Feldreport 3: Aas im Sack an Wiese

Autor Gerhard Richter überwindet seinen Brechreiz und erlebt ein Wunder

Gerhard Richter eine blaue Plastiktüte liegt im hohen Gras

Im Vorbeifahren ist der Plastiksack nicht mehr als ein kurzes blaues Aufblitzen. Ein Stück Müll in einer Brandenburger Wiese. Beim Näherkommen ist er ein Kotzgrund. Zum Glück weht Wind.

Seit Tagen fällt mir dieser Sack auf, wenn ich mit dem Auto oder dem Fahrrad von Goldbeck nach Scharfenberg fahre. Der Sack liegt etwa 20 Meter hinter einem Schild „Achtung Linkskurve“ in Wurfweite vom Straßenrand entfernt. Seine Lage erweckt den Eindruck, als habe ihn jemand aus dem fahrenden Auto herausgeschleudert. Zwischen der verwitterten weißen Seitenlinie der Fahrbahn und dem Sack liegen nur fünf oder sechs Schritte. Und bei jedem Schritt wird’s ekliger. Der Sack verströmt einen brechreizerregenden Aasgeruch. Wie soll ich über diesen Sack schreiben, wenn ich seine Nähe nicht aushalte? Zum Glück weht Wind.

Ich halte den Atem an, schleppe meinen Klappschreibtisch um den blauen Sack herum, so dass der Wind den Gestank von mir wegtreibt. In meiner Nase nun der Duft von warmer trockener Erde und Sommergras. Vom Bahndamm, welcher diese Wiese auf der anderen Seite begrenzt, zirpt eine Grille. Dieses schmale Stück Land zwischen Gleis und Straße lohnt sich offensichtlich nicht, beackert zu werden, vermutlich deshalb liegt es brach. Ein Hauch von Wildwuchs. Und darin der Sack. Nun liegt er direkt vor mir, blau und blickdicht – eine Stinkbombe groß wie eine Aktentasche. So sehr ich den Sack anstarre, mir fällt dazu nichts ein. Zum Glück weht Wind.

Ein Mobile aus Windhauch und Federkraft

Die Grashalme um mich herum fesseln meine Aufmerksamkeit. Sie sind besonders lang und zart, einzelne Halme reichen mir bis an die Nasenspitze. Es ist ein Wunder, mit welcher Eleganz und Gelassenheit sie die Attacken des Windes parieren. Ein weiches Nachgeben und Aufrichten und schon stehen sie wieder senkrecht, nicken sanft und weisen hoch zum Himmel. Die jungen Ähren spitz emporgereckt, die reiferen Ähren vom Gewicht der Samen leicht geneigt. Es ist gar nicht leicht Grashalme im Wind zu beschreiben, ohne dass ein Gedicht daraus wird. So waghalsig ist deren schlanker Wuchs, so poetisch deren Pendeln. Ein Wettbewerb um Balance und Höhe.

Seit Millionen von Jahren stellt der Wind die gleiche Frage. Wer behält das Gleichgewicht? Und der Wind ist selbst der unnachgiebigste Prüfer. Schon winzige Konstruktionsfehler bestraft er mit einem Knick.

Was sich da also vor meinen Augen hin und her wiegt, was ich mit meinen Fingerspitzen berühren kann, was ich ganz plötzlich und beinahe erschrocken erfasse: Die Grashalme um mich herum sind die Millionen Jahre alte Antwort auf die ebenso alte Frage des Windes. Ich sitze quasi im aktuellsten Ergebnis eines Prozesses, dessen Dauer meine Auffassungsgabe weit übersteigt. Natürlich steckt ein Mechanismus der Evolution dahinter. Wessen Halm die anderen überragt, dessen Samen trägt der Wind weiter. Das hat die Halme in die Höhe gelockt. Ein Wettstreit mit Siegern und Verlierern. Solche rationalen Betrachtungen mindern gleich wieder diesen Eindruck umwerfender Schönheit, der mir da ganz beiläufig zuwinkt. Je länger ich mich dem Bild der Grashalme im Wind hingebe, desto sicherer bin ich mir: Es ist reinste Kunst. Ein Video davon könnte im Museum of timeless Art laufen. Als Endlosschleife, aber es wäre nur eine Wiedergabe des echten Kunstwerks. Diese schwankenden Halme erscheinen mir wahrhaftiger und reiner als die herausragendsten Werke Van Goghs oder die ausgewogensten Kompositionen Raffaels. Schönheit liegt nicht nur im Auge des Betrachters. Schönheit existiert auch ohne uns. Schönheit steht auf der Wiese und winkt.

Ich versinke förmlich in der Bewegung der Halme im Wind. Zarte Kräfte im vollständig ausbalancierten Spiel. Jeder Halm findet seine eigene Antwort in diesem Mobile aus Windhauch und Federkraft. Auf diesem unscheinbaren Stück Wiese zwischen Straße und Bahngleis wohne ich einem Wunder bei. Ein herrliches Gefühl, das mich komplett erfüllt und lange nachwirkt.

