Ein Pilz, der mich gefunden hat

Fieldwriter Gerhard Richter und ein schlauer Pilz reden in einer müden Landschaft aneinander vorbei.

Gerhard Richter

Nach nur zehn Schritten in dieser Wiese sind meine Schuhe so staubig, als wäre ich durch eine Wüste gewandert. Ein Pilz ist mein Zeuge. Dieser Pilz ist tatsächlich das einzige wirklich lebendig wirkende Lebewesen auf dieser Wiese, die irgendwie öde und krank aussieht. Der Pilz wundert sich bestimmt auch über diesen staubigen Flecken Erde, aber bestimmt ganz anders als ich.

Die müde Wiese

Direkt vor dem Pilz klappe ich den Schreibtisch auf, spanne ein Blatt Papier in die Hermes Baby Schreibmaschine ein und sehe mich um. Hier treffen unterschiedlichste Landschaftselemente aufeinander. Links von mir fällt die Wiese leicht ab zu einem feuchten Graben, der von einer Reihe Birken gesäumt wird. Dahinter weiden Rinder auf einer saftigen grünen Weide. Die Wiese jedoch, auf der ich sitze, wirkt völlig entkräftet. Woher kommt diese Müdigkeit? Die Wiese ist frisch gemäht. Die langen Halme liegen gelb und trocken, zeigen wie Haarwirbel in alle Himmelsrichtungen. Und überall dieser Staub: feinster Sand hat sich wie eine Decke über jedes Gras gelegt, über jedes Blatt, über jedes Kraut. Auch der Grund der Wiese, auf der ich sitze, ist sehr sandig. Die Gräser und Kräuter wachsen auf einer Bodenkrume, die gerade mal ein paar Finger dick ist. Die ineinander verschlungenen Wurzeln haben Mühe, die wenige fruchtbare Erde festzuhalten.

Woher kommt der Sand?

Der Pilz im Sand

Ich schaue nach rechts. Dort verläuft der Sandweg, auf dem ich gekommen bin. Eine Reihe Eichen säumt diesen Weg. Und hinter den Eichen steht übermannshoch der Mais, dicht und aufgesetzt wie Rollrasen. Auch der Mais wächst auf Sand. Nur auf Sand. Es gibt keine Pflanzengemeinschaft zwischen den Stängeln. Alles ist nachhaltig totgespritzt. Ein kräftiger Wind weht von dort, von der untergehenden Sonne her und von dort kommt auch der Sand.

Und hier, zehn Schritte in der Wiese, steht dieser Pilz. Sein schlanker Fuß ist fest und hell. Als Jüngling hatte der Pilz eine braune Haut, die nun gerissen ist und sich als Flocken und Flecken vom hellen Fruchtkörper abhebt. Der elegante Schirm ist hellbraun, wie Cappuccino-Schaum, ebenfalls mit dunkleren Hautflocken, die zur Mitte hin dichter werden und ganz oben auf dem Schirm einen nougatbraunen Kreis bilden. Passend zu seiner Umgebung hat der Pilz alle Schattierungen des Sandes im Farbregister. Ich halte die Nase an den Schirmrand: Der Pilz riecht nach Pfeffer und Katzenfutter. Appetitlich und abstoßend zugleich.

Auf der ganzen weiten Wiese ist kein zweiter Pilz zu finden.

Verbunden mit den Landschaftsteilen

Mit seiner freundlichen Einzigartigkeit und seinem eleganten Schirm wirkt dieser Pilz auf mich, wie ein guter alter Freund, den ich ganz unverhofft inmitten einer Masse von Fremden treffe. Auf eine schwer zu enträtselnde Weise fühle ich mich zu einer Unterhaltung eingeladen. Immerhin war der Pilz das markanteste, was ich sah auf der Suche nach einem Ort zum Schreiben. Hat der Pilz also mich gefunden…. Spinne ich jetzt? Oder ist das die Chance, die Welt mal mit den Augen eines Pilzes zu sehen…?

