie artenreiche Lebensräume sind, die sich selbst regulieren. Wenn Feuchtgebiete fehlen, sammeln sich große Mengen Regen- oder Schmelzwasser nicht in der Natur, sondern in jenen Siedlungen, die der Mensch in Täler baut – mit katastrophalen Folgen.

Doch kaum ein anderer Lebensraum wurde und wird von uns Menschen so konsequent bekämpft und zerstört. In Deutschland spiegelt die Trockenlegung des Oderbruchs durch Kolonisten Friedrichs des Großen im 18. Jahrhundert, die Regulierung des Rheins durch Johann Gottfried Tulla im 19. Jahrhundert und die Entwässerung der norddeutschen Moore durch die Nationalsozialisten im 20. Jahrhundert wider, wie lange der Angriff des Menschen auf Feuchtgebiete schon läuft und wie effizient er war und ist. Mehr als 90 Prozent der deutschen Moorgebiete sind verschwunden.

Nötig wäre eine flächendeckende Strategie

Für die Schweiz wurde in diesen Tagen eine erschreckende Bestandserhebung veröffentlicht, über die der "Bote" berichtet hat: Der Biologe Beat Oertli von der Fachhochschule Westschweiz (HES-SO) in Genf hat ermittelt, dass die aktuell 32.000 Tümpel in dem Alpenland nur noch ein kleiner Überrest sind. Ende des 18. Jahrhunderts habe es zehn Mal so viele Tümpel gegeben. Ähnlich sieht es rund um den Globus aus. Das Fehlen von Feuchtgebieten wird mit teuren, abenteuerlichen und oftmals völlig unwirksamen Ingenieursprojekten zu kompensieren versucht. Viel besser wäre es, den Schutz der vorhandenen Feuchtgebiete zu forcieren und verlorene Gebiete nach Kräften zu restaurieren. Dafür gibt es bereits wegweisende Projekte. Nötig wäre aber eine flächendeckende Strategie.

Eigentlich müssten Feuchtgebiete, ihr Schutz und ihre Restaurierung also gemeinsam mit dem Klimaschutz im Zentrum der politischen Debatte stehen. Doch Organisationen wie "Wetlands International", die Geschäftsstelle der UN-Konvention für Feuchtgebiete namens "Ramsar" oder das "Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services", eine Art Weltklimarat für Biodiversität, führen leider eher Randexistenzen – ganz wie die Lebensräume, für die sie einstehen sollen.

Auch im deutschen Wahlkampf spielt Naturschutz keine Rolle. Es ist eher exotisch wenn, wie dieser Tage bei einer Veranstaltung in Stuttgart, Bundeskanzlerin Angela Merkel mit einer Frage zur Biodiversität konfrontiert wird. Merkels Antwort war interessant: Die Zerstörung von natürlichen Lebensräumen zähle "zu den zentralen Problemen dieser Zivilisation", sagte sie. Alle seien für den Klimawandel sensibilisiert, aber das Thema Biodiversität werde unterschätzt. Diese sei "ein Panzer für unsere eigene Gesundheit". Die Bevölkerung, sie selbst eingeschlossen, wisse viel zu wenig über bedrohte Arten und ihre Bedeutung. Ein wichtiges Statement – aber es hilft nichts, wenn keine Taten folgen und die Biodiversität auf der Themenliste dann wieder ganz nach unten rutscht.

Nach dem Sommer der Fluten gehört der Schutz der Feuchtgebiete ebenso auf die Agenda des nächsten G20-Treffens und der nächsten UN-Vollversammlung wie der Klimaschutz. Der Preis für unsere bisherige Ignoranz ist hoch – nicht nur in Form von Milliardensummen, die nach Hochwassern für Aufräumarbeiten und Wiederaufbau nötig sind. Es geht um das Überleben von Arten und um unzählige heutige und künftige Menschenleben.