Was die Wiese sonst noch birgt

Die sommerliche Wiese ist tatsächlich ein Idyll: Ungemähtes hohes Gras, kantige Disteln, Löwenzahn in allen Reifegraden: als gelbe Blüte und als Pusteblume, schlanker Sauerampfer, tiefgrüne Nesseln und kriechende Mieren verrichten ihr tägliches Wachswerk und reifen vor sich hin. Dazwischen liegt eine Schachtel R1. Die Schachtel ist leer, der Rauch der Zigaretten hat längst verursacht, wovor die fettgedruckte Aufschrift warnt: Mund-, Rachen- und Kehlkopfkrebs. Das Foto eines Tumors ist in der Sonne gebleicht und hat seinen Schrecken verloren. An die weggeworfenen Verpackungen gesundheitsschädlicher Substanzen entlang dieser Straße habe ich mich gewöhnt. Alle 30 m findet man eine leere Schnapsflasche, knallbunte Schalen von Mac-Donalds-Menus und eben Zigarettenschachteln.

Was ich jedoch entlang der Straße noch nie sah, und was mich hergeführt hat, ist dieser blaue Plastiksack. Der Sack liegt mit der Vorderseite nach unten im Gras, der Name dieses Produkts bleibt also im Dunkeln. Der Sack ist groß wie eine Aktentasche und am oberen Ende mit einer dünnen Schnur zugebunden. Dennoch entströmt ihm ein deutlicher Aasgeruch. Verschiedene Arten von Fliegen fühlen sich angelockt und krabbeln über die Buchstaben der Produkthinweise. Es ist eine zehn Kilo Tüte Hunde Alleinfutter. Hergestellt für Kaufland. Eine besonders dicke, samtschwarze Fliege summt über dem Sack und landet auf dem Aufdruck der Inhaltsstoffe: „Getreide, unter anderem 4 % Reis, Fleisch und tierische Nebenerzeugnisse, unter anderem 4 % Lamm, pflanzliche Nebenerzeugnisse, Öle und Fette, Mineralstoff“. Desweitern lese ich: „550 Gramm täglich genügen, um einen 50 kg schweren Hund zu ernähren.“ Bei vorschriftsgemäßer Dosierung hätte ein 50 Kilo schwerer Hund das Alleinfutter nach neun Tagen aufgefressen und der Sack könnte, so wie jetzt – mit etwas anderem befüllt - in die Wiese geworfen werden.

Der Sack leuchtet blau, manche Fliegen darauf schillern grün.

Einige Fliegen haben es geschafft, die obere Öffnung zu finden und in den Sack hinein zu krabbeln. Sie legen vermutlich ihre Eier hinein und die daraus schlüpfenden Maden fressen sich durch das, was in dem Sack sein mag. Ein schwarzer Käfer - so lang wie ein Fingerglied - mit Stummelantennen und einem beweglichen Hinterleib ist ebenfalls in die Sacköffnung gekrabbelt, kommt nun aber nicht mehr heraus. Seine Füße rutschen an der glatten Folienwand ab. Der Sack ist innen weiß und bildet einen idealen Kontrast zum Käfer. Ich kann schwarz auf weiß verfolgen, wie der Käfer um sein Leben krabbelt. Er erinnert an Sisyphos, wenn er kurz vor dem oberen Rand des Foliensacks die Haftung verliert und mit seinen sechs Beinen wieder hinunterrutscht, zwischen die Plastikfalten, in denen irgendwo ein Eingang nach innen führt. Es gibt auch noch eine Reihe von kleineren schwarzen Käfern. Die haben weniger Probleme mit der glatten Folie und krabbeln nach Belieben ein und aus. Sie wissen, was in dem Sack ist und woher der Aasgeruch stammt. Ich will mir das gar nicht vorstellen.

Andere sehen den Sack offensichtlich gar nicht.

Autos fahren vorbei - viele sind deutlich schneller als erlaubt, manche Fahrer haben ein Handy am Ohr, aus anderen Autos dröhnt laute Musik, keiner beachtet den blauen Sack. Ein Motorradfahrer knattert vorbei, auch ein Trupp Radfahrer mit Helmen und bunten Trikots. Es ist Feierabend-Zeit und die fünf Transporter eines Kampfmittelbeseitigungsdienstes rauschen vorbei. Hinter dem übernächsten Ort liegt ein ehemaliger Truppenübungsplatz und dort entschärfen die Mitarbeiter der Firma seit Wochen Fliegerbomben, Streumunition und andere Blindgänger aus fünf Jahrzehnten Tiefflugbetrieb. Jeden Abend fahren sie mit ihren Transportern im Konvoi hier vorbei, auf dem Weg in die nächstgrößere Stadt. Aber keiner dieser gefahrgewohnten Spezialisten hält es für notwendig, anzuhalten und den blauen Sack am Straßenrand aufzuschnüren und zu entsorgen. Ich auch nicht.