Pilze halten im Ökosystem die Fäden in der Hand. Mit seinen kilometerlangen hauchzarten unterirdischen Fäden - den Hyphen – verfügt mein Pilz über ein weitverzweigtes Netzwerk. Dieses Netzwerk nennt man Myzel und das reicht bis zu den Birken und bis zu der Kuhwiese mit ihrem Gras, Kräutern und Disteln. Auf der anderen Seite schlängeln sich die Hyphen unterirdisch bis zu den Eichenwurzeln und dem Maisfeld dahinter. Mit diesem Myzel bildet mein Pilz vielfältige Symbiosen mit Bakterien und anderen Mikroorganismen innerhalb dieser Pflanzengemeinschaft. In Millionen Wurzelknöllchen arbeiten Pilz und Bakterien zusammen und wandeln wie in Chemiefabriken Stoffe um. Der Pilz verknüpft nicht nur die einzelnen Pflanzen miteinander, er managt auch deren Bedürfnisse. Der Pilz ist so was wie ein Dispatcher für Nährstoffe, ein Kümmerer der Natur und seine tiefgreifende Bedeutung für Ökosysteme tritt jetzt erst langsam zutage.

Der Horchposten

Noch weiß niemand genau, welche Informationen Pilze übermitteln. Eines aber ist klar: Der Austausch ist extrem komplex und übersteigt mein Vorstellungsvermögen. Ich stelle mir also ganz einfach vor, dieser Pilz ist ein vorgeschobener Horchposten. Wie das Periskop eines U-Bootes aus dem Meer lugt der Fruchtkörper aus dem Wiesengrund heraus und schaut, was denn da so giftet und dröhnt und welche monströsen Verrücktheiten sich die Menschen neuerdings ausgedacht haben.

Das Leben der Radlader

Bestimmt fühlen seine Erdnerven längst das immense Loch, das ein paar Gehminuten von hier in die Erde gerissen wird. Eine Kies- und Sandgrube, in der von morgens bis abends drei tonnenschwere gelbe Radlader rangieren und schaufelweise Sand abgraben. Mit der Schwungkraft von Millionen Explosionen ihrer Dieselmotoren wühlen sie im Urgrund dieser Landschaft. Nachts ruhen die Radlader, die Schaufel zwischen den steifen Armen. Morgens erwachen sie wieder, husten eine schwarze Rußwolke aus und stoßen mit hydraulischer Gewalt ihre eisenzähnigen Schaufeln in die Erde.

Pionierpflanzen sind wertlos

Förderbänder häufen den Sand zu kegelförmigen Bergen auf, von denen manche eine grüne Haut aus Pionierpflanzen tragen. Aber dann kommen wieder die Radlader und schaufeln den frischbewachsenen Haufen auf Muldenkipper. Die fahren den Sand über aufgeschüttete Rampen hinaus aus der Grube und fort zu den Baustellen der Gegend. Die Erde ist die Ware, Pionierpflanzen haben - ganz anders als im evolutionären Plan - keinen Wert. Im Gegenteil: Sie mindern den Gewinn.

Kein Platz für Pilze

Dieser Riesenbuddelkasten hat sich zu einer Größe von ungefähr drei Fußballfeldern ausgefressen. Für die Radladerfahrer gibt es Container als Aufenthaltsräume und ein Dixie-Klo. Im hinteren Teil der Grube werden Betonbrocken geschreddert. Der Lärm dröhnt weit. Was soll der Pilz davon halten? Sollte eine feine Hyphe in einer der Steilwände liegen, wird sie von der Radladerschaufel abgerissen. Keiner der Arbeiter merkt es, keiner denkt auch nur daran, dass die Erde Nervenbahnen birgt. Entsprechend schockierend könnten die Botschaften sein, die der Pilz auf der Wiese von dort empfängt.

Sand in der Luft

Und auch der Wind bringt keine guten Nachrichten in Form von Pollen und Samen, sondern nur toten Sand. Wie mit einem Laubbläser fegen die Böen in die Grube und heben wolkenweise Sand in die Luft. Die schweren Körner sinken zu Boden, die leichten Teile trägt der Wind davon und streut sie über alles Lebendige. Wie ein staubiges Grabtuch.

