Mittwoch auf einsamer Insel

Fieldwriter Gerhard Richter schreibt auf einer Verkehrsinsel und fordert eine Bremspflicht für Insekten.

Gerhard Richter

4. Dezember 2019. Das Datum des Tages, an dem ich diese namenlose Insel betrete, steht fest. Um mich herum kreisen Tonnen von Materie. Die Temperatur schätze ich auf 2-3° plus, irgendwas sehr knapp oberhalb des Gefrierpunkts. Ich sitze und friere mit meinem Klappschreibtisch mitten in einem Kreisverkehr. Ich, Mittwoch, allein auf einer Verkehrsinsel.

Da ich der einzige Mensch auf dieser Insel bin, erlaube ich mir getrost, von meiner Insel zu sprechen. Beinahe ununterbrochen steuern Autofahrer zwar mein Eiland an, rasen direkt darauf zu, bremsen aber auf eine Geschwindigkeit ab, welche dann das Umrunden der Insel mit erträglichen Fliehkräften gestattet. Kein einziger Autofahrer hinterlässt den Eindruck, Zeit mit der Betrachtung der Insel verschwenden zu wollen. Im Gegenteil – jeder hat es auf seine Art eilig. Die Insel – zwischen Stadtrand und Autobahn gelagert – ist für jeden Mobilisten eine nervige, kolossale Bremse. Jeder, der hier vorbeikommt, hat einen individuellen Weg, von einem ganz persönlichen A nach einem ebenso persönlichen B. Aber alle haben dasselbe Hindernis.

Schnell weiter

Der Lärm der mich umkreisenden Autos schwillt an und ab, zu Motorgeräusch gewordene Wut über den Zeitverlust, erleichtertes Aufbrüllen der Motoren beim Wiederbeschleunigen. Schwere Diesel-LKW schleppen mit lastentierhaftem Schnaufen ihre Güter im Halbrund vorbei. Eine Symphonie des Nah- und Fernverkehrs. Ein Vielklang aus Zeitdruck und Ungeduld und den daraus entspringenden Mikro-Dramen hinter den Windschutzscheiben.

Welche Frachten rollen auf meine Insel zu? Worum kreisen die Gedanken der Fahrer? Mit jedem Auto passiert der Knotenpunkt eines persönlichen Netzwerks aus Familie, Beruf und Weltwirtschaft mein Eiland. Hinter jedem Lenkrad eine neue Lebenswelt, ein ganzer Kosmos an Beziehungen. Und nichts davon bekomme ich mit. Alles abgeschirmt und verkapselt hinter Blech und Glas. Auf ihre Art sind Autos auch einsame Inseln.

Ich beschließe, mein einsames Eiland im Verkehrsfluss – dessen einziger Bewohner ich auf unabsehbare Zeit sein werde – zu inspizieren. Also beginne ich, umherzublicken und auszuschauen, auf was für einem Lande ich mich eigentlich befinde. Meine Insel ist rund und erhebt sich drei Handbreit über den Asphalt der Straße. Den Übergang von Fahrbahn zu Insel markiert eine breite Linie; ursprünglich weiß und glitzernd wie Brandung, aber nun mit Dreck und Zigarettenkippen beschmutzt, erinnert die Linie an schmutzige Gischt. Gleich dahinter wächst die Insel als Bordstein aus dem Asphalt: Als solider Ring aus hellem Granit. Dieser Bordstein ist an der Außenkante schräg, und auf dieser Schräge finden sich schwarze Abriebspuren von Reifen, von Autos, welche einen zu engen Radius eingeschlagen und deren Reifen eine Gummispur hinterlassen haben. Es riecht auch etwas nach Gummi, aber mehr nach Abgas aus den Auspuffen.  

Inselrand und Täler

Auf den Bordsteinring folgen drei Reihen Pflastersteine, unverrückbar zwischen breiten Mörtelfugen einzementiert. Hinter diesem Bollwerk aus durchgezogener Linie und Stein folgt Rasen – völlig eben und ohne jede Andeutung eines Hügels. Die einzige topographische Besonderheit sind zwei schmale Täler, die parallel zueinander die Insel queren. Es sind Reifenspuren. Mindestens ein Fahrzeug hat die Leitlinie missachtet und ist quer über die Insel gefahren, zu einer Zeit, als die Insel noch nicht meine war. Ich vermute, ein Autofahrer hat diese Insel einfach übersehen, im Nebel, war übermüdet, zu schnell, und ist einfach darüber gerast. Ein kurzes Rumpeln, Schreck und Sorge um den Spoiler und schon war er wieder weg, der unbekannte Autofahrer. Einer der wenigen nachweisbaren Besucher dieser Insel.