Wie kommt er überhaupt hierher? Wer hat ihn in die Wiese geworfen? Je länger ich über die Hermes Baby Schreibmaschine hinweg den blauen Sack betrachte, desto unwirklicher erscheint er mir. Seine Farben wollen einfach nicht zu den Farben der Wiese passen. Das Blau der Kornblumen ist ähnlich und doch ganz anders als dieses Plastikblau. Und was auch immer organisches verwesendes in dem Sack ist, der Eigentümer hätte es auch ohne Sack in die Wiese werfen können. Es wimmelt hier von Tieren aller Arten und Größen, die sich mit Heißhunger darauf gestürzt hätten. Ameisen, Käfer, Maden, Füchse und Krähen. Einen nicht mehr benötigten Teil der Natur wieder der Natur zurückzugeben, macht Sinn. Diesen Teil aber durch einen robusten Plastiksack von der Natur abzuschirmen ist dämlich. Welches Motiv könnte dahinterstecken, grübelt der Detektiv in mir. Ein schlechtes Gewissen? Eile? Überforderung?

Was, wenn der 50-Kilo-Hund Welpen hatte und eines starb? Wohin damit? In die Tierkörperbeseitigungsanstalt? Das kostet Zeit und Recherche und womöglich sogar Geld. Dann lieber das Hundebaby in die leere Futtertüte, zugebunden und vor der Linkskurve rechts aus dem Fenster geschleudert. Raus damit in die Natur. Auf seine Art spiegelt der Sack mit seinem stinkenden Inhalt, die inneren Werte des Werfers wider. Wer ein totes Tier in einen Plastiksack schnürt und auf die Wiese wirft, ist selbst so etwas wie ein totes Tier im Sack. Scheinbar in der Natur und doch abgetrennt. Was ineinanderfließen könnte, bleibt getrennt. Jetzt liegt der Sack in der Wiese. Die Halme pendeln im stinkenden Wind.

Ich dagegen liebe jetzt diese Wiese, nachdem ich zwei Stunden in ihr saß und schrieb. Ich bin dem Ruf der Wiese gefolgt. Ich gab meine Aufmerksamkeit und nahm ein Geschenk. Von nun an werde ich – wann immer ich diese Wiese passiere - an Schönheit erinnert. An Halme im Wind. An stets neue Antworten auf alte Fragen.

Was ist denn nun in dem Sack?

Ein paar Tage später hatte sich der Sack bewegt. Er lag nun direkt am Straßenrand und ich konnte nicht widerstehen, anzuhalten. Die Schnur hatte sich gelockert und gestattete einen Blick ins Innere. Es war etwas Dunkles darin, nasse braune Federkiele, ein gelbes schmieriges Bein. Kein Zweifel: Ein totes Huhn.

Wieder ein paar Tage später war der Randstreifen gemäht. Die Straßenmeisterei hat den Mähbalken in die Wiese gesenkt. Die zarten hohen Halme nun stummelkurz. Nur die schwarz-weißen Leitpfosten ragen in die Höhe, stehen für Verkehrssicherheit. Die Hierarchie ist wiederhergestellt, das Leben der Autofahrer geht vor. Das Mähwerk hat den blauen Sack in Fetzen gerissen. Die liegen jetzt meterweit verstreut. Niemand hat sie eingesammelt. Dafür ist das Huhn jetzt weg. Nach heißen Wochen im Plastiksack endlich doch ein Happen für Ameisen, Krähen und Fuchs. Nur ein dunkler Fleck markiert die Stelle, wo der Sack mit dem Huhn zuletzt lag. Es stinkt noch immer. Zum Glück weht Wind.

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Jeden zweiten Samstag im Monat veröffentliche ich hier https://www.riffreporter.de/field-writing/ meine Feldreporte.

Es sind Berichte meines Selbstversuchs. Es ist mein Versuch das Verhältnis zur Natur zu klären und erfahrbar zu machen. Sind wir Menschen tatsächlich noch ein Teil der Natur? Dafür verlege ich meinen Schreibtisch in die freie Landschaft und setze mich mit meiner mechanischen Schreibmaschine den unmittelbaren Eindrücken von Feld, Wald und Wiese aus. Ich protokolliere meine Beobachtungen, Gedanken und Empfindungen.

Der nächste Feldreport erscheint am Samstag, den 10.8.2019. Sie wollen den Feldreport nicht verpassen? Dann tragen Sie sich für meinen Newsletter ein. Er informiert Sie zwischen den Feldreporten über meine Erkenntnisse aus dem Selbstversuch, Hintergründe des Field Writing, und benachrichtigt Sie über jeden neuen Feldreport.


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