Feldreport 7: Zwischen Weiherkette und Stromwasser

Gerhard Richter taucht ein in die Flußlandschaft seiner Kindheit und entdeckt zwischen Iller und Illerkanal einen ganz neuen Bach.

Autor Gerhard Richter

Der Illerkanal ist eine Lebensader für diese Voralpenregion, aber er wirkt einfach nur lang und tot. Immer noch. Seit meiner Kindheit ist mir dieses Gewässer unheimlich. Jetzt stehe ich auf der Kanal-Brücke und starre hinunter aufs Wasser. Zum ersten Mal schaue ich mir diesen Kanal genauer an, lasse ihn auf mich wirken. Die Wasseroberfläche ist glatt und die Umgebung spiegelt sich auf kuriose Weise darin. Die beiden Dämme des Kanals führen das Wasser nämlich in einer unnatürlichen Höhe, an den Kronen der Bäume vorbei. Das Wasser scheint dem Himmel näher als der Erde. Die Wolken treiben als Spiegelbild im Kanal mit, bis sie am Ende der Biegung, weit hinten am Stauwehr, mitsamt der trägen Flut in die Turbine stürzen. Bis dahin langweilt sich das Wasser in seinem Hochbett. Es gähnt.

Acht Jahre lang habe ich diesen Kanal an jedem Schultag zweimal mit dem Fahrrad überquert. Morgens auf dem Weg zum Gymnasium und nachmittags wieder zurück. Morgens hatte ich keinen Blick für die Besonderheiten der Landschaft, ich war ja meistens viel zu spät dran und musste heftig in die Pedale treten, wie ein Tour de France-Radler beim Endspurt. Und nachmittags? Da hatte ich eher die Muße einen Blick aufs Wasser zu werfen. Aber der Illerkanal gab nicht viel her. Er war immer still und lauernd, über seinem Wasser kräuselte sich oft ein unheimlicher Nebel, als dünste er etwas aus, das man ungern einatmete. Niemals keimte in mir der Wunsch, dort baden zu wollen. Kein Angler saß am Ufer und wenn auf dem Damm ein Spaziergänger zu sehen war, dann umwehte ihn der beklemmende Verdacht, sich umbringen zu wollen.

So wie Herr H….

Er hat sich - so wurde es mir als Kind erzählt – im Illerkanal ertränkt. Es war das erste Mal, dass ich das Wort “ „Depression“ gehört habe. Und den Begriff: “Ins Wasser gehen“. Illerkanal und Schwermut sind seitdem eins. Von allen Gewässern der Gegend hat der Illerkanal mit seiner Trübsinnigkeit zweifellos die größte Anziehungskraft auf Menschen, die aus dem Leben scheiden wollen. Wenn jemand eine passende Stelle sucht, um „ins Wasser zu gehen“, dann findet er sie an der eintönigen, immer kurzgemähten Böschung.

Ich überlege, warum auch ich mich jetzt am Kanal so unwohl fühle. Mir scheint, als gehorche dieses menschgemachte Element der Landschaft einer dunklen Macht. Tatsächlich ist das gestaute Wasser schon verplant. Ufer, Gras und Wasser haben nur einen einzigen Zweck. Es ist nach dem Willen der Ingenieure Strom, nur noch nicht umgewandelt. Auf eine unerklärliche Art hat der ganze Kanal, wie er auf die Turbine zuläuft, seine Kraft als lebendiges Gewässer abgegeben. Jeder Tropfen, jedes Molekül weiß, dass es bald in die Turbine stürzt. Es ist lediglich Stromwasser. Dieses Gewässer steht unter totaler Kontrolle, völlig losgelöst von Wetter und Jahreszeit rückt das Wasser in Zeitlupe vor, resigniert und reizlos. Unfähig, sich gegen die Fronarbeit aufzubäumen und über die Ufer zu schäumen. Dabei wird dieses Wasser von Millionen Lebewesen ersehnt. Zur Linken des Illerkanals begleitet nämlich ein Wäldchen den Damm. Etwa 200 Meter breit und bestimmt 20 Kilometer lang. Während die Wurzeln der Erlen und Eichen sich tief in die Erde strecken müssen, um an Wasser zu kommen, fließt es in Höhe der Äste an ihnen vorbei. Der Illerkanal ist ein technisches Denkmal und ein ökologisches Trauerspiel. Sicherlich der traurigste der Flussläufe im Illertal. Heute will ich drei dieser Flussläufe von ihnen beschreiben, sie liegen sehr dicht beieinander. Alle sind von Menschenhand geprägt und das hat ihr Wesen gründlich verändert.

2. Fluß: Die Iller

Gleich nebenan – nur zweihundert Meter entfernt und parallel zum trübsinnigen Kanal - rauscht hell und lebensfroh die Iller. Sie kommt aus den Alpen und trägt den amtlichen Stempel „Wildfluss“. Aber der Mensch hat ihre Wildheit gezähmt, und somit ist die Geschichte der Iller fast ebenso traurig, wie die des Kanals.