Frage an die DNA

Auf dem Maisacker ist die Pflanzengemeinschaft verstummt. Es gibt nur noch eine Stimme. Die Maisblätter rascheln ihr Lied vom totalen Triumph über das Unkraut. Und auch die Pilze sind vom Gift vernichtet. Manager mit organischen Methoden sind unerwünscht. Nun nähert sich mein Pilz dem toten Feld. Wacht am Rande dieses Schlachtfelds als ein Vorposten der Natur. Ausgesandt von den intakten Teilen der Landschaft, um die Todeszone zu erkunden, die Quelle der dunklen tantalischen Kräfte zu finden, den tödlichen Wirkstoff zu enträtseln, und ihn aufzunehmen in den eigenen Baukasten der Evolution. Um wieder Verbindung aufzunehmen mit dem Mais, der keinen Kontakt zu anderen Pflanzen braucht und erträgt. Dessen Saat eine Seuche vorausgeht, die alles Leben eingehen lässt. Wer hat so etwas jemals überlebt? Niemand aus der Gemeinschaft der Pflanzen kann sich an so ein Sterben erinnern. In keiner DNA - dem Millionen Jahre alten Archiv des Lebens auf der Erde - gibt es Hinweise auf Glyphosat. Erst seit ein paar Jahrzehnten erleben Gräser und Pilze solche menschgemachten Naturkatastrophen. Ich würde gern wissen, was der Pilz empfindet. Ist er neugierig und unermüdlich am Resistenzen testen? Wer kann ihm helfen?

Fliege, Mann und Hund

Jetzt, nachdem ich dieses dumpfe Gefühl in Worte gefasst habe, kann ich leichter atmen, und mein Geist hat sich geklärt. Eine kleine Fliege landet auf dem Blatt Papier meiner Hermes Baby Schreibmaschine und krabbelt über den Feldreport. Das erste Lebewesen, das ich hier auf einer Sommerwiese entdecke. Aber auch sie wirkt träge und staubig.

Ein junger Mann in einem dunkelblauen Jogginganzug schlendert mit seinem Hund auf seinem Abendspaziergang vorbei und schaut zu mir herüber. Der Hund bleibt stehen und hebt neugierig den Schwanz. Etwas Abwechslung auf dem Spaziergang durch die „Natur“. Aber die einzige „Natur“, die hier noch eine erholsame Wirkung entfaltet, ist ein zwei Meter breiter Streifen zwischen Sandweg und Maisacker. Hier wachsen Blumen und das Gras ist ungemäht. Darüber wölben sich die Kronen der Eichen als grüner Baldachin über den Weg. Ein Korridor für fliegende Wesen entlang der Maiswüste. Der Spaziergänger geht vorbei, ohne dass wir uns zunicken. Zu befremdlich wirkt meine Erscheinung: Ein Mann mit Klapptisch und Schreibmaschine, der einen Pilz anstarrt!

Männer, die auf Pilze starren

Tatsächlich: Ich starre den Pilz an, schalte alle meine Antennen auf Empfang. Gibt es irgendwo in mir einen Sinn, der es mir ermöglicht mich mit ihm auszutauschen? Der Pilz hat Verbindung zu Millionen anderer Lebewesen unter der Erde. Und ich sitze nun schon eine Stunde vor ihm. In mir drin sind auch Pilze, denke ich. In meinem Darm. Sie sind Freunde. Sie steuern meine Verdauung und beeinflussen mein Bewusstsein. Vielleicht können meine Pilze mit dem Pilz auf der Wiese kommunizieren? Aber der Pilz zeigt mir nur seinen hübschen Schirm und schweigt. Ich schweige zurück. Wir bleiben alle in unserer Welt. Spaziergänger, Pilz und ich. Meine Fragen bleiben unbeantwortet. Wie lebt der Pilz von dieser Wiese? Nährt sie ihn gut oder hält sie ihn gerade so am Leben. Hat er die regelmäßige Mahd in seinen Managementplan integriert? Und wie kommt er mit dem Maisacker nebenan klar? Das ist schließlich unsere Methode mittels Monokultur den Nährstoff- und Energiehaushalt der Menschen zu managen. Der Pilz kommt mir ratlos vor. Dieser virtuose Chemiker, der mit Hilfe von Bakterien und Mikroben Wurzelknöllchen wachsen lässt und Nährstoffcocktails mixt, steht vor einem Rätsel namens Glyphosat.

Zerschnittene Bänder

Die Landschaft ist in Teile gerissenen. Hier ist kaum etwas verbunden und des Lebens vielfältige Bänder werden hier regelmäßig zerschnitten. Artenvielfalt ist hier nicht gewollt. Der Pilz findet kaum Anschluss. Und gerade das macht müde und laugt aus.

Ich verabschiede mich vom Pilz, ohne ihm Aufmunterndes sagen zu können. So schaut ́s aus im 21. Jahrhundert, mein lieber Freund.

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