Und jetzt ich. Der Klappschreibtisch steht im Zentrum der Insel. Ich stehe auf und vermesse mein Reich. Die Verkehrsinsel misst 26 Schritte im Durchmesser. Eine Umrundung auf der Bordsteinkante braucht 87 Schritte.

Auf der Insel sind drei Bäume gepflanzt, deren Art ich - weil sie alle Blätter abgeworfen haben - nicht bestimmen kann. Auf der Erde liegen braune Blätter, deren dicke gespreizte Finger an Ahorn erinnern. Die Stämme der Bäume sind dick wie mein Unterarm und mit Schilfmatten umwickelt. Die Schilfhalme sind mit feinem Draht zu Matten verwoben und mit Gummibändern am Stamm fixiert. Solche Details werden bedeutsam, weil es sonst wenig zu sehen gibt auf meiner Insel. Ich setze mich wieder auf den Klapphocker und tippe.

Was macht der da?

Meine Hände sind eiskalt. Ich reibe sie gegeneinander und erzeuge etwas Wärme. Die Fahrer blicken aus ihren geheizten Autos interessiert und irritiert zu mir herüber, während sie am Lenkrad kurbeln. Ein Polizeiauto hält, zwei Beamte mit neongelben Reflektoren auf den Jacken schlendern zu mir herüber und schleppen eine bedrohliche Stimmung auf die Insel, wie eine fremde Krankheit. Ich fühle mich unbehaglich.

Ein älterer Polizist mit Schnurrbart mustert meinen Schreibtisch und die Hermes Baby darauf. Sie seien angerufen worden, jemand Seltsames befände sich auf der Insel. Seine deutlich jüngere Kollegin – aus Ihrem Ohr quillt ein eng gerolltes transparentes Plastikkabel – bleibt stumm. Sie blickt starr auf das Blatt Papier in der Schreibmaschinenwalze und versucht etwas darauf zu entziffern. Aber mein Farbband ist alt, die Schrift schwach und zudem drückt der Wind das Blatt nach vorn, und entzieht das Geschriebene dem Blick der Polizistin. Ich erkläre den beiden, was ein Feldreport ist, und dass ich mich auf dieser Insel zum Schreiben niedergelassen habe, weil ich hier eine Schnittstelle zwischen Natur und Kultur vermute.

Die beiden nicken. Offensichtlich verstehen sie auf Anhieb, was ich meine. Sie wünschen mir einen schönen Tag. Deutschland sei ein freies Land und jeder könne darin machen, was er will. Mit dieser Feststellung verlassen sie meine Insel. Ich bin wieder allein und merke, warum Verkehrsinseln im Gärtnersprech als „Extremstandorte“ gelten. Wäre ich eine Pflanze, ich würde mich mehr als deplatziert fühlen. Es ist kalt, ich bin durch den permanenten Verkehr und den breiten Asphalt um mich herum vom Rest der Erde abgeschnitten, und die im Abgasdunst schwimmende Abendsonne wird von einem orangeroten Preisschild der TEAM-Tankstelle überstrahlt. Statt eines majestätisch heraufsteigenden Abendsterns wirbeln Scheinwerfer und Rücklichter um mich herum. Und alles wirkt - auf eine Art, an die wir uns seltsamerweise gewöhnt haben – abstoßend schmutzig.

Es gibt tatsächlich auch Bewuchs auf meiner Insel. Sie ist mit spärlichem Gras bewachsen. Sieht aus wie kürzlich ausgesät. Noch viel nackte Erde zwischen den Halmen. Nichts Exotisches, das ganz gewöhnliche Gras eines Stadtparks. Typischer Anfangsbewuchs nach Erdarbeiten und Aufschüttung. Ich entdecke ein paar sehr junge Löwenzähne. Und als Solitär bewohnt eine einzige Distel diese Insel. Eine überschaubare Zahl der Pflanzenarten.

Kein Tier.

Drei kriechende Pflanzen, welche unmittelbar am Rande der Insel wurzeln, haben sich auf den Weg gemacht. Ihre Triebe gleiten über die Pflastersteinreihen und schicken sich an, auch die schräge Bordsteinkante hinunter zu wachsen. Leicht auszumalen, was geschieht, wenn sie den Gischt-Ring aus weißer Straßenfarbe überwinden: Sie werden überrollt. Niemand wird ausweichen und es ist unvorstellbar, dass in nächster Zeit massenhaft Aufkleber die Kofferraumhauben der Autos zieren mit der Aufschrift: Ich bremse für Pflanzen. Dabei sollte man das unbedingt tun. Ebenso sollte man für Tiere bremsen. Für alle Tiere. Hier auf der Insel, mit ihrer mehr als kargen Flora und Fauna wird mir eindrücklich bewusst, wie sich eine wüste Zone anfühlt. Nichts wärmt meine Seele. Und es gibt auch kaum Hoffnung auf Belebung. Sollte beispielsweise eine Feuerwanze versuchen, den Kreisverkehr zu überqueren und dieses Eiland zu besiedeln, sie würde im Allwetterprofil eines Reifens enden. Feuerwanzen gibt es in der Gegend viele, von anderen Insekten nur noch wenige.

Ich fordere hiermit eine Bremspflicht auch für Insekten. Überhaupt darf kein Tier überrollt werden. Es könnte – und das sollte sich jeder Autofahrer bewusst halten - das letzte Exemplar seiner Gattung sein. In unserer Zeit des Artensterbens sollte in jedem Handschuhfach ein entomologisches Bestimmungsbuch liegen und eine aktuelle rote Liste der bedrohten Tierarten. Ein Insekt auf der Straße müsste ein ganz selbstverständlicher Haltegrund werden. Und der von einem Käfer ausgelöste Stau wäre von besorgten Diskussionen dominiert, von Bewunderung für dieses Exemplar, bis ein beherzter Automobilist das Insekt behutsam in Krabbelrichtung über die Straße trägt. Was für eine Perspektive für meine einsame Insel. Aber bei der gegenwärtigen Rechtslage wird kaum ein Krabbeltier je dieses vom Verkehr umtoste Eiland erreichen.

Es ist aber auch gut vorstellbar, dass meine Insel keine Ödnis ist, sondern eine sanfte Zeitbombe. Letztes Jahr wurden auf dieser Fläche hunderte Tulpenzwiebeln in die Erde gesteckt, deren Triebe im Frühjahr zu einem knallbunten Teppich aufpoppten. Sollten diese Zwiebeln noch in der Erde ruhen, wird es auch im nächsten Frühjahr dieses Spektakel geben. Ein Feuerwerk für Vorbeifahrer. Ein Aushängeschild der Stadt, eine Monokultur, ein Willkommensgruß.

Aber jetzt im Herbst blüht nichts auf meiner Insel. Trist liegt sie in einer geschäftigen Welt. Immer wieder umkurven Laster mit Holzstämmen die Insel, auf dem Weg zum nahen Werk, wo die Stämme geschreddert und aus den Fetzen sogenannte OSB-Platten hergestellt werden. Die leeren Holztransporter pendeln zurück in die Wälder. Tanklaster und Betonmischer kommen vorbei. Lkw voller Reifen. Und jede Menge Pkw, fast ausnahmslos besetzt von einer einzigen Person, drei Radfahrer insgesamt über eine Stunde, und nur eine Fußgängerin. Wer auf dieser Insel strandet, landet inmitten unserer Zivilisation. Das Brüllen der Motoren brandet als Orkan über die Insel. Hier tobt der alltägliche Mobilitätskrieg. Mir dröhnen die Ohren und mir wird kalt. Rollende Wesen umkreisen diesen Ort, sie machen Lärm, lassen sich den Vortritt und stinken. Gleich klappe ich, vor Kälte schlotternd den Schreibtisch ein, und setze mich selbst ins Auto. Dann gehöre ich wieder zu Ihnen. Auch mein Auto ist eine Insel, mit der ich nun die Insel umkreise, auf der ich an einem Mittwoch kurz und einsam lebte. Nie kann ich sie vergessen.

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