Als Kinder und Jugendliche verbrachten wir ganze Nachmittage auf den Kiesbänken am Ufer. Das Wasser war immer kalt, auch im Sommer, weil es ein paar Tage vorher noch Schnee war oder Eis. Es war herrlich, sich gegen die Strömung zu stemmen oder sich mittreiben zu lassen. Und in den Uferweiden hing ein würziger Duft nach Algen und nassem Stein. Am Ufer lag Schwemmholz vom letzten Hochwasser, hart und ausgebleicht wie Knochen. In den Ästen hingen vertrocknete Grasbüschel, so wild und zerzaust wie unsere Frisuren in den Sommerferien.

Ein Fluss im Sarg

Hundert Jahre bevor ich dort gespielt habe, war die Iller ein echter Wildfluss, ich habe Fotos gesehen. Das Flussbett war Kilometer breit und das Wasser floss, wie es wollte. Die Iller schwoll zur Schneeschmelze zu einem reißenden Strom an und, wenn der Pegel wieder fiel, hatte sie sich neue Betten gesucht, auf neue Arme verteilt, auf einer Breite von Kilometern, frei mäandernd und ungezügelt. Das Wasser plätscherte oder rauschte, je nach Wasserstand und Laune. Jedes Jahr bildeten sich neue Sandbänke und Inseln, die Auenlandschaft mit Weiden und Gras entstand quasi jedes Jahr neu, kam aber nie über ein Pionierstadium hinaus, einfach weil sie wieder fortgespült wurde. Dann legten Planer und Ingenieure bis 1894 die Iller in ein neues Bett aus Betonplatten. Fast gerade, dadurch deutlich kürzer, also auch steiler und gleichmäßig 52,5 Meter breit. Seitdem ist die wilde Iller - jedenfalls in ihrem Unterlauf bis zur Mündung in die Donau bei Ulm - fest einzementiert. Zweck der Maßnahme: Hochwasserschutz und Landgewinnung.

Der Kies grollt und rollt

Aber die Iller wütet dagegen an. Die Hochwasser sind seitdem noch gewaltiger, weil die Wasserfluten fast schnurgerade zu Tal schießen, ohne jede Chance, nach rechts und links auszuufern, sich zu beruhigen und die zerstörerische Kraft zu mildern. Diese Hochwasser waren für mich ein beeindruckendes Naturereignis, ein ohrenbetäubender Energiestrom. Das Wasser brodelte in wilden Strudeln und ich stoppte mein Fahrrad in der Mitte der Brücke, hielt mich am Geländer fest und starrte solange hinunter auf diese rasende schäumende Gewalt, bis mir schwindlig war und ich dachte, nicht das Wasser schießt unter mir zu Tal, sondern ich rase mitsamt der Brücke bergauf.

In dem tosenden Gebrodel hörte ich ein unheimliches Grollen. Das waren der Kies und die Steine, die sich am Flussgrund talwärts schoben. Später erfuhr ich, dass sich die zornige tobende Iller regelrecht in ihr vorgegebenes Bett einfräste - über die Jahrzehnte mehrere Meter tief. Damit zog der Fluss den Grundwasserpegel mit hinunter - ebenfalls mehrere Meter. In meiner Jugend habe ich erlebt, wie am Ufer der Iller gelbe Rohre aus der Erde wuchsen. Etwa einen Meter hoch und im festgelegten Abstand von einigen hundert Metern zwischen den Erlen des Auwalds. Es waren Messstellen für das Grundwasser, das so tief zu sinken drohte, dass die Wurzeln der Bäume es bald nicht mehr erreichen würden. Vor allem in den trockenen Sommern.

Forellen mit den Händen fangen

War es lange heiß, sank der Wasserpegel und das kühle, grüne Illerwasser gab breite Kiesbänke frei. Wir wateten durchs knietiefe Wasser und tasteten unter den Spalten der Betonplatten nach Forellen. Wir konnten sie mit den Händen greifen und auf die Kiesbänke tragen. Auf einem Feuer aus Schwemmholz gegrillt, war so ein frischer Fisch ein schmackhafter Nachmittagsimbiß mit dem Aroma von Algen und Abenteuer. Die Iller – auf ihrem Weg aus den Bergen in die Donau - war ein idealer Spielplatz für unsere freiheitssuchenden Seelen.

Manchmal versiegte die Iller beinahe. Dann trieben auf dem stinkenden Wasser braune Schaumkronen. Der Kanal nebenan war hingegen immer gleichmäßig voll. Und woran lag das? Ungefähr fünfzehn Kilometer flussaufwärts wird die Iller aufgestaut und das Wasser in den Kanal abgeleitet. Der Kanal hatte Vorrang, in der Iller verblieb lediglich das Restwasser. Mal viel und mal wenig. Und, wenn´s sehr trocken war, gar nichts. Dann wurde aus dem Wildfluss eine Weiherkette. Das Kiesbett lag hell und trocken in der Sonne, die Forellen schnappten in den übrig gebliebenen stinkenden Tümpeln nach Luft. Das wenige Wasser, das auch im Sommer aus den Bergen kam, wurde unbarmherzig in den Kanal geleitet. Der Auwald mit seinen feuchten Gräben und Tümpeln trocknete aus, während das Wasser im Kanal - unerreichbar für die Wurzeln - in Höhe der Baumkronen auf das Kraftwerk zuströmte. Eine gezähmte Masse aus abgezählten Kubikmetern auf dem Weg zur Turbine.

Wachstum und Wandel durch Wasser

Am nachhaltigsten hat tatsächlich der stete Strom des Illerkanals die Siedlungen im Tal verändert, und zwar durch seine Kraftwerke. An die Wehre und Turbinenhäuser knüpft sich ein dichtes Netz aus Stromleitungen, Mycelien eines gigantischen elektrischen Pilzes. Aus den Wiesen und Äckern sind Fruchtkörper gewachsen, in Form von Trafostationen und Industriebetrieben. Das ganze Illertal hat davon „profitiert“. Aus einer kargen bäuerlichen Landschaft ist eine „wohlhabende Gegend“ geworden, mit Gewerbegebieten an beiden Enden der Dörfer. Der Kanal wälzt sich dazwischen wie ein träger Organismus, wie ein Zitteraal, der an den Kraftwerken seine Stromstöße abliefert. Um die tosenden Turbinen stehen Zäune und Warnschilder. Lebensgefahr.

Gefährdet war auch der Auwald entlang der Iller. Mit jedem Hochwasser und mit jeder „Bettfräse“ sank das Grundwasser ringsum. Glücklicherweise gab es Gegenmaßnahmen.

Der Wohlstand der Gegend hat nämlich nicht nur zu einer niederschmetternden Fülle von Umgehungsstraßen, Baumärkten und Fleischtheken geführt, auch der Wunsch nach intakter Natur ist gewachsen. Ein Renaturierungsprogramm läßt Geld in die Natur zurückströmen. Das Flussbett der Iller wurde wieder geweitet, es gibt Sohlschwellen und Fischtreppen und Flutgräben. Die Sünden der Illerbegradigung sind gemildert, die Ökologie an den Ufern hat wieder eine Chance. Aber es ist eine Aue, die ohne technische Maßnahmen untergegangen wäre.

Dosierte Infusion

Und auf so einer technischen Maßnahme sitze ich nun und lasse das Ergebnis des jüngsten menschlichen Eingriffs auf mich wirken: Ein neuer Fluß, genau zwischen Iller und Kanal.

Zwei schwarze Rohre, dick wie Regentonnen, haben den Damm des Illerkanals durchstoßen und leiten Wasser hinunter in ein Sammelbecken. Ein quadratisches Becken aus Beton, auf dessen Rand ich nun sitze und tippe. Es rauscht und brodelt unter mir, wie Wasser in einer Höhle. Irgendein Mechanismus drosselt das Wasser und sorgt für einen gleichmäßigen Zufluss in einen Teich. Von dort fließt das Wasser, wieder kontrolliert durch eine Betonröhre, endlich in den Wald. Und das ist schon der einzige Zweck dieses Bachs: den Wald, dem das Grundwasser fehlt, zu vernässen. Nun gibt der abgehobene Kanal endlich eine Lebensspende, versorgt einen ausgedörrten Organismus mit Wasser. Der Auwald hat eine Mini-Iller bekommen, die fließen darf, so wild sie will. Welch Erleichterung!

Als wüsste das Kanal-Wasser auch nach seiner Fronarbeit noch genau, wie viel Freude das macht, kurvt es mit Elan durch das neue Bett, über Steine, Äste, Stämme, an Wurzeln vorbei ins Dickicht. Es teilt sich auf in Nebenarme, staut sich in Gräben, fließt über, strömt wieder zurück zum Hauptstrom, gurgelt und rauscht und gluckst. Ein Aufbruch zu Millionen edler Aufgaben. Das Wasser dringt tief in die Erde, wird von den Wurzeln aufgesogen und wandert nach oben, zu den Blättern, ins Licht. Welche Freude! Alles fließt! Ein Hochgefühl, das mich beinahe schwindlig macht. Bestimmt zwei Stunden folge ich dem neuen Flusslauf durch die Aue, die sich jetzt stetig und stabil entwickeln darf. Ein Ökotop von Menschen Gnaden.

Autor Gerhard Richter

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Jeden zweiten Samstag im Monat veröffentliche ich hier https://www.riffreporter.de/field-writing/meine Feldreporte.

Es sind Berichte meines Selbstversuchs. Es ist mein Versuch das Verhältnis zur Natur zu klären und erfahrbar zu machen. Sind wir Menschen tatsächlich noch ein Teil der Natur? Dafür verlege ich meinen Schreibtisch in die freie Landschaft und setze mich mit meiner mechanischen Schreibmaschine den unmittelbaren Eindrücken von Feld, Wald und Wiese aus. Ich protokolliere meine Beobachtungen, Gedanken und Empfindungen